Von der Vergänglichkeit des gerade Angesagten

Am M4Music in Zürich trifft sich jeweils die ganze Schweizer Musikszene, um tagsüber den Zustand ebendieser Szene zu diskutieren und nachts den angehenden Stars zu lauschen. Manchmal wäre ein Blick zurück gewinnbringender.

von Hans Bärtsch

Die entscheidenden Sätze fielen zum Schluss einer enorm kurzweiligen Stunde mit Harvey Goldsmith. Der heute 72-jährige ist einer der erfolgreichsten Musikpromotoren überhaupt, hatte bei den Karrieren von Pink Floyd, Genesis, Yes, Queen, The Who («wegen ihrer Unberechenbarkeit die beste Liveband aller Zeiten»), Bruce Springsteen, Elton John, U2, Muse, Coldplay und vielen mehr die Finger im Spiel. Er war der Mann hinter der einmaligen Wiedervereinigung von Led Zeppelin 2007 (mehr als 20 Millionen Billettbestellungen für eine einzige Show). Und er war der begnadete Netzwerker, der Bob Geldofs «Live-Aid»-Idee innert Wochen umsetzte – ein Benefizkonzert, das Mitte der Achtzigerjahre 1,5 Milliarden Menschen rund um den Erdball vor dem Fernseher vereinigte und mehr als 100 Millionen Franken für Afrika zusammenbrachte.

Dieser Harvey Goldsmith also meinte, mit den Beatles und den Rolling Stones in den musikalisch wie gesellschaftlich fundamental wichtigen Sechzigerjahren gross geworden zu sein, sei ein enormes Glück. Heute sei die Verfügbarkeit von Musik zwar ungleich grösser, aber auch viel beliebiger. Nicht dass er das verurteilen würde – dazu ist Goldsmith viel zu sehr britischer Gentleman –, aber die Spreu vom Weizen zu trennen, sei ungleich schwieriger geworden.

Voller als voll

Dieses Spreu-vom-Weizen-Trennen, die Suche nach neuen Perlen der Popmusik, diese Aufgabe stellt sich das M4Music seit Anbeginn. Mit 6700 Besuchern war das von Donnerstag bis Sonntag in Lausanne und Zürich vom Migros-Kulturprozent zum 21. Mail ausgerichtete Festival einmal mehr ausverkauft. Und zwar derart, dass bei den angesagtesten Acts für etliche Besucher kein Reinkommen mehr war in die entsprechenden Säle. Der deutsche Rapper/Dancehall-Musiker Trettmann ist einer dieser Überflieger der Stunde, denen das Publikum quasi aus der Hand frisst. Interessanterweise erst jetzt, wo er sich gemäss eigenen Aussagen «neu erfunden» hat. Anders gesagt, von einem Produzententeam auf Massengeschmack getrimmt wurde. Auch bei Jacob Banks (toller Sänger, aber etwas gar süsslicher Soulpop) wars voller als voll. Noch schlimmer beim Konzert des Wiener Rappers Yung Hurn.

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Der Szene-Treffpunkt jeden Frühling: das M4Music in Zürich.

Das M4Music, bemisst man es am Andrang des normalen und des Fachpublikums, hat also die Nase bestens im Wind. Nur, wo werden all die Yung Hurns, Trettmanns und Jacob Banks in ein paar Jahren sein, wenn die nächste Sau durchs Dorf getrieben wird, wie man so schön sagt? Denn etwas wirklich Eigenständiges hat bisher keiner der drei Genannten geschaffen. Ein symptomatischer Moment war die Demotape-Clinic, als es um die besten Schweizer Urban-Acts ging. Von einem Cosmic Shuffling aus Genf war ein Track zu hören in derart waschechtem altem Reggae/Ska-Stil, dass es den in der Jury sitzenden Phenomden schier aus den Socken haute. Um dann in einem lichten Moment einzugestehen: Toller Song, tolle Produktion – aber eine Spur mehr Eigenständigkeit wäre doch, bittesehr, schon wünschenswert.

Es tut körperlich weh

Nein, das Rad lässt sich in der Popmusik kaum mehr neu erfinden. Wenn, funktioniert das Generieren von Aufmerksamkeit nur über mehr Extreme: Schrillere Auftritte, reduzierteste Spielweisen, überspitzt-provokante Texte, tolle Lichtshows, was auch immer. Einer, der seinen Lebensstil vor sich herträgt, weil ihm damit in seiner Heimat Südafrika der Tod droht, ist der schwule Soulsänger Nakhane. Sein am eigenen Leib erfahrener Schmerz, umgesetzt in Elektropop mit viel Soul, tut fast körperlich weh. Afrobeats treffen beim 29-Jährigen auf harte Elektronik und Gospel. Gesungen mit einem Falsett, das zum Pathos neigt. Kurz und gut: Nakhanes Auftritt war eine unglaublich intensive Dreiviertelstunde Musik wie von einem andern Stern.

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Eine intensive Dreiviertelstunde Musik: Nakhane aus Südafrika.

Just davor hatte Veronica Fusaro gezeigt, weshalb sie eine hochgelobte Schweizer Sängerin ist, ordentlich im Radio gespielt wird und diesen Sommer etliche Open-Air-Bühnen, darunter das Quellrock in Bad Ragaz, bespielt. Gesanglich/musikalisch ist das Ganze zweifellos einwandfrei. Doch wenn bei den Ansagen zwischendurch das Mädchen aus dem Berner Oberland durchschimmert, ist es mit der ganzen Magie vorbei. Dasselbe bei Pablo Nouvelle. Wie Fusaro hat der Berner Musiker hinter diesem Projekt, Fabio Friedli, sämtliche Stufen beim M4Music durchlaufen: Teilnahme am Nachwuchsprojekt Demotape-Clinic, Auftritt auf der Open-Air-Bühne, dann in einem der kleineren Säle und jetzt Eröffnung des Samstags in der grossen Halle. Bei Pablo Nouvelle ist alles hübsch und nett und tut nicht weh. Das Konzept der verschiedenen Stimmen zu den verschiedenen Songs ist inzwischen auch schon x-fach erprobt. Allein: Man wird nicht richtig warm damit, weil Ecken und Kanten fehlen.

Die Siegerin der diesjährigen Demotape-Clinic hört übrigens auf den Namen Jessiquoi, kommt aus Bern (ursprünglich Australien), und hat beste Chancen, im Aufmerksamkeitszirkus der heutigen Musikwelt zumindest eine zeitlang mitzumischeln mit ihrem recht eigenständigen Elektropop.

