Das Beste 2024 (TV-Serien)

Dieses Jahr hat mir der Killerinstinkt gefehlt, mittelmässige Serien einfach zu beenden. Irgendwie war immer die Hoffnung da, dass es doch nur besser kommen kann. Die zweite Staffel von «The Old Man» mit Jeff Bridges und John Lithgow ist so ein Beispiel: Dünne, in die Länge gezogene Story, mit faden Dialogen unnötig verkompliziert erzählt. Ein klarer Rückschritt im Vergleich zu Staffel 1. Soeben wurde bekannt, dass es von FX keine Fortsetzung geben wird, der Cliffhanger zum Schluss war also vergebens.

Damit zum Guten aus dem TV-Serienjahr 2024, davon gab es einiges. Ob dem Zufall geschuldet oder nicht – es waren vor allem Fortsetzungen, die es mir angetan haben («Fargo», «True Detective» usw.). Unter den neuen Produktionen stach etwa «Ripley» heraus oder «The Penguin». Die USA und Grossbritannien dominierten als Herkunftsländer. Plus die Schweiz. Keine andere Serie hat mich derart amüsiert wie «Tschugger».

2024 war indes auch ein Jahr, in dem vieles liegengeblieben und auf die To-do-Liste gewandert ist, etwa «Baby Reindeer», «Shōgun», «Industry» (Staffel 2), «Silo» (Staffel 2), «Cidade de Deus», «Hundert Jahre Einsamkeit», «Landman», «Black Doves», «Disclaimer». Hier nun meine Top-15, in keiner speziellen Reihenfolge.

Slow Horses – Staffel 4 (Apple TV+)
Eines dieser Serien-Wunderwerke. Staffel für Staffel halten die Macher ihr hohes Niveau. Diesmal steht der stets übelgelaunte, komplett unberechenbare Jackson Lamp (Gary Oldman) nicht derart im Fokus wie zuvor. Dafür andere Exponenten seiner Looser-Agententruppe. Ein kurzweiliges Spionagedrama in David-und-Goliath-Manier, wobei der britische Geheimdienst MI5 in der übermächtigen Goliath-Rolle ist. Staffel 5 ist bereits im Kasten.

Fargo – Staffel 5 (FX)
Dorothy «Dot» Lyon (Juno Temple) führt im Mittleren Westen der USA ein beschauliches Hausfrauen-Leben. Aber nur vermeintlich. Plötzlich sind ihr der Ex, ein skrupelloser Sheriff (Motto: «A hard man for hard times»), auf der Spur, dessen um Anerkennung ringender Sohn und ein dubioser Landstreicher. Jeder Dialogfetzen, jedes Augenzwinkern ist hier von existenzieller Bedeutung. Eine der besten Staffeln der einst von den Coen-Brüdern lancierten, noch immer ziemlich blutigen Serie voller skurriler Gestalten.

True Detective – Staffel 4 (HBO/Sky)
Wie «Fargo» eine Anthologie-Serie. Diesmal ermitteln Jodie Foster und Kali Reis in der arktischen Polarfinsternis, wo Wissenschaftler einer Forschungsstation auf schreckliche Art ums Leben gekommen sind. Dass die beiden Polizistinnen ebenfalls dunkle Geheimnisse hüten und es miteinander überhaupt nicht können, macht die Sache nicht einfacher. Dazu scheint es zu spuken. Jedenfalls knüpft dieser Teil an die geniale erste Staffel von «True Detective» an.

Inside No. 9 – Schlussstaffel 9 (BBC Two)
Und noch eine Anthologie-Serie. Hier geht es stets um die Zahl 9, durch welche die einzelnen, rund 30-minütigen Folgen miteinander verknüpft sind. Schwarzhumoriger geht es kaum, aber dafür sind die Briten ja bekannt. Reece Shearsmith und Steve Pemberton sind wieder die absonderlichsten Geschichten eingefallen und sie schlüpfen selber erneut in etliche Rollen. Wenn dies tatsächlich der Abschluss ist, dann ist es einer der allerbesten, den Serienmacher je hinbekommen haben.

