Das Beste 2020 – TV-SERIEN

64 Serien, 74 Staffeln – das ist meine quantitative TV-Serien-Bilanz 2020. Diese Zahlen sind nicht zum Bluffen. Natürlich ist diese Menge Corona geschuldet. Aber nicht nur. Es gibt derart viele derart gute Serien, dass ich mich ihnen auch in gewöhnlichen Zeiten gewidmet hätte, vielleicht einfach in etwas geringerer Dosis oder zeitverzögerter. Jedenfalls bot 2020 umständehalber die Möglichkeit, lange Aufgeschobenes oder Verpasstes nachzuholen. Auch solche, schon etwas ältere Serien, seien hier erwähnt. Es ist dies der erste Versuch, die Liste – in alphabetischer Reihenfolge – nach Genres zu strukturieren, wobei es natürlich grosse Trennunschärfen gibt. Den Anfang machen Serien mit Humor und damit fürs Gemüt. Kann man ja gut gebrauchen zurzeit… Und natürlich seien nur jene Serien erwähnt, die meiner Meinung nach eine gute Bewertung verdient haben (ab 4 von 5 Maximalpunkten). Zu meiner Halbjahresbilanz, auch das sei noch erwähnt, kann es punktemässig gewisse Abweichungen geben – weil die eine Serie besser, das andere schlechter gealtert ist. Das meiner Meinung nach Allerbeste zum Schluss in einer Art Zusammenfassung.
Nachtrag: Per 31.12. sind es 66 Serien und 76 Staffeln geworden. Wider Erwarten habe ich die französisch-kanadische Sensationsserie «M’entends-tu?» auch noch geschafft.


HUMOR / KOMÖDIEN

«After Life» (Staffeln 1 und 2; Netflix)
5/5 (Bewertung)
«Atypical» (Staffeln 1 bis 3; Netflix)
4,5/5
«Catastrophe» (Staffeln 1 und 2; Channel 4/BBC)
4/5
«Dead To Me» (Staffeln 1 und 2; Netflix)
4,5/5
«Home For Christmas» (Staffeln 1 und 2; Netflix)
4,5/5
«I Am Not Okay With This» (Staffel 1; Netflix)
4/5
«Love & Anarchy» (Staffel 1; Netflix)
5/5
«Never Have I Ever» (Staffel 1; Netflix)
4/5
«New Girl» (Staffeln 4 bis 7; Netflix)
4/5
«Schitt’s Creek» (Staffeln 1 bis 3; CBC)
4,5/5
«Sex Education» (Staffel 2; Netflix)
4,5/5
«Space Force» (Staffel 1; Netflix)
4/5
«Ted Lasso» (Staffel 1; Apple TV+)
5/5


VERBRECHEN / THRILLER

«Arctic Circle – Der unsichtbare Tod» (Miniserie; ZDF)
4/5
«Darkness – Schatten der Vergangenheit» (Staffel 1; Arte)
4,5/5
«Das Geheimnis des Totenwaldes» (Miniserie; ARD)
4,5/5
«Des» (Minserie; ITV/Sky)
5/5
«Follow The Money» (Staffel 3; Arte)
4,5/5
«Gangs Of London» (Staffel 1; Sky Atlantic)
4,5/5
«Marcella» (Staffel 3; Netflix)
5/5
«Moloch» (Miniserie; Arte)
4/5
«Ozark» (Staffel 3; Netflix)
5/5
«Suburra» (Schlussstaffel 3; Netflix)
5/5
«The Capture» (Miniserie; BBC One)
4,5/5
«The Pleasure Principle – Geometrie des Todes» (Miniserie; Arte)
4/5
«Wild Bill» (Staffel 1; ITV)
4/5
«Young Wallander» (Staffel 1; Netflix)
4/5
«ZeroZeroZero» (Staffel 1; Sky)
5/5


