In meiner Lieblingsmusiksendung «Sounds!» auf SRF 3 war es dieses Jahr mehr als einmal ein Thema – dass es kaum mehr Alben gibt, die über die ganze Länge überzeugen. Ich mag dem nicht so recht zustimmen, denn: Hat man nicht schon immer den einen oder anderen Song auf einer Platte übersprungen, weil er einem nicht gefiel, weil er nicht passte, weil er abfiel vom Rest oder schlicht Schrott war? 2023 war tatsächlich nicht das grösste Jahr in Sachen Longplayer, die von A bis Z zu gefallen wissen. Das eine oder andere hat meinen Ohren – quer durch alle Stile und Genres – aber doch viel Freude bereitet. Der Streamingdienst Spotify nennt es in seiner ganzen Hilflosigkeit Crank Wave (und im vergangenen Jahr Chamber Psych). Wer mich heuer aufgrund von einzelnen Songs oder Konzerten am meisten überzeugt hat, wartet übrigens erst 2024 mit einem neuen Album auf: Grandaddy, Manu Delago und Slowshift.
A. Savage, «Several Songs About Fire»
Amerikanischer Singer/Songwriter mit angenehmer Stimme, grossartigem Liedmaterial und unaufgeregter, halbakustischer Darbietung.
Bdrmm, «I Don’t Know»
Stoisch-pulsierende Rhythmen, ein Bass, der voranschreitet, verschwommene Stimmen. Und dann – wumms – kracht es auch mal. Britischer Shoegaze.
Creation Rebel, «Hostile Environment»
40 Jahre, nachdem sie in Grossbritannien eine Brücke zwischen Reggae und Punk schlugen, kommt aus dem Nichts ein neues Werk der Dub-Legende (Hausband von On-U Sound Records).
D.K. Harrell, «The Right Man»
Blues im Stil von B.B. King. Von einem Amerikaner Mitte 20, der alle Songs selbst schreibt. Ein Debütalbum, wie man es besser nicht machen kann.
Eddie Chacon, «Sundown»
Die eine Hälfte des R&B-Duos Charles & Eddie überrascht mit einer Sammlung von feinen, soulig-sanften, von viel Sonne getränkten Liedern.
Föllakzoid, «V»
Minimalistischer, psychedelischer Neokrautrock aus Chile. Auch dieses fünfte Album mit wiederum überlangen Stücken ist geeignet, einen in Trance zu versetzen.
Gaz Coombes, «Turn The Car Around»
Sagen wir dem, was der Supergrass-Sänger hier macht, Post-Britpop. Epische Kunstwerke, auf Melodien bauend, die schlicht göttlich sind.
John Southworth, «When You’re This, This Is Love»
Der «Rolling Stone» nennt es dylaneske Folk-Rock-Hymnen. Wobei die Grenze zwischen somnambul und stinklangweilig manchmal schmal sei. Für mich überschreitet dieser britisch-kanadische Musiker diese Grenze nie.
London Brew, –
Miles Davies «Bitches Brew» von 1969 stand der brodelnden Londoner Jazzszene Pate. Entstanden ist ein nicht minder aufregendes Anknüpfungsalbum.
Robert Finley, «Black Bayou»
Funkig-bluesiger Soul, wie es intensiver kaum geht. Von einem Musiker, der seine Karriere eigentlich ad acta legen wollte. Typischerweise produziert von Dan Auerbach (Black Keys).
Shana Cleveland, «Manzanita»
Vom Surf-Rock ihrer Band La Luz ist dieses Soloalbum ein gehöriges Stück entfernt. Hier dominiert dunkler, ruhiger, enorm eingängiger Folk.
Tian Qiyi/Jah Wobble, «Red Mist»
Manchmal klingt die Wut von PIL an, wo Jah Wobble einst den Bass bediente. Hier musiziert der Brite mit seinen Söhnen. Asiatische Klänge treffen auf Jazz, Postpunk und viel Dub.
