Das Woodstock Europas

In Rudolstadt im deutschen Thüringen hat am ersten Juli-Wochenende 2019 zum 29. Mal das weltbekannte Folk-, Roots- und Weltmusikfestival stattgefunden. Ein Anlass, der weit über das Musikalische hinausgeht und deshalb auch das Woodstock Europas genannt wird.

von Hans Bärtsch

Wo beginnen bei einem Anlass, der auf rund zwei Dutzend Bühnen 130 Einzelkünstler und Bands aus knapp 50 Ländern zu 300 Konzerten versammelt und bei der 29. Durchführung rund 100’000 Menschen anzieht? Vielleicht mit dieser Begegnung Samstagnacht, als der Schreibende bei seiner Rudolstadt-Premiere von Gesang aus einem Restaurant-Innenhof angelockt wird. Strassenmusiker, die sich zufällig über den Weg gelaufen sind, geben die Partisanen-Hymne «Bella Ciao» zum Besten. Sie sitzen mitten in einem ebenso zufällig zusammengekommenen Publikum, das bier- und weinselig mittut. Auch wenn bei der xten Strophe den meisten die richtigen Worte fehlen, ein «La la la…» genügt vollauf, und der Refrain ist ja keine Hexerei. Ein kunterbuntes Miteinander ist die anschliessende, von einem Alt-Hippie vom Zaun gerissene Ossie/Wessie-Diskussion – Rudolstadt ist ehemaliges DDR-Territorium und Ost/West-Gegensätze auch 30 Jahre nach der Wende noch immer vielerorts präsent.

Politische Diskussionen

Das Rudolstadt-Festival startete in den Fünfzigerjahren als sozialistisches Tanzfest, ab 1989 war es ein linkes Folkfestival, das Protestsängern aller Gattung eine Plattform bot. Damit zusammenhängend auch politischen Diskussionen, die sich bis heute gehalten haben. Heuer beispielsweise in Form des Gastlandes Iran. Vorwiegend emigrierte Sängerinnen und Musiker brachten Werke dar, die ihnen in ihrer Heimat verboten oder zumindest nicht gern gesehen sind. Mit Podien, Talkshows und Workshops lassen sich solche Begegnungen mit fremden Kulturen jeweils vertiefen.

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Einer der Schauplätze des Rudolstadt-Festivals: die Heidecksburg. (Bild Michael Pohl/Pressedienst)

 

Es ist diese einzigartige Mischung aus Gross- und Kleinstkonzerten in allen Ecken dieses reizvollen Städtchens, sehr aufmerksamen, neugierigen Besucherinnen und Besuchern, einer Atmosphäre grossen Respekts vor dem Anders- und Fremdartigen, Mitmachtanz- und konzertbegleitenden Anlässen sowie spontanen Strassenauftritten, die dieses Festival prägen und abheben lassen von andern, die nur noch belanglosen Eventcharakter haben. Rudolstadt ist längst zu so etwas wie einem Woodstock en miniature geworden, wo sich Gleichgesinnte Jahr für Jahr generationenumspannend treffen.

Polka aus Kuba via Minsk

In Rudolstadt wird jeweils auch die «Ruth» vergeben, der deutsche Weltmusikpreis. Für sein Lebenswerk wurde diesmal der Bayer Rudi Zapf und sein Begleitensemble Zapf’nstreich ausgezeichnet. Wie verdient das ist, zeigte der Maestro des Hackbretts mit einer fulminanten Darbietung. Das Repertoire umfasste Stücke aus Frankreich, Kreta, Serbien, Andalusien, Brasilien.  Eine Polka aus Kuba durfte nicht fehlen, die er via Musikerinnen aus Minsk in Weissrussland und ein bis zwei Flaschen Wodka, so die Anekdote, mitbekommen hat. Eine spezielle Version von «Take Five» (bekannt geworden durch den Jazzmusiker Dave Brubeck) und zum Schluss ein gekonnt mit exotischen Klängen angereicherter Zwiefacher aus seiner Münchner Heimat rundeten eine Konzertstunde ab, die einen nur staunen liess ob des Betätigungsfeldes für ein Instrument, das Zapf in immer neue Sphären führt.

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«Ruth»-Gewinner: Hackbrettspieler Rudi Zapf wird für sein Lebenswerk geehrt. (Bild Matthias Kimpel/Pressedienst)

 

Auf seine Weise einzigartig ist der ebenfalls mit einer «Ruth» beehrte Gankino Circus. Das fränkische Quartett ist musikalisch ebenso virtuos wie kabarettistisch beschlagen. Die kauzigen Charakterköpfe geben etwa einem griechischen Sirtaki mit einer Bohrmaschine das besondere Gepräge. Als roter Faden dienen Geschichten über Weizen-Charly, Wirt in jenem Lokal, in dem die  Vier ihre Jugendjahre verbracht haben. Dass dieser Weizen-Charly über einem Bier verstorben ist, mag nicht sonderlich zu erstaunen. Dass der Gankino Circus dann auf den alten Knochen des Wirts – einem Bonofon – musiziert, schon eher. Es ist zum Brüllen komisch.

Grosse Aufmerksamkeit

Ein wunderbares Konzert lieferte im Weiteren Herbert Pixner ab. Der Umgang des Südtiroler Multiinstrumentalisten mit alpenländischer Volksmusik macht vor gar nichts Halt – weder vor Tango, Rock noch Gypsie-Jazz und Blues. In der Regel tönt das heiter, beschwingt, mitreissend. Ausser wenn Pixner die düstere Saga des «Sennentuntschi» vertont, dann wirds zu einem Melodrama. Auch hier rundet ein Zwiefacher einen grossartigen Auftritt ab, zu dem der Bandleader anmerkt, selten vor einem derart aufmerksamen Festivalpublikum gespielt zu haben.

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Ein letzter Höhepunkt: Die Americana-Band Cowboy Junkies beschliesst das Rudolstadt-Festival 2019. (Bild Jörg M. Unger/Pressedienst)

 

Ein Aussage, die vermehrt zu hören war am vergangenen Wochenende. Etwa von Die höchste Eisenbahn. So seltsam der Bandname, so betörend der mit klugen Texten verknüpfte Indie-Pop. Aus ihrem neuen, im August erscheinenden Album gabs schon mal das eine oder andere Müsterchen. Der kanadischen Formation Cowboy Junkies war es dann vorbehalten, das Rudolstadt 2019 zu beschliessen. Schwermut und Traurigkeit dominieren ihren Alternative Country genannten Musikstil, gleichwohl ist es einer der lichtesten Momente des viertägigen Festivals – dank einer berauschenden Intensität und Klangqualität. Letztes lässt sich ja nicht gerade von vielen Open-Air-Bühnen sagen. Ein weiteres Qualitätsmerkmal von Rudolstadt.

 

BOX

50 Jahre Woodstock

Mitte August 2019 werden es genau 50 Jahre her sein, dass im US-Bundesstaat New York das Woodstock-Festival stattfand – die Mutter aller Open-Air-Anlässe. Es war der Höhe-, aber gleichzeitig auch eine Art Endpunkt der Hippie-Bewegung. Folkmusik war die Basis etlicher Darbietungen, erinnert sei an KünstlerInnen wie Joan Baez, Richie Havens, Arlo Guthrie, John Sebastian oder Crosby, Stills & Nash.