Wer profitiert?

Weshalb so viel von Aufmerksamkeit die Rede ist, zeigt ein Blick auf eine der Diskussionsrunden am diesjährigen M4Music. «Goldgrube Streaming?» lautete die mit einem Fragezeichen versehen Ausgangslage zur Debatte, wer die grossen Profiteure von gestreamter Musik sind. Die Urheber beziehungsweise Musikerinnen sind es nämlich nicht. Es sind immer noch Stellen weit hinter dem Komma, welche für die kreativen Schöpfer pro gespielten Song abfallen. Umso mehr sahnen die Plattenfirmen ab. Die Dienste selber nicht unbedingt, schreiben doch allesamt tiefrote Zahlen, insbesondere der führende, kurz vor dem Börsengang stehende Anbieter Spotify. Streaming ist noch immer ein derart junges Geschäftsmodell, dass der Drang nach Reichweite weit vor Profit steht. In einem gnadenlosen Verdrängungswettbewerb werden gerade die Weichen gestellt für die Zukunft. Und findige Dienste wie iGroove aus dem schwyzerischen Lachen suchen Künstler mit ihren Songs auf relevante Playlists zu bringen, so dass sich das Ganze irgendwann rechnet.

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Wohin des Weges mit Streaming? Vertreter von Suisa, Ifpi und iGrooves werfen einen Blick in die Zukunft. (Pressebilder)

Streaming übrigens hat am M4Music als Megatrend-Thema die Musikpiraterie abgelöst. Letztere, einmal das ganz grosse Sorgenkind der Branche, ist nämlich praktisch verschwunden, seit man Musik gemietet hört. Schöne neue Musikwelt. Ach, war das noch übersichtlich, als es zwischen Beatles und Rolling Stones um den Thron der besten Band ging. Zwei Bands, zwei Stilrichtungen. Und gemeinsam die beste Musik des Pop und Rock in Form von Songs, die von der Qualität her Jahrzehnte überdauern.

 

Die Frauenfrage

Ein Dauerthema an Branchenfestivals wie dem M4Music ist die Frauenfrage. Warum gibt es zu wenige von ihnen auf und hinter der Bühne? Weil grossmehrheitlich immer noch Männer den Ton angeben, da ist man sich einig. Und wie lässt sich das ändern? Indem zum Beispiel Verantwortliche für Festival-Line-ups, die praktisch nur aus männlichen Acts bestehen, ausgewechselt werden. Dieser nicht ganz unprovokante Vorschlag kam von der Geschäftsführerin des Musicboard Berlin, die als staatliche Stelle im Musikbusiness mitwirkt. Bei privat organisierten Festivals würde das kaum funktionieren. Fakt ist, kein einziges Schweizer Festival ist bei der globalen Initiative «Keychange» dabei, die den Frauenanteil in den nächsten Jahren massiv erhöhen will. (hb)

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Das Beste 2017 – TV-SERIEN

Keine Frage – 2017 bot alles, was das TV-Serien-Herz begehrt. Und noch ein bisschen mehr. Genau das ist ein Problem. Es gibt zu viele Serien auf zu vielen Kanälen. Auch nur einigermassen den Überblick zu behalten, ist ein Ding der Unmöglichkeit. Geschweige denn, alles zu schauen. Persönlich habe ich viel Verzicht geübt im abgelaufenen Jahr – mich dafür auf jene Serien konzentriert, die mir wirklich am Herzen lagen. Nur eine, die ich unbedingt wollte, schaffte ich nicht: «Twin Peaks – The Return». Zu gross die Bedenken vor einer riesigen Enttäuschung. Was nicht ist, kann natürlich noch werden. Hier nun aber meine Top Ten 2017.

Black Mirror (Staffel 4)
Erst dieser Tage veröffentlicht, ist diese erneut sechs komplett unterschiedliche Storys erzählende Serie weiterhin etwas vom Genialsten. Man mag es Science-Fiction nennen, sollte dabei aber vor Augen haben, wie nah wir gewissen Szenarien heute schon sind. Technische Errungenschaften zum Wohl der Menschheit? Hahahaaaaa. George Orwells «1984» ist im Vergleich zu «Black Mirror» Kinderkram. Erfinder der abgründigen Geschichten ist übrigens der britische Schriftsteller Charlie Brooker. Und: Bei einer der besonders gelungenen Folgen von Staffel 4 hat Jodie Foster Regie geführt.

Suburra (Staffel 1)
Soeben ist in Italien die dritte Staffel der sehr erfolgreichen Mafia-Serie «Gomorrha» zu Ende gegangen. Und hat eine breite Diskussion ausgelöst, inwiefern sich Fiktion und Realität verwischen (Diese TV-Serie lehrt die Mafia das Schiessen). Mit «Suburra» schuf Netflix ein Pendant, das in Rom spielt statt in Neapel. Zwei junge Männer, die in verzweigten, sich – via ihre Väter – feindlich gesinnten Familienclans ihren Platz finden müssen. Hier eine laute, aufstrebende Roma-Sippe, dort eine alteingesessene Mafia-Dynastie mit Verbindungen in höchste politische und religiöse Gefilde. Geld und Macht ist das Einzige, was die durchs Band unsympathischen Protagonisten antreibt. Und um dazu zu kommen, gibt es nur ein Mittel: Gewalt, Gewalt und nochmals Gewalt.

Narcos (Staffel 3)
Was sollte nach dem Tod von Drogenboss Pablo Escobar noch nachkommen? Es war doch alles gesagt zum Ende der zweiten «Narcos»-Staffel. Eben nicht. Dies war erst die Geschichte des Medellin-Kartells. Danach kam in Kolumbien das Cali-Kartell an die Macht. Und der Kampf der US-Behörden gegen das organisierte Verbrechen, welches die Staaten mit billigem Kokain überschwemmte, ging in den Neunzigerjahren unvermindert weiter. Eine berauschende Serie, geprägt von bei uns noch nicht oft gesehenen Schauspielern.