Ebenfalls gern und oft gehört:
Anohni & The Johnsons, «My Back Was A Bridge For You To Cross»
Aksak Maboul, «Une Aventure de VV (Songspiel)»
Altin Gün, «Aşk»
Avalon Emerson & The Charm, –
Beirut, «Hadsel»
Black Country, New Road, «Live At Bush Hall»
Black Pumas, «Chronicles Of A Diamond»
Blur, «The Ballad Of Darren» (Deluxe)
Bob Dylan, «Fragments – Time Out Of Mind Sessions 1996-97 (The Bootleg Series Vol. 17)»
Bob Dylan, «Shadow Kingdom»
Bombay Bicycle Club, «My Big Day»
Boygenius, «The Record»
Caroline Rose, «The Art Of Forgetting»
Clientele, «I Am Not There Anymore»
Coral, «Sea Of Mirrors»
Durand Jones, «Wait Til I Get Over»
Element of Crime, «Morgens um vier»
Everything But The Girl, «Fuse»
Fire feat. Adrian Sherwood, «Fire»
Gabriels, «Angels & Queens» (Deluxe Edition)
Gorillaz, «Cracker Island»
Guiding Star Orchestra, «Communion»
Hauschka, «Philanthropy»
Israel Nash, «Ozarker»
Jah Myhrakle, «Who Keeps The Seals Dub»
Jah Wobble, «Dark Luminosity: The 21st Century Collection»
Jaimie Branch, «Fly Or Die Fly Or Die Fly Or Die ((World War))»
Jalon Ngonda, «Come Around And Love Me»
Jonathan Wilson, «Eat The Worm»
Jungstötter, «One Star»
Kino Doscun/Youthie, «Sahar» (EP)
Lana Del Rey, «Did You Know That There’s A Tunnel Under Ocean Blvd»
Les Yeux D’La Tête, «Paris Berlin (live)»
Louis Jucker, «Suitcase Suite»
Marlene Ribeiro, «Toquei No Sol»
Mavericks, «In Time (10th Anniversary Deluxe)»
Muse, «Absolution XX Anniversary»
Nick Waterhouse, «The Fooler»
Niklas Paschburg, «Panta Rhei»
Panda Bear/Adrian Sherwood, «Reset In Dub»
Pretenders, «Relentless»
Queens Of The Stone Age, «In Times New Roman…»
Robert Forster, «The Candle And The Flame»
Róisín Murphy, «Hit Parade»
Rolling Stones, «Hackney Diamonds»
Roman Nowka’s Hot 3/Stephan Eicher, «Kunscht isch geng es Risiko» (EP)
Rufus Wainwright, «Folkocracy»
Sam Burton, «Dear Departed»
Say She She, «Silver»
Shantel, «Metrópolis»
Sigur Rós, «Átta»
Skinny Pelembe, «Hardly The Same Snake»
Slowdive, «Everything Is Alive»
Sparks, «The Girl Is Crying In Her Latte»
Steven Wilson, «The Harmony Codex»
Sufjan Stevens, «Javelin»
Teenage Fanclub, «Nothing Lasts Forever»
Temples, «Exotico»
The Arcs, «Electrophonic Chronic»
The Necks, «Travel»
The Waeve, «The Waeve»
The 18th Parallel, «Downtown Sessions»
To Athena/Esmeralda Galda, «Wältuntergang» (EP)
Yves Tumor, «Praise A Lord Who Chews But Which Does Not Consume (Or Simply, Hot Between Worlds)»
Wilco, «Cousin»
Züri West, «Loch dür Zyt»

Singles/Einzelsongs:
All Hands_Make Light, «We Live On A Fucking Planet And Baby That’s The Sun»
Christian Kjellvander/Tonbruket, «September Weather»
Coral, «The Sinner»
En Attendant Ana, «Wonder»
Grandaddy, «Cabin In My Mind»
Ian Brown, «Rules»
Justina Lee Brown, «Billiki»
Kassi Valazza, «Watching Planes Go By»
King Hannah, «Like A Prayer»
Louis Cato, «Unsightly Room»
Maxim Helincks, «River»
Olivia Rodrigo, «Vampire»
Pip Blom, «Tiger»
Slowshift, «Sir» (feat. Gordi), «End Up» (feat. Fay Wildhagen und Kristian Kristensen) und «Every Kind Of L»
Sparklehorse, «The Scull Of Lucia»
Vera Sola, «Desire Path»