Fast reine Folkfestivals waren in der Schweiz in den Anfangsjahren beispielsweise auch das Paléo in Nyon, St. Gallen oder das Gurten in Bern. Alle drei haben sich längst gewandelt, wobei am Paléo der Worldmusik-Anteil immer noch erfreulich gross ist. Beim Rudolstadt-Festival steht das Folk zwar noch im Name, die Begriffe Roots und Weltmusik werden dem Gebotenen aber gerechter. Gleichwohl kommt das Rudolstadt von den genannten Festivals vom Charakter her dem «Woodstock-Feeling» wohl am nächsten. (hb)

Südostschweiz (11.07.2019)

 

 

Rudolstadt (MDR Kultur)

Influencer: Die neuen, ehrenamtlichen Musikjournalisten

Mit dem «New Musical Express» (NME), «Intro», «Groove», «Spex» sind in den vergangenen Monaten einst bedeutende Musikmagazine verschwunden, in der Tagespresse folgt gerade im Kultur-/Feuilleton-Bereich eine Sparrunde der nächsten. Ist der klassische Musikjournalismus tot? Ja. Gibt es neue Formen des Musikjournalismus? Ja. Eine Bestandesaufnahme am Branchenfestival M4Music in Zürich.

Von Hans Bärtsch

Es ist ein etwas deprimierender Moment, als Ane Hebeisen («Bund»/«Tages-Anzeiger»), einer der letzten Mohikaner des klassischen Musikjournalismus in der Schweiz, zur Verteidigung ebendieser Spezies anhebt. Orientierung für die Leserschaft sei doch nach wie vor nötig, das Vertiefen von Themen, das Erschliessen neuer, noch unbekannter musikalischer Welten. Sagts und verschwindet trotz stattlicher Körpergrösse fast in seinem Sessel an dieser Gesprächsrunde unter dem Titel «Musikjournalismus 2020».

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Am M4Music in Zürich: Linus Volkmann, Ane Hebeisen, Miriam Lenz und Tibor Kiss (von links) sprechen mit Moderatorin Gisela Feuz über «Musikjournalismus 2020». (Pressebilder)

 

Kein Wunder, denn um Textinhalte und -qualitäten geht es nur am Rande. Hebeisen wird attestiert, «geile Texte» zu schreiben, niemand der Anwesenden, der daran zweifelt, dass er einer der besten Musikjournalisten des Landes ist. Aber was nützt das, wenn die Chefetagen von Medienhäusern Budgets kappen und Prioritäten in der Kulturberichterstattung nach der Chance auf möglichst viel Aufmerksamkeit – sprich: Klicks – setzen? Im schlimmsten Fall verschwinden Fachzeitschriften wie eingangs aufgeführte «Spex» und Co. einfach von der Bildfläche. Und mit ihnen (Musik-)Journalisten, die für Einordnung und Vertiefung sorgten und mit grosser Neugier Neuem auf der Spur waren. Subjektiv und unabhängig von PR-Beeinflussung.

Algorithmen als bessere Musikjournalisten

Einer, der das Ganze positiv sieht, ist der Deutsche Linus Volkmann, ehemaliger «Intro»-Redaktor, heute freiberuflich als TV- und Print-Journalist tätig. Statt Schwermut und Trauerarbeit sei doch Optimismus angesagt. Die Digitalisierung biete gerade auch im Musikjournalismus so viele neue Chancen. Sogenannte Gatekeeper seien Journalisten tatsächlich nicht mehr. Diese Rolle hätten heutzutage die Algorithmen von Streaming-Anbietern wie Spotify inne. Oder Influencer mit Hunderttausenden Followern auf Youtube- und andern Kanälen. Der Bedeutungsverlust des eigenen Wissens schmerze zwar, aber es gebe für Journalisten andere Wege, Zielgruppen mit «interessanten Nischen» bedienen zu können als mit langen, dazu noch kostenpflichtigen Texten.

Zu solchen Nischen gehören Blogs wie Rockette.space, ehrenamtlich mitbetrieben von Miriam Lenz, die hauptberuflich bei der Nachrichtenagentur Keystone-SDA arbeitet. Einer der Grundsätze dieses Blogs: «Wir sind nicht interessiert an Verrissen. Wir verschwenden keine Zeit mit Sachen, die uns nicht gefallen. Wir machen nur, worauf wir selber Lust haben.» Aber ist dieses Kritiklose nicht Schönwetter-Journalismus? «Ja», räumt Lenz unumwunden ein. Aber mit der Möglichkeit, neue Formen auszuprobieren. Interviews im O-Ton beispielsweise, samt Pausen und Störungen dazwischen, aber sehr authentisch.

Multimedialität und Interaktion

Tibor Kiss, ein Vertreter der Generation Z und Mitbetreiber des viel beachteten Youtube-Kanals Edwan, bemängelt, dass in der Schweiz nicht vermehrt auf solche Verbreitungswege gesetzt werde. Klassischer Journalismus habe einen grossen Streuverlust. Und was die schönsten Texte nützen würden, wenn niemand sie sehe, stellte er eine rhetorische Frage. Die grössten Influencer seien heute im Übrigen die Musiker und Bands selber, die direkt an ihre Fans gelangen und mit ihnen in Kontakt sein könnten.

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Janosch Tröhler, Betreiber der Website Negativewhite.ch, äussert sich am M4Music zum Thema Musikjournalismus.

 

Multimedialität und Interaktion sind auch für Janosch Tröhler, Betreiber der soeben neu lancierten Website Negativewhite.ch, das A und O im Musikjournalismus. Heute müsse die Community eingebunden sein. Auch international führende Portale wie Pitchfork.com hätten diesbezüglich noch Optimierungspotenzial. Musikjournalismus sei nur noch ein mit Leidenschaft betriebenes Hobby, sagte er und sprach damit aus, was alle Podiumsteilnehmer, ausgenommen «Dinosaurier» Hebeisen, dachten.

Anders gesagt: Der klassische Musikjournalismus ist tot, jedenfalls fast. Mit der Diversifizierung auf andere Kanäle sind neue Formen am Entstehen. Ein Beispiel dafür lieferte Luca Thoma von «Lyrics/Juice». Als Printmagazin für Hip-Hop gegründet, gehe man heute Kooperationen mit Portalen wie Watson.ch ein, was mehr Reichweite für die Beiträge bedeute. Dazu veranstaltet man ein eigenes Festival und ist selbstredend auf allen möglichen Socia-Media-Plattformen präsent. Dank einer starken eigenen Website generiere man Klicks, die direkt in Werbung umgemünzt werden könnten. Das alle stehe und falle mit dem Hunger und der Leidenschaft der Menschen, die mitmachen, so Thoma. Ehrenamtlich auch hier. Aber: Man biete ein Sprungbrett in den Journalismus. Ach ja: Erwähnte «Spex» gibt es in der Zwischenzeit wieder – als Online-Magazin. Totgeglaubte leben eben länger…

 

BOX 1

Asbest gewinnen «Demo Of The Year»

Am M4Music vom Wochenende 14. bis 16. März 2019 in Lausanne und Zürich wurde der Schweizer Musikbranche zum inzwischen 21. Mal der Puls gefühlt. Mit Gesprächsrunden wie jenem zum Musikjournalismus (siehe Haupttext), aber auch Seminaren für Musikerinnen und Musiker. Auf grosses Interesse stiess einmal mehr der Nachwuchswettbewerb Demotape Clinic. Das «Demo Of The Year» ging an das Rocktrio Asbest aus Basel. Starke Beiträge waren auch aus der Südostschweiz im Rennen, etwa der Song «Oh Girl» von Catalyst aus St. Gallen in der Kategorie Rock, oder «Medusah» von Kety Fusco aus dem bündnerischen Mesocco in der Kategorie Elektronik. Das diesjährige M4Music wurde von 6000 Personen besucht, davon rund 1000 Fachleuten aus der Musikbranche. Bei den Auftritten von Schweizer Bands fiel die Präsenz von starken Frauenstimmen auf. Erwähnt seien bloss Black Sea Dahu, Steiner & Madlaina oder die letztjährige «Demo Of The Year»-Gewinnerin Jessiquoi. (hb)