Better Call Saul (Staffel 3)
Wie kann es sein, dass eine Serie von Staffel zu Staffel noch besser wird, zumal es sich «nur» um einen Ableger von «Breaking Bad» handelt? Zur Hauptsache ist es wohl die reizvolle Ausgangslage, die Geschichte des erfolglosen Anwalts Jimmy McGill (Bob Odenkirk) derart behutsam, raffiniert und mit Witz zu erzählen, bis es irgendwann zum unvermeidlichen Treffen mit Walter White, dem Crystal-Meth-Hersteller aus «Breaking Bad», kommt. Bis dann mögen noch 1000 Staffeln ins Land ziehen, so gerne sieht man McGill von einem Fettnäpfchen ins nächste trampeln und sich mit seinem Bruder Chuck McGill bekriegen. Und dann ist da noch Partnerin Kim Wexler…

Billions (Staffel 2)
Nächste Runde im epischen Kampf zwischen einem gerissenen Hedgefonds-Manager (Damian Lewis) und einem machthungrigen Staatsanwalt (Paul Giamatti). Juristische Winkelzüge, das Ausnützen auch noch der kleinsten Gesetzeslücken und Skrupellosigkeit auf beiden Seiten machen diese Serie zum bis dato besten Wall-Street-Drama. Mit Wendy Rhoades (Maggie Siff) spielt zudem eine Frau eine zentrale Rolle, die von beiden Seiten enttäuscht wurde.

Hindafing (Staffel 1)
Da setzt man keinen Fünfer auf TV-Serien aus dem deutschsprachigen Raum, und dann das – «’Fargo’ ohne Schnee» hat ein Kritiker die Bayern-Produktion «Hindafing» genannt. Dem gibt es eigentlich nichts hinzuzufügen. Der von Maximilian Brückner gespielte Bürgermeister Zischl ist eine Wucht, der Humor in diesem Provinz-Krimidrama schwärzer denn schwarz. Meine Entdeckung des Jahres.

Fauda (Staffel 1)
Eine israelische Serie, die ungeschönt den Konflikt im Nahen Osten aufzeigt und dabei die Grenzen zwischen Gut und Böse verschwimmen lässt. Im Zentrum steht ein israelischer Top-Agent, der für die Jagd nach einem militanten Palästinenser aus dem (Un-)Ruhestand zurückkehrt. Und damit weniger ein Problem löst, als eine Kette von Negativereignissen ins Rollen bringt. In Nullakommanichts herrscht Chaos und Anarchie. Nach dem Vorbild von «Fauda» entstand in den USA die Serie «Homeland», die inzwischen (Staffel 6) aber den Fokus komplett verloren hat.

Top Of The Lake – China Girl (Staffel 2)
Diesmal ermittelt Polizistin Robin (Elisabeth Moss) nicht mehr in einer gottverlassenen Gegend mit unheimlichem See und Wäldern in Neuseeland, sondern in Australiens Metropole Sydney. Die Leiche einer jungen Asiatin führt zu einem Bordell, letztlich aber zum Thema Leihmutterschaft. Dass Robin mit ihrer einst zur Adoption freigegebenen Tochter Kontakt aufnehmen möchte, die ebenfalls ins Ganze involviert ist, macht das Ganze noch komplexer. Unter anderem mit Nicole Kidman in einer ganz schrägen Rolle als versagende Mutter, die in eine lesbische Beziehung flüchtet.

Fortitude (Staffel 2)
Eine Leiche ohne Kopf stellt die Gemeinschaft in der Arktis erneut auf die Probe, nachdem sich die Bewohner von Fortitude eben erst vom Kampf gegen einen mörderischen Parasiten erholt haben. «Das ‚Twin Peaks‘ der Arktis – aufreibend und klaustrophobisch», schrieb der «Guardian» und trifft damit den Nagel auf den Kopf. Es ist zwar müssig zu sagen in solch nordischen Serien, aber das um den schon lange nicht mehr wahrgenommenen US-Amerikaner Dennis Quaid erweiterte Schauspielerensemble ist exquisit (u.a. mit Sofie Gråbøl, bekannt aus «Kommissarin Lund»).

Stranger Things (Staffel 2)
Es ist noch nicht vorbei… Dies die Ausgangslage zur pünktlich auf Halloween hin veröffentlichten zweiten Staffel um Schulfreunde in einem Kleinstädtchen. Will, einer von ihnen, wird am hellichten Tag von düsteren Alpträumen geplagt, die eben mehr sind als das. Eine düstere Parallelwelt tut sich auf, eine grauenhafte Spinnenkreatur spielt eine Rolle, und der anfänglich niedliche Demogorgon wird zu einem bedrohlichen Monster. Crazy? Ja! Aber dank des liebevollen Achtzigerjahre-Outfits und toller junger SchauspielerInnen ein grosses, gruseliges Vergnügen.

Diese Serien haben mir ebenfalls sehr gut gefallen: Follow The Money (Staffel 2), Preacher (Staffel 2), Fargo (Staffel 3), Master Of None (Staffel 2), Dark (Staffel 1), 4 Blocks (Staffel 1), Nobel (Staffel 1), The Night Manager (Staffel 1), Santa Clarita Diet (Staffel 1), Broadchurch (Staffel 3), Westworld (Staffel 1), The Handmade’s Tale (Staffel 1), The Deuce (Staffel 1), Beau Séjour – Zimmer 108 (Staffel 1), Sense8 (Staffel 2), Love (Staffel 2), Ozark (Staffel 1).

Enttäuscht haben mich: El Chapo (Staffel 1), Homeland (Staffel 6), Bloodline (Staffel 3).

 

Das Beste 2017 – TONTRÄGER

Ehrlich gesagt… ich fühle mich etwas allein. Andere Jahresbestenlisten haben ganz andere Prioritäten und sind zumindest teilweise deckungsgleich. Meine Favoriten tauchen (fast) nirgendwo anders auf. Aber ich stehe dazu. Und mache vielleicht andere Musikfreaks auf Sachen aufmerksam, die sie noch gar nicht kennen. Hier meine musikalischen Top Ten 2017. By the way: Es war ein sackstarkes Jahr, was Musik aus der Schweiz betrifft.

MARIO BATKOVIC – «Mario Batkovic»
Es war am m4music im vergangenen Frühjahr in Zürich, als man im «Moods» die berühmte Stecknadel fallen und das Akkordeon von Mario Batkovic atmen hörte. Pure Magie. Seither ist es um mich geschehen, ich habe das einstige Kummerbuben-Mitglied mehrfach live gesehen. Und es gibt Tage, da stelle ich bei seinem ersten Soloalbum stundenlang auf Repeat. Die Kompositionen sind minimalistisch gehalten, haben allesamt etwas Sakrales. Erfolgreiche Konzerte in aller Herren Länder zeigen: Mario Batkovic trifft mit seiner einzigartigen Spielweise den Nerv der Zeit.

