Das Beste 2020 – TV-SERIEN

64 Serien, 74 Staffeln – das ist meine quantitative TV-Serien-Bilanz 2020. Diese Zahlen sind nicht zum Bluffen. Natürlich ist diese Menge Corona geschuldet. Aber nicht nur. Es gibt derart viele derart gute Serien, dass ich mich ihnen auch in gewöhnlichen Zeiten gewidmet hätte, vielleicht einfach in etwas geringerer Dosis oder zeitverzögerter. Jedenfalls bot 2020 umständehalber die Möglichkeit, lange Aufgeschobenes oder Verpasstes nachzuholen. Auch solche, schon etwas ältere Serien, seien hier erwähnt. Es ist dies der erste Versuch, die Liste – in alphabetischer Reihenfolge – nach Genres zu strukturieren, wobei es natürlich grosse Trennunschärfen gibt. Den Anfang machen Serien mit Humor und damit fürs Gemüt. Kann man ja gut gebrauchen zurzeit… Und natürlich seien nur jene Serien erwähnt, die meiner Meinung nach eine gute Bewertung verdient haben (ab 4 von 5 Maximalpunkten). Zu meiner Halbjahresbilanz, auch das sei noch erwähnt, kann es punktemässig gewisse Abweichungen geben – weil die eine Serie besser, das andere schlechter gealtert ist. Das meiner Meinung nach Allerbeste zum Schluss in einer Art Zusammenfassung.
Nachtrag: Per 31.12. sind es 66 Serien und 76 Staffeln geworden. Wider Erwarten habe ich die französisch-kanadische Sensationsserie «M’entends-tu?» auch noch geschafft.


HUMOR / KOMÖDIEN

«After Life» (Staffeln 1 und 2; Netflix)
5/5 (Bewertung)
«Atypical» (Staffeln 1 bis 3; Netflix)
4,5/5
«Catastrophe» (Staffeln 1 und 2; Channel 4/BBC)
4/5
«Dead To Me» (Staffeln 1 und 2; Netflix)
4,5/5
«Home For Christmas» (Staffeln 1 und 2; Netflix)
4,5/5
«I Am Not Okay With This» (Staffel 1; Netflix)
4/5
«Love & Anarchy» (Staffel 1; Netflix)
5/5
«Never Have I Ever» (Staffel 1; Netflix)
4/5
«New Girl» (Staffeln 4 bis 7; Netflix)
4/5
«Schitt’s Creek» (Staffeln 1 bis 3; CBC)
4,5/5
«Sex Education» (Staffel 2; Netflix)
4,5/5
«Space Force» (Staffel 1; Netflix)
4/5
«Ted Lasso» (Staffel 1; Apple TV+)
5/5


VERBRECHEN / THRILLER

«Arctic Circle – Der unsichtbare Tod» (Miniserie; ZDF)
4/5
«Darkness – Schatten der Vergangenheit» (Staffel 1; Arte)
4,5/5
«Das Geheimnis des Totenwaldes» (Miniserie; ARD)
4,5/5
«Des» (Minserie; ITV/Sky)
5/5
«Follow The Money» (Staffel 3; Arte)
4,5/5
«Gangs Of London» (Staffel 1; Sky Atlantic)
4,5/5
«Marcella» (Staffel 3; Netflix)
5/5
«Moloch» (Miniserie; Arte)
4/5
«Ozark» (Staffel 3; Netflix)
5/5
«Suburra» (Schlussstaffel 3; Netflix)
5/5
«The Capture» (Miniserie; BBC One)
4,5/5
«The Pleasure Principle – Geometrie des Todes» (Miniserie; Arte)
4/5
«Wild Bill» (Staffel 1; ITV)
4/5
«Young Wallander» (Staffel 1; Netflix)
4/5
«ZeroZeroZero» (Staffel 1; Sky)
5/5


DRAMA

«Amour fou – Obwohl ich dich liebe» (Miniserie; Arte)
4,5/5
«Bad Banks» (Staffel 2; ZDF/Arte/Netflix)
4/5
«Better Call Saul» (Staffel 5; Netflix)
5/5
«Big Little Lies» (Staffeln 1 und 2; HBO/Sky)
4,5/5
«Billions» (Staffel 5; Showtime/Sky)
4/5
«Dérapages – Aus der Spur» (Miniserie; Arte)
4/5
«A Wedding, A Funeral, A Christening – Eine Hochzeit mit Folgen» (Miniserie; Arte)
4/5
«Fargo» (Staffel 4; FX)
Ohne Wertung, da noch nicht zu Ende geschaut
«Fauda» (Staffel 3; Netflix)
5/5
«Frieden» (Miniserie; SRF)
4,5/5
«Homeland» (Schlussstaffel 8; Showtime)
4,5/5
«I May Destroy You» (Miniserie; BBC One/HBO/Sky)
5/5
«Killing Eve» (Staffel 3; BBC America)
4,5/5
«M’entends-tu?» (Staffeln 1 und 2; Netflix)
5/5
«No Man’s Land – Kampf um den Halbmond» (Miniserie; Arte)
4/5
«Shtisl» (Staffeln 1 und 2; Netflix)
5/5
«Small Axe» (Miniserie; BBC One)
5/5
«Stateless» (Miniserie; Netflix)
4,5/5
«Succession» (Staffeln 1 und 2; HBO/Sky)
5/5
«Tehran» (Staffel 1; Apple TV+)
4,5/5
«The Looming Tower» (Miniserie; Hulu)
4,5/5
«The Queen’s Gambit» (Miniserie; Netflix)
5/5
«Unorthodox» (Miniserie; Netflix)
5/5
«Unterleuten – Das zerrissene Dorf» (Miniserie; ZDF)
4,5/5
«Yellowstone» (Staffel 1; Paramount Network)
4,5/5


FANTASY / MYSTERY / HORROR

«Dark» (Schlussstaffel 3; Netflix)
4,5/5
«Devs» (Staffel 1; FX Network/Sky)
4,5/5
«Preacher» (Schlussstaffel 4; AMC)
4/5
«Ragnarök» (Staffel 1; Arte)
4,5/5
«Tales From The Loop» (Staffel 1; Amazon)
5/5
«The Outsider» (Staffel 1; HBO/Sky)
4,5/5
«Watchmen» (Staffel 1; HBO/Sky)
4,5/5


ENTTÄUSCHUNGEN

«A Herdade – Land im Sturm» (Miniserie; Arte)
«Al Hayba» (Staffel 1; MTV Lebanon/Netflix)
«Das Team» (Staffel 2; Arte)
«Freud» (Staffel 1; ORF/Netflix)
«L’agent immobilier – Mein sprechender Goldfisch» (Arte)
«Messiah» (Staffel 1; Netflix)
«Swedish Dicks» (Staffel 1; Pop TV/Netflix)
«The Valhalla Murders» (Staffel 1; BBC Four/Netflix)


IN PLANUNG

«Cellule de Crise – Ohne Grenzen» (Staffel 1; SRF/Play Suisse)
«Fargo» (Staffel 4, die letzten Folgen; FX)
«Industry» (Staffel 1; BBC Two/Sky)
«M’entends-tu?» (Staffel 3; Netflix)
«Normal People» (Miniserie; BBC Three/Hulu)
«Schitt’s Creek» (Staffeln 4 bis 6; CBC)
«Twin Peaks» (Staffel 3, die letzten Folgen; Sky)
«Yellowstone» (Staffeln 2 und 3; Paramount Network)


DAS BESTE VOM BESTEN

«Shtisl» (Netflix)
In Israel lief die erste Staffel bereits 2013. Dank Netflix gewann die Geschichte um eine ultraorthodoxe Familie und ihren Alltag in einem Vorort von Jerusalem ein grösseres Publikum. Ein Geheimtipp ist sie hierzulande aber immer noch. Selten schon ist mir um Filmfiguren so warm ums Herz geworden wie bei dieser Serie aus einem Kulturkreis, der eigentlich nicht fremder sein könnte. Auf eine dritte Staffel wird sehnlichst gewartet, nicht zuletzt im Herkunftsland selber – «Shtisl» hat dort nicht weniger als zu einem Stück Völkerverständigung beigetragen. 2021 soll es mit der Ausstrahlung so weit sein (siehe Trailer). Ach ja: Wer sich die bekanntere Serie «Unorthodox» zu Gemüte geführt hat, in der es im Wesentlichen ebenfalls ums Lieben und Leiden in strenggläubigen jüdischen Kreisen geht – die dortige Hauptdarstellerin Shira Haas ist auch in «Shtisl» in einer tragenden Rolle zu sehen.


«I May Destroy You» (BBC One/HBO/Sky)
Eine sexuelle Belästigung in einem Nachtclub wirft die junge Autorin Arabella komplett aus der Bahn. Waren es K.o.-Tropfen oder sonst ein alkohol-/drogenbedingter Filmriss? Wer war der Täter? Die Geschichte basiert auf einer tatsächlichen Missbrauchserfahrung der Hauptdarstellerin (Michaela Coel), die auch das Skript zu dieser Serie geschrieben, als Produzentin fungiert und bei einigen Folgen Regie geführt hat. Die amerikanisch-britische Produktion ist schlicht eine Sensation – das wohl eindringlichste Serienerlebnis des Jahres. Es ist auch ein Porträt der Generation Tinder, wo sich alle zuballern, was das Zeug hält. Bewusstseinsverändernde Substanzen wie sexuelle Erlebnisse werden reingezogen wie Fastfood. Dass das verdammt wehtun kann, ist eine der schmerzlichen Erkenntnisse von «I May Destroy You». «Once seen and never forgotten», schreibt der «Guardian» zu diesem Zwölfteiler und beurteilt ihn als beste Serie des Jahres. True!


«Suburra» (Netflix)
Von manchen Serien wünschte man sich, sie würden endlich zu Ende gehen, gibt es doch genügend Beispiele, wo die Macher den Rank nicht fanden, um zu einem Punkt zu kommen. Bei der italienischen Mafiaserie «Suburra», die immer etwas im Schatten von «Gommorah» stand, waren es pro Staffel (total drei) immer zwei Folgen weniger. In sechs Mal knapp 50 Minuten sollte also die Geschichte todverfeindeter Familien und die dreckige Rolle einzelner Politiker und kirchlicher Würdenträger fertigerzählt werden? Ja, leider, ist in diesem Fall zu sagen. Denn es geht fast etwas zu schnell, zu drastisch, zumal die Partnerinnen von Spadino und Aureliano für ganz neue Konstellationen sorgen. Aber ach: Wer dem organisierten Verbrechen angehört, weiss, dass er gefährlich lebt. Und Empathie haben die allesamt äusserst brutalen Figuren nicht verdient. Der Abschied von «Suburra» schmerzt trotzdem…


«Love & Anarchy» (Netflix)
Bei nordischen Serien kommen einem ja in erster Linie düstere Thriller à la «Die Brücke» in den Sinn. Diese leichtfüssige Komödie um eine erfolgreiche Beraterin und Familienfrau, die bei der Arbeit auf einen jungen Programmierer trifft, welcher sie beim Masturbieren erwischt, zeigt eine andere Facette des dortigen Schaffens. Erwähnte Szene ist der Auftakt zu einem gewagten Flirt, stellen sich die beiden doch in der Folge Aufgaben wie einen ganzen Tag lang Rückwärtslaufen. Was leicht abgedreht tönt, ist es auch. «Love & Anarchy» ist überdies ein wunderbares Beispiel der offenen Lebensformen in Schweden. Dasselbe ist mir übrigens bei der erst kurz vor den Festtagen entdeckten norwegischen Serie «Home For Christmas» aufgefallen. Dass in beiden selbstbewusste Frauen im Mittelpunkt stehen, auch wenn sie in manchen Lebensphasen stark an sich zweifeln, versteht sich wohl von selbst. «Love & Anarchy» wie «Home For Christmas» bieten allerbeste Unterhaltung.