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Asbest: Die Gewinner des «Demo Of The Year» 2019 beim Sieger-Fototermin…

Asbest live am M4Music 2019

…und beim Liveauftritt auf der Open-Air-Bühne vor dem Schiffbau in Zürich. (Bild Hans Bärtsch)

 

BOX 2

Streaming dominiert die Musikverkäufe

An dem vom Migros-Kulturprozent getragenen Branchenfestival M4Music wurden dieses Jahr erstmals die vom Verband Schweizer Musiklabels Ifpi erhobenen Verkaufszahlen im hiesigen Tonträgermarkt präsentiert. Wobei dieser Begriff irritiert, gehen die Verkäufe von physischen Tonträgern doch weiter stetig zurück. Mit CDs und LPs wurden 2018 noch 40 Millionen Franken umgesetzt – zum Vorjahr ein Minus von satten 22 Prozent. Diese Verkäufe tragen noch 24 Prozent zum Gesamtmarkt bei, womit auch klar ist, wie gross dieser ist: Für 170 Millionen Franken wurde letztes Jahr in der Schweiz Musik verkauft (+3,7 Prozent zum Vorjahr). Diese Zunahme geht einzig und allein auf das Segment Streaming zurück. Mit 97,8 Millionen Franken (+36 Prozent) trägt Streaming inzwischen 58 Prozent zum Gesamtmarkt bei. Zum Langzeitvergleich: Anfang der Nullerjahre wurden in der Schweiz mit Musik noch mehr als 350 Millionen Franken umgesetzt – und das ausschliesslich mit physischen Tonträgern. (hb)

 

Südostschweiz 18.03.2019

Das Beste 2018 – TONTRÄGER

Nein, ein Überalbum, wie in andern Jahren, hat sich für mich 2018 nicht herausgeschält. Dafür haben etliche Preziosen aus diversen Nischen viel Freude bereitet – insbesondere aus dem üppig und vielfältig gewachsenen Feld der Singer/SongwriterInnen. Und ja, ich gestehe, es zog mich oft zu ruhigen, sanften Klängen – als Ausgleich zum turbulenten Geschehen, für das die Politclowns dieser Welt sorgen. Ein grosser Jahrgang war 2018 in Sachen Schweizer Musik. Allein damit liesse sich eine Bestenliste füllen.

 

ISAAC GRACIE, «Isaac Gracie»
Lagerfeuer deluxe hat ein Musikblog den Erstling des britischen Singer/Songwriters genannt. Aufgefallen ist mir Isaac Gracie erstmals am TV mit der Aufzeichnung seines diesjährigen Auftritts am Gurtenfestival bei prallem Sonnenschein und vor fast null Publikum. Ausnahmslos jeder Song auf dem selbstbetitelten Album ist ein Ohrwurm. Melodischer, atmosphärischer, emotionaler ist fast nicht möglich. Angesichts des jugendlichen Alters dominieren Herz-Schmerz-Themen. Ein Fall für die Repeat-Taste.

Isaac Gracie («Reverie»)

PUTS MARIE, «Catching Bad Temper»
Die Schweizer Band mit dem putzigsten Namen. Und dem besten Händchen für knackige Songs. Wenn die Bieler Truppe auf ihrem neuen Album loslegt, erinnert das an die besten Zeiten der New Yorker Fun Lovin‘ Criminals: Eindringlicher Sprechgesang über wütenden Gitarrenriffs, was immer wieder in tolle Refrains mündet. Puts Marie sind auch ein Bekenntnis zu handgemachter Musik – analog ist beim Quintett Programm.

Puts Marie («C’mon»)

SANDRO PERRI, «In Another Life»
Es ist einer dieser Songs, der einen alles vergessen lässt. Man steigt ein in den Titelsong und nach knapp 25 Minuten komplett benebelt wieder aus. Obwohl – oder gerade weil – da nichts anderes ist als eine simple Melodie und die warme Stimme des kanadischen Musikers und Produzenten. Ambient, Post-Rock, Elektro-Folk? Man mag es nennen, wie man will. Ich halte es mit einem Kritiker-Kollegen, der von einem Pop-Mantra sprach. Übrigens sind auch die andern drei Werke dieser 4-Song-Albums nicht ohne.

Sandro Perri («In Another Life»)

RICHARD THOMPSON, «13 Rivers»
Die Zeiten für handgemachte Musik sind ja nicht die allerbesten. Umso erfreulicher, wenn die britische Folkrock-Legende Richard Thompson (1967 Gründungsmitglied von Fairport Convention) in die Saiten greift. Weshalb er für den «Rolling Stone» zu den 100 besten Gitarristen zählt, wird auf Thompsons neuem Album hörbar. Kristallklar perlen die Akkorde und Soli. Das hat nichts mit Effekten und Lautstärke zu tun, der Mann versteht einfach sein Handwerk.

Richard Thompson («The Storm Won’t Come»)

SHANNON SHAW, «Shannon in Nashville»
So etwas Altmodisches, so etwas Grossartiges! Auf Einladung von Dan Auerbach (immer wieder er) stand die Kalifornierin Shannon Shaw plötzlich mit Top-Cracks, die früher etwa einen Johnny Cash begleitet hatten, in einem Studio in Nashville und spielte eine göttliche Songkollektion ein. Das erinnert an Sixties-Girl-Group-Sound und Pop-, R’n’B- bzw. Soul-Grössen wie Shirley Bassey oder Amy Winehouse. Die üppigen Arrangements umschmeicheln die kehlige Stimme Shaws aufs Vortrefflichste.

Shannon Shaw («Broke My Own»)

TRÄDEN, «Träden»
Als Träd, Gräs & Stenar haben sie die schwedische Progrock-Szene seit 1969 mitgeprägt. Das jüngste Album überrollt die Hörerschaft mit Gitarren-Breitwänden, zäh und dickflüssig wie Lava. Wer die Crazy-Horse-Phasen von Neil Young liebt und sich auch bei Motorpsycho zu Hause fühlt, ist bei Träden nicht fehl am Platz. Der Zwölfminüter «När lingonen mognar (Lingonberries forever)» ist der ideale Einstieg in die Psych-Rock-Welt der Nordländer, der auch etwas sehr Sanftmütiges anhaftet.

Träden (Full Album)

BEN CAPLAN, «Old Stock»
Obs auf der Bühne noch besser funktioniert, sei dahingestellt. Jedenfalls ist das neue Album des Kanadiers Ben Caplan quasi der Soundtrack für ein Theaterstück, das die Geschichte rumänischer Juden erzählt, die Anfang des vorigen Jahrhunderts nach Nordamerika emigrierten. Der Singer/Songwriter kann damit seine Vorliebe für osteuropäische Klänge ausleben. Und wie er das tut! Melodieselig beschwingt, mit kraftvoller Stimme, die zu seinem Äusseren (sehr eindrucksvoller Bart) passt.