Blue Lights – Staffel 2 (BBC One)
Ein Jahr nach dem Sturz der berüchtigten McIntyre-Familie regiert in Belfast das Chaos. Junge Polizeirekruten müssen sich nicht nur den «normalen» Herausforderungen ihres Berufs stellen, sondern auch dem wachsenden Bandenkrieg, der die Strassen unsicher macht. Die einen wachsen an ihrer Aufgabe, die anderen zerbrechen daran. Es mag nicht die originellste Serienidee sein, aber die Figuren packen einen als Zuschauenden unweigerlich.

The Responder – Staffel 2 (BBC)
Das eben Gesagte gilt auch für diese Serie, in der es um einen Ersthelfer in Liverpool geht (brillant: Martin Freeman). Selber komplett überfordert mit seinem Leben, verstrickt er sich in immer üblere Händel mit zwielichtigen Figuren – und mit einer Kollegin bei der Polizei. Der Job wird quasi zur Nebensache. Ohne zu viel zu verraten: Beim Ziel, ein besserer Mensch (vor allem ein besserer Vater für seine in die Drogen geratene Tochter) zu werden, bleibt es letztlich beim Versuch.

We Are Lady Parts – Staffel 2 (Channel 4)
Nochmals Grossbritannien, diesmal London. Die Story dieser rein weiblich besetzten muslimischen Punkband war ein derartiger Erfolg, dass es eher ungeplant zu einer Staffel 2 kam. Auch diese ist wiederum unglaublich witzig. Worum gehts? Das erste Album ist im Kasten, frau hat das Gefühl, das «next big thing» zu sein. Aber da gibts auch Zweifel am kommerziellen Ausverkauf. Weist eine Influenzerin den Weg oder bringt sie die Band nur weiter auseinander? Was für ein Drama!

Showtrial – Staffel 2 (BBC)
Ein Klimaaktivist wird angefahren und vom Verursacher schwer verletzt zurückgelassen. Gegenüber einer Rettungskraft identifiziert der Mann seinen Killer im letzten Moment – einen Polizisten. Aber wer ist der namenlose «Officer X»? Wie schon in der famosen Staffel 1 kommt es erst vor Gericht zur Klärung der Schuldfrage. Der Weg dorthin ist extrem spannend, obwohl man den Täter schon früh kennt.

The Penguin – Miniserie (HBO/Sky)
Fantasy-Serien sind nicht mein Ding. Aber dieses Spin-off von «The Batman» hat mehr als genug Realitätssinn, um auch mich in die Fänge zu nehmen. Zuallererst natürlich wegen Colin Farrell, der den wegen seines watschelnden Gangs Pinguin genannten Gangster schlicht grossartig spielt. Wer dessen Aufstieg zum heimlichen Boss von Gotham City in die Quere kommt, wird aus dem Weg geräumt. In der Wahl seiner Unterstützer ist Oz nicht wählerisch, geschickt weiss er die verschiedenen kriminellen Familien gegeneinander auszuspielen. Die Schlussfolge dieses Achtteilers ist für die Serien-Ewigkeit.

Ripley – Miniserie (Netflix)
Ein Thema, das via frühere Adaptionen etwa mit Alain Delon oder Matt Damon sattsam bekannt ist, als Serie in schwarz-weiss zu lancieren, birgt einige Risiken. Hier wurden alle Klippen umschifft. Ein reicher Mann beauftragt Tom Ripley (Andrew Scott), nach Italien zu reisen, um seinen vagabundierenden Sohn zur Rückkehr zu bewegen. Als Tom den Auftrag annimmt, ist das der erste Schritt in ein Leben voller Täuschung, Betrug und Mord. Besser als ein Twitter-Bekannter könnte ich es nicht formulieren: «Nahe der Perfektion. Schauspieler, Story, Soundtrack, Fotografie… einfach unglaublich gut!»

Tschugger – Schlussstaffel 4 (SRF)
Was für ein Serienfinale: Bax und Co. schaffen es bis in die USA zu einer Anhörung. Dabei ist die meiste Zeit natürlich das Wallis das Betätigungsfeld des Supercops. Als eine Wandergruppe ein ausgebranntes Auto entdeckt, in dessen Kofferraum eine verkohlte Leiche liegt, ist das der Beginn von viel Ungemach für Bax und seinen Polizeikollegen Pirmin. Mit Smetterling, Valmira und Juni sind alle liebgewordenen Figuren noch einmal mit von der Partie. Dass dem Schweizer Fernsehen jemals eine so leichtfüssige Unterhaltungsserie gelingen würde, wer hätte das gedacht. Genau mein Humor!