«Better Call Saul» (Netflix)
Es gibt kaum eine Serie, bei der ich mich so nach einer Fortsetzung sehne, wie bei diesem Krimidrama. Die Anknüpfung an «Breaking Bad» ist nun mit Händen zu fassen in der fünften Staffel des Prequels «Better Call Saul». Jimmy McGill ist immer noch der erfolglose Anwalt aus Albuquerque. Sukzessive läuft er allen Figuren, die in «Breaking Bad» eine Rolle spielen, über den Weg. Nur Crystal-Meth-Hersteller Walter White und der Kleinkriminelle Jesse Pinkmann fehlen noch. Ich gehe jede Wette ein, dass den Machern mit der Schlussstaffel 6 noch manche Überraschung gelingt, um aus McGill Saul Goodman werden zu lassen. Etwas Geduld ist gefragt, beginnen die Dreharbeiten coronabedingt doch erst im Frühjahr 2021, mit der Ausstrahlung ist kaum vor 2022 zu rechnen.


«Fauda» (Netflix)
In der Serie «Fauda» (arabisch für Chaos») geht es um eine israelische Undercover-Einheit, diesmal auf der Suche nach einem Soldaten, der unter falscher Identität arabische Terroristen jagt. Wie diese Einheit mit Doron Kavillio als Hauptidentifikationsfigur in Hamas-Kreisen im Westjordanland ihrem Job nachgeht, sorgt für nervenzehrende Spannung. Dass eine solche Aufgabe auch Einfluss auf den Alltag der Mitglieder der Einheit hat, ist sonnenklar. Was ihre Leben eher beeinflusst, die brandgefährlichen bewaffneten Einsätze oder immer mal wieder drohende zwischenmenschliche Kollateralschäden, sei hier mal dahingestellt. Auf jeden Fall zählt «Fauda» zum besten Serienschaffen der letzten Jahre. Eine Staffel 4 ist in Arbeit.


«The Queen’s Gambit» (Netflix)
Und last but not least die Aufsteigerstory des Jahres. Beth wächst in den Fünfzigerjahren in einem Waisenhaus in Kentucky auf. Der verschlossene Hausmeister macht sie – verbotenerweise – mit der Schachwelt bekannt. Beth hat eine besondere Begabung für das Spiel mit den schwarz-weissen Figuren. Aber auch ein Suchtproblem. In ihrer Pflegemutter, die sie aus dem Heim holt, bekommt sie eine Verbündete. Und schlägt im Schach bald alle Männer, selbst die Russen. Auch wenn man mit Schach nicht viel am Hut hat, dies ist eine der bezauberndsten Serien seit Langem, nicht zuletzt dank der fantastischen Anya Taylor-Joy in der Hauptrolle. Wenn ich diese Liste auf eine einzige Empfehlung für Serien-Freund*innen verkürzen müsste, es wäre wohl «The Queen’s Gambit».

Das Beste 2020 – TONTRÄGER

Keine Jahresbestenliste 2020 ohne Corona-Einfluss. Seltsamerweise mit dem Effekt, dass mich kaum eine Liste der diversen Pop-Gazetten, Internetportale, Radiostationen oder Blogs wirklich glücklich macht. Na ja… dann halt der eigenen Nase bzw. den eigenen Ohren nach. Für Listenfreaks lohnt sich übrigens, wie immer, ein Blick auf Albumoftheyear.org.

Dino Brandão/Faber/Sophie Hunger, «Ich liebe Dich»
Das Beste kommt zum Schluss. Erst zum Ende dieses Jahres veröffentlicht, hat sich dieses Album innert Tagen zu einem absoluten Liebling entwickelt. Es ist eine umso berührendere Liedsammlung, wenn man weiss, dass sie so nie geplant war. Faber, Sophie Hunger und das Hunger-Bandmitglied Dino Brandão – eine veritable Schweizer Singer/Songwriter-Supergroup – haben den Livekonzert-Lockdown genutzt, um ihre Seelen nach aussen zu kehren und sich in Mundart, und zurückhaltend instrumentiert, allen Facetten der Liebe zu widmen. Das geht so nah, wie es sonst nur die Liebe selber tut. Anspieltipp: «Derfi di hebe».

Sault, «Untitled (Black Is)»
Sault, «Untitled (Rise)»
DER politische Kommentar zur Black-Lives-Matter-Bewegung, und das gleich im Doppelpack. Das weitgehende anonyme Musikerkollektiv aus Grossbritannien hat alle Spielarten schwarzer Musik drauf: Soul, R’n’B, Gospel, Disco, Funk, Afrobeat, House. Die gereckte Faust auf dem Cover des im Juni veröffentlichten Albums «Untitled (Black Is)» sagt alles – Protest, Gegenkultur ist nötiger denn je. Drei Monate später dann «Untitled (Rise)» mit gefalteten Händen auf dem Cover und einer Spur mehr Zuversicht. «Von Ohnmacht zu Empowerment», wie es ein Kritiker treffend ausdrückte. Auf Youtube steht das ganze Album «Untitled (Black Is)» zur Verfügung.

Kjellvandertonbruket, «Doom Country»
Christian Kjellvander, «About Love And Loving Again»

Ebenfalls mit zwei Alben innerhalb eines Jahres wartet der schwedische Singer-Songwriter Christian Kjellvander auf. Für mich ist seine tiefe, ruhige Stimme immer wieder Balsam auf die Seele. «Doom Country» ist eine Kollaboration mit einer anderen nordländischen Institution: der Jazzformation Tonbruket. Insbesondere der Dreiteiler «Normal Behaviour In A Cutting Garden» hat hypnotische Wirkung. Etwas konventioneller geht es auf «About Love And Loving Again» zu und her. Auf diesem Album erinnert Kjellvander so stark wie noch nie an Nick Cave oder Leonard Cohen. Anspieltipp: «Process Of Pyoneers».

Sparks, «A Steady Drip, Drip, Drip»
Die Gebrüder Ron und Russell Mael sind beide schon deutlich jenseits der 70. Wie es die Kalifornier schaffen, immer noch so überdrehte, vor Jugendlichkeit strotzende Popmusik zu machen, bleibt ihr Geheimnis. Jedenfalls haben Sparks 14 neue Songs aus dem Ärmel geschüttelt, die einen durch die Wohnung hüpfen lassen und einem ein Lächeln ins Gesicht zaubern, sobald sie erklingen. Müsste ich für das Morgenprogramm eines Radiosenders die Musik zusammenstellen, ich würde das Album integral abspielen. Jeden Tag. Anspieltipp: «All That».

Don Bryant, «You Make Me Feel»
Einer dieser grossartigen Künstler, die ihre Arbeit vor allem hinter den Kulissen für andere verrichteten. Der inzwischen 78-jährige Don Bryant hat u.a. für Ann Peebles in den Siebzigern den später auch von Tina Turner gecoverten Hit «I Can’t Stand The Rain» geschrieben. Unterstützt von der fantastischen Begleitcombo The Bo-Keys aus dem Stax/Memphis-Umfeld ist nun ein zweites Album erschienen, auf dem der Veteran seine ausdrucksstarke Soulstimme erklingen lässt. Zeitlose Musik, wie sie authentischer nicht sein könnte. Mit «Is It Over» enthält «You Make Me Feel» zudem die Ballade des Jahres. Derselbe Song hier in einer Live-Version.

La Rue Kétanou, «2020»
Wer vermisst nicht jene Livekonzerte, an denen so richtig die Post abging und alle tanzten, als gäbe es kein Morgen. Eine dieser Bands, die für solche Erlebnisse sorgt, wenn nicht gerade Corona herrscht, heisst La Rue Kétanou und stammt aus Frankreich. Weshalb es die drei Strassenmusiker auf die grossen Bühnen gebracht haben, zeigt dieses Album. Schmissige Weisen, mehrstimmiger Gesang, ein Akkordeon zum Dahinschmelzen. La Rue Kétanou haben alles zu bieten zwischen Folk, Reggae und Balkan. Hörtipp: Konzert am Festival Au fil de l’eau.

Hamilton Leithauser, «The Loves Of Your Life»
Hamilton Leithauser, «Live! At Café Carlyle»

Und schon wieder ein Doppelpack, wobei mir das Livealbum mit seiner kuriosen Abmischung und dem lahmen Applaus nur bedingt gefällt. Aber der Song «Here They Come», der auch aus dem Studioalbum «The Loves Of Your Life» herausragt, ist schlicht grandios. Ebenfalls das gleich nachfolgende Big-Thief-Cover «Not». Hamilton Leithauser hat eine Stimme zum Niederknien, was auch einigermassen verschmerzen lässt, dass seine Hauptband The Walkmen seit 2013 auf umbestimmte Zeit pausiert. Anspieltipp: «Here They Come».

Dub Spencer & Trance Hill, «Tumultus II»
Im Ranking der schlechtesten Bandnamen kommt die Schweizer Instrumental-Dub-Formation nicht von einem Spitzenplatz weg. Aber spielt der Name eine Rolle, wenn der Inhalt dermassen stimmt? Die Ausgangslage für dieses Album ist ja einigermassen speziell: Es geht um Alltagsgeräusche zu Zeiten römischer Legionäre, also klirrenden und scheppernden Rüstungen und Waffen, marschierenden Truppen, kämpfenden Gladiatoren, die von Fanfarenklängen begleitet werden. Mit Dub ist dieses ausgeklügelte Konzeptalbum nur dürftig umschrieben. Es lässt sich auch ansonsten nur schwer in Worte fassen. Deshalb: Wer offene Ohren hat, der höre… Anspieltipp: «Tumultus».

Jarv Is… Jarvis Cocker, «Beyond The Pale»
Wie schon bei Christian Kjellvander der erste Eindruck: Ist da Leonard Cohen am Werk? Ist er nicht, dafür der ehemalige Frontmann der Band Pulp: Jarvis Cocker. Mit jedem Soloalbum begeht der Brite neue Wege. Hymnischer Pop mit psychedelischen Anstrichen ist es diesmal. Die Rhythmen treiben die üppig instrumentierten Songs voran. Moll kommt klar vor Dur, wobei das Album gerade deshalb – und trotz eher düsterer Inhalte – eine einnehmende Wärme ausstrahlt. Dazu jubilieren Chöre im Überfluss. Anspieltipp: «Save The Whale».

Israel Nash, «Topaz»
Israel Nash, «Across The Water»
Die 21 Minuten lange und fünf Songs umfassende EP «Topaz» ist zwar nur der Vorbote für ein ganzes Album 2021. Aber: Ich kann mich nicht satthören an diesem «Southern Rock in Zuckerwatte» (Zitat aus einer Kritik). Das überquillt förmlich von Gitarren, Chören, Bläsern und der Reibeisen-Stimme des texanischen Rockers Israel Nash. Vor allem aber: Es sind samt und sonders sackstarke Songs. Die ebenfalls dieses Jahr veröffentlichte Live-Scheibe «Across The Water» kann mich dagegen wegen der Setlist und der bescheidenen Aufnahmequalität nicht wirklich begeistern. Anspieltipp ab «Topaz»: «Southern Coasts».