Ben Caplan («Widow Bride»)

SPIRITUALIZED, «And Nothing Hurt»
Das als Medikamentenpackung aufgemachte «Ladies And Gentlemen We Are Floating In Space» war Ende der Neunzigerjahre eines der wunderlichsten Alben der Rockgeschichte überhaupt. Danach galt es, sich in Geduld zu üben, bis der Brite Jason Pierce wieder einen Kreativschub verspürte. Allerdings wurde er auch gesundheitlich (u.a. Drogenprobleme) über längere Zeit ausgebremst. Umso schöner, dass nun ein neues Album mit Bläsern, Chören und dem ganzen Pipapo entstanden ist, das orchestralen Spacerock von allererster Güte zu Gehör bringt und nahtlos ans erwähnte Meisterwerk anknüpft.

Spiritualized («I’m Your Man»)

ST. PAUL & THE BROKEN BONES, «Young Sick Camellia»
Diese achtköpfige Soultruppe aus den USA groovt dem Teufel ein Ohr ab, ihre Livekonzerte enden immer mit Schweissbädern – für die Musiker wie fürs Publikum. Damit das auch ab Konserve funktioniert, brauchts gutes Songmaterial, und das bringen die Mannen um Leadsänger Paul Janeway mit. Wem an Parties die Fantasie fehlt, legt als DJ einfach diese Scheibe auf, und die Stimmung steigt im Handumdrehen. Mit «Hurricanes» enthält das Album zudem eine Monsterballade.

St. Paul & The Broken Bones (Full Performance on KEXP 2014)

SCOTT MATTHEW, «Ode To Others»
Er hat 2006 die berührendsten Beiträge geliefert für den Soundtrack zur Erotikkomödie «Shortbus». Noch nie klang ein Album des in New York tätigen Australiers indes so opulent wie «Ode To Others». Der tieftraurige Grundton ist geblieben, vorgetragen mit einer sanft-warmen Stimme. Neu ist sein thematischer Blick nach aussen – weg von eigenen Existenzängsten, besingt er nun von ihm geliebte, verehrte wie verhasste Menschen. Die luftig-leichte Produktion lässt richtiggehend schwelgen in einer Handvoll neuer Lieder plus Covers (u.a. «Do You Really Want To Hurt Me» von Boy Georges Culture Club).

Scott Matthew («End Of Days»)

SONS OF KEMET, «Your Queen Is A Reptile»
Wild, unbändig, tanzbar! Das sind häufige Stichworte rund um die Londoner Jazztruppe Sons Of Kemet. Sie gehört zu einer neuen Bewegung, die den Jazz aufregend neu spielt. Afro-Beats sind die Grundlage, karibische Einflüsse spielen eine Rolle. Und eine sehr eigensinnige instrumentale Besetzung (Saxofon, Tuba, Schlagzeug), die das Ganze grooven, fetzen und rocken lässt, dass es eine Freude ist. Dazu kommen hochpolitische Aussagen, präsentieren die neun Songs doch Alternativen zu Queen Elizabeth II.

Sons Of Kemet («Your Queen Is A Reptile»)

COSMO SHELDRAKE, «The Much Much How How And I»
Wenn der Londoner Cosmo Sheldrake im Studio ans Werk geht, hat er im wahrsten Sinne des Wortes die Qual der Wahl, spielt er doch rund 30 Instrumente. Entsprechend üppig und orchestral kommt sein Debüt daher. Es ist eine der wunderlichsten, verspieltesten Platten des Jahres, ein unglaubliches Sammelsurium an Melodien, Klangfarben, Stilen. Die Hippies in den Sixties hätten an diesem Wunderknaben ihre grösste Freude gehabt. Dass er seinen bunten Klangkosmos live auch noch allein auf die Bühne zaubert, kann man fast nicht glauben, lässt sich aber Anfang 2019 anhand mehrer Auftritte in Österreich überprüfen.

Cosmo Sheldrake («Come Along»)

 

Diese Alben haben mir 2018 ebenfalls gut bis sehr gut gefallen: «Move Through The Dawn» von Coral, «I’ll Be Your Girl» von Decemberists, «Molecules» von Sophie Hunger, «The Blue Hour» von Suede, «Flying With The Owl» von The Beauty Of Gemina, «Merrie Land» von The Good, The Bad & The Queen, «Double Negative» von Low, «More Or Less» von Dan Mangan, «Shoreline» von Mich Gerber, «Melodies Of Immortality» von Lord Kesseli, «Look Now» von Elvis Costello & The Imposters, «Passwords» von Dawes, «Heaven & Earth» von Kamasi Washington, «Childqueen» von Kadhja Bonet, «Knock Knock» von DJ Koze, «Cheers» von Steiner & Madlaina, «Everyone Nowhere» von Kaos Protokoll, «Understand What Black Is» von The Last Poets, «Free Me» von J.P. Bimeni & The Black Belts, «Durand Jones & The Indications» von Durand Jones & The Indications, «There’s A Riot Going On» von Yo La Tengo, «Mockingbird» von Saint Chameleon.

Und als einzelne, herausragende Songs: «Ein Rebhuhn auseinandernehmen» von Michael Fehr, «In Case I Fall For You» von Black Sea Dahu, «Wichita» von Gretchen Peters, «Time Song» von Kinks, «Let Me Sleep» von Devotchka, «Love Said (Let’s Go») von 77:78, «Hanoi 6» von Unknown Mortal Orchestra, «Walk The Walk» von Gaz Coombes, «Tortue et lièvre» von Šuma Čovjek, «Flatland» von Tunng, «My Heart Cries» von Monophonics, «Minus» von Daniel Blumberg, und der Grossteil der übers Jahr veröffentlichten Singles von Lawrence Arabia.

Meine Enttäuschungen des Jahres: «The Worm’s Heart» von The Shins, «Always Ascending» von Franz Ferdinand, «Living In Extraordinary Times» von James, «Remember» von Ólafur Arnalds, «Love Is Magic» von John Grant, «Hey! Merry Christmas!» von The Mavericks, «Simulation Theory» von Muse, «God’s Favourite Customer» von Father John Misty.

Das Beste 2018 – TV-SERIEN

Der Jahrhundertsommer hat mich eingebremst bei meinem Serienkonsum – es war schlicht zu schön draussen, um vor der Glotze zu hocken. Dennoch ist einiges zusammengekommen. Und ja, es hat immer noch seinen Reiz, einen heissen Sommertag sagen wir mit einer Folge «The Terror» auf eisige Temperaturen herunterzukühlen. Die Erkenntnis 2018: Ein Ende grossartiger Serien, wie am einen oder andern Ort herbeigeschrieben, kann ich beim besten Willen nicht erkennen. Ein Zuviel beim Angebot schon. Den Überblick behalten: Schwierig! Alles schauen, was gut ist, unmöglich! Danke dennoch für Tipps, liebe andere Serienfreaks! Müssig zu sagen, dass ich mit einer Riesenliste «To do» ins 2019 starte (u.a. «My Brilliant Friend», «The Americans», «Homecoming», «Escape At Dannemora», «Sharp Objects», «4 Blocks»).

 

Coincoin et les z’inhumains (Quakquak und die Nichtmenschen)
Die Synchronisation von Arte ist ein Ärgernis, ansonsten ist «Quakquak…» ein würdiger Nachfolger von «P’tit Quinquin» (Kindkind). Zum Brüllen komisch, da absurd bis zum Abwinken, wenn Ausserirdische eine französische Küstenstadt mit Fäkalien angreifen. Wenn dabei auch noch aktuelle Themen wie Flüchtlinge und Rassismus reingepackt werden, ist das hohe Kunst des filmischen Geschichtenerzählens. An Commandant Van der Weiden (Bernard Pruvost) und seinem dödeligen Helfer kann man sich nicht satt sehen. Und die Schlussszene ist etwas vom Grössten in diesem Serienjahr.