DRAMA

«Amour fou – Obwohl ich dich liebe» (Miniserie; Arte)
4,5/5
«Bad Banks» (Staffel 2; ZDF/Arte/Netflix)
4/5
«Better Call Saul» (Staffel 5; Netflix)
5/5
«Big Little Lies» (Staffeln 1 und 2; HBO/Sky)
4,5/5
«Billions» (Staffel 5; Showtime/Sky)
4/5
«Dérapages – Aus der Spur» (Miniserie; Arte)
4/5
«A Wedding, A Funeral, A Christening – Eine Hochzeit mit Folgen» (Miniserie; Arte)
4/5
«Fargo» (Staffel 4; FX)
Ohne Wertung, da noch nicht zu Ende geschaut
«Fauda» (Staffel 3; Netflix)
5/5
«Frieden» (Miniserie; SRF)
4,5/5
«Homeland» (Schlussstaffel 8; Showtime)
4,5/5
«I May Destroy You» (Miniserie; BBC One/HBO/Sky)
5/5
«Killing Eve» (Staffel 3; BBC America)
4,5/5
«M’entends-tu?» (Staffeln 1 und 2; Netflix)
5/5
«No Man’s Land – Kampf um den Halbmond» (Miniserie; Arte)
4/5
«Shtisl» (Staffeln 1 und 2; Netflix)
5/5
«Small Axe» (Miniserie; BBC One)
5/5
«Stateless» (Miniserie; Netflix)
4,5/5
«Succession» (Staffeln 1 und 2; HBO/Sky)
5/5
«Tehran» (Staffel 1; Apple TV+)
4,5/5
«The Looming Tower» (Miniserie; Hulu)
4,5/5
«The Queen’s Gambit» (Miniserie; Netflix)
5/5
«Unorthodox» (Miniserie; Netflix)
5/5
«Unterleuten – Das zerrissene Dorf» (Miniserie; ZDF)
4,5/5
«Yellowstone» (Staffel 1; Paramount Network)
4,5/5


FANTASY / MYSTERY / HORROR

«Dark» (Schlussstaffel 3; Netflix)
4,5/5
«Devs» (Staffel 1; FX Network/Sky)
4,5/5
«Preacher» (Schlussstaffel 4; AMC)
4/5
«Ragnarök» (Staffel 1; Arte)
4,5/5
«Tales From The Loop» (Staffel 1; Amazon)
5/5
«The Outsider» (Staffel 1; HBO/Sky)
4,5/5
«Watchmen» (Staffel 1; HBO/Sky)
4,5/5


ENTTÄUSCHUNGEN

«A Herdade – Land im Sturm» (Miniserie; Arte)
«Al Hayba» (Staffel 1; MTV Lebanon/Netflix)
«Das Team» (Staffel 2; Arte)
«Freud» (Staffel 1; ORF/Netflix)
«L’agent immobilier – Mein sprechender Goldfisch» (Arte)
«Messiah» (Staffel 1; Netflix)
«Swedish Dicks» (Staffel 1; Pop TV/Netflix)
«The Valhalla Murders» (Staffel 1; BBC Four/Netflix)


IN PLANUNG

«Cellule de Crise – Ohne Grenzen» (Staffel 1; SRF/Play Suisse)
«Fargo» (Staffel 4, die letzten Folgen; FX)
«Industry» (Staffel 1; BBC Two/Sky)
«M’entends-tu?» (Staffel 3; Netflix)
«Normal People» (Miniserie; BBC Three/Hulu)
«Schitt’s Creek» (Staffeln 4 bis 6; CBC)
«Twin Peaks» (Staffel 3, die letzten Folgen; Sky)
«Yellowstone» (Staffeln 2 und 3; Paramount Network)


DAS BESTE VOM BESTEN

«Shtisl» (Netflix)
In Israel lief die erste Staffel bereits 2013. Dank Netflix gewann die Geschichte um eine ultraorthodoxe Familie und ihren Alltag in einem Vorort von Jerusalem ein grösseres Publikum. Ein Geheimtipp ist sie hierzulande aber immer noch. Selten schon ist mir um Filmfiguren so warm ums Herz geworden wie bei dieser Serie aus einem Kulturkreis, der eigentlich nicht fremder sein könnte. Auf eine dritte Staffel wird sehnlichst gewartet, nicht zuletzt im Herkunftsland selber – «Shtisl» hat dort nicht weniger als zu einem Stück Völkerverständigung beigetragen. 2021 soll es mit der Ausstrahlung so weit sein (siehe Trailer). Ach ja: Wer sich die bekanntere Serie «Unorthodox» zu Gemüte geführt hat, in der es im Wesentlichen ebenfalls ums Lieben und Leiden in strenggläubigen jüdischen Kreisen geht – die dortige Hauptdarstellerin Shira Haas ist auch in «Shtisl» in einer tragenden Rolle zu sehen.


«I May Destroy You» (BBC One/HBO/Sky)
Eine sexuelle Belästigung in einem Nachtclub wirft die junge Autorin Arabella komplett aus der Bahn. Waren es K.o.-Tropfen oder sonst ein alkohol-/drogenbedingter Filmriss? Wer war der Täter? Die Geschichte basiert auf einer tatsächlichen Missbrauchserfahrung der Hauptdarstellerin (Michaela Coel), die auch das Skript zu dieser Serie geschrieben, als Produzentin fungiert und bei einigen Folgen Regie geführt hat. Die amerikanisch-britische Produktion ist schlicht eine Sensation – das wohl eindringlichste Serienerlebnis des Jahres. Es ist auch ein Porträt der Generation Tinder, wo sich alle zuballern, was das Zeug hält. Bewusstseinsverändernde Substanzen wie sexuelle Erlebnisse werden reingezogen wie Fastfood. Dass das verdammt wehtun kann, ist eine der schmerzlichen Erkenntnisse von «I May Destroy You». «Once seen and never forgotten», schreibt der «Guardian» zu diesem Zwölfteiler und beurteilt ihn als beste Serie des Jahres. True!


«Suburra» (Netflix)
Von manchen Serien wünschte man sich, sie würden endlich zu Ende gehen, gibt es doch genügend Beispiele, wo die Macher den Rank nicht fanden, um zu einem Punkt zu kommen. Bei der italienischen Mafiaserie «Suburra», die immer etwas im Schatten von «Gommorah» stand, waren es pro Staffel (total drei) immer zwei Folgen weniger. In sechs Mal knapp 50 Minuten sollte also die Geschichte todverfeindeter Familien und die dreckige Rolle einzelner Politiker und kirchlicher Würdenträger fertigerzählt werden? Ja, leider, ist in diesem Fall zu sagen. Denn es geht fast etwas zu schnell, zu drastisch, zumal die Partnerinnen von Spadino und Aureliano für ganz neue Konstellationen sorgen. Aber ach: Wer dem organisierten Verbrechen angehört, weiss, dass er gefährlich lebt. Und Empathie haben die allesamt äusserst brutalen Figuren nicht verdient. Der Abschied von «Suburra» schmerzt trotzdem…


«Love & Anarchy» (Netflix)
Bei nordischen Serien kommen einem ja in erster Linie düstere Thriller à la «Die Brücke» in den Sinn. Diese leichtfüssige Komödie um eine erfolgreiche Beraterin und Familienfrau, die bei der Arbeit auf einen jungen Programmierer trifft, welcher sie beim Masturbieren erwischt, zeigt eine andere Facette des dortigen Schaffens. Erwähnte Szene ist der Auftakt zu einem gewagten Flirt, stellen sich die beiden doch in der Folge Aufgaben wie einen ganzen Tag lang Rückwärtslaufen. Was leicht abgedreht tönt, ist es auch. «Love & Anarchy» ist überdies ein wunderbares Beispiel der offenen Lebensformen in Schweden. Dasselbe ist mir übrigens bei der erst kurz vor den Festtagen entdeckten norwegischen Serie «Home For Christmas» aufgefallen. Dass in beiden selbstbewusste Frauen im Mittelpunkt stehen, auch wenn sie in manchen Lebensphasen stark an sich zweifeln, versteht sich wohl von selbst. «Love & Anarchy» wie «Home For Christmas» bieten allerbeste Unterhaltung.


«Better Call Saul» (Netflix)
Es gibt kaum eine Serie, bei der ich mich so nach einer Fortsetzung sehne, wie bei diesem Krimidrama. Die Anknüpfung an «Breaking Bad» ist nun mit Händen zu fassen in der fünften Staffel des Prequels «Better Call Saul». Jimmy McGill ist immer noch der erfolglose Anwalt aus Albuquerque. Sukzessive läuft er allen Figuren, die in «Breaking Bad» eine Rolle spielen, über den Weg. Nur Crystal-Meth-Hersteller Walter White und der Kleinkriminelle Jesse Pinkmann fehlen noch. Ich gehe jede Wette ein, dass den Machern mit der Schlussstaffel 6 noch manche Überraschung gelingt, um aus McGill Saul Goodman werden zu lassen. Etwas Geduld ist gefragt, beginnen die Dreharbeiten coronabedingt doch erst im Frühjahr 2021, mit der Ausstrahlung ist kaum vor 2022 zu rechnen.