Ebenfalls gern und häufig gehört habe ich (in alphabetischer Reihenfolge):
A.A. Williams («Forever Blue»)
Aeronauten («Neun Extraleben»)
Arca («@@@@@»)
Baxter Dury («The Night Chancers»)
Bettye LaVette («Blackbirds»)
Bill Callahan («Gold Record»)
Chris Forsyth with Garcia Peoples («Peoples Motel Band»)
Crucchi Gang («Die Italo Compilation»)
Denise Sherwood («This Road»)
Einstürzende Neubauten («Alles in allem»)
Elvis Costello («Hey Clockface»)
Elbow («Elbowrooms»)
Fleet Foxes («Shore»)
Fontaines D.C. («A Hero’s Death»)
Hermanos Gutierrez («Hijos Del Sol»)
Idles («Ultra Mono»)
Jah Wobble («In Dub II»)
Joe Volk & Naiare («Primitive Energetics»)
Kruder & Dorfmeister («1995»)
Div. LateNightTales (Hot Chip)
Div. LateNightTales (Kruangbin)
Les Hurlements d’Léo («Mondial Stéréo»)
Manuel Stahlberger/Bit-Tuner («I däre Show»)
Mavericks («En Español»)
Monophonics («It’s Only You»)
Moses Sumney («Grae»)
Other Lives («For Their Love»)
Perfume Genius («Set My Heart On Fire Immediatly»)
Rufus Wainwright («Unfollow The Rules»)
Sonny Green («Found! One Soul Singer»)
Sophie Hunger («Halluzinationen»)
Tami Neilson («Chickaboom!»)
The Soft Pink Truth («Shall We Go On Sinning So That Grace May Increase?»)
Travis («10 Songs»)
Troubas Kater («Iz eifach nid abe luege»)
Wire («Mind Hive»)

Enttäuschung des Jahres:
Archive («Versions» und «Versions: Remixed»): Wie kann man bloss ein grossartiges Werk zu schlechteren Versionen verhunzen und diese dann noch viel bedenklicher remixen (lassen)?

Einzelne Songs:
All diese Gewalt («Andere»)
Bob Dylan («Murder Most Foul»)
Dralms («Plants Behind Glass»)
Ghostpoet («Concrete Pony»)
Grandaddy («RIP Coyote Condo #5»)
John Cale («Lazy Day»)
Lawrence Arabia («Malade»)
Mothers Pride («Count Your Angles», «Old Enough To Die Young» und «When Love Comes Knocking»)
Motorpsycho («N.O.X. I–V»)
Nils Frahm («Fundamental Values»)
Patrick Watson («Lost With You»)
Puts Marie («Love Boat 2»)
Sleaford Mods/Billy Nomates («Mork n Mindy»)
Steiner & Madlaina («La Dolce Vita»)
Tindersticks («You’ll Have To Scream Louder»)
Tocotronic («Hoffnung»)

Eine Welt, die nicht die meine ist

Irgendwann ist das erste Mal. Als begeisterter Konzert- und Festivalgänger habe ich 2019 meine Premiere am Schlager-Open-Air in Flumserberg gefeiert. Dabei ist Schlager die einzige Musik, die ich nicht mag. Es kam, wie es kommen musste – nicht wirklich gut.

von Hans Bärtsch (Text und Bilder)

Bungee-Jumping, Insekten essen, Canyoning in engen, unerforschten Schluchten, eine giftige Schlange in die Hände nehmen, mit dem Bike einen wilden Downhill-Trail hinunterrasen, ein Auftritt in einer Karaoke-Bar: Es gibt unzählige Herausforderungen, denen man sich in unserer Spassgesellschaft stellen kann. Ein gewisser Nervenkitzel verleiht dem Leben Würze. Die Herausforderungen sind für jedermann und -frau andere. Für den einen ist die Besteigung des Pizols ein Klacks, für die andere (wegen Höhenangst) ein Horror. 

Fit und ohne Höhenangst 

Im Redaktionsalltag beim «Sarganserländer» ist die richtige Arbeitszuteilung ein Dauerthema. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter müssen grundsätzlich zwar alle Aufgaben übernehmen können. Aber man schaut, wo deren Stärken sind. Und eben auch Schwächen. Um beim Beispiel Pizol zu bleiben: Der oder die Schwindelfreie wird für eine allfällige Berichterstattung dorthin geschickt und nicht eine Person mit Höhenangst und fehlender Fitness.

Schwupps, sitzt eine Juzi-Brille auf dem Kopf: Ohne solche Accessoires kein richtiger Schlager-Fan.

Das Schlager-Festival vom 31. Juli in Flumserberg ist seit Jahren ein gesetztes Datum für unseren Chefredaktor und einen freien Mitarbeiter als Fotografen. Dass plötzlich mein Name ins Spiel kam, hatte mit einer Aufgabe für die Kolleginnen und Kollegen zu tun, von der man weiss, dass diese ihnen nicht besonders liegt. «Pflichtaufgabe» heisst die Herausforderung folgerichtig. Irgendwann, irgendwie musste auf der Redaktion durchgesickert sein, dass ich zwar geradezu fanatisch Musik höre und Konzerte besuche, wobei es für mich von freiem Jazz bis urtümliche Volksmusik, von Progrock bis kolumbianischen Cumbia, von Neo-Klassik bis Reggae, Blues, Americana, Soul, Elektro-Pop und Indie-Rock stilistisch kaum Grenzen gibt. Die grosse Ausnahme: Schlager. Dieses Heile-Welt-Gesülze ist mir richtiggehend zuwider. Mit Schlager werde ich journalistisch nie zu tun haben, dachte ich immer, da andere sich darum reissen. Bis ich von meiner Straf-, Pardon: Pflichtaufgabe vernahm. 

Dirndl und Lederhosen 

Nun denn, auf in den Kampf. Das Ticket ist besorgt, die Aufgabe bewusst nur sehr vage umrissen. «Luegsch emol…» wurde mir hoffnungsvoll auf den Weg mitgegeben, verbunden mit den tröstenden Worten, dass es sicher nicht so schlimm sein werde. Denkste! Bereits beim Warten aufs Postauto frage ich mich, ob parallel zum Schlager-Festival irgendwo in der Region auch noch ein verfrühtes Oktoberfest stattfindet. Spätestens in Flums merke ich, dass man offenbar verkleidet ans Schlager-Open-Air geht, mit Dirndl und Lederhosen, einer roten Zipfelmütze vom letzten Juzi-Konzert oder im Minimum einer knalligen Sonnenbrille. Nicht ganz zu den Outfits passen die klobigen Wanderschuhe für den Fall, dass es regnen und matschig werden sollte.

Fototermin mit Stefan Roos: Chefredaktor Reto Vincenz und Freundin Claudia in Festlaune.

Auf dem Berg dann ist alles sehr vertraut mit einer Infrastruktur, wie man sie von zig andern Festivals kennt: Bühne, Foodstände, Toi-Toi-Anlagen, freundliche, aber bestimmte Security, VIP-Bereich. Dass die ersten Besucher schon am frühen Nachmittag mit einer gewissen Schräglage unterwegs sind, kann eigentlich nur eines bedeuten: Auch das sind keine Schlagerfans, die trinken sich den Anlass jetzt einfach schön, weil sie lebensabschnittspartnerbedingt mitmussten. Bekannte, die hier mitlesen und deren Namen ich deshalb nicht verraten darf, meinen, nur «mit voller Lampe» halte man die Musik hier aus und erlebe dafür ein Riesenfest. Dass ich als Teil der Aufgabe auf Alkohol verzichten sollte, sei an dieser Stelle auch noch erwähnt. Es erleichterte meine Aufgabe nicht gerade. 

Cohen und Joplin gecovert 

Nach zehn Minuten auf dem Festivalgelände ist klar – das geht sogar gar nicht. Denn was da im Halbstundentakt von der Bühne kommt, ist für meine Ohren eine regelrechte Tortur. Der Tiefpunkt ist erreicht, als ein Akteur sich an Songs zweier meiner Lieblingskünstler vergeht: Leonard Cohen und Janis Joplin. «Hallelujah» und «Piece Of My Heart» werden regelrecht gemeuchelt. Das kann doch nicht sein, geht unablässig durch meinen Kopf, nunmehr sehr empfänglich für Bier, das fliesst wie bei einem Oktoberfest. Was danach kam, weiss ich nicht mehr so genau, denn plötzlich habe ich eine Juzi-Sonnenbrille auf dem Kopf, Bekanntschaft mit völlig Unbekannten geschlossen, Fotos mit Stefan Roos geschossen, eine Einladung zu einer Kuschelnacht im Schlafsack erhalten. Wir haben es lustig, ein Spruch folgt dem anderen. «Gsehsch, eso laufts!» meint mein Chef. Und: «Jetzt bisch voll derbi!» Im Halbstundentakt wechselt derweil auf der Bühne das Mikrofon die Hände. Unablässig wird an die Hände des Publikums appelliert – man solle doch bitteschön mitklatschen, -wippen und -singen – eins, zwei, hossa. 

Singende Vögel, was für eine Wohltat 

Irgendwann meldet sich der Hunger und der Gwunder, wie sich das Festival von oben, sprich von ausserhalb der Abschrankungen her präsentiert. Wie von einem Magneten angezogen zieht es mich, mit einer feinen Cervelat in der Hand, immer weiter den Hang hinauf, bis ich auf dem Weg zum Seebenalpsee bin. Mit jedem Schritt verliert sich die Musik weiter, bis gar nichts mehr zu hören ist als singende Vögel, die Glocken von Kühen und der Wind in den Bäumen. Was für eine Wohltat. Ich verlangsame meinen Gang, um den Walensee weit unten zu geniessen und die Sonne, die sich zum Tagesende doch noch zeigt. Wieder zurück auf dem Festivalgelände kommts zu einen Schwatz hier und dort, zaghaften, aber vergeblichen Versuchen, erneut ins fasnachtsähnliche Geschehen einzutauchen. Doch es ist klar, hier habe ich nichts (mehr) verloren. Es ist einfach nicht meine Welt. Wann die nächste Fahrt nach Sargans gehe, will ich vom Disponenten der Postautokurse wissen. Er schaut mich mitleidig an und denkt sich wohl: «Aha, da hat es einer zu steil angehen lassen und muss jetzt schon aufgeben.» Dabei will ich doch, inzwischen wieder topfnüchtern, nur nach Hause – einfach so schnell wie möglich.

Blick von aussen: 12’000 vergnügen sich am Schlager-Open-Air 2019 in Flumserberg.

Kleiner Nachtrag: Wie mein Chef in seinem Bericht richtig geschrieben hat, wars ein gelungener, friedlicher Anlass mit rund 12’000 glücklichen Besucherinnen und Besuchern. Dass mein subjektiver Erfahrungsbericht jemandem die Freude an Schlagermusik vergällt, glaube ich nicht. Denn: Jedem das seine. Das meine ich ganz ehrlich. Und ziehe die Schlussfolgerung, dass es möglicherweise doch nicht jede Herausforderung wert ist, angenommen zu werden.