Quakquak und die Nichtmenschen

Gomorrha – Staffel 3
Italien ist, wenn man die täglichen Nachrichten liest, am A… Erst recht gilt das, wenn man einen Blick auf Städte wie Neapel wirft, wo die Mafia herrscht und diese Serie spielt. «Gomorrha» ist weniger Fiktion als nackte Realität; ihr Autor Roberto Saviano wäre wohl schon längst umgenietet worden, stünde er nicht unter Polizeischutz. In Staffel 3 gehts so kalt und gefühllos zu und her, dass das Zuschauen richtiggehend schmerzt. Nach wie vor eine der intensivsten Verbrecher-Serien. In Staffel 3 werden die Machtverhältnisse neu geordnet – einmal mehr.

Gomorrha

Bron/Broen (Die Brücke) – Staffel 4
Zur «Brücke» wurde in der Zwischenzeit wohl alles gesagt bzw. geschrieben, was es zu sagen/schreiben gibt. Deshalb nur so viel: Die Schlussstaffel ist wie die drei Vorgänger das Beste vom Besten in Sachen nordischer Düster-Krimikost. Schade bloss, dass Martin Rohde, Kollege der seelisch angeknacksten Kollegin Saga Norén in den Staffeln 1 und 2, zum Schluss kein Auftritt zugestanden wurde.

The Bridge

The Terror – Staffel 1
Bereits am Anfang ist klar: Lebend kommt hier keiner raus. Denn die Nordwestpassage zu durchsegeln – durchs Eismeer von Grönland in den Pazifik –, ist im Jahr 1845 auch für die damalige britische Weltmacht ein schier unmögliches Unterfangen. Wie wenn die arktische Kälte, Krankheiten und Hunger nicht genug wären, wird die Mannschaft auch noch von einer grauslichen Kreatur verfolgt und sukzessive dezimiert. Durchgehend fahles Licht unterstreicht das düstere Szenario. Die Schauspieler agieren samt und sonders grandios.

The Terror

Killing Eve – Staffel 1
Dieses Katz-und-Maus-Spiel zwischen Ermittlerin (Sandra Oh; bekannt aus 220 Folgen «Grey’s Anatomy») und psychisch gestörter Auftragskillerin (die Neuentdeckung Jodie Comer) ist unglaublich spannend und mit acht Folgen genau richtig portioniert. Die Briten können Krimis einfach.

Killing Eve

The Ende Of The F***ing World – Staffel 1
Dagegen ist «Skins» ein Guetnacht-Gschichtli fürs Vorabendprogramm. Das rabenschwarze, in kurzen 20-Minuten-Blöcken erzählte Roadmovie zweier vom Karren gefallener Jugendlicher ist etwas vom Erfrischendsten dieses Serienjahres. Und eine der wenigen, von der man sich wünschte, es gäbe keine Staffel 2. Denn es ist schon alles, wirklich alles gesagt. Wie damals auch bei «Thelma & Louise».

The End Of The F***ing World

Patrick Melrose – Staffel 1
Benedict Cumberbatch spielt den aristokratischen Playboy, der hart darum kämpft, den seelischen Schaden zu überwinden, den Vater und Mutter bei ihm hinterlassen hat, mit einer Intensität sondergleichen. Allein Folge 1 mit den wilden Drogeneskapaden Patricks gehört eingerahmt. Wobei… die ganze Serie ist ein einziger Wahnsinnstrip.

Patrick Melrose

Narcos (Mexico) – Staffel 3
Staffel 3 bringt einen Orts- und Zeitwechsel: Mexico statt Kolumbien. Das Thema aber ist – eingeleitet mit der unverkennbaren Titelmelodie – dasselbe: Der lukrative Drogenhandel und das Ringen um die Pfründe in einem zutiefst korrupten Land. Der Kampf einiger US-Agenten dagegen scheint aussichtslos. Der Umstieg des gierigsten Drogenbarons von Haschisch auf Kokain ist auch ein Sittengemälde Lateinamerikas in den Achzigerjahren. Und der USA, die damals noch ein Weltmacht sein wollten.

Narcos (Mexico)

Fauda – Staffel 2
Wer den Nahost-Konflikt verstehen wolle, müsse diese Serie schauen, hat die NZZ zu «Fauda» geschrieben. Auge um Auge, Zahn um Zahn ist das Motto der Anti-Terror-Spezialeinheit, die diesmal einen Syrien-Rückkehrer mit Verbindung zum IS jagt. Der packende Politthriller ist manchmal schwer erträglich brutal – ähnlich «24» –, insbesondere dann, wenn zarte Momente der Liebe mit Waffengewalt einfach ausradiert werden.

Fauda

Better Call Saul – Staffel 4
Ja, ich weiss, jedes Jahr der Hinweis auf diese Serie mag etwas fantasielos sein. Aber ich bleibe dabei: Das sehr eigenständige Prequel zu «Breaking Bad» könnte noch ewig so weitergehen, bevor sich die Welten des erfolglosen Anwalts Jimmy McGill mit Crystal-Meth-Hersteller Walter White irgendwann vereinigen. Aber bittebitte… das muss noch lange nicht sein.

Better Call Saul

Occupied – Staffel 2
Die Russen haben (real) gar keine Freude an der Serie. Denn sie haben Norwegen jetzt (fiktiv) besetzt und sind entsprechend wenig willkommen. Unheimliches Szenario, das zeigt, wie eine Gesellschaft auch ohne Waffengewalt unterwandert und umgekrempelt werden kann. Umso mehr ist in solchen Situationen Zivilcourage gefragt. Wann aber ist der Zeitpunkt für aktiven Widerstand gekommen – und wie weit darf/muss dieser gehen?

Occupied

Bodyguard – Staffel 1
Schwer traumatisierter Kriegsveteran wird zum ersten Beschützer der verhassten britischen Innenministerin. Ihren Tod kann er nicht verhindern, aber weiteres Unheil, das der Nation weniger durch islamistische Terroristen droht, als einer Verschwörung im engsten Regierungskreis. Folge 1 hat alle Preise dieser Welt verdient für den wohl längsten atemraubenden Einstieg in eine TV-Serie. Man kommt das erste Mal gefühlt nach rund einer halben Stunde Luft zu holen.

Bodyguard

Goliath – Staffeln 1 und 2
Recht haben und Recht bekommen sind zweierlei Dinge. Wo trifft das mehr zu, als im amerikanischen Justizsystem? Der abgehalfterte, aber gewiefte Anwalt Billy McBridge (grossartig: Billy Bob Thornton) legt sich mit der Rüstungsindustrie und einer mächtigen Anwaltskanzlei an, die er einst selbst mitbegründet hat. Sein jetziges Büro ist eine Bar in Los Angeles, in der er seiner Leidenschaft nachgehen kann – dem Trinken.

Goliath

Babylon Berlin – Staffel 1
So etwas wie der Startschuss zum Aufholrennen deutscher Serienproduzenten. Äusserst gelungene Darstellung der Zwanzigerjahre mit einer schmissigen Story, top Darstellern und etlichen musical- und dadurch geradezu rauschhaften Szenen aus einer Zeit des Aufbruchs.