«Fauda» (Netflix)
In der Serie «Fauda» (arabisch für Chaos») geht es um eine israelische Undercover-Einheit, diesmal auf der Suche nach einem Soldaten, der unter falscher Identität arabische Terroristen jagt. Wie diese Einheit mit Doron Kavillio als Hauptidentifikationsfigur in Hamas-Kreisen im Westjordanland ihrem Job nachgeht, sorgt für nervenzehrende Spannung. Dass eine solche Aufgabe auch Einfluss auf den Alltag der Mitglieder der Einheit hat, ist sonnenklar. Was ihre Leben eher beeinflusst, die brandgefährlichen bewaffneten Einsätze oder immer mal wieder drohende zwischenmenschliche Kollateralschäden, sei hier mal dahingestellt. Auf jeden Fall zählt «Fauda» zum besten Serienschaffen der letzten Jahre. Eine Staffel 4 ist in Arbeit.


«The Queen’s Gambit» (Netflix)
Und last but not least die Aufsteigerstory des Jahres. Beth wächst in den Fünfzigerjahren in einem Waisenhaus in Kentucky auf. Der verschlossene Hausmeister macht sie – verbotenerweise – mit der Schachwelt bekannt. Beth hat eine besondere Begabung für das Spiel mit den schwarz-weissen Figuren. Aber auch ein Suchtproblem. In ihrer Pflegemutter, die sie aus dem Heim holt, bekommt sie eine Verbündete. Und schlägt im Schach bald alle Männer, selbst die Russen. Auch wenn man mit Schach nicht viel am Hut hat, dies ist eine der bezauberndsten Serien seit Langem, nicht zuletzt dank der fantastischen Anya Taylor-Joy in der Hauptrolle. Wenn ich diese Liste auf eine einzige Empfehlung für Serien-Freund*innen verkürzen müsste, es wäre wohl «The Queen’s Gambit».

Das Beste 2020 – TONTRÄGER

Keine Jahresbestenliste 2020 ohne Corona-Einfluss. Seltsamerweise mit dem Effekt, dass mich kaum eine Liste der diversen Pop-Gazetten, Internetportale, Radiostationen oder Blogs wirklich glücklich macht. Na ja… dann halt der eigenen Nase bzw. den eigenen Ohren nach. Für Listenfreaks lohnt sich übrigens, wie immer, ein Blick auf Albumoftheyear.org.

Dino Brandão/Faber/Sophie Hunger, «Ich liebe Dich»
Das Beste kommt zum Schluss. Erst zum Ende dieses Jahres veröffentlicht, hat sich dieses Album innert Tagen zu einem absoluten Liebling entwickelt. Es ist eine umso berührendere Liedsammlung, wenn man weiss, dass sie so nie geplant war. Faber, Sophie Hunger und das Hunger-Bandmitglied Dino Brandão – eine veritable Schweizer Singer/Songwriter-Supergroup – haben den Livekonzert-Lockdown genutzt, um ihre Seelen nach aussen zu kehren und sich in Mundart, und zurückhaltend instrumentiert, allen Facetten der Liebe zu widmen. Das geht so nah, wie es sonst nur die Liebe selber tut. Anspieltipp: «Derfi di hebe».

Sault, «Untitled (Black Is)»
Sault, «Untitled (Rise)»
DER politische Kommentar zur Black-Lives-Matter-Bewegung, und das gleich im Doppelpack. Das weitgehende anonyme Musikerkollektiv aus Grossbritannien hat alle Spielarten schwarzer Musik drauf: Soul, R’n’B, Gospel, Disco, Funk, Afrobeat, House. Die gereckte Faust auf dem Cover des im Juni veröffentlichten Albums «Untitled (Black Is)» sagt alles – Protest, Gegenkultur ist nötiger denn je. Drei Monate später dann «Untitled (Rise)» mit gefalteten Händen auf dem Cover und einer Spur mehr Zuversicht. «Von Ohnmacht zu Empowerment», wie es ein Kritiker treffend ausdrückte. Auf Youtube steht das ganze Album «Untitled (Black Is)» zur Verfügung.