FABER – «Sei ein Faber im Wind»
Wenn wir bei Exporterfolgen sind, kommt man um Faber nicht herum. Der junge Zürcher Liedermacher, Sohn von Pippo Pollina, ist heuer in Europa (v.a. Deutschland) durchgestartet, wie kaum ein anderer Schweizer Popmusiker von Niveau vor ihm. So jung, so talentiert, die grossartigste Stimme der Welt! Und auf der Bühne entwickeln sich die Songs mit jedem Konzert weiter (Richtung Balkan). Man mag ihm die eine oder andere etwas gar altkluge Textzeile nachsehen. Das erste Album jedenfalls ist voller melodieseliger Lieder. Wie Element of Crime in jung.

APRÈS LA CLASSE – «Circo Manicomio»
Ein Zufallstreffer, Spotify sei dank. Davor hatte ich von den italienischen Ska-Punkern noch nie etwas gehört, obwohl sie doch schon einige Alben veröffentlicht haben. Keines weist die satte Reife von «Circo Manicomio» auf. Jeder Song ein (Tanz-)Fest, lateinamerikanische Rhythmen lösen tiefen Dub-Reggae ab, mehrstimmiger Gesang und satte Bläser sorgen für viel Abwechslung. Und: Hört man die Scheibe nebenbei, stellt sich automatisch gute Laune ein.

KUMBIA BORUKA – «La Vida Se Vive»
Ein weiteres Gute-Laune-Album. Kennengelernt habe ich Kumbia Boruka vergangenen Sommer am Paléo-Festival in Nyon, an dem das Village du Monde lateinamerikanischen Klängen gewidmet war, darunter etlichen Gruppen, die sich traditionellem und/oder modernem Cumbia verschrieben haben. Kumbia Boruka aus Mexiko können und machen beides. «La Vida Se Vive» enthält zehn grossartige eigene Nummer. Und: Hört man die Scheibe nebenbei,… (s. oben).

Skolka – «Dammawos»
Auch bei dieser österreichischen Formation stand ein Liveauftritt am Anfang. Sturm und Regen hatten das Festzelt am diesjährigen Alpentöne-Festival in Altdorf fast leergefegt, als Skolka loslegten wie die Feuerwehr. Teuflisch schneller Ska, zwischendurch eine Polka, eine Bläsersektion, die den Ton im wahrsten Sinne des Wortes angibt. Und Sängerin Judith, die nicht locker lässt, bis auch der letzte Zuhörer auf Festbank oder -tisch steht. Wochen später das neue Album «Dammawos», welches das Skolka-Werk nahtlos fortsetzt, sich aber mit einer ersten langsamen, eher nachdenklichen Nummer auch Neuem nicht verschliesst.

Mikko Joensuu – «Amen 3»
Und damit direkt zum traurigsten, herzzerreissendsten Album des Jahres. «Amen 3» ist der Abschluss einer Trilogie des finnischen Musikers Mikko Joensuu. Er setzt sich damit mit dem fundamentalchristlichen Pfingstglauben auseinander, dem seine Familie anhängt. Das ist vor allem eines: schmerzhaft. In jeder Note, jeder Textzeile. Das knapp 14-minütige «Pearly Gates» zum Schluss des nur sechs (dafür bis zu 20 Minuten langen) Songs umfassenden Werkes fühlt man sich zugleich gerädert wie erlöst. Kirchen-Techno nennt es der «Musikexpress». Live setzt Joensuu auf warme Streichinstrumente, was eine weitere Intensitätsstufe zündet. Schon klar, dass die beiden Auftritte des Finnen am diesjährigen Iceland Airwaves in Reykjavik meine Festival-Highlights waren.

Fufanu – «Sports»
Um gleich in Island zu bleiben. Nein, Björks neues Werk schaffte es bei mir nicht in die vorderen Ränge – zu viel Déjà-vu. Das Trio Fufanu macht zwar ebenfalls eine irgendwie altmodische Musik (stilistisch beim New Wave). Aber derart druckvoll, hymnisch und gleichzeitig schnoddrig-minimalistisch-unterkühlt, dass es eine Freude ist. Das treibt und drängt vorwärts, wagt auch mal die grosse Pop-Geste. Jeder Songs hat das gewisse Etwas, bei jedem einzelnen wünscht man sich, er möge noch fünf Minuten länger dauern.

Lhasa de Sela – «Live in Reykavik»
Und um noch eine weitere Platte lang in Island zu verweilen: Was hatte ich mich nach dem viel zu frühen Tod von Lhasa de Sela nach Aufnahmen gesehnt, die noch der Veröffentlichung harrten. Doch nichts, nada. Bis jetzt, aus heiterem Himmel, die drei Studioalben zusammen mit einer Scheibe namens «Live in Reykavik» zusammen in einer CD-Box erscheinen. Es ist die Aufnahme eines der letzten Konzerte überhaupt der amerikanisch-mexikanischen Sängerin. Musik von purer Schönheit, melancholisch im Grundton, gesungen von einer ausserirdischen Stimme. Danke für dieses womöglich allerletzte Lebenszeichen.

Lee «Scratch» Perry & The Subatomic Sound System – «Super Ape Returns To Conquer»
Eines der besten Dub-Alben ever neu, frisch (und originalgetreu) eingespielt. Natürlich kann man solchem Ansinnen gegenüber kritisch eingestellt sein. Aber wenn man diese supertiefen Bässe hört, die für den nötigen Wumms sorgen, fragt man sich, was am Original von 1976 so toll war. Es tönt, im Vergleich, nur noch schlapp! John Emch heisst der Zauberer auf dem Produzentenstuhl, er ist der Mastermind des New Yorker Subatomic Sound System, und schon seit Jahren mit der Musik von Dub-Legende Lee «Scratch» Perry befasst. Heutzutage, wo nur noch sporadisch hörenswerter Dub-Reggae veröffentlicht wird, ist dieses Album für Fans des Genres wie Weihnachten und Ostern zusammen.

Ray Davies – «Americana»
Es gab dieses Jahr einige Spätwerke, die an dieser Stelle nicht fehl am Platz wären (Gregg Allman, Robert Plant, Joe Henry usw.), aber Kinks-Vordenker Ray Davies schlägt sie alle mit einer grossartigen Songsammlung, die von seiner Liebe zu den USA kündigt. Jenem Land, das ihn fast umgebracht hat (er wurde in New Orleans niedergeschossen, weil er einen Strassenräuber stellen wollte). Dazu ist Davies ja Brite durch und durch, was sich im Melodiereichtum von «Americana» zeigt. Bei den Aufnahmen liess er sich von der amerikanischen Alternative-Countryband The Jayhawks begleiten. Damit treffen sich die besten der beiden Rock’n’Roll-Welten dies- und jenseits des Atlantiks.

Weiters sehr gut gefallen haben mir 2017 folgende Alben (auffallend: wenig Gitarren!): «Inna de Yard» von The Soul Of Jamaica, «Last Place» von Grandaddy, «American Dream» von LCD Soundsystem, «Cigarettes After Sex» von Cigarettes After Sex, «Hippopotamus» von Sparks, «Slowdive» von Slowdive, «Mister Milano» von Mister Milano, «Sehnsucht» von Lisa Who, «Little Fictions» und «The Best Of (Deluxe)» von Elbow, «Deep Dive Dub» von Dub Spencer & Trance Hill, «Brand New Day» von Mavericks, «Prince Of Tears» von Baxter Dury, «Hot Spot» von Spoon, «Weather Diaries» von Ride, «Modern Kosmology» von Jane Weaver, «Blood Red» von Egopusher, «Angst» von Nits, «Thrum» von Joe Henry, «Southern Blood» von Gregg Allman, «Soul Of A Woman» von Sharon Jones & The Dap-Kings, «Niente» von Wanda, «How The West Was Won» von Peter Perrett, «Don’t Give Up On Love» von Don Bryant, «Double Roses» von Karen Elson, «Harmony Of Difference» von Kamasi Washington, «Oczy Mlody» von Flaming Lips, «Crack-Up» von Fleet Foxes, «A Deeper Understanding» von The War On Drugs, «Resistance Radio: The Man In The High Castle» (Soundtrack).

Und als einzelne, herausragende Songs: «How Did I Find Myself Here» von Dream Syndicate, «Sign Of The Times» von Harry Styles, «Spent The Day In Bed» von Morrissey, «Plastic Machinery» von The Charlatans.

Meine Enttäuschungen des Jahres: «Volcano» von Temples, «I Tell A Fly» von Benjamin Clementine, «Heartworms» von The Shins, «Kicking Up The Dust» von Cast, «Villains» von Queens Of The Stone Age, «Is This The Life We Really Want?» von Roger Waters, «Humanz» von Gorillaz.

Legenden, aber keine legendären Konzerte

Trotz grosser Stilvielfalt kommt am Montreux Jazz Festival auch einiges zu kurz: simpler Rock etwa. The Kills und Kasabian haben die Scharte ausgewetzt. Brian Wilson gab derweil ein Konzert für die Geschichtsbücher.

Von Hans Bärtsch

Es gibt Abende am Montreux Jazz Festival, da spürt man, die werden anders als andere. Am Montag beispielsweise strömen scharenweise junge, freiwillige Festival-Helferinnen und -Helfer in ihren Staff-T-Shirts ins Auditorium Stravinski, um zwei Bands zuzusehen, die das Haus in diesem Jahr zum ersten Mal so richtig rocken. Und bei denen offenbar auch der In-Faktor stimmt. Das britisch-amerikanische Duo The Kills – auf dieser Tour zum Quartett erweitert – gibt erstens optisch ordentlich was her. Sängerin Alison Mosshart würde auch auf dem Laufsteg eine gute Figur machen. Und Gitarrist Jamie Hince, als Ex von Kate Moss Model-erfahren, ist der ideale Sidekick. Wobei dieser Begriff untertrieben ist, wenn man, zweitens, die akustische Seite von The Kills anschaut. Die Gitarre ist das Epizentrum des musikalischen Sturms, der sich hier entlädt. Schmutziger Garagenrock, roh und reduziert, trifft auf eine Stimme, die durch Mark und Bein geht.

Wie bloss würden sich nach diesem Adrenalinschub Kasabian schlagen als zweite Band des Abends? Die Briten mit den schrecklichsten Frisuren und Outfits seit Oasis tun, was sie können. Und treiben die Party mit Dance-Elementen zu einem zweiten Höhepunkt. Man glaubt, die Madchester-Bewegung rund um Bands wie Happy Mondays, Stone Roses oder The Charlatans sei wieder auferstanden. Das erklärte Ziel von Gitarrist Sergio Pizzorno lautet ja auch nicht gerade bescheiden: «Wir wollen den Rock’n’Roll retten.» Was die Songs anbelangt, gibts auch nach sechs Alben noch Luft nach oben. Aber in Sachen Energie sind Kasabian mit ihren Livekonzerten voll auf Rettungskurs. Mehr harten Rock, verbunden mit einem noch höheren In-Faktor gabs im Übrigen gestern Abend mit dem famosen Duo Royal Blood.

Müder Dandy

Rückblende auf Sonntag, als es im Stravinski-Saal deutlich betulicher zu und her geht. Angekündigt sind zwei Legenden, beide jenseits der 70. Bryan Ferry ist noch immer der gutaussehende Dandy, der er schon zu Zeiten von Roxy Music war. Aber entweder fehlt ihm die Lust oder die Kraft. Der müde wirkende Sänger wird, zumeist am Piano sitzend, von einer äusserst agilen, spielfreudigen Band getragen. Zum Glück, die Freude an Roxy-Music-Klassikern und Werken aus Ferrys diversen Soloalben wäre sonst arg getrübt worden.

Bryan Ferry fehlt die Lust oder die Kraft. Immerhin: Der müde wirkende Sänger wird von einer spielfreudigen Band getragen.

Die Begleitband ist es auch, die den Auftritt von Brian Wilson ausmacht, des genialen Kopfes der Beach Boys. Auf dem Programm steht die integrale Präsentation von Wilsons Meisterwerk «Pet Sounds». Ein Album, rund 37 Minuten kurz, das den Beatles kompositorisch endgültig den Rang ablaufen sollte, zur Zeit der Erstehung wegen seiner Komplexität aber in erster Linie für Streit innerhalb der Band und mit der Plattenfirma sorgte. Und: Das Brian Wilson selber dermassen überforderte, dass er schwere psychische Probleme davontrug.

Trauriger Anblick

Es ist deshalb nicht weniger als ein Wunder, dass dieser Wilson sich derzeit auf Welttournee befindet und zum 50-Jahr-Jubiläum von «Pet Sounds» auch in Montreux Halt macht. Es ist gleichzeitig ein trauriger Anblick zu sehen, wie kraftlos der Maestro am Piano sitzt und die Texte vom Teleprompter abliest. Die gesanglichen Raffinessen in Songs wie «Sloop John B» oder «God Only Knows» stehen in umgekehrtem Verhältnis zu den heutigen stimmlichen Möglichkeiten Wilsons. Zum Glück, wie gesagt, stehen ihm hervorragende Musiker zur Seite. Unter anderem Al Jardine, ebenfalls ein Beach Boy der ersten Stunde, und dessen Sohn Matt Jardine.

Brian Wilson

Genialer Musiker, aber längst nicht mehr im Vollbesitz seiner Kräfte: Brian Wilson (am Klavier), hier mit Beach-Boys-Mitbegründer Al Jardine am Montreux Jazz Festival 2017. (Bild Ueli Frey)

Der rührendste Moment ist eine ganz zum Schluss praktisch nur a-cappella wiedergegebene Version von «Love & Mercy» ab Wilsons erstem Soloalbum von 1988. Dies nach einem Hit-Medley aus der Beach-Boys-Küche, das nichts mit dem «Pet-Sounds»-Album zu tun hat. Aber mit einem 37-Minuten-Werk lässt sich schliesslich auch kein ganzes Konzert bestreiten. Jedenfalls: Der Abend mit Brian Wilson ist einer für die Geschichtsbücher des Montreux Jazz Festival, auch wenn er qualitativ nicht als legendär in Erinnerung bleiben wird.

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Folk mit einem wohltuenden Knacks

Die stilbildende Folkpop-Band Fleet Foxes hat dem Montreux Jazz Festival einen Konzertabend der Sonderklasse beschert. Auch, weil die Amerikaner mit ihrem jüngst erschienenen dritten Album noch komplexer geworden sind.

Von Hans Bärtsch

Die Gründe, weshalb die Formation um Sänger/Gitarrist Robin Pecknold auf ihrem dritten Album «Crack-Up» nicht komplett anders, aber doch erneuert klingt, wurden kürzlich an dieser Stelle ausgeführt (Ausgabe vom 17. Juni). Der Frontmann hatte nach den beiden ersten Alben, die die Fleet Foxes zur Speerspitze der Americana-Bewegung und Barttragen plus Holzfällerhemden für junge Menschen zu einem modischen Muss machten, dringend eine Auszeit benötigt. Pecknold nutzte diese für ein Literatur-, Kunst- und Musikstudium in New York.

Wie aus einem Guss

Wie würden sich die suitenartigeren, komplexeren, manchmal bewusst gebrochenen, sperrigeren Songs von «Crack-Up» ins Live-Repertoire der Fleet Foxes einfügen? Um es vorwegzunehmen: Problemlos, hervorragend gar! Mutig stellt das Sextett, das diese Woche am Montreux Jazz Festival gastierte, just die neuen Werke ins Zentrum und platziert dazwischen ältere Lieder. Früh im Lauf ihres gut zweistündigen Konzerts bereits Ohrwürmer wie «Ragged Wood» oder «Your Protector». Und das alles kommt daher wie aus einem Guss. Es ist ein hochkonzentrierter, aber doch auch lustvoller Auftritt. Der Harmoniegesang bleibt weiterhin das Markenzeichen der Band, wird aber nicht überstrapaziert. Phasenweise sind es vier Gitarren, die einen Song modellieren. Es ist diese Mischung aus perfekten Harmonien und Melodien – ja, da stehen Bands wie die Beach Boys, The Byrds oder Crosby, Stills, Nash & Young eindeutig Pate – und rhythmischen Raffinessen, welche die Band so einzigartig macht.

Die etwas naive Lagerfeuerromantik der Frühphase ist definitiv vorbei. Oder, wie es der «Tages-Anzeiger» formuliert hat: «Der Bart ist ab». Die «neuen» Fleet Foxes haben sich gewissermassen von sich selbst emanzipiert, und ihren unzähligen Nachfolgern/Nachahmern gleichzeitig ein Schnippchen geschlagen – gerade auch unsäglichen Zeitgenossen wie den Lumineers. Inhaltlich ist eine neue Ernsthaftigkeit dazugekommen, bei der noch nicht klar ist, wohin sie noch führen wird. Jedenfalls sind die Fleet Foxes eine der spannendsten Bands dieser Tage. Hoffentlich bleiben sie uns noch länger erhalten.

Gut geschnürtes Paket

Dass der Dienstagabend im Lab-Saal zu einem rundum beglückenden Erlebnis wurde, hatte auch mit den beiden Acts davor zu tun. Der New Yorker Singer/Songwriter Hamilton Leithauser – Frontmann der Indie-Rock-Gruppe The Walkmen – nimmt mit einer Stimme gefangen, die zwischen inbrünstigem Falsett und rockendem Knurren alles draufhat. Was natürlich alles nichts nützt, wenn gute Songs fehlen. Diesbezüglich ist bei Leithauser das Gegenteil der Fall. «A 1000 Times» etwa ist eine Hymne vor dem Herrn.

In Montreux liegen das Gute und das noch Bessere so nah.

Kevin Morby wiederum war einst Mitglied bei der noch immer unterschätzten Indie-Folk-Truppe Woods. Auf Solopfaden wandelt er seit rund vier Jahren. Und wirft dabei eine wandlungsfähige Stimme in die Waagschale und ein Händchen für knackige Kompositionen, die süssliche Folkmelodien umfassen wie härter rockende Stücke. Allen ist gemeinsam, dass sie ins Ohr gehen wie ein Messer durch Butter. Wie bei den andern Akteuren dieses famosen Abends pendelt auch er mit seinen Liedtexten zwischen persönlichen Geschichten und politischen Statements. Es mag abgegriffen klingen: Aber unsere heutigen Zeiten haben solche Künstler dringend nötig.

Pures Vergnügen

Um nichts als das pure Vergnügen geht es tags darauf im grossen Saal, dem Auditorium Stravinski. Trombone Shorty & Orleans Avenue sind eine Groove-Maschine, die kaum einmal Raum zum Durchatmen lassen. Die explosive Mischung aus Funk, Soul und Hip-Hop mag auf dem aktuellen Album «Parking Lot Symphony» etwas gar stark auf Massengeschmack getrimmt sein, live gibt es gar nichts auszusetzen. Die noch immer mehrheitlich aus Jugendfreunden zusammengesetzte sechsköpfige Band, darunter drei Bläser, hält das New-Orleans-Erbe hoch, bringt es dank neuen Elementen (Hip-Hop) aber auch einen gehörigen Schritt voran.

Die grossen Stars des Abends sind dann The Roots, die am Dienstag bereits die krankheitshalber ausgefallene Emeli Sandé mit einer kraftvollen Show ersetzten. Diesmal begleiten sie R&B-Star Usher und bleiben gleichzeitig die eigenständige, auf allerhöchstem Niveau agierende Black-Music-Truppe. Weil das zwischendurch doch etwas gar zu geschliffen daherkommt, wechselt der Schreibende in den Park vor dem Stravinski, wo Gratiskonzerte auf dem Programm stehen. Und bleibt bei The Urban Voodoo Machine hängen. Einer sehr theatralischen, bewusst auf unperfekt gemachten britischen Gypsy-Rock’n’Roll-Fuhre. Auch das ist Montreux – das Gute und das noch Bessere liegen hier so nah. Das Festival am Genfersee dauert noch bis zum 15. Juli.

http://www.montreuxjazzfestival.com

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Blockchain – der neue Hoffnungsschimmer für die Musikbranche

20 Jahre M4Music: Das Branchen-Musikfestival ist erwachsen und etwas langweilig geworden – aber es hat sich auch unverzichtbar gemacht mit wichtigen Diskussionen. Im Jubiläumsjahr etwa zum Thema Blockchain.

von Hans Bärtsch

Tagsüber wird über Popmusik gelabert, nachts wird sie gespielt und ihr zugehört. Das ist das Prinzip des vom Migros-Kulturprozent M4Music getragenen Festivals. Bei jenen, die spielen, handelt es sich um Nachwuchskünstler mit Hauptfokus auf dem heimischen Schaffen. Bei jenen, die zuhören, zum wichtigen Teil um Profis aus der Musik- und anverwandten Kreativbranchen. Kurz: Das M4Music ist der Treffpunkt der Schweizer Szene, auch im 20. Jahr seines Bestehens. Da der erste Festivaltag jeweils in Lausanne stattfindet (und die folgenden beiden in Zürich), funktioniert auch der sprachregional übergreifende Austausch bestens.

Blockchain: Mehr als ein Hype?

Was weniger gut funktioniert, ist die Rettung des Business – das Dauerthema des Festivals, seit das Internet und damit verbunden die Gratiskultur fast irreversiblen Schaden angerichtet hat (die Verlagshäuser können ja ebenfalls ein Liedchen davon singen). Natürlich war Streaming auch dieses Jahr wieder ein Thema. Dass für Musiker damit kaum ein Butterbrot zu verdienen ist, ist inzwischen ja hinlänglich bekannt. Dass es anders gehen könnte – mit Betonung auf könnte –, zeigte eine Gesprächsrunde zum Thema Blockchain auf.

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Interessante Diskussion am M4Music zum Thema Blockchain, erläutert von Hannes Grassegger (zweiter von rechts). (Bild Hans Bärtsch)

Hannes Grassegger, ehemaliger «Südostschweiz»-Redaktor und jetziger Reporter für «Das Magazin» und «Reportagen», zeigte vom ökonomischen Standpunkt her auf, was die Chancen und Risiken dieser neuen Technologie sind. Die Ausgangslage: Durch das Internet ist die Selbstkontrolle der Rechteinhaber über ihr geistiges Eigentum verloren gegangen. Mit Blockchain, quasi der Mutter der Digitalwährung Bitcoin, bietet sich die Chance, die Kontrolle wieder zurückzuerlangen. Grassegger erklärte Blockchain mit einer «grossen Excel-Tabelle» beziehungsweise einem «offenen Kassa-/Kontobuch», wo alles notiert ist und worüber alle Transaktionen laufen – ohne Umwege zwischen dem Hersteller eines künstlerischen Werks und dem Konsumenten.

Direkter Transfer zwischen Künstler und Konsument

Simon Emanuel Schmid, Co-Gründer der Booking-Organisationsplattform Optune.me, sagte es mit einer Zahl: Beim Download eines Musiktitels beispielsweise bei iTunes zum Preis von 1.50 Franken gehen 60 Rappen an die Kreditkartenfirma. Es sind letztlich Brosamen, die direkt beim Künstler landen. Und genau hier setzt Blockchain an. Die Technologie ermöglicht den direkten Transfer zwischen Künstler und Konsument; Zwischenhändler sind ausgeschaltet. Der Zürcher Musiker Ephrem Lüchinger ist begeistert davon, «weil es die ganze Verwertungskette umkehrt». Höre ein Fan in Japan seine Musik, erhalte er das Geld dafür innert Minuten. Der Weg über die Rechteverwertungsgesellschaft Suisa dauere zweieinhalb Jahre und sei viel weniger lukrativ.

Blockchain ermöglicht den direkten Transfer zwischen Künstler und Konsument

Blockchain, in dessen Entwicklung die grössten Banken weltweit seit einigen Jahren Milliarden stecken, könnte also gerade im Musikbereich die Lösung für eine faire Entschädigungspraxis sein. Ein Knackpunkt ist die Nutzerakzeptanz. Bereits heute könn(t)en Zahlungen blitzschnell, fälschungssicher und ohne gebührenfressende Umwege (Kreditkarten) vorgenommen werden – bloss macht es noch fast niemand. Blockchain: Mehr als ein Hype? Wie vieles, was am M4Music diskutiert wird, muss man diese Fragen und die erst wenigen Antworten darauf in eine paar Jahren erneut auf den Prüfstand stellen.

Einer, der «gegen unten tritt»

Hochaktuell war ein Panel zum Thema Pop und Politik in der Gegenwart. Bewegt die «Trumpisierung», die seit geraumer Zeit stattfindet, auch die Schweizer Musikschaffenden? Zum Hauptthema wurde einer, der gar nicht auf dem Podium sass, nämlich Büezer-Rocker Gölä. Einer, der «gegen unten tritt», wie es der in Chur geborene Journalist, Buchautor und Musiker Daniel Ryser ausdrückte. Aber auch jene Künstler, die «gegen oben» austeilen, wurden kritisch hinterfragt, eine Madonna, eine Beyoncé, ein Kendrick Lamar. Soll Kunst überhaupt direkt reagieren auf gesellschaftliche, politische Vorgänge, wurde als Frage in den Raum gestellt.

Der junge Schweizer Rapper Nemo meinte: «Richtig machen kann man es nicht – man muss es nur machen.» Übersetzt: Ob man seine Fanbasis mit politischen Statements vergrault, ist durchaus möglich, aber nichts sagen ist keine Option. Ob der Legitimität von Heile-Welt-Musikern wie Trauffer oder Bligg wurde die Diskussion richtiggehend giftig. Auch ein Zeichen der Orientierungslosigkeit in unserer heutigen Welt.

Mario Batkovic als einsamer Höhepunkt

Nach der Theorie die Praxis. Ob Zufall oder nicht, standen am vergangenen Wochenende im Rahmen des M4Music gleich mehrere Schweizer Bands mit neuen Alben auf den diversen Bühnen im und um den Schiffbau in Zürich: Panda Lux, Baba Shrimps, Damian Lynn, Jeans for Jesus, die Bündner Band Ursina. Und weitere hoffnungsvolle Newcomer wie der Rheintaler Achtzigerjahre-Verehrer Crimer und der bereits erwähnte 17-jährige Bieler Nemo. Am handwerklichen Können fehlt es nirgends, dafür am einen oder andern Ort an Originalität. Der einsame Höhepunkt war der Auftritt des Berner Akkordeonisten Mario Batkovic im «Moods». Was das ehemalige Kummerbuben-Mitglied mit seinem Instrument anstellt, ist schlicht atemberaubend – und hat Potenzial für eine internationale Karriere, wie sie in seinem Fall gerade startet. Ebenfalls betörend der Auftritt von Baze – sehr sec, aber trotzdem mit viel Flow. Und mit einem Wutausfall vertrieb der Berner Rapper die ganze erste Reihe aus dem «Moods»; die Schnorris hatten es auch verdient.

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Junger Rapper: Nemo (17) zeigt am M4Music, was der Schweizer Nachwuchs draufhat. (Pressebild)

Die Schweizer Künstler fegten jedenfalls etliche internationale Grössen geradezu weg mit ihren energiegeladenen Shows. Der Auftritt der Filigran-Folkrocker The Shins aus den USA jedenfalls war soundtechnisch eine Katastrophe. Und Frank Turner mit seiner gepressten Stimme und dem fantasiearmen Gitarrengeschrummel schlicht zum Davonlaufen. Richtung den britischen Hip-Hop-Künstler Loyle Carner beispielsweise – wer eine Show mit einem Sample aus dem Musical «Hair» eröffnet, hat schon mal gewonnen. Das Gute liegt beim M4Music oft so nah.

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6500 Besucher

Die Jubiläumsausgabe des M4Music-Festivals verzeichnete 6500 Besucher. Den mit 5000 Franken dotierten «Demo of the Year»-Preis gewannen Meimuna aus Choëx. Die Band erhielt ausserdem die an den Fondation-Suisa-Award gekoppelten 3000 Franken in der Kategorie Pop. In den anderen Kategorien wurden Verveine aus Vevey (Electronic), Dirty Sound Magnet aus Freiburg (Rock) und Zola aus Basel (Urban) geehrt. Aus der Südostschweiz war die Teilnahme an der diesjährigen Demotape Clinic recht bescheiden, dies im Gegensatz zu früheren Jahren. (hb)

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Das Beste 2016 – TV-SERIEN

Unter uns gesagt: Ich habe 50 TV-Serien geschafft 2016. Lange nicht jede hat eine Höchstnote verdient, aber doch erstaunlich viele. Die Qualität bezüglich Serien ist nach wie vor unglaublich hoch, obwohl kritische Stimme schon länger vor einem Overkill warnen. Bei dem, was 2017 auf uns zukommt (u.a. «Twin Peaks»), wage ich zu behaupten, der Höhenflug in Sachen TV-Serien wird weiter anhalten. Hier meine Top Ten.

Quarry (Staffel 1)
Vietnam-Veteran muss auch zuhause killen, um zu überleben; Qualitätsniveau «True Detective», fantastischer 70ies-Style, tolle Schauspieler; über ein leichtes Spannungsgefälle von Folge zu Folge lässt sich locker hinwegsehen.

Gomorrah (Staffel 2)
Perfektes Erzähltempo; nicht das Reisserische steht im Zentrum, sondern die subtile Figurenzeichnung. Gleichwohl: Ein happiges Stück italienischer – und internationaler – Mafia-Realität, von dem wir Normalsterbliche keinen blassen Schimmer haben.

American Crime (Staffel 2)
Mitten aus dem Leben gegriffen – und am Ende sind in diesem Missbrauchsfall an einer US-Highschool alle nur Verlierer. Das Interessante an dieser Serie: Die teils gleichen, fantastischen Schauspieler wie in Staffel 1 haben hier komplett andere Rollen inne.

The Bridge (Staffel 3)
Einfach nur stark, mit einer sagenhaften Saga Norén im Zentrum der düsteren Geschehnisse, die an der Grenze zwischen Dänemark und Schweden spielen. Bezeichnenderweise den beiden Hauptländern, was Nordic-Noir-Krimis anbelangt.

Trapped (Staffel 1)
Sehr stimmiger und unheimlicher Island-Thriller. Logisch, dass zur Aufklärung des grauenhaften Verbrechens ein schwerer Sturm tobt. Diesem kommt immer mehr die Hauptrolle zu in dieser erstklassig besetzten Serie. Staffel 2 startet 2018!

Billions (Staffel 1)
Die Finanzwelt wird nicht das erste Mal filmisch thematisiert – das System dahinter wird auch mit dieser Serie nicht wirklich greifbar, aber den Kontrahenten, Gut vs. Böse, schaut man extrem gerne zu. Zumal die Rollenverteilung so eindeutig auch hier nicht ist.

Black Mirror (Staffel 3)
Beängstigende, teils bitterböse Zukunftsszenarien, die gar nicht so weit in der Zukunft liegen. Etwas gewöhnungsbedürftig: Die einzelnen Episoden habe nichts miteinander zu tun. Und: Mit der Übernahme der Serie durch Netflix wurde «Black Mirror» leicht amerikanifiziert – zum Glück ohne Folgen für die Qualität der Serie.

Horace And Pete (Staffel 1)
Eigentlich keine richtige TV-Serie, da (aus finanziellen Gründen) nur online erschienen. Aber was für ein Vergnügen, Louie C.K. Steve Buscemi und anderen Spitzenschauspielern beim Reden in einer Bar zuzusehen. Ja, richtig – mehr ist da nicht. Aber mehr brauchts auch nicht für ein hochintelligentes, bitterböses Vergnügen.

Preