Das Beste 2018 – TONTRÄGER

Nein, ein Überalbum, wie in andern Jahren, hat sich für mich 2018 nicht herausgeschält. Dafür haben etliche Preziosen aus diversen Nischen viel Freude bereitet – insbesondere aus dem üppig und vielfältig gewachsenen Feld der Singer/SongwriterInnen. Und ja, ich gestehe, es zog mich oft zu ruhigen, sanften Klängen – als Ausgleich zum turbulenten Geschehen, für das die Politclowns dieser Welt sorgen. Ein grosser Jahrgang war 2018 in Sachen Schweizer Musik. Allein damit liesse sich eine Bestenliste füllen.

 

ISAAC GRACIE, «Isaac Gracie»
Lagerfeuer deluxe hat ein Musikblog den Erstling des britischen Singer/Songwriters genannt. Aufgefallen ist mir Isaac Gracie erstmals am TV mit der Aufzeichnung seines diesjährigen Auftritts am Gurtenfestival bei prallem Sonnenschein und vor fast null Publikum. Ausnahmslos jeder Song auf dem selbstbetitelten Album ist ein Ohrwurm. Melodischer, atmosphärischer, emotionaler ist fast nicht möglich. Angesichts des jugendlichen Alters dominieren Herz-Schmerz-Themen. Ein Fall für die Repeat-Taste.

Isaac Gracie («Reverie»)

PUTS MARIE, «Catching Bad Temper»
Die Schweizer Band mit dem putzigsten Namen. Und dem besten Händchen für knackige Songs. Wenn die Bieler Truppe auf ihrem neuen Album loslegt, erinnert das an die besten Zeiten der New Yorker Fun Lovin‘ Criminals: Eindringlicher Sprechgesang über wütenden Gitarrenriffs, was immer wieder in tolle Refrains mündet. Puts Marie sind auch ein Bekenntnis zu handgemachter Musik – analog ist beim Quintett Programm.

Puts Marie («C’mon»)

SANDRO PERRI, «In Another Life»
Es ist einer dieser Songs, der einen alles vergessen lässt. Man steigt ein in den Titelsong und nach knapp 25 Minuten komplett benebelt wieder aus. Obwohl – oder gerade weil – da nichts anderes ist als eine simple Melodie und die warme Stimme des kanadischen Musikers und Produzenten. Ambient, Post-Rock, Elektro-Folk? Man mag es nennen, wie man will. Ich halte es mit einem Kritiker-Kollegen, der von einem Pop-Mantra sprach. Übrigens sind auch die andern drei Werke dieser 4-Song-Albums nicht ohne.

Sandro Perri («In Another Life»)

RICHARD THOMPSON, «13 Rivers»
Die Zeiten für handgemachte Musik sind ja nicht die allerbesten. Umso erfreulicher, wenn die britische Folkrock-Legende Richard Thompson (1967 Gründungsmitglied von Fairport Convention) in die Saiten greift. Weshalb er für den «Rolling Stone» zu den 100 besten Gitarristen zählt, wird auf Thompsons neuem Album hörbar. Kristallklar perlen die Akkorde und Soli. Das hat nichts mit Effekten und Lautstärke zu tun, der Mann versteht einfach sein Handwerk.

Richard Thompson («The Storm Won’t Come»)

SHANNON SHAW, «Shannon in Nashville»
So etwas Altmodisches, so etwas Grossartiges! Auf Einladung von Dan Auerbach (immer wieder er) stand die Kalifornierin Shannon Shaw plötzlich mit Top-Cracks, die früher etwa einen Johnny Cash begleitet hatten, in einem Studio in Nashville und spielte eine göttliche Songkollektion ein. Das erinnert an Sixties-Girl-Group-Sound und Pop-, R’n’B- bzw. Soul-Grössen wie Shirley Bassey oder Amy Winehouse. Die üppigen Arrangements umschmeicheln die kehlige Stimme Shaws aufs Vortrefflichste.

Shannon Shaw («Broke My Own»)

TRÄDEN, «Träden»
Als Träd, Gräs & Stenar haben sie die schwedische Progrock-Szene seit 1969 mitgeprägt. Das jüngste Album überrollt die Hörerschaft mit Gitarren-Breitwänden, zäh und dickflüssig wie Lava. Wer die Crazy-Horse-Phasen von Neil Young liebt und sich auch bei Motorpsycho zu Hause fühlt, ist bei Träden nicht fehl am Platz. Der Zwölfminüter «När lingonen mognar (Lingonberries forever)» ist der ideale Einstieg in die Psych-Rock-Welt der Nordländer, der auch etwas sehr Sanftmütiges anhaftet.

Träden (Full Album)

BEN CAPLAN, «Old Stock»
Obs auf der Bühne noch besser funktioniert, sei dahingestellt. Jedenfalls ist das neue Album des Kanadiers Ben Caplan quasi der Soundtrack für ein Theaterstück, das die Geschichte rumänischer Juden erzählt, die Anfang des vorigen Jahrhunderts nach Nordamerika emigrierten. Der Singer/Songwriter kann damit seine Vorliebe für osteuropäische Klänge ausleben. Und wie er das tut! Melodieselig beschwingt, mit kraftvoller Stimme, die zu seinem Äusseren (sehr eindrucksvoller Bart) passt.

Ben Caplan («Widow Bride»)

SPIRITUALIZED, «And Nothing Hurt»
Das als Medikamentenpackung aufgemachte «Ladies And Gentlemen We Are Floating In Space» war Ende der Neunzigerjahre eines der wunderlichsten Alben der Rockgeschichte überhaupt. Danach galt es, sich in Geduld zu üben, bis der Brite Jason Pierce wieder einen Kreativschub verspürte. Allerdings wurde er auch gesundheitlich (u.a. Drogenprobleme) über längere Zeit ausgebremst. Umso schöner, dass nun ein neues Album mit Bläsern, Chören und dem ganzen Pipapo entstanden ist, das orchestralen Spacerock von allererster Güte zu Gehör bringt und nahtlos ans erwähnte Meisterwerk anknüpft.

Spiritualized («I’m Your Man»)

ST. PAUL & THE BROKEN BONES, «Young Sick Camellia»
Diese achtköpfige Soultruppe aus den USA groovt dem Teufel ein Ohr ab, ihre Livekonzerte enden immer mit Schweissbädern – für die Musiker wie fürs Publikum. Damit das auch ab Konserve funktioniert, brauchts gutes Songmaterial, und das bringen die Mannen um Leadsänger Paul Janeway mit. Wem an Parties die Fantasie fehlt, legt als DJ einfach diese Scheibe auf, und die Stimmung steigt im Handumdrehen. Mit «Hurricanes» enthält das Album zudem eine Monsterballade.

St. Paul & The Broken Bones (Full Performance on KEXP 2014)

SCOTT MATTHEW, «Ode To Others»
Er hat 2006 die berührendsten Beiträge geliefert für den Soundtrack zur Erotikkomödie «Shortbus». Noch nie klang ein Album des in New York tätigen Australiers indes so opulent wie «Ode To Others». Der tieftraurige Grundton ist geblieben, vorgetragen mit einer sanft-warmen Stimme. Neu ist sein thematischer Blick nach aussen – weg von eigenen Existenzängsten, besingt er nun von ihm geliebte, verehrte wie verhasste Menschen. Die luftig-leichte Produktion lässt richtiggehend schwelgen in einer Handvoll neuer Lieder plus Covers (u.a. «Do You Really Want To Hurt Me» von Boy Georges Culture Club).

Scott Matthew («End Of Days»)

SONS OF KEMET, «Your Queen Is A Reptile»
Wild, unbändig, tanzbar! Das sind häufige Stichworte rund um die Londoner Jazztruppe Sons Of Kemet. Sie gehört zu einer neuen Bewegung, die den Jazz aufregend neu spielt. Afro-Beats sind die Grundlage, karibische Einflüsse spielen eine Rolle. Und eine sehr eigensinnige instrumentale Besetzung (Saxofon, Tuba, Schlagzeug), die das Ganze grooven, fetzen und rocken lässt, dass es eine Freude ist. Dazu kommen hochpolitische Aussagen, präsentieren die neun Songs doch Alternativen zu Queen Elizabeth II.