Kjellvandertonbruket, «Doom Country»
Christian Kjellvander, «About Love And Loving Again»

Ebenfalls mit zwei Alben innerhalb eines Jahres wartet der schwedische Singer-Songwriter Christian Kjellvander auf. Für mich ist seine tiefe, ruhige Stimme immer wieder Balsam auf die Seele. «Doom Country» ist eine Kollaboration mit einer anderen nordländischen Institution: der Jazzformation Tonbruket. Insbesondere der Dreiteiler «Normal Behaviour In A Cutting Garden» hat hypnotische Wirkung. Etwas konventioneller geht es auf «About Love And Loving Again» zu und her. Auf diesem Album erinnert Kjellvander so stark wie noch nie an Nick Cave oder Leonard Cohen. Anspieltipp: «Process Of Pyoneers».

Sparks, «A Steady Drip, Drip, Drip»
Die Gebrüder Ron und Russell Mael sind beide schon deutlich jenseits der 70. Wie es die Kalifornier schaffen, immer noch so überdrehte, vor Jugendlichkeit strotzende Popmusik zu machen, bleibt ihr Geheimnis. Jedenfalls haben Sparks 14 neue Songs aus dem Ärmel geschüttelt, die einen durch die Wohnung hüpfen lassen und einem ein Lächeln ins Gesicht zaubern, sobald sie erklingen. Müsste ich für das Morgenprogramm eines Radiosenders die Musik zusammenstellen, ich würde das Album integral abspielen. Jeden Tag. Anspieltipp: «All That».

Don Bryant, «You Make Me Feel»
Einer dieser grossartigen Künstler, die ihre Arbeit vor allem hinter den Kulissen für andere verrichteten. Der inzwischen 78-jährige Don Bryant hat u.a. für Ann Peebles in den Siebzigern den später auch von Tina Turner gecoverten Hit «I Can’t Stand The Rain» geschrieben. Unterstützt von der fantastischen Begleitcombo The Bo-Keys aus dem Stax/Memphis-Umfeld ist nun ein zweites Album erschienen, auf dem der Veteran seine ausdrucksstarke Soulstimme erklingen lässt. Zeitlose Musik, wie sie authentischer nicht sein könnte. Mit «Is It Over» enthält «You Make Me Feel» zudem die Ballade des Jahres. Derselbe Song hier in einer Live-Version.

La Rue Kétanou, «2020»
Wer vermisst nicht jene Livekonzerte, an denen so richtig die Post abging und alle tanzten, als gäbe es kein Morgen. Eine dieser Bands, die für solche Erlebnisse sorgt, wenn nicht gerade Corona herrscht, heisst La Rue Kétanou und stammt aus Frankreich. Weshalb es die drei Strassenmusiker auf die grossen Bühnen gebracht haben, zeigt dieses Album. Schmissige Weisen, mehrstimmiger Gesang, ein Akkordeon zum Dahinschmelzen. La Rue Kétanou haben alles zu bieten zwischen Folk, Reggae und Balkan. Hörtipp: Konzert am Festival Au fil de l’eau.

Hamilton Leithauser, «The Loves Of Your Life»
Hamilton Leithauser, «Live! At Café Carlyle»

Und schon wieder ein Doppelpack, wobei mir das Livealbum mit seiner kuriosen Abmischung und dem lahmen Applaus nur bedingt gefällt. Aber der Song «Here They Come», der auch aus dem Studioalbum «The Loves Of Your Life» herausragt, ist schlicht grandios. Ebenfalls das gleich nachfolgende Big-Thief-Cover «Not». Hamilton Leithauser hat eine Stimme zum Niederknien, was auch einigermassen verschmerzen lässt, dass seine Hauptband The Walkmen seit 2013 auf umbestimmte Zeit pausiert. Anspieltipp: «Here They Come».

Dub Spencer & Trance Hill, «Tumultus II»
Im Ranking der schlechtesten Bandnamen kommt die Schweizer Instrumental-Dub-Formation nicht von einem Spitzenplatz weg. Aber spielt der Name eine Rolle, wenn der Inhalt dermassen stimmt? Die Ausgangslage für dieses Album ist ja einigermassen speziell: Es geht um Alltagsgeräusche zu Zeiten römischer Legionäre, also klirrenden und scheppernden Rüstungen und Waffen, marschierenden Truppen, kämpfenden Gladiatoren, die von Fanfarenklängen begleitet werden. Mit Dub ist dieses ausgeklügelte Konzeptalbum nur dürftig umschrieben. Es lässt sich auch ansonsten nur schwer in Worte fassen. Deshalb: Wer offene Ohren hat, der höre… Anspieltipp: «Tumultus».

Jarv Is… Jarvis Cocker, «Beyond The Pale»
Wie schon bei Christian Kjellvander der erste Eindruck: Ist da Leonard Cohen am Werk? Ist er nicht, dafür der ehemalige Frontmann der Band Pulp: Jarvis Cocker. Mit jedem Soloalbum begeht der Brite neue Wege. Hymnischer Pop mit psychedelischen Anstrichen ist es diesmal. Die Rhythmen treiben die üppig instrumentierten Songs voran. Moll kommt klar vor Dur, wobei das Album gerade deshalb – und trotz eher düsterer Inhalte – eine einnehmende Wärme ausstrahlt. Dazu jubilieren Chöre im Überfluss. Anspieltipp: «Save The Whale».

Israel Nash, «Topaz»
Israel Nash, «Across The Water»
Die 21 Minuten lange und fünf Songs umfassende EP «Topaz» ist zwar nur der Vorbote für ein ganzes Album 2021. Aber: Ich kann mich nicht satthören an diesem «Southern Rock in Zuckerwatte» (Zitat aus einer Kritik). Das überquillt förmlich von Gitarren, Chören, Bläsern und der Reibeisen-Stimme des texanischen Rockers Israel Nash. Vor allem aber: Es sind samt und sonders sackstarke Songs. Die ebenfalls dieses Jahr veröffentlichte Live-Scheibe «Across The Water» kann mich dagegen wegen der Setlist und der bescheidenen Aufnahmequalität nicht wirklich begeistern. Anspieltipp ab «Topaz»: «Southern Coasts».

Ebenfalls gern und häufig gehört habe ich (in alphabetischer Reihenfolge):
A.A. Williams («Forever Blue»)
Aeronauten («Neun Extraleben»)
Arca («@@@@@»)
Baxter Dury («The Night Chancers»)
Bettye LaVette («Blackbirds»)
Bill Callahan («Gold Record»)
Chris Forsyth with Garcia Peoples («Peoples Motel Band»)
Crucchi Gang («Die Italo Compilation»)
Denise Sherwood («This Road»)
Einstürzende Neubauten («Alles in allem»)
Elvis Costello («Hey Clockface»)
Elbow («Elbowrooms»)
Fleet Foxes («Shore»)
Fontaines D.C. («A Hero’s Death»)
Hermanos Gutierrez («Hijos Del Sol»)
Idles («Ultra Mono»)
Jah Wobble («In Dub II»)
Joe Volk & Naiare («Primitive Energetics»)
Kruder & Dorfmeister («1995»)
Div. LateNightTales (Hot Chip)
Div. LateNightTales (Kruangbin)
Les Hurlements d’Léo («Mondial Stéréo»)
Manuel Stahlberger/Bit-Tuner («I däre Show»)
Mavericks («En Español»)
Monophonics («It’s Only You»)
Moses Sumney («Grae»)
Other Lives («For Their Love»)
Perfume Genius («Set My Heart On Fire Immediatly»)
Rufus Wainwright («Unfollow The Rules»)
Sonny Green («Found! One Soul Singer»)
Sophie Hunger («Halluzinationen»)
Tami Neilson («Chickaboom!»)
The Soft Pink Truth («Shall We Go On Sinning So That Grace May Increase?»)
Travis («10 Songs»)
Troubas Kater («Iz eifach nid abe luege»)
Wire («Mind Hive»)

Enttäuschung des Jahres:
Archive («Versions» und «Versions: Remixed»): Wie kann man bloss ein grossartiges Werk zu schlechteren Versionen verhunzen und diese dann noch viel bedenklicher remixen (lassen)?

Einzelne Songs:
All diese Gewalt («Andere»)
Bob Dylan («Murder Most Foul»)
Dralms («Plants Behind Glass»)
Ghostpoet («Concrete Pony»)
Grandaddy («RIP Coyote Condo #5»)
John Cale («Lazy Day»)
Lawrence Arabia («Malade»)
Mothers Pride («Count Your Angles», «Old Enough To Die Young» und «When Love Comes Knocking»)
Motorpsycho («N.O.X. I–V»)
Nils Frahm («Fundamental Values»)
Patrick Watson («Lost With You»)
Puts Marie («Love Boat 2»)
Sleaford Mods/Billy Nomates («Mork n Mindy»)
Steiner & Madlaina («La Dolce Vita»)
Tindersticks («You’ll Have To Scream Louder»)
Tocotronic («Hoffnung»)