Babylon Berlin

Diese Serien haben mir ebenfalls gut bis sehr gut gefallen: Maroni, les fantômes du fleuve (Die Geister des Flusses)Preacher (Staffel 3), National Treasure – Ende einer Legende, Ozark (Staffel 2), Billions (Staffel 3), Santa Clarita Diet (Staffel 2), Dogs Of Berlin (Staffel 1), Lovesick (Staffel 3), Love (Staffel 3), Seitentriebe (Staffel 1).

Enttäuscht haben mich: Sacred Games – Der Pate von Bombay (Staffel 1), Rebecka Martinsson (Staffel 1), Bad Banks (Staffel 1), Servus Baby (Staffel 1) und Vorstadtweiber (Staffel 3).

Der Eule sanfter Flügelschlag

«Flying With The Owl» heisst das neue, siebte Album von The Beauty Of Gemina. Es ist gleichzeitig ein Schritt zurück und vorwärts. Michael Sele, Vordenker der international erfolgreichen Dark-Wave-Band, erklärt seine alt-neue Vorliebe für akustische Klänge.

von Hans Bärtsch (Text und Bilder)

Mutig, mutig. Das räumt selbst der Bandleader während der am Samstag in Hamburg zu Ende gegangenen «Flying With The Owl»-Akustiktour ein. Während andere Künstler ein, vielleicht zwei neue Songs ins Live-Programm einpflegen, sind es bei The Beauty Of Gemina zehn von elf. Das neue, notabene erst am kommenden Freitag in die Verkaufskanäle gelangende Album macht damit rund die Hälfte der zweieinhalb Stunden dauernden Auftritte aus.

Akustikset plus

Das erstaunliche daran ist, dass sie sich nahtlos in den Reigen schon länger bekannter Werke einreihen, wie die Coverversionen von «Crossroads» (Calvin Russell) und «Personal Jesus» (Depeche Mode) oder «Suicide Landscape» und «Dark Rain», zwei der herausragendsten Stücke aus eigener Feder. Die neuen Songs tönen derart vertraut, weil das gesamte aktuelle Programm in ein Akustikset «plus» eingebettet sind. Plus deshalb, weil auch eine elektrische Gitarre mit von der Partie ist. Aber dezent eingesetzt.

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Die entscheidenden Klangfarben setzen das Cello des Buchsers Raphael Zweifel (u.a. Tote Hosen) und die Violine von Eva Wey. Sie beide waren bei der CD-Produktion mit dabei und jetzt auch auf der 10-Stationen-Tour durch die Schweiz und Deutschland. Im Alten Kino in Mels – dem einzigen Gastspiel in der Region – ist die Aufmerksamkeit des Publikums gestern vor einer Woche jedenfalls von A bis Z schier mit Händen zu greifen. Die neuen, noch unbekannten Songs werden bejubelt wie allerbeste alte Bekannte.

Wie zwei Wochen Ferien

Tags darauf schwärmt der in Sargans wohnhafte Liechtensteiner Michael Sele, Gründer und Kreativkopf von The Beauty Of Gemina von einem beseelten, beschwingten Konzert. So hat er es selber erlebt – wobei Heimspiele gar nicht so einfach seien –, so haben es ihm Fans beim anschliessenden Beisammensein zugetragen. Jemand habe gesagt, das Konzert sei gewesen wie zwei Wochen Ferien – ein wunderbares Erlebnis.

Sele, das wird im Gespräch schnell spürbar, fühlt sich künstlerisch an einem Punkt angekommen, der ihn befriedigt. Es ist die Reduktion auf Stimme und Gitarre (oder Klavier), sachte angereichert mit Schlagzeug, Bass und den erwähnten Streichinstrumenten. Sele spricht von einem «zurück zu den Wurzeln», seien ihm doch grosse Songwriter wie Bob Dylan oder Neil Young schon immer wichtige Bezugspunkte gewesen. Dazu kommt ein tiefer Taucher in Americana-Gefilde, diesem Überbegriff für amerikanischen Folk, Blues, auch Country.

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Der Blues als Untergrund, als Boden, zieht sich durch beim neuen Album «Flying With The Owl». Darüber entfalten sich melancholische, oft in Moll gehaltene Melodien, die mit jedem Hören wachsen. Schon die beiden Eingangsnummern («River» und «Into My Arms») lassen einen ob der Dringlichkeit der cleveren Arrangements und der (textlich bedingten) düsteren Intensität abheben, fliegen wie die Eule, welche dem insgesamt siebten Album von The Beauty Of Gemina den Namen gegeben hat.

Keine Gothic-Band

Die elf Nummer des neuen Albums hat Sele in reduziertester Form aufs Handy eingespielt, bevor es ins Studio ging. Diese Vorgehensweise ist gewissermassen eine Abkehr von jener Phase, als das Motto immer elektronischer, immer wuchtiger lautete. Eine Phase auch, als The Beauty Of Gemina noch als Gothic-Band durchging. Mit dieser Etikettierung hat Sele heute die grösste Mühe, weil Gothic bei vielen Leuten negative Gefühle auslöse. Es gebe natürlich Vertreter jener Subkultur, die ihre Musik hören würden. «Aber unsere Band heute noch in jene Ecke zu stellen, ist schlicht falsch», sagt Sele.

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«Flying With The Owl» das reifste Werk von The Beauty Of Gemina zu nennen, mag den Vorgängeralben gegenüber ungerecht sein. Aber die Rückkehr aufs Akustische – Sele hatte das schon bei den Formationen Two Tunes und Nuuk ins Zentrum gestellt – ist gleichzeitig ein Aufbruch zu neuen Ufern. So ausgeruht, so in sich stimmig, mit solcher Langzeitwirkung klangen die «Beautys» tatsächlich noch nie. Wenn Künstler sich selber auf die Schulter klopfen, ist Vorsicht angebracht. Aber wenn Sele sagt, mit «Flying With The Owl» fühle er sich auf dem Zenit seines Schaffens, kommt man nicht umhin zuzustimmen. Es ist ein Album wie gemacht für lange Spaziergänge durch schöne herbstliche Landschaften. Kurz: ein Meisterwerk.

The Beauty Of Gemina, «Flying With The Owl» (TBOG Music)

Südostschweiz 08.10.2018

Wo die Musi spielt

Das Woodstock der Blasmusik in Oberösterreich etabliert sich als wichtigstes europäisches Brass-Festival. Mit dabei auch mehrere Schweizer Formationen.

von Hans Bärtsch

«Und, was spielst du?» Es ist die obligate Frage im Shuttle-Bus zum Festivalgelände im oberösterreichischen Ort im Innkreis. Die zweite lautet: «Zum ersten Mal?» Schon bevor der erste Ton erklingt, ist klar: Das ist ein Familientreffen. Ein Stelldichein nicht nur der passiven Blasmusik-Anhänger, sondern vor allem der selber Aktiven auf diesem Gebiet. Der eine oder die andere hat das Instrument samt Zelt- und anderem Gepäck sichtbar mit dabei beim Anmarsch auf ein Gelände in der Pampa mit Autobahnanschluss, das am letzten Juni-Tag innert Stunden zu einem Schlammfeld wird, welches dem St. Galler Sittertobel alle Ehre macht.

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Zum vierten Mal dabei: Die Egerländer Musikanten mit Frontmann Ernst Hutter heizen dem Publikum am Woodstock der Blasmusik ein. (Bild Klaus Mittermayr)

Willkommen beim Woodstock der Blasmusik, diesem selbsternannten Fest von Blasmusikanten für Blasmusikanten. 2011 erstmals durchgeführt, ist es kontinuierlich gewachsen auf über 50‘000 Besucherinnen und Besucher. Nicht wenige von ihnen sind zum achten Mal dabei. Auf vier Bühnen präsentieren sich mehr als 110 Formationen. Auch unter ihnen hats zahlreiche Wiederholungstäter. Ernst Hutter beispielsweise mit seinen Egerländer Musikanten ist das vierte Mal mit dabei. Sie hätten ein spezielles Programm für diesen Auftritt zusammengestellt, sagt Hutter. Er meint damit unter anderem den «Rekrutenmarsch» aus der Feder von Ernst Mosch, dem legendären Gründer und langjährigen Leiter der Egerländer. Selbstredend nicht verzichtet wird auf die grossen Polka-Schunkler wie «Auf der Vogelwiese».

Spagat zwischen Tradition und Moderne

Um jetzt nicht einen falschen Eindruck zu erwecken: Traditionelle Volksmusik steht am Woodstock der Blasmusik nach wie vor im Zentrum. Aber nicht nur. Gleich der Eröffnungsabend zeigt die enorme stilistische Vielfalt, die an diesem Open Air geboten wird. Die Gruppe Spanish Brass spielt raffiniert arrangierte Stücke von Chick Corea, Nino Rota, Frank Zappa, Duke Ellington, um nur einige zu nennen. Es ist ein Auftritt, der eigentlich in ein Konzerthaus gehört, der aber auch in diesem Umfeld eher wenige, dafür sehr aufmerksame Zuhörer findet. Fanfare Ciocarlia signalisieren dann gleich darauf quasi das andere Ende der Fahnenstange. Mit unglaublicher Energie lanciert die mehr als dutzendköpfige rumänische Truppe eine Balkan-Party, die sich gewaschen hat. Viera Blech aus Tirol wiederum stecken zu noch späterer Stunde Popnummern wie «Let Me Entertain You» von Robbie Williams ins Brass-Gewand.

Stimmungsbild

Ein Fest für Blasmusikanten: Am Woodstock kann das Wetter sein, wie es will, es wird musiziert, auch auf dem Zeltplatz. (Bild Klaus Mittermayr)

Wenn man etwas bekritteln möchte, ist es just dieser manchmal etwas bemühte Spagat zwischen Tradition und Moderne, diese mitunter geradezu krampfhaft bemühte Suche nach Originalität, die vor allem auf jenen Bühnen zutage tritt, wo es in erster Linie um Stimmung und Party geht. Dort ist kein Rock’n’Roll-Klassiker oder Helene-Fischer-Schlager zu abwegig, um zum Mitklatschen zu bewegen.

Stimmungsmacher Nummer 1

Am Freitag, dem von den äusseren Bedingungen deutlich angenehmeren zweiten Festivaltag, können sich verschiedene Schweizer Formationen in Szene setzen. Allen voran die Swiss Army Big Band unter der Leitung von Edgar Schmid mit einem launig gewählten Repertoire, das den jungen Akteuren gerade auch solistisch den nötigen Platz einräumt. Man darf sich vorfreuen auf diese Formation, welche in wenigen Wochen Headliner des Jazz-Festivals in Sargans sein wird. Ein eigentlicher Ableger früherer Armeespiele ist die Blaskapelle Nord-Süd. Ein Haufen Musikbegeisterter, der einfach miteinander weitermachen wollte nach der Rekrutenschule. Eine schmissige Sache! Tags darauf stehen nochmals Schweizer im Fokus. Die Rheintaler Formation Fäaschtbänkler macht ihrem Namen insofern alle Ehre, als bei ihrem Auftritt keine Festbank unbestiegen, kein Stimmband unversehrt bleibt – sie sind an diesem Samstag die Stimmungsmacher Nummer 1. Vor allem die raffinierten, mitreissenden Medleys mögen zu gefallen.

Zu einer Premiere kommt es am Freitag, als mit der einheimischen Folkshilfe die erste Formation in der Geschichte des Woodstock der Blasmusik auftritt, die ganz ohne Blasinstrument auskommt. Aber wer «Maria Dolores» als tanzbaren Reggae auf die Bühne bringt, ist hier nicht wirklich fehl am Platz. Überhaupt ist die Toleranz an diesem Festival riesig. «Hier hats für alle was», ist einer der meistgehörten Aussprüche. Wem ein Vortrag nicht passt, zügelt einfach zur nächsten Bühne.

European Tuba Power

Bayrischer Tausendsassa: Andreas Martin Hofmair (Mitte) hier bei seinem Auftritt mit der Formation European Tube Power. (Bild Klaus Mittermayr)

So hat auch Andreas Martin Hofmair, der sogenannte Woodmaster, keine Mühe, am Schlusstag den Publikumsbereich der einen Hauptbühne mit Liebesliedern aus Brasilien leerzuspielen. Mit einem Augenzwinkern selbstverständlich und einer Brillanz, die auf der Tuba seinesgleichen sucht. Was dieser bayrische Tausendsassa (Musikprofessor am Mozarteum in Salzburg, Musikkabarettist, Buchautor, Echo-Preisträger für eine Klassik-Albumproduktion, Mitbegründer von LaBrassBanda usw.) auch am Freitag als Viertel der European Tuba Power unter Beweis stellt. Apropos LaBrassBanda – zu einem Comeback Hofmairs kommts dabei nicht. Aber zum wiederholten Mal ist die Blasmusikgruppe, die vor 14 Tagen schon das Quellrock in Bad Ragaz rockte, mit ihrer Melange aus Gypsy, Jazz, Hip-Hop, Techno, Funk und Volksmusik der unbestrittene Höhepunkt am Woodstock der Blasmusik. Wers immer noch nicht ganz verstanden hat: Das ist dort, wo die Musi spielt, wie die Kenner – darunter etliche Festivalgänger aus der Schweiz – sagen.

Südostschweiz (04.07.2018)

Von der Vergänglichkeit des gerade Angesagten

Am M4Music in Zürich trifft sich jeweils die ganze Schweizer Musikszene, um tagsüber den Zustand ebendieser Szene zu diskutieren und nachts den angehenden Stars zu lauschen. Manchmal wäre ein Blick zurück gewinnbringender.

von Hans Bärtsch

Die entscheidenden Sätze fielen zum Schluss einer enorm kurzweiligen Stunde mit Harvey Goldsmith. Der heute 72-jährige ist einer der erfolgreichsten Musikpromotoren überhaupt, hatte bei den Karrieren von Pink Floyd, Genesis, Yes, Queen, The Who («wegen ihrer Unberechenbarkeit die beste Liveband aller Zeiten»), Bruce Springsteen, Elton John, U2, Muse, Coldplay und vielen mehr die Finger im Spiel. Er war der Mann hinter der einmaligen Wiedervereinigung von Led Zeppelin 2007 (mehr als 20 Millionen Billettbestellungen für eine einzige Show). Und er war der begnadete Netzwerker, der Bob Geldofs «Live-Aid»-Idee innert Wochen umsetzte – ein Benefizkonzert, das Mitte der Achtzigerjahre 1,5 Milliarden Menschen rund um den Erdball vor dem Fernseher vereinigte und mehr als 100 Millionen Franken für Afrika zusammenbrachte.

Dieser Harvey Goldsmith also meinte, mit den Beatles und den Rolling Stones in den musikalisch wie gesellschaftlich fundamental wichtigen Sechzigerjahren gross geworden zu sein, sei ein enormes Glück. Heute sei die Verfügbarkeit von Musik zwar ungleich grösser, aber auch viel beliebiger. Nicht dass er das verurteilen würde – dazu ist Goldsmith viel zu sehr britischer Gentleman –, aber die Spreu vom Weizen zu trennen, sei ungleich schwieriger geworden.

Voller als voll

Dieses Spreu-vom-Weizen-Trennen, die Suche nach neuen Perlen der Popmusik, diese Aufgabe stellt sich das M4Music seit Anbeginn. Mit 6700 Besuchern war das von Donnerstag bis Sonntag in Lausanne und Zürich vom Migros-Kulturprozent zum 21. Mail ausgerichtete Festival einmal mehr ausverkauft. Und zwar derart, dass bei den angesagtesten Acts für etliche Besucher kein Reinkommen mehr war in die entsprechenden Säle. Der deutsche Rapper/Dancehall-Musiker Trettmann ist einer dieser Überflieger der Stunde, denen das Publikum quasi aus der Hand frisst. Interessanterweise erst jetzt, wo er sich gemäss eigenen Aussagen «neu erfunden» hat. Anders gesagt, von einem Produzententeam auf Massengeschmack getrimmt wurde. Auch bei Jacob Banks (toller Sänger, aber etwas gar süsslicher Soulpop) wars voller als voll. Noch schlimmer beim Konzert des Wiener Rappers Yung Hurn.

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Der Szene-Treffpunkt jeden Frühling: das M4Music in Zürich.

Das M4Music, bemisst man es am Andrang des normalen und des Fachpublikums, hat also die Nase bestens im Wind. Nur, wo werden all die Yung Hurns, Trettmanns und Jacob Banks in ein paar Jahren sein, wenn die nächste Sau durchs Dorf getrieben wird, wie man so schön sagt? Denn etwas wirklich Eigenständiges hat bisher keiner der drei Genannten geschaffen. Ein symptomatischer Moment war die Demotape-Clinic, als es um die besten Schweizer Urban-Acts ging. Von einem Cosmic Shuffling aus Genf war ein Track zu hören in derart waschechtem altem Reggae/Ska-Stil, dass es den in der Jury sitzenden Phenomden schier aus den Socken haute. Um dann in einem lichten Moment einzugestehen: Toller Song, tolle Produktion – aber eine Spur mehr Eigenständigkeit wäre doch, bittesehr, schon wünschenswert.

Es tut körperlich weh

Nein, das Rad lässt sich in der Popmusik kaum mehr neu erfinden. Wenn, funktioniert das Generieren von Aufmerksamkeit nur über mehr Extreme: Schrillere Auftritte, reduzierteste Spielweisen, überspitzt-provokante Texte, tolle Lichtshows, was auch immer. Einer, der seinen Lebensstil vor sich herträgt, weil ihm damit in seiner Heimat Südafrika der Tod droht, ist der schwule Soulsänger Nakhane. Sein am eigenen Leib erfahrener Schmerz, umgesetzt in Elektropop mit viel Soul, tut fast körperlich weh. Afrobeats treffen beim 29-Jährigen auf harte Elektronik und Gospel. Gesungen mit einem Falsett, das zum Pathos neigt. Kurz und gut: Nakhanes Auftritt war eine unglaublich intensive Dreiviertelstunde Musik wie von einem andern Stern.

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Eine intensive Dreiviertelstunde Musik: Nakhane aus Südafrika.

Just davor hatte Veronica Fusaro gezeigt, weshalb sie eine hochgelobte Schweizer Sängerin ist, ordentlich im Radio gespielt wird und diesen Sommer etliche Open-Air-Bühnen, darunter das Quellrock in Bad Ragaz, bespielt. Gesanglich/musikalisch ist das Ganze zweifellos einwandfrei. Doch wenn bei den Ansagen zwischendurch das Mädchen aus dem Berner Oberland durchschimmert, ist es mit der ganzen Magie vorbei. Dasselbe bei Pablo Nouvelle. Wie Fusaro hat der Berner Musiker hinter diesem Projekt, Fabio Friedli, sämtliche Stufen beim M4Music durchlaufen: Teilnahme am Nachwuchsprojekt Demotape-Clinic, Auftritt auf der Open-Air-Bühne, dann in einem der kleineren Säle und jetzt Eröffnung des Samstags in der grossen Halle. Bei Pablo Nouvelle ist alles hübsch und nett und tut nicht weh. Das Konzept der verschiedenen Stimmen zu den verschiedenen Songs ist inzwischen auch schon x-fach erprobt. Allein: Man wird nicht richtig warm damit, weil Ecken und Kanten fehlen.

Die Siegerin der diesjährigen Demotape-Clinic hört übrigens auf den Namen Jessiquoi, kommt aus Bern (ursprünglich Australien), und hat beste Chancen, im Aufmerksamkeitszirkus der heutigen Musikwelt zumindest eine zeitlang mitzumischeln mit ihrem recht eigenständigen Elektropop.

Wer profitiert?

Weshalb so viel von Aufmerksamkeit die Rede ist, zeigt ein Blick auf eine der Diskussionsrunden am diesjährigen M4Music. «Goldgrube Streaming?» lautete die mit einem Fragezeichen versehen Ausgangslage zur Debatte, wer die grossen Profiteure von gestreamter Musik sind. Die Urheber beziehungsweise Musikerinnen sind es nämlich nicht. Es sind immer noch Stellen weit hinter dem Komma, welche für die kreativen Schöpfer pro gespielten Song abfallen. Umso mehr sahnen die Plattenfirmen ab. Die Dienste selber nicht unbedingt, schreiben doch allesamt tiefrote Zahlen, insbesondere der führende, kurz vor dem Börsengang stehende Anbieter Spotify. Streaming ist noch immer ein derart junges Geschäftsmodell, dass der Drang nach Reichweite weit vor Profit steht. In einem gnadenlosen Verdrängungswettbewerb werden gerade die Weichen gestellt für die Zukunft. Und findige Dienste wie iGroove aus dem schwyzerischen Lachen suchen Künstler mit ihren Songs auf relevante Playlists zu bringen, so dass sich das Ganze irgendwann rechnet.

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Wohin des Weges mit Streaming? Vertreter von Suisa, Ifpi und iGrooves werfen einen Blick in die Zukunft. (Pressebilder)

Streaming übrigens hat am M4Music als Megatrend-Thema die Musikpiraterie abgelöst. Letztere, einmal das ganz grosse Sorgenkind der Branche, ist nämlich praktisch verschwunden, seit man Musik gemietet hört. Schöne neue Musikwelt. Ach, war das noch übersichtlich, als es zwischen Beatles und Rolling Stones um den Thron der besten Band ging. Zwei Bands, zwei Stilrichtungen. Und gemeinsam die beste Musik des Pop und Rock in Form von Songs, die von der Qualität her Jahrzehnte überdauern.

 

Die Frauenfrage

Ein Dauerthema an Branchenfestivals wie dem M4Music ist die Frauenfrage. Warum gibt es zu wenige von ihnen auf und hinter der Bühne? Weil grossmehrheitlich immer noch Männer den Ton angeben, da ist man sich einig. Und wie lässt sich das ändern? Indem zum Beispiel Verantwortliche für Festival-Line-ups, die praktisch nur aus männlichen Acts bestehen, ausgewechselt werden. Dieser nicht ganz unprovokante Vorschlag kam von der Geschäftsführerin des Musicboard Berlin, die als staatliche Stelle im Musikbusiness mitwirkt. Bei privat organisierten Festivals würde das kaum funktionieren. Fakt ist, kein einziges Schweizer Festival ist bei der globalen Initiative «Keychange» dabei, die den Frauenanteil in den nächsten Jahren massiv erhöhen will. (hb)

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