BOX

Weil dieser Artikel viel – zumeist positives – Echo ausgelöst hat, sei er hier zum 1-Jahr-Jubiläum wiederholt. Es sei auch – Achtung: Sarkasmus! – eine kleine Träne vergossen, dass das Schlager-Open-Air 2020 in Flumserberg coronobedingt nicht stattfinden konnte. (hb)

Teil des ursprünglich vorgesehenen Programms 2020: Daraus wurde coronabedingt nichts.

TV-Serien 1/2020

Coronabedingt ist der TV-Serien-Konsum bei mir in den letzten Monaten geradezu explodiert. Nebst dem Üblichen, sprich freudigst erwarteten Fortsetzungen (u.a. «Better Call Saul») und grossartigen Neuheiten (u.a. «ZeroZeroZero»), bin ich auch Liegengebliebenes aufzuschaffen gekommen, von dem ich wusste, es lohnt sich. Stand Mitte Juni sind das total 37 Serien, vier davon abgebrochen (u.a. «Messiah»). Hier meine Halbjahresbilanz (jeweils in alphabetischer Reihenfolge). Welcher Streamingdienst die Nase mit seinen Eigenproduktionen, aber auch geschickten Einkäufen vorn hat, brauche ich wohl nicht speziell zu erwähnen. Netflix ist es übrigens auch, das einem das fantastische israelische Serienschaffen näher bringt (u.a. «Fauda», «Shtisel»). Tipps für Übersehenes, Überraschendes, Unterbewertetes sind jederzeit willkommen!

5/5 (Höchstwertung):
«Better Call Saul» (Staffel 5; Netflix)
«Fauda» (Staffel 3; Netflix)
«Marcella» (Staffel 3; Netflix)
«Ozark» (Staffel 3; Netflix)
«Shtisel» (Staffeln 1 und 2; Netflix)
«Tales From The Loop» (Staffel 1; Amazon)
«ZeroZeroZero» (Staffel 1; Sky)

4,5/5 (sehr gut):
«After Life» (Staffeln 1 und 2; Netflix)
«Amour fou – Obwohl ich dich liebe» (Miniserie; Arte)
«Arctic Circle – Der unsichtbare Tod» (Miniserie; ZDF)
«Atypical» (Staffeln 1 bis 3; Netflix)
«Bad Banks» (Staffel 2; ZDF/Arte)
«Bedrag – Follow The Money» (Staffel 3; Arte)
«Big Little Lies» (Staffeln 1 und 2; HBO/Sky)
«Dérapages – Aus der Spur» (Miniserie; Arte)
«Homeland» (Schlussstaffel 8; Showtime)
«Killing Eve» (Staffel 3; BBC)
«Ragnarök» (Staffel 1; Arte)
«Sex Education» (Staffel 2; Netflix)
«The Outsider» (Staffel 1; HBO/Sky)
«Unterleuten – Das zerrissene Dorf» (Miniserie; ZDF)

Ohne Wertung, aber ebenfalls (sehr) gerne geschaut:
«The Capture» (Miniserie; BBC)
«Catastrophe» (Staffel 1 bis 3; Channel 4)
«Dead To Me» (Staffel 1; Netflix)
«I Am Not Okay With This» (Staffel 1; Netflix)
«The Looming Tower» (Miniserie; Hulu)
«Wilder» (Staffel 2; SRF)

Kalt gelassen, enttäuscht oder gar verärgert haben mich:
«Freud» (Staffel 1; ORF/Netflix)
«Mindhunter» (Staffel 1; Netflix). Anmerkung: Werde ich wohl nochmals von vorne beginnen, da zu unkonzentriert und im Wechsel mit andern Serien gestartet!
«Preacher» (Schlussstaffel 4; AMC)
«The Valhalla Murders» (Staffel 1; Netflix)
«Twin Peaks» (Staffel 3; Sky). Anmerkung: Noch nicht abgeschlossen!

Das Beste 2019 – TV-SERIEN

Gut 30 Serien habe ich in diesem Jahr geschafft, die abgebrochenen nicht dazu gezählt. Eine der grössten Freuden war, diesem Riesentalent Phoebe Waller-Bridge zu begegnen, das ich bisher nur am Rand (u.a. «Broadchurch») wahrgenommen habe. Die beiden Staffeln «Fleabag» gingen runter wie Butter (ja, ich hatte mir Staffel 1 von vor zwei Jahren aufgespart bis zum Erscheinen von Staffel 2 in diesem Jahr). Dass sie an weiteren TV-Serien mitgewirkt hat, die es auf meine Jahresbestenliste geschafft haben («Killing Eve»), macht das bisherige Werk der Britin nur noch bemerkenswerter. Und jetzt soll Waller-Bridge den neuen James Bond mit einer Überarbeitung des Drehbuchs retten. Tja… wer, wenn nicht eine erst 34-Jährige?

 

Fleabag – Staffeln 1 und 2 (abgeschlossen)
In der Kürze liegt die Würze bei dieser Tragikomödie aus dem Hause BBC. Fleabag (Phoebe Waller-Bridge) stromert ziellos durch London, tritt in so ziemlich jedes Fettnäpfchen, das am Weg liegt, schläft mit allen Männern, der bei Drei nicht auf den Bäumen sind, betreibt ein eher schlecht laufendes Café, das sie mit einer Freundin eröffnet hatte, die nun aber tot ist – wegen ihr. Der chaotische Lifestyle bringt ihre Umgebung, aber auch sie selber mitunter an den Rand der Verzweiflung. Dem Betrachter von aussen beschert diese Fleabag die lustigsten, scharfsinnigsten, aber auch traurigsten Momente, die sich in jeweils rund 25 TV-Minuten packen lassen. Dass Fleabag einen zwischendurch direkt anspricht, die sogenannte Vierte Wand durchbricht, bringt sie einem nur noch näher. Und dass Waller-Bridge die Serie geschrieben, Regie geführt, die Hauptrolle gespielt und nach zwei Staffeln als abgeschlossen erklärt hat, macht «Fleabag» jetzt schon zu einem Klassiker. Ach ja, im Gegensatz zu vielen Kritikern gefällt mir Staffel 1 noch einen Tick besser, weil nach jeder Folge komplett offen ist, wohin es das nächste Mal geht. Staffel 2 mit dem Auftauchen des Priesters ist da etwas vorhersehbarer.

Fleabag (Trailer Season 2)

Chernobyl – Miniserie
Die Älteren unter uns erinnern sich, als es bei uns in der Schweiz hiess, Wild und Pilze seien radioaktiv belastet, und das auf Jahre hinaus. Im am stärksten betroffenen Tessin wurde Fischen für längere Zeit verboten, stillenden Müttern der Verzicht auf Frischmilch und Gemüse empfohlen. Der Grund war die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl 1986 in der fernen Ukraine. Die Aufarbeitung der Kernschmelze in einem Fünfteiler lässt einem die Geschehnisse von damals noch heute kalt den Rücken runterlaufen. Insbesondere, weil der verheerende Vorfall viel mit menschlichem und politischem Versagen zu tun hat – wegen des Systems mit rigidesten Befehlsketten von oben nach unten. Die amerikanisch-britische Serie für den Sender HBO befasst sich zur Hauptsache mit den ersten Stunden und Tagen danach, begleitet Menschen im Ersteinsatz gegen das Feuer (was zum schnellen Tod durch Verstrahlung führte) oder als Wissenschaftler, denen entweder nicht geglaubt wurde oder die selber kaum wussten, wie das Schlimmste zu verhindern wäre. Für mich das emotionale packendste Serienereignis 2019.

Chernobyl (Trailer)

True Detective – Staffel 3
Was hatte man in Staffel 2 noch gelitten, dass eine der grossartigsten Serienerfindungen dieses grossen Serienjahrzehnts abschmieren würde Richtung Bedeutungslosigkeit. Überambitioniert und überhastet war man ans Werk gegangen, wie der auftraggebende TV-Sender HBO später zugab. Und dann kommt es zur grossartigen Rückkehr der Serie, in deren Staffel 3 weniger der Kriminalfall (ein toter Junge und dessen verschwundene Schwester) im Zentrum steht als die Suche nach Identität in den von Rassismus durchsetzten Südstaaten von Amerika. Auf verschiedenen Zeitebenen angesiedelt, sind die beiden Ermittler Mahershala Ali und Stephen Dorff eine Wucht. Der Fall zerfrisst sie schier – und macht auch erklärbar, warum aus ambitionierten Jung-Kommissaren verbitterte Schreibtischtäter werden. Den zwei Detectives, die in ihren Leben viel mehr Zeit miteinander verbracht haben als mit ihren Frauen oder Freunden, würde man den Ermittlungserfolg gönnen. Ob es zu einem solchen kommt, sei an dieser Stelle natürlich nicht verraten.

True Detective (Trailer Season 3)

Hindafing – Staffel 2
Mit Superlativen soll man ja immer vorsichtig sein. Aber in diesem Fall sage ich frei raus: Diese Politsatire ist der Brüller. Alfons Zischl (Maximilian Brückner in der Rolle seines Lebens) ist neuer bayerischer Landtagsabgeordneter. Als solcher soll er Ruhe in seinen Wahlkreis bringen. Stattdessen tritt er eine Lawine an Ereignissen los, die den leicht korrumpierbaren Herrn Politiker öfter die Seiten wechseln lässt als er bei den Unterhosen dazu kommt. Ob Landwirtschaft oder sonst Wirtschaft (eine dubiose Rüstungsfirma): Zischl gibt Versprechungen hier wie dort. Er ist jetzt zwar vom Kommunal- zum Landespolitiker aufgestiegen, bleibt aber in den Niederungen der eigenen Machtbesoffenheit liegen; was heute gilt, ist morgen längst vergessen. Dass er es ist, der auf einer Treibjagd, zu der er gar nicht eingeladen war, statt eines kapitalen Hirschs die Frau Ministerpräsidentin erwischt, ist nur der Anfang vom Höhepunkt dieses grossartigen, mitunter etwas überladenen Teil 2 von «Hindafing». Dem bayerischen Fernsehen ist damit ein Serienerfolg geglückt, der hoffentlich noch des öftern zur Ausstrahlung gelangt; oder den Weg zu einem Streamingdienst findet.

Hindafing (Trailer zu Staffel 1)

The End Of The F***ing World – Staffel 2 (abgeschlossen)
Meine Liebste unter den diversen guten Teenie-Serien. Wobei der Begriff Teenie-Serie in die Irre führt. Bei dieser modernen Bonnie-und-Clyde-Geschichte liegen Liebe und Leid derart nah zusammen, dass es fast nichts zu lachen gibt. James (Alex Lawther) und Alyssa (Jessica Barden) treffen wieder aufeinander, allerdings gibt es da eine neue Figur namens Bonnie. Die hatte sich in Vorlesungen zu einem Professor geschlichen, der sie gewähren lässt, wenn Bonnie eine Affäre mit ihm eingeht. Als sie erfährt, dass James es war, der «ihren» Professor in Staffel 1 erstochen hat, nimmt das Unheil seinen Lauf. Am Ende fügt sich in dieser britischen TV-Serie alles zusammen – wie bei Bonnie und Clyde eben.

The End Of The F***ing World (Trailer Season 2)

Euphoria – Staffel 1
Die umstrittenste Teenie-Serie des Jahres. Ja, es werden alle Klischees bedient, die man von amerikanischen High-School-Filmen und -Serien kennt. Aber: Noch kaum je wurden Geschichten von ersehnten, gelebten, möglichen und unmöglichen Freund- und Feindschaften emotional derart anrührend erzählt. Der rote Faden ist die 17-jährige Rue Bennett (Zendaya), die einen Entzug hinter sich hat, ihre Finger aber doch nicht von Drogen lassen kann. «Das betäubte Amerika», war eine Rezension von «Euphoria» übertitelt. Und zielte damit auf den verbreiteten Missbrauch von Opioiden an US-Schulen – vornehmlich aus Langeweile. Auch eine tiefgehende, auf der Grenze zwischen platonisch und real schwankende Liebschaft mit Jules (Hunter Schafer) kann da nur in der Katastrophe enden.

Euphoria (Trailer Season 1)

Killing Eve – Staffel 2
Die Hatz geht weiter: Villanelle (Jodie Comer) ist eine psychopathische Auftragskillerin, der Eve Polastri (Sandra Oh) auf den Fersen ist. Oder umgekehrt. Denn die beiden Frauen entwickeln eine unheimliche Zuneigung zueinander. In Staffel 1 hatte diese zu einer gemeinsamen Bettszene und dem vermeintlichen Todesstoss mit einem Messer geführt. Diese britische Serie schafft es, gleichzeitig Krimi und – unmögliche – Liebesgeschichte zu sein. Mit zwei Frauen, die unterschiedlicher nicht sein könnten, jede für sich aber unglaublich stark ist. Da braucht es Männer (etwa Kim Bodnia aus «Die Brücke») nur am Rande. Damit sei aber immerhin erwähnt, dass der Cast bis auf die letzte Nebenrolle exzellent ist. Desgleichen die internationalen Schauplätze, die einem «James-Bond»-Streifen in nichts nachstehen. Ach ja… und habe ich schon den fantastischen Soundtrack erwähnt?

Killing Eve (Trailer Season 2)

Der Pass – Staffel 1
Die Ausgangslage erinnert an «Die Brücke». Aber statt auf der Öresund-Brücke zwischen Dänemark und Schweden wird in der Bergen zwischen Deutschland und Österreich eine Leiche gefunden, kunstvoll drapiert. Das sehr ungleiche Ermittlerduo (grossartig: Nicholas Ofczarek wie Julia Jentsch) kommt einem Serienkiller mit montrösem Plan auf die Spur, kann seine Arbeit aber mangels Erfolg offiziell nicht zu Ende führen. Tut es dann aber doch. Dass der Fall die beiden Ermittler nachhaltig verändert, dürfte keine Überraschung sein. Überraschend ist eher, dass die Spannung über acht Folgen aufrechterhalten bleibt, auch wenn der Täter für die Zuschauerschaft ab Folge 3 bekannt ist. Sky Deutschland hat nach dem Erfolg von «Der Pass» eine zweite Staffel in Auftrag gegeben.

Der Pass (Trailer zu Staffel 1)

Godfather Of Harlem – Staffel 1
Eine klassische «Wer-ist-hier-der-Boss?»-Gangsterserie im New York der frühen Sechzigerjahre. Diese hier beruht auf Tatsachen und ist brillant erzählt, mit einem gross aufspielenden Forest Whitaker als Ellsworth Raymond «Bumpy» Johnson. Kaum ist er nach zehn Jahren Haft im Hochsicherheitsgefängnis Alcatraz entlassen, sucht er das Heft im inzwischen heroinverseuchten Harlem wieder in die Hand zu nehmen. Das bedeutet in erster Linie Kampf gegen den sich breitmachenden Genovese-Clan. Aber auch einen familieninternen Konflikt, sucht eine Tochter aus einer früheren Beziehung doch den Weg aus den Drogen – und das ausgerechnet bei Malcom X, einem Freund Bumpys und führenden Sprecher der Nation of Islam. Damit kommt auch noch etwas Weltpolitik ins Spiel in einer Serie, die ihren Weg vom recht unbedeutenden US-Pay-TV-Sender Epix nach diesseits des Atlantiks hoffentlich noch verbreiteter finden wird.

Godfather Of Harlem (Trailer Season 1)

Goliath – Staffel 3
Billy Bob Thornton als Anwalt Billy McBride ist zurück. Natürlich muss er auch diesmal erst überzeugt werden, den Fall (Grossgrundbesitzer, die während einer Rekorddürre Wasser aus öffentlichen Quellen für sich abzweigen) als Fall zu erkennen und sich dann für Benachteiligte vor Gericht einzusetzen. Diesmal heisst der Gegenspieler Wade Blackwood (Wiedersehen mit dem etwas in Vergessenheit geratenen Dennis Quaid). Das Thema ist brisant und hochaktuell, wenn man an die Bilder von Grossbränden in Kalifornien diesen Sommer und Herbst zurückdenkt. Und wenn man sich gewahr wird, wie wenig eigentlich Agrarindustrie mit Landwirtschaft zu tun hat.

Goliath (Trailer Season 3)

 

Diese Serien haben mir ebenfalls gut bis sehr gut gefallen (in alphabetischer Reihenfolge): 4 Blocks (Staffel 2) , Barry (Staffeln 1 und 2), Billions (Staffeln 3 und 4), Black Mirror (Staffel 5), Dark (Staffel 2), Gomorrha (Staffel 4), How To Sell Drugs Online (Fast) (Staffel 1), Il Miracolo (Miniserie), Jägarna (Jäger – tödliche Gier) (Miniserie), Labaule & Erben (Miniserie), Matrjoschka/Russian Doll (Staffel 1), Santa Clarita Diet (abschliessende Staffel 3), Seitentriebe (Staffel 2), Sex Education (Staffel 1), Sharp Objects (Staffel 1), Stranger Things (Staffel 3), Suburra (Staffel 2), Undercover (Staffel 1), Vorstadtweiber (Staffel 4).

Das Beste 2019 – TONTRÄGER

Wie immer gegen Ende Jahr haben sich an die 50 potenzielle «Alben des Jahres» angesammelt. Beim nochmaligen Hören und Asortieren zeigt sich, die persönlichen Top 10 zusammenzustellen ist einfacher als gedacht. Weil: Etliche Werke sind nur kurzfristige Strohfeuer. Was überdauert, sind möglicherweise einzelne Songs daraus. Was mir das Leben in Sachen Best-of-Listen erschwert, ist ein relativ breiter Musikgeschmack. Aber hey, das Leben ist zu kurz, um nur einspurig unterwegs zu sein. In diesem Sinn: Viel Spass beim Stöbern. Erstmalig auch durch empfehlenswerte Spotify-Playlists.

STEPHAN EICHER, «Homeless Songs»
Sozusagen das Comeback-Album des Stephan Eicher nach schwierigen Jahren im Clinch mit seiner Plattenfirma. Wie wenn sich der Veröffentlichungsstau direkt auf die Qualität der neuen Kompositionen ausgewirkt hätte. Ein unglaublich reife, stimmige, berührende Liedsammlung. Aufgenommen mit bescheidenen Mitteln, das Piano steht oft im Zentrum, Streicher sorgen für wohlige Wärme. Und dann ist da diese einnehmende Stimme, meist auf Französisch oder in Mundart. Chapeau!

Stephan Eicher, «Si tu veux (que je chante)»

FÖLLAKZOID, «I»
Was die Zählweise ihrer Alben anbelangt, sind die Chilenen (inzwischen nur noch ein Duo) komische Gesellen. Ihr vierter Longplayer trägt die Nummer 1. Die vier Stücke darauf sind zwei Mal 13 und zwei Mal 17 Minuten lang, alles in allem also exakt eine Stunde. Es ist eine Mischung aus Krautrock-, Trance- und Psychedelic-Elementen. Monoton pulsierende Beats treiben die Musik von Föllakzoid maschinenartig voran. Stück Nummer 4, «IIII» genannt, ist der Höhepunkt. Davon gibts inzwischen einen noch fast empfehlenswerteren Remix von DJ Nobu.

Föllakzoid, «I» (Full Album)

MOTORPSYCHO, «The Crucible»
Bleiben wir bei Musik, die seitens der Zuhörerschaft einen etwas längeren Atem benötigt. Das titelgebende dritte Stück der norwegischen Psychedelic-Rocker dauert gute 20 Minuten und ist eine Wall of Sound, gemauert vorwiegend aus Gitarren, mehrstimmigem Gesang und Schlagzeug. Genre-mässig gehts bei Motorpsycho kreuz und quer, auch mal Richtung Jazz, was an die Progrock-Grössen King Crimson erinnert. Hier begegnen sich die beiden Bands auf Augenhöhe, wobei Motorpsycho natürlich die gröbere Klinge schwingen.

Motopsycho, «The Crucible»

ALPINIS, «2019»
Abrupter Stilwechsel. Zugegeben, diese Wahl ist stark beeinflusst vom diesjährigen Alpentöne-Festival in Altdorf mit wunderbaren Begegnungen blutjunger MusikerInnen, die das Volksliedgut mit der Muttermilch aufgesogen haben und es nun weiterentwickeln. Bei den Alpinis handelt es sich um die Volksmusik-Formation der Hochschule Luzern. Und da sind die Besten der Besten mit dabei, was die instrumentalen, jodlerischen und/oder kompositorischen Fähigkeiten anbelangt. Juhee!

Alpentöne 2019 (Impressionen)

CREEDENCE CLEARWATER REVIVAL, «Live At The Woodstock Music Art & Fair 1969»
Dies ist die wohl unerwartetste Veröffentlichung des Jahres. Man erinnere sich: CCR, so der Kurzname der Band, entschieden sich nach dem Woodstock-Festival gegen eine Veröffentlichung ihres Auftritts – aus Qualitätsgründen. Dabei befanden sich die Mannen um John Fogerty auf dem Höhepunkt ihrer Schaffenskraft. Oder kann man sich allein die bluesige Nummer «The Night Time Is The Right Time» in einer intensiveren Live-Variante vorstellen? Eben.

CCR, «Suzie Q»

LEONARD COHEN, «Thanks For The Dance»
Nachträglich muss man jener Managerin (und Kurzzeitgeliebten), die Leonard Cohen fast in den Ruin getrieben hatte, dankbar sein. Denn nur dadurch ging der kanadische Singer/Songwriter und Poet 2008 wieder auf Tour. Und hörte bis in sein Todesjahr 2016 nicht auf zu touren und neue Platten aufzunehmen.  Dies ist sein Abschiedswerk, vollendet unter anderem von Sohn Adam Cohen. 29 Minuten kurz, sind die neun Songs weit mehr als Restposten aus dem Vorgänger-Album «You Want It Darker». Im Gegenteil: Es ist dies ein sehr würdiger Schlusspunkt. Hallelujah!

Leonard Cohen, «Thanks For The Dance»

WEYES BLOOD, «Titanic Rising»
Natalie Mering, die sich Weyes Blood nennt, punktet auf einem Feld, das weitgehend verwaist und zurzeit auch nicht besonders en vogue ist: schmachtenden Balladen in Orchester-Opulenz, wie man sie ansonsten aus Musicals kennt. «Andromeda» ist dabei die über alles ragende Nummer. Aber auch ansonsten hat die amerikanische Indie-Folk-Musikerin ein aussergewöhnliches Händchen für Ohrwürmer.

Weyes Blood, «Titanic Rising» (Full Album)

MICHAEL KIWANUKA, «Kiwanuka»
Wow! Wie kann man im Jahr 2019 bloss exakt so klingen wie die Soul-Grössen der Siebzigerjahre. So funky, mit tonnenweise Backgroundchören, aber auch im Gospel und Afrobeat verhaftet. Selbst Psychedelic-Rock ist für Michael Kiwanuka kein Fremdwort. Der eine oder andere Kritikaster hat dem Briten das Fehlen eines eindeutigen Hits vorgeworfen. Dabei ist das ganze Album ein einziger Hit – in Endlosschlaufe gewinnt es mit jedem Umgang an Format dazu.

Michael Kiwanuka, «Hero»

LES YEUX D’LA TÊTE, «Murcielago»
Aus dem Worldmusic-Bereich haben es mir dieses Jahr diverse Franzosen angetan. Unter anderem dieses Pariser Sextett, das sich federleicht zwischen Chanson, Jazz, Balkanbeat und Swing bewegt. Mal melancholisch, mal himmelhoch jauchzend, immer hoch melodisch und mitreissend. Live sollen Les Yeux D’La Tête ein Ereignis sein, wird erzählt. Dieses Erlebnis suche ich im Frühjahr 2020 nachzuholen, wenn die Band einige vom Herbst verschobene Konzerte unter anderem in Deutschland gibt.

Lex Yeux D’La Tête, «Demain»

STEVE GUNN, «The Unseen In Between»
Die Gitarre ist ja nicht gerade das angesagteste Instrument in der populären Musik dieser Tage. Da kommt ein Steve Gunn gerade recht, der akustische und elektrische Sechssaiter aus dem Effeff beherrscht. Aber nicht im Sinne von Protzerei mit endlosen Soli, sondern im Dienste grosser Songs mit eigener Handschrift. Es ist noch nicht ganz alles Gold was glänzt beim amerikanischen Singer/Songwriter. Aber allein «New Moon» ist der Einzug in diese Top 10 wert.

Steve Gunn, «New Moon»

 

Diese Alben haben mir 2019 ebenfalls gut bis sehr gut gefallen (in alphabetischer Reihenfolge): «Anima Migrante» von Almamegretta, «The Oracle» von Angel Bat Dawid, «Tall, Dark & Handsome» von Delbert McClinton«Badbea» von Edwyn Collins, «Giants Of All Sizes» von Elbow, «I Fucking Love My Life» von Faber, «Serfs Up!» von Fat White Family, «Levitation» von Flamingods, «Steady As We Go» von Hank Shizzoe, «Median Age Wasteland» von Hawksley Workman, «If I Think Of Love» von Hochzeitskapelle, «Varda» von Hugar, «Free» von Iggy Pop, «Love Is» von Jungstötter, «Oh My God» von Kevin Morby, «Norman Fucking Rockwell» von Lana Del Rey, «The Livelong Day» von Lankum, «Stars Are The Light» von Moon Duo, «Purple Mountains» von Purple Mountains, «2020» von Richard Dawson, «Dini zwei Wänd» von Stahlberger, «Encore» von The Specials, «The Quiet Temple» von The Quiet Temple, «Data Mirage Tangram» von The Young Gods, «No Treasure But Hope» von Tindersticks, «Fear Inoculum» von Tool.

Sampler/Soundtracks/Playlists (ohne spezielle Reihenfolge):
«Pay It All Back Vol. 7» (Fortsetzung der legendären On-U-Sound-Compilationreihe mit neuen Adrian-Sherwood-Produktionen)
«Origins Of Muse» von Muse (die ersten beiden, wegweisenden Alben des britischen Progrock-Trios plus Demos, EPs, B-Seiten, Live-Aufnahmen usw. in einem opulenten Boxset)
«Killing Eve» (der Soundtrack zu dieser grossartigen TV-Serie – bisher zwei Staffeln – in Form einer Spotify-Playlist)
«The End Of The F***ing World» (auch von dieser TV-Serie gibts bisher zwei Staffeln; der ehemalige Blur-Leadgitarrist Graham Coxon hat dafür den ebenso irren Soundtrack geschaffen; auf Tonträger erhältlich)
«Godfather Of Harlem» (noch eine TV-Serie, die mich nicht zuletzt wegen der Musik aus den Socken gehauen hat; als leider erst recht lückenhafte Playlist auf Spotify zu finden, auf Tunefind.com gibts immerhin Angaben zu einzelnen Songs und Soul-SängerInnen)
Lee «Scratch» Perry: «Heavy Rain» (die Dub-Variante des bereits sehr guten Albums «Rainford» vom letzten Frühling; bei beiden hatte, s. oben, Adrian Sherwood die Finger im Spiel)
Various Artists: «Fragments Du Monde Flottant» (von Devendra Banhart compilierte Sammlung von Demos einiger seiner musikalischen FreundInnen, z.B. Vashti Bunyan, Helado Negro, Nils Frahm, Arthur Russell)

 

Eine Schwemme von jungen Talenten

Alle zwei Jahre lässt sich am Alpentöne-Festival in Altdorf erforschen, wie es um die Volksmusik im Alpenraum steht. Sehr gut, wenn man den bestens ausgebildeten und zahlreich vorhandenen Nachwuchs zum Massstab nimmt. Gleichwohl markiert die elfte Durchführung des Anlasses den Aufbruch in eine neue Ära.

von Hans Bärtsch

Die Anfahrt via Klausenpass passt ideal zur geistigen Vorbereitung auf ein Festival, bei dem zeitgemässe Musik aus dem Alpenraum im Zentrum steht. Musik, die sich im Laufe der Jahrhunderte immer wieder gewandelt hat. Wie tönen moderne Varianten archaischer Gesänge und Klänge von Menschen, deren Leben stark von der Natur geprägt wurde? Einer kargen Bergwelt, die diesen Menschen oftmals nicht eben freundlich gesinnt war? Aber in ihrer Schönheit auch das Paradies auf Erden sein kann?

Alpentöne2019_DSC_1595

Überzeugende Junge: Musikstudenten aus Skandinavien und der Schweiz geben ein gemeinsames Konzert. (Bild Romy Forlin)

 

In Altdorf im Kanton Uri, umgeben von hohen Bergen, gibt es alle zwei Jahre Antworten auf diese und weitere Fragen, wenn sich hier Vertreter von Jodler- und Ländlermusik, von Folk, Jazz und Klassik aus dem ganzen Alpenraum – und damit weit über die Schweiz hinaus – treffen. Die Nennung der musikalischen Stile ist zugegebenermassen mangelhaft. Alpentöne trifft es weitaus besser; der Name des Festivals ist gleichermassen Programm.

Der Zinken aus dem 3-D-Drucker

Das zeigt sich in Aufführungen, bei denen Tradition und Moderne aufeinandertreffen, in diesem Beispiel auf eher kuriose Weise. Die Early Plastic Band um den Basler Forscher Ricardo Simian bestreitet ihr Konzert nämlich auf Instrumenten aus dem 3-D-Drucker. Historischen Instrumenten wohlgemerkt, die es eigentlich gar nicht mehr gibt. Der Zinken ist eine Passion Simians, diese seit dem 17. Jahrhundert nicht mehr gespielte Mischung aus Trompete und Flöte, krumm wie ein Kuhhorn. Das ist weniger ein musikalischer Höhepunkt als ein gelungenes Experiment.

early-plastic-band-4802

Instrumente aus dem 3-D-Drucker: Die Early Plastic Band spielt alte Musik auf Hightech-Material. (Bild Rafael Brand/Alpentöne)

 

Typisch fürs diesjährige Alpentöne ist, dass hinter der Early Plastic Band blutjunge Musiker stehen. Dass die Jugend verbreitet das Sagen hat, zeigt sich in der Zusammenarbeit mit der Musikhochschule Luzern, die bereits seit einigen Jahren einen Studienschwerpunkt Volksmusik anbietet mit Dozenten, die zu den Besten ihres Fachs gehören (Albin Brun, Dani Häusler, Markus Flückiger, Christoph Pfändler, Nadja Räss, Andreas Gabriel).

«Wie von einem anderen Planeten»

Unter den Namen Alpinis bringen ein knappes Dutzend Studierender neu arrangierte oder eigene Stücke zu Gehör – es gibt sie auch auf CD – und reisst das Publikum im Theater Uri schier aus den Sitzen. Angesprochen auf den Schwyzerörgeli-Spieler Dominik Flückiger (Sohn des eben erwähnten Markus Flückiger) heisst es aus dem Kreis der Dozierenden, das sei ein Talent «wie von einem anderen Planeten», vor allem was die kompositorischen Fähigkeiten anbelangt.

Alpentöne2019_DSC_1435

Zwei ausserordentliche Talente: Kristina Brunner (aussen links) und Dominik Flückiger (aussen rechts). Bild Romy Forlin)

 

Höchst faszinierend ist auch, was skandinavische Musikstudentinnen und -studenten in nur vier Tagen mit ihren Schweizer Kolleginnen und Kollegen einstudiert haben. Obwohl die Unterschiede dieser Volksmusiken vor allem betreffend Rhythmik und Melodik beträchtlich sind, wird eine Stunde lang gemeinsam ohne Noten musiziert, dass es eine Freude ist. Weil die Alpentöne Folk Big Band, wie die Ad-hoc-Formation für ihren Auftritt getauft wurde, bei den Proben mit dem «Mütsche Geischt» am meisten Freude hatte, gibts dieses bekannte Stück von Rees Gwerder nochmals als Zugabe.

Hörgewohnheiten unterlaufen

Ohr- und augenfällig, weil immer wieder in anderen Konstellationen auf der Bühne, ist die ebenfalls noch in der Ausbildung steckende Cellistin und Schwyzerörgeli-Spielerin Kristina Brunner. Ihr Beitrag zum Alpinis-Auftritt, «Erschte Mai», ist eine ausgeklügelte Komposition, welche die Hörgewohnheiten so subtil wie effizient unterläuft – so wenig altbacken sollte, ja muss Ländlermusik heute tönen!

Die elfte Ausgabe des Alpentöne-Festivals war die sechste und letzte, welche von Johannes Rühl als künstlerischem Leiter verantwortet wurde (siehe Interview). Er hat den Anlass mit diversen Auftragsarbeiten und Kooperationen (u.a. Musikhochschule Luzern, Zürcher Stubete am See) laufend ausgebaut, auch internationaler gemacht. Mit grossem Erfolg; das Festival ist stets ausverkauft. Mit einer neuen künstlerischen Leitung, die noch nicht gefunden ist und unter der Gesamtleitung von Pius Knüsel (u.a. ehemaliger Direktor von Pro Helvetia und Programmleiter des Zürcher Jazzclubs Moods) wird das Alpentöne Bewährtes und Beliebtes fortführen, sich aber auch in neue Richtungen bewegen. Knüsel schwebt beispielweise ein Einbezug von Poetry-Slam-Künstlern vor.

alpentoene-blasorchester-dsc-7194

In fröhlicher Banda-Tradition: Vielleicht der letzte Auftritt des Alpentöne-Blasorchesters mit prominenten Gästen aus Italien und Frankreich. (Bild Rafael Brand/Alpentöne)

 

Kann durchaus sein, dass den Neuerungen etwa das von Rühl begründete Alpentöne-Blasorchester zum Opfer fällt, das sich immer eng an die fröhliche süditalienische Banda-Tradition angelehnt hat. Wenn es nach den begeisterten Publikumsreaktionen ginge, wäre es ein Verlust. Allerdings, und das macht letztlich die Essenz dieses unvergleichlichen Festivals aus – in Altdorf werden von einer kritischen, aber sehr gwundrigen Besucherschaft aus nah und fern weniger Verluste betrauert als Neuerungen willkommen geheissen.

 

BOX

Positive Bilanz der Veranstalter

Die elfte Ausgabe des internationalen Musikfestivals Alpentöne in Altdorf war gemäss einer Medienmitteilung der Veranstalter «ein grosser Erfolg». Der neue Festivalleiter Pius Knüsel hat das Festival als permanentes Crescendo erlebt: «Es hat sehr schön begonnen und sich dann mit jedem Konzert gesteigert bis hin zu einem grandiosen, stimmungsvollen Finale in der Samstagnacht.»

Die musikalische und künstlerische Bilanz fällt gemäss dem künstlerischen Leiter Johannes Rühl ebenfalls sehr positiv aus: «Wir hatten durchweg sehr gute Musik gehört.» Punkto Besucherzahlen bewegte sich das Festival in etwa auf dem Stand der Vorjahre. Dank eines neuen Konzepts konnten die Besucherströme aber besser verteilt werden. «Mit einer hohen Programmdichte haben wir den Besuchern stets die Möglichkeit zum Ausweichen gegeben», erklärt Knüsel.

Auch der neu hinzugekommene Veranstaltungsort im Kino Leuzinger ist laut den Veranstaltern ein Gewinn. «Das Kino ist eine grandiose Entdeckung und ich frage mich, wieso wir nicht bereits früher darauf gekommen sind», sagt Rühl. Gemäss Knüsel fanden das Publikum und die Künstler nur lobende Worte für die Lokalität und die neuen Möglichkeiten. Des Weiteren sind auch die neu geschaffenen Foren und Diskussionen vom Publikum gut aufgenommen worden. Alle diese Veranstaltungen waren gefragt und stets gut besucht.

Für das Publikum in Altdorf haben die beiden Leiter nur lobende Worte. «Die Wertschätzung für die Konzerte und die Musikschaffenden ist hier ausserordentlich hoch und das merken auch die Künstlerinnen und Künstler auf der Bühne», stellt Knüsel fest. Nach wie vor ein Highlight ist die stilistische Breite des Festivals. Rühl ist kein anderes Festival bekannt, das sich diesen Spagat ebenfalls in dem Masse getraut. (pd)

 

INTERVIEW MIT…
Johannes Rühl, abtretender künstlerischer Leiter des Alpentöne-Festivals

JohannesRühl_DSC_1706

Sechstes und letztes Alpentöne: Johannes Rühl tritt aus künstlerischer Leiter ab. (Bild Romy Forlin)

 

Herr Rühl, Sie haben sechs Alpentöne-Durchführungen verantwortet und die vergangenen zwölf Jahre bei Bekanntgabe Ihrer Demission als «die schönsten Jahre meines Berufslebens» bezeichnet. Auf welchen Programmpunkt des diesjährigen Festivals sind Sie besonders stolz, dass Sie ihn realisieren konnten?

Jetzt könnte ich Ihnen mindestens zehn nennen, wirklich. Aber gut. Das Alpentöne-Blasorchester, das ich mit meiner ersten Ausgabe gegründet habe, spielte in diesem Jahr wieder mit wunderbaren Jazzmusikern aus Italien und Frankreich. Das war für mich auch dieses Jahr wieder eines der Highlights, auf das ich mich besonders gefreut habe.

Sie haben im Vorfeld auch gesagt, dass sich mit dem Wechsel der künstlerischen Leitung für das Festival die Chance biete, sich inhaltlich neu aufzustellen. Inwiefern ist das nötig?

Nötig ist das nicht. Mit dem Wechsel der neuen Gesamtleitung unter Pius Knüsel ist aber vielleicht genau der richtige Zeitpunkt gekommen, sich von einem wunderbaren Projekt, wie es das Alpentöne-Blasorchester darstellt, zu verabschieden. Es gibt immer noch ein Leben danach. Ich persönlich freue mich, nach zwölf Jahren Alpenklängen im Kopf, neue Aufgaben anzugehen.

Alpentöne ist ein Festival, das sich was traut. Gab es in ihren zwölf Jahren etwas, das Sie sich letztlich doch nicht getraut haben, dem Publikum vorzusetzen?

Nein. Ich kann mich an keine Situation erinnern, in der ich mich zurückgehalten habe. Es gab aber programmatisch sehr riskante Momente, wo ich dachte, jetzt schmeissen sie mich bald raus. Das ist aber nie passiert. Es ist vor allem Altdorf, das sich was traut.

Was bedauern Sie, im Rahmen des Alpentöne nie realisiert zu haben? Oder anders gefragt: Welche Künstler/Programme konnten Sie nie nach Altdorf bringen, obwohl es Ihr Herzenswunsch war?

Vielleicht den Hubert von Goisern? Der fehlt uns wirklich noch im Programm. Ansonsten aber haben wir so ziemlich alles bekommen, was wir wollten. Das Festival hat ein grosses Renommee unter den Musikerinnen und Musikern. Natürlich gibt es viele Ideen, die jetzt nicht mehr realisiert werden. Aber andere werden die Erfolgsgeschichte weiterschreiben, da bin ich mir sicher. (hb)

 

Zum Artikel in der «Südostschweiz»: 14_sogr_07_2019-08-19

Sanfte Liedermacher, wütende Punks

 

Viele nennen das Iceland Airwaves das beste Musikfestival weltweit. Die «Südostschweiz» war ebenfalls in Reykjavík. Und hat dort nicht nur neue Talente entdeckt, sondern ist auch altgedienten Heroen wiederbegegnet.

Hier gehts zum Bericht in der «Südostschweiz»: 24_sogr_07_2015-11-13

Das Woodstock Europas

In Rudolstadt im deutschen Thüringen hat am ersten Juli-Wochenende 2019 zum 29. Mal das weltbekannte Folk-, Roots- und Weltmusikfestival stattgefunden. Ein Anlass, der weit über das Musikalische hinausgeht und deshalb auch das Woodstock Europas genannt wird.

von Hans Bärtsch

Wo beginnen bei einem Anlass, der auf rund zwei Dutzend Bühnen 130 Einzelkünstler und Bands aus knapp 50 Ländern zu 300 Konzerten versammelt und bei der 29. Durchführung rund 100’000 Menschen anzieht? Vielleicht mit dieser Begegnung Samstagnacht, als der Schreibende bei seiner Rudolstadt-Premiere von Gesang aus einem Restaurant-Innenhof angelockt wird. Strassenmusiker, die sich zufällig über den Weg gelaufen sind, geben die Partisanen-Hymne «Bella Ciao» zum Besten. Sie sitzen mitten in einem ebenso zufällig zusammengekommenen Publikum, das bier- und weinselig mittut. Auch wenn bei der xten Strophe den meisten die richtigen Worte fehlen, ein «La la la…» genügt vollauf, und der Refrain ist ja keine Hexerei. Ein kunterbuntes Miteinander ist die anschliessende, von einem Alt-Hippie vom Zaun gerissene Ossie/Wessie-Diskussion – Rudolstadt ist ehemaliges DDR-Territorium und Ost/West-Gegensätze auch 30 Jahre nach der Wende noch immer vielerorts präsent.

Politische Diskussionen

Das Rudolstadt-Festival startete in den Fünfzigerjahren als sozialistisches Tanzfest, ab 1989 war es ein linkes Folkfestival, das Protestsängern aller Gattung eine Plattform bot. Damit zusammenhängend auch politischen Diskussionen, die sich bis heute gehalten haben. Heuer beispielsweise in Form des Gastlandes Iran. Vorwiegend emigrierte Sängerinnen und Musiker brachten Werke dar, die ihnen in ihrer Heimat verboten oder zumindest nicht gern gesehen sind. Mit Podien, Talkshows und Workshops lassen sich solche Begegnungen mit fremden Kulturen jeweils vertiefen.

SONY DSC

Einer der Schauplätze des Rudolstadt-Festivals: die Heidecksburg. (Bild Michael Pohl/Pressedienst)

 

Es ist diese einzigartige Mischung aus Gross- und Kleinstkonzerten in allen Ecken dieses reizvollen Städtchens, sehr aufmerksamen, neugierigen Besucherinnen und Besuchern, einer Atmosphäre grossen Respekts vor dem Anders- und Fremdartigen, Mitmachtanz- und konzertbegleitenden Anlässen sowie spontanen Strassenauftritten, die dieses Festival prägen und abheben lassen von andern, die nur noch belanglosen Eventcharakter haben. Rudolstadt ist längst zu so etwas wie einem Woodstock en miniature geworden, wo sich Gleichgesinnte Jahr für Jahr generationenumspannend treffen.

Polka aus Kuba via Minsk

In Rudolstadt wird jeweils auch die «Ruth» vergeben, der deutsche Weltmusikpreis. Für sein Lebenswerk wurde diesmal der Bayer Rudi Zapf und sein Begleitensemble Zapf’nstreich ausgezeichnet. Wie verdient das ist, zeigte der Maestro des Hackbretts mit einer fulminanten Darbietung. Das Repertoire umfasste Stücke aus Frankreich, Kreta, Serbien, Andalusien, Brasilien.  Eine Polka aus Kuba durfte nicht fehlen, die er via Musikerinnen aus Minsk in Weissrussland und ein bis zwei Flaschen Wodka, so die Anekdote, mitbekommen hat. Eine spezielle Version von «Take Five» (bekannt geworden durch den Jazzmusiker Dave Brubeck) und zum Schluss ein gekonnt mit exotischen Klängen angereicherter Zwiefacher aus seiner Münchner Heimat rundeten eine Konzertstunde ab, die einen nur staunen liess ob des Betätigungsfeldes für ein Instrument, das Zapf in immer neue Sphären führt.

20190706_RUTH_Rudi_Zapf_©Matthias_Kimpel_3

«Ruth»-Gewinner: Hackbrettspieler Rudi Zapf wird für sein Lebenswerk geehrt. (Bild Matthias Kimpel/Pressedienst)

 

Auf seine Weise einzigartig ist der ebenfalls mit einer «Ruth» beehrte Gankino Circus. Das fränkische Quartett ist musikalisch ebenso virtuos wie kabarettistisch beschlagen. Die kauzigen Charakterköpfe geben etwa einem griechischen Sirtaki mit einer Bohrmaschine das besondere Gepräge. Als roter Faden dienen Geschichten über Weizen-Charly, Wirt in jenem Lokal, in dem die  Vier ihre Jugendjahre verbracht haben. Dass dieser Weizen-Charly über einem Bier verstorben ist, mag nicht sonderlich zu erstaunen. Dass der Gankino Circus dann auf den alten Knochen des Wirts – einem Bonofon – musiziert, schon eher. Es ist zum Brüllen komisch.

Grosse Aufmerksamkeit

Ein wunderbares Konzert lieferte im Weiteren Herbert Pixner ab. Der Umgang des Südtiroler Multiinstrumentalisten mit alpenländischer Volksmusik macht vor gar nichts Halt – weder vor Tango, Rock noch Gypsie-Jazz und Blues. In der Regel tönt das heiter, beschwingt, mitreissend. Ausser wenn Pixner die düstere Saga des «Sennentuntschi» vertont, dann wirds zu einem Melodrama. Auch hier rundet ein Zwiefacher einen grossartigen Auftritt ab, zu dem der Bandleader anmerkt, selten vor einem derart aufmerksamen Festivalpublikum gespielt zu haben.

2019-Cowboy-Junkies-10∏Jîrg-M-Unger

Ein letzter Höhepunkt: Die Americana-Band Cowboy Junkies beschliesst das Rudolstadt-Festival 2019. (Bild Jörg M. Unger/Pressedienst)

 

Ein Aussage, die vermehrt zu hören war am vergangenen Wochenende. Etwa von Die höchste Eisenbahn. So seltsam der Bandname, so betörend der mit klugen Texten verknüpfte Indie-Pop. Aus ihrem neuen, im August erscheinenden Album gabs schon mal das eine oder andere Müsterchen. Der kanadischen Formation Cowboy Junkies war es dann vorbehalten, das Rudolstadt 2019 zu beschliessen. Schwermut und Traurigkeit dominieren ihren Alternative Country genannten Musikstil, gleichwohl ist es einer der lichtesten Momente des viertägigen Festivals – dank einer berauschenden Intensität und Klangqualität. Letztes lässt sich ja nicht gerade von vielen Open-Air-Bühnen sagen. Ein weiteres Qualitätsmerkmal von Rudolstadt.

 

BOX

50 Jahre Woodstock

Mitte August 2019 werden es genau 50 Jahre her sein, dass im US-Bundesstaat New York das Woodstock-Festival stattfand – die Mutter aller Open-Air-Anlässe. Es war der Höhe-, aber gleichzeitig auch eine Art Endpunkt der Hippie-Bewegung. Folkmusik war die Basis etlicher Darbietungen, erinnert sei an KünstlerInnen wie Joan Baez, Richie Havens, Arlo Guthrie, John Sebastian oder Crosby, Stills & Nash.

Fast reine Folkfestivals waren in der Schweiz in den Anfangsjahren beispielsweise auch das Paléo in Nyon, St. Gallen oder das Gurten in Bern. Alle drei haben sich längst gewandelt, wobei am Paléo der Worldmusik-Anteil immer noch erfreulich gross ist. Beim Rudolstadt-Festival steht das Folk zwar noch im Name, die Begriffe Roots und Weltmusik werden dem Gebotenen aber gerechter. Gleichwohl kommt das Rudolstadt von den genannten Festivals vom Charakter her dem «Woodstock-Feeling» wohl am nächsten. (hb)

Südostschweiz (11.07.2019)

 

 

Rudolstadt (MDR Kultur)

Influencer: Die neuen, ehrenamtlichen Musikjournalisten

Mit dem «New Musical Express» (NME), «Intro», «Groove», «Spex» sind in den vergangenen Monaten einst bedeutende Musikmagazine verschwunden, in der Tagespresse folgt gerade im Kultur-/Feuilleton-Bereich eine Sparrunde der nächsten. Ist der klassische Musikjournalismus tot? Ja. Gibt es neue Formen des Musikjournalismus? Ja. Eine Bestandesaufnahme am Branchenfestival M4Music in Zürich.

Von Hans Bärtsch

Es ist ein etwas deprimierender Moment, als Ane Hebeisen («Bund»/«Tages-Anzeiger»), einer der letzten Mohikaner des klassischen Musikjournalismus in der Schweiz, zur Verteidigung ebendieser Spezies anhebt. Orientierung für die Leserschaft sei doch nach wie vor nötig, das Vertiefen von Themen, das Erschliessen neuer, noch unbekannter musikalischer Welten. Sagts und verschwindet trotz stattlicher Körpergrösse fast in seinem Sessel an dieser Gesprächsrunde unter dem Titel «Musikjournalismus 2020».

m4music

Am M4Music in Zürich: Linus Volkmann, Ane Hebeisen, Miriam Lenz und Tibor Kiss (von links) sprechen mit Moderatorin Gisela Feuz über «Musikjournalismus 2020». (Pressebilder)

 

Kein Wunder, denn um Textinhalte und -qualitäten geht es nur am Rande. Hebeisen wird attestiert, «geile Texte» zu schreiben, niemand der Anwesenden, der daran zweifelt, dass er einer der besten Musikjournalisten des Landes ist. Aber was nützt das, wenn die Chefetagen von Medienhäusern Budgets kappen und Prioritäten in der Kulturberichterstattung nach der Chance auf möglichst viel Aufmerksamkeit – sprich: Klicks – setzen? Im schlimmsten Fall verschwinden Fachzeitschriften wie eingangs aufgeführte «Spex» und Co. einfach von der Bildfläche. Und mit ihnen (Musik-)Journalisten, die für Einordnung und Vertiefung sorgten und mit grosser Neugier Neuem auf der Spur waren. Subjektiv und unabhängig von PR-Beeinflussung.

Algorithmen als bessere Musikjournalisten

Einer, der das Ganze positiv sieht, ist der Deutsche Linus Volkmann, ehemaliger «Intro»-Redaktor, heute freiberuflich als TV- und Print-Journalist tätig. Statt Schwermut und Trauerarbeit sei doch Optimismus angesagt. Die Digitalisierung biete gerade auch im Musikjournalismus so viele neue Chancen. Sogenannte Gatekeeper seien Journalisten tatsächlich nicht mehr. Diese Rolle hätten heutzutage die Algorithmen von Streaming-Anbietern wie Spotify inne. Oder Influencer mit Hunderttausenden Followern auf Youtube- und andern Kanälen. Der Bedeutungsverlust des eigenen Wissens schmerze zwar, aber es gebe für Journalisten andere Wege, Zielgruppen mit «interessanten Nischen» bedienen zu können als mit langen, dazu noch kostenpflichtigen Texten.

Zu solchen Nischen gehören Blogs wie Rockette.space, ehrenamtlich mitbetrieben von Miriam Lenz, die hauptberuflich bei der Nachrichtenagentur Keystone-SDA arbeitet. Einer der Grundsätze dieses Blogs: «Wir sind nicht interessiert an Verrissen. Wir verschwenden keine Zeit mit Sachen, die uns nicht gefallen. Wir machen nur, worauf wir selber Lust haben.» Aber ist dieses Kritiklose nicht Schönwetter-Journalismus? «Ja», räumt Lenz unumwunden ein. Aber mit der Möglichkeit, neue Formen auszuprobieren. Interviews im O-Ton beispielsweise, samt Pausen und Störungen dazwischen, aber sehr authentisch.

Multimedialität und Interaktion

Tibor Kiss, ein Vertreter der Generation Z und Mitbetreiber des viel beachteten Youtube-Kanals Edwan, bemängelt, dass in der Schweiz nicht vermehrt auf solche Verbreitungswege gesetzt werde. Klassischer Journalismus habe einen grossen Streuverlust. Und was die schönsten Texte nützen würden, wenn niemand sie sehe, stellte er eine rhetorische Frage. Die grössten Influencer seien heute im Übrigen die Musiker und Bands selber, die direkt an ihre Fans gelangen und mit ihnen in Kontakt sein könnten.

m4music

Janosch Tröhler, Betreiber der Website Negativewhite.ch, äussert sich am M4Music zum Thema Musikjournalismus.

 

Multimedialität und Interaktion sind auch für Janosch Tröhler, Betreiber der soeben neu lancierten Website Negativewhite.ch, das A und O im Musikjournalismus. Heute müsse die Community eingebunden sein. Auch international führende Portale wie Pitchfork.com hätten diesbezüglich noch Optimierungspotenzial. Musikjournalismus sei nur noch ein mit Leidenschaft betriebenes Hobby, sagte er und sprach damit aus, was alle Podiumsteilnehmer, ausgenommen «Dinosaurier» Hebeisen, dachten.

Anders gesagt: Der klassische Musikjournalismus ist tot, jedenfalls fast. Mit der Diversifizierung auf andere Kanäle sind neue Formen am Entstehen. Ein Beispiel dafür lieferte Luca Thoma von «Lyrics/Juice». Als Printmagazin für Hip-Hop gegründet, gehe man heute Kooperationen mit Portalen wie Watson.ch ein, was mehr Reichweite für die Beiträge bedeute. Dazu veranstaltet man ein eigenes Festival und ist selbstredend auf allen möglichen Socia-Media-Plattformen präsent. Dank einer starken eigenen Website generiere man Klicks, die direkt in Werbung umgemünzt werden könnten. Das alle stehe und falle mit dem Hunger und der Leidenschaft der Menschen, die mitmachen, so Thoma. Ehrenamtlich auch hier. Aber: Man biete ein Sprungbrett in den Journalismus. Ach ja: Erwähnte «Spex» gibt es in der Zwischenzeit wieder – als Online-Magazin. Totgeglaubte leben eben länger…

 

BOX 1

Asbest gewinnen «Demo Of The Year»

Am M4Music vom Wochenende 14. bis 16. März 2019 in Lausanne und Zürich wurde der Schweizer Musikbranche zum inzwischen 21. Mal der Puls gefühlt. Mit Gesprächsrunden wie jenem zum Musikjournalismus (siehe Haupttext), aber auch Seminaren für Musikerinnen und Musiker. Auf grosses Interesse stiess einmal mehr der Nachwuchswettbewerb Demotape Clinic. Das «Demo Of The Year» ging an das Rocktrio Asbest aus Basel. Starke Beiträge waren auch aus der Südostschweiz im Rennen, etwa der Song «Oh Girl» von Catalyst aus St. Gallen in der Kategorie Rock, oder «Medusah» von Kety Fusco aus dem bündnerischen Mesocco in der Kategorie Elektronik. Das diesjährige M4Music wurde von 6000 Personen besucht, davon rund 1000 Fachleuten aus der Musikbranche. Bei den Auftritten von Schweizer Bands fiel die Präsenz von starken Frauenstimmen auf. Erwähnt seien bloss Black Sea Dahu, Steiner & Madlaina oder die letztjährige «Demo Of The Year»-Gewinnerin Jessiquoi. (hb)

m4m2019_SA_winners_16

Asbest: Die Gewinner des «Demo Of The Year» 2019 beim Sieger-Fototermin…

Asbest live am M4Music 2019

…und beim Liveauftritt auf der Open-Air-Bühne vor dem Schiffbau in Zürich. (Bild Hans Bärtsch)

 

BOX 2

Streaming dominiert die Musikverkäufe

An dem vom Migros-Kulturprozent getragenen Branchenfestival M4Music wurden dieses Jahr erstmals die vom Verband Schweizer Musiklabels Ifpi erhobenen Verkaufszahlen im hiesigen Tonträgermarkt präsentiert. Wobei dieser Begriff irritiert, gehen die Verkäufe von physischen Tonträgern doch weiter stetig zurück. Mit CDs und LPs wurden 2018 noch 40 Millionen Franken umgesetzt – zum Vorjahr ein Minus von satten 22 Prozent. Diese Verkäufe tragen noch 24 Prozent zum Gesamtmarkt bei, womit auch klar ist, wie gross dieser ist: Für 170 Millionen Franken wurde letztes Jahr in der Schweiz Musik verkauft (+3,7 Prozent zum Vorjahr). Diese Zunahme geht einzig und allein auf das Segment Streaming zurück. Mit 97,8 Millionen Franken (+36 Prozent) trägt Streaming inzwischen 58 Prozent zum Gesamtmarkt bei. Zum Langzeitvergleich: Anfang der Nullerjahre wurden in der Schweiz mit Musik noch mehr als 350 Millionen Franken umgesetzt – und das ausschliesslich mit physischen Tonträgern. (hb)

 

Südostschweiz 18.03.2019