Sons Of Kemet («Your Queen Is A Reptile»)

COSMO SHELDRAKE, «The Much Much How How And I»
Wenn der Londoner Cosmo Sheldrake im Studio ans Werk geht, hat er im wahrsten Sinne des Wortes die Qual der Wahl, spielt er doch rund 30 Instrumente. Entsprechend üppig und orchestral kommt sein Debüt daher. Es ist eine der wunderlichsten, verspieltesten Platten des Jahres, ein unglaubliches Sammelsurium an Melodien, Klangfarben, Stilen. Die Hippies in den Sixties hätten an diesem Wunderknaben ihre grösste Freude gehabt. Dass er seinen bunten Klangkosmos live auch noch allein auf die Bühne zaubert, kann man fast nicht glauben, lässt sich aber Anfang 2019 anhand mehrer Auftritte in Österreich überprüfen.

Cosmo Sheldrake («Come Along»)

 

Diese Alben haben mir 2018 ebenfalls gut bis sehr gut gefallen: «Move Through The Dawn» von Coral, «I’ll Be Your Girl» von Decemberists, «Molecules» von Sophie Hunger, «The Blue Hour» von Suede, «Flying With The Owl» von The Beauty Of Gemina, «Merrie Land» von The Good, The Bad & The Queen, «Double Negative» von Low, «More Or Less» von Dan Mangan, «Shoreline» von Mich Gerber, «Melodies Of Immortality» von Lord Kesseli, «Look Now» von Elvis Costello & The Imposters, «Passwords» von Dawes, «Heaven & Earth» von Kamasi Washington, «Childqueen» von Kadhja Bonet, «Knock Knock» von DJ Koze, «Cheers» von Steiner & Madlaina, «Everyone Nowhere» von Kaos Protokoll, «Understand What Black Is» von The Last Poets, «Free Me» von J.P. Bimeni & The Black Belts, «Durand Jones & The Indications» von Durand Jones & The Indications, «There’s A Riot Going On» von Yo La Tengo, «Mockingbird» von Saint Chameleon.

Und als einzelne, herausragende Songs: «Ein Rebhuhn auseinandernehmen» von Michael Fehr, «In Case I Fall For You» von Black Sea Dahu, «Wichita» von Gretchen Peters, «Time Song» von Kinks, «Let Me Sleep» von Devotchka, «Love Said (Let’s Go») von 77:78, «Hanoi 6» von Unknown Mortal Orchestra, «Walk The Walk» von Gaz Coombes, «Tortue et lièvre» von Šuma Čovjek, «Flatland» von Tunng, «My Heart Cries» von Monophonics, «Minus» von Daniel Blumberg, und der Grossteil der übers Jahr veröffentlichten Singles von Lawrence Arabia.

Meine Enttäuschungen des Jahres: «The Worm’s Heart» von The Shins, «Always Ascending» von Franz Ferdinand, «Living In Extraordinary Times» von James, «Remember» von Ólafur Arnalds, «Love Is Magic» von John Grant, «Hey! Merry Christmas!» von The Mavericks, «Simulation Theory» von Muse, «God’s Favourite Customer» von Father John Misty.

Der Eule sanfter Flügelschlag

«Flying With The Owl» heisst das neue, siebte Album von The Beauty Of Gemina. Es ist gleichzeitig ein Schritt zurück und vorwärts. Michael Sele, Vordenker der international erfolgreichen Dark-Wave-Band, erklärt seine alt-neue Vorliebe für akustische Klänge.

von Hans Bärtsch (Text und Bilder)

Mutig, mutig. Das räumt selbst der Bandleader während der am Samstag in Hamburg zu Ende gegangenen «Flying With The Owl»-Akustiktour ein. Während andere Künstler ein, vielleicht zwei neue Songs ins Live-Programm einpflegen, sind es bei The Beauty Of Gemina zehn von elf. Das neue, notabene erst am kommenden Freitag in die Verkaufskanäle gelangende Album macht damit rund die Hälfte der zweieinhalb Stunden dauernden Auftritte aus.

Akustikset plus

Das erstaunliche daran ist, dass sie sich nahtlos in den Reigen schon länger bekannter Werke einreihen, wie die Coverversionen von «Crossroads» (Calvin Russell) und «Personal Jesus» (Depeche Mode) oder «Suicide Landscape» und «Dark Rain», zwei der herausragendsten Stücke aus eigener Feder. Die neuen Songs tönen derart vertraut, weil das gesamte aktuelle Programm in ein Akustikset «plus» eingebettet sind. Plus deshalb, weil auch eine elektrische Gitarre mit von der Partie ist. Aber dezent eingesetzt.