Criminal Record – Staffel 1 (Apple TV+)
Eine Polizeithriller-Serie, die von etlichen Volten und den Hauptdarstellern lebt, zum einen der jungen Ermittlerin June Lenker (Cush Jumbo), zum anderen dem alternden Hauptkommissar Daniel Hegarty (Peter Capaldi). Es geht letztlich nicht nur um einen Mordfall, sondern um Rassismus und institutionelles Versagen in einem Polizeiapparat, der nicht über alle Zweifel erhaben ist, um es zurückhaltend auszudrücken. Eine Staffel 2 ist angekündigt.

Die Zweiflers – Staffel 1 (ARD)
Die Geschichte einer jüdischen Familie, die gefordert wird, nachdem der Patriarch beschlossen hat, das Feinkost-Imperium zu verkaufen. Dabei kommen dunkle Erinnerungen aus der Vergangenheit zum Vorschein. «Eine Serie, die sich mit viel Witz und einer wohltuenden Wahrhaftigkeit mit den Alltagssorgen, Generationskonflikten und Identitäts-Auseinandersetzungen einer jüdischen Familie im heutigen Deutschland auseinandersetzt, gibt es wahrlich nicht alle Tage», hat die «Jüdische Allgemeine» dazu geschrieben. Wie treffend.

Little Bird – Miniserie (Arte)
Bereits 2023 veröffentlicht, aber auf Arte erstmals 2024 in Europa zu sehen. Eine nach wahren Begebenheiten erzählte Geschichte von der systematischen Wegnahme von Kindern von indigenen Familien im Kanada der Sechzigerjahre. Sie sollten in Internaten oder bei weissen Adoptivfamilien aufwachsen – gewissermassen in guten Händen. Bei Esther Rosenblum kommen die Erinnerungen an ihre Kindheit just vor der Hochzeit in besten jüdischen Kreisen wieder hoch. Sie sucht nach ihrer leiblichen Familie. Erschütternd und zu Tränen rührend.

This Town – Miniserie (BBC One)
Junge Leute unterschiedlicher Herkunft und Hautfarbe werden in Coventry und Birmingham mit Ska und Two Tone sozialisiert. Die Musik ist identitätsstiftend, verhindert aber nicht gesellschaftliche Spannungen im Vereinigten Königreich. «Peaky-Blinders»-Macher Steven Knight versteht den Sechsteiler als Liebesbrief an die Region, in der er aufgewachsen ist.

Ebenfalls gern gesehen (nicht alles mit Entstehungsjahr 2024):
«Alter Ego» – Miniserie (RSI)
«Haus aus Glas» – Miniserie (Arte/ARD)
«Informant (Angst über der Stadt)» – Miniserie (Arte)
«Limbo (Gestern waren wir noch Freunde)» – Miniserie (Arte)
«L’ultim Rumantsch» – Miniserie (RTR)
«Mum» – Staffeln 1 bis 3 (BBC Two)
«Maestro (in Blue)» – Staffel 2 (Netflix)
«Oderbruch» – Miniserie (ARD)
«One Day» – Miniserie (Netflix)
«Testo» – Miniserie (ARD)
«The Durrells (Die Durrells auf Korfu)» – Staffeln 1 bis 4 (ITV/Arte)
«The Walking Dead: The Ones Who Live» – Staffel 1 (AMC/Sky)

Fertig geschaut (aus eingangs erwähnten Gründen), aber ohne Potenzial für eine Weiterempfehlung:
«Annika» – Staffel 2 (BBC)
«Blood River» – Miniserie (Arte)
«Bodkin» – Miniserie (Netflix)
«Borders» – Miniserie (ZDF Neo)
«Machine (Die Kämpferin)» – Miniserie (Arte France)
«Schleudergang» – Miniserie (BR/ARD)
«So Long, Marianne» – Miniserie (NDR)
«The Tourist» – Staffel 2 (BBC One)
«Where’s Wanda?» – Staffel 1 (Apple TV+)

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