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Die entscheidenden Klangfarben setzen das Cello des Buchsers Raphael Zweifel (u.a. Tote Hosen) und die Violine von Eva Wey. Sie beide waren bei der CD-Produktion mit dabei und jetzt auch auf der 10-Stationen-Tour durch die Schweiz und Deutschland. Im Alten Kino in Mels – dem einzigen Gastspiel in der Region – ist die Aufmerksamkeit des Publikums gestern vor einer Woche jedenfalls von A bis Z schier mit Händen zu greifen. Die neuen, noch unbekannten Songs werden bejubelt wie allerbeste alte Bekannte.

Wie zwei Wochen Ferien

Tags darauf schwärmt der in Sargans wohnhafte Liechtensteiner Michael Sele, Gründer und Kreativkopf von The Beauty Of Gemina von einem beseelten, beschwingten Konzert. So hat er es selber erlebt – wobei Heimspiele gar nicht so einfach seien –, so haben es ihm Fans beim anschliessenden Beisammensein zugetragen. Jemand habe gesagt, das Konzert sei gewesen wie zwei Wochen Ferien – ein wunderbares Erlebnis.

Sele, das wird im Gespräch schnell spürbar, fühlt sich künstlerisch an einem Punkt angekommen, der ihn befriedigt. Es ist die Reduktion auf Stimme und Gitarre (oder Klavier), sachte angereichert mit Schlagzeug, Bass und den erwähnten Streichinstrumenten. Sele spricht von einem «zurück zu den Wurzeln», seien ihm doch grosse Songwriter wie Bob Dylan oder Neil Young schon immer wichtige Bezugspunkte gewesen. Dazu kommt ein tiefer Taucher in Americana-Gefilde, diesem Überbegriff für amerikanischen Folk, Blues, auch Country.

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Der Blues als Untergrund, als Boden, zieht sich durch beim neuen Album «Flying With The Owl». Darüber entfalten sich melancholische, oft in Moll gehaltene Melodien, die mit jedem Hören wachsen. Schon die beiden Eingangsnummern («River» und «Into My Arms») lassen einen ob der Dringlichkeit der cleveren Arrangements und der (textlich bedingten) düsteren Intensität abheben, fliegen wie die Eule, welche dem insgesamt siebten Album von The Beauty Of Gemina den Namen gegeben hat.

Keine Gothic-Band

Die elf Nummer des neuen Albums hat Sele in reduziertester Form aufs Handy eingespielt, bevor es ins Studio ging. Diese Vorgehensweise ist gewissermassen eine Abkehr von jener Phase, als das Motto immer elektronischer, immer wuchtiger lautete. Eine Phase auch, als The Beauty Of Gemina noch als Gothic-Band durchging. Mit dieser Etikettierung hat Sele heute die grösste Mühe, weil Gothic bei vielen Leuten negative Gefühle auslöse. Es gebe natürlich Vertreter jener Subkultur, die ihre Musik hören würden. «Aber unsere Band heute noch in jene Ecke zu stellen, ist schlicht falsch», sagt Sele.

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«Flying With The Owl» das reifste Werk von The Beauty Of Gemina zu nennen, mag den Vorgängeralben gegenüber ungerecht sein. Aber die Rückkehr aufs Akustische – Sele hatte das schon bei den Formationen Two Tunes und Nuuk ins Zentrum gestellt – ist gleichzeitig ein Aufbruch zu neuen Ufern. So ausgeruht, so in sich stimmig, mit solcher Langzeitwirkung klangen die «Beautys» tatsächlich noch nie. Wenn Künstler sich selber auf die Schulter klopfen, ist Vorsicht angebracht. Aber wenn Sele sagt, mit «Flying With The Owl» fühle er sich auf dem Zenit seines Schaffens, kommt man nicht umhin zuzustimmen. Es ist ein Album wie gemacht für lange Spaziergänge durch schöne herbstliche Landschaften. Kurz: ein Meisterwerk.

The Beauty Of Gemina, «Flying With The Owl» (TBOG Music)

Südostschweiz 08.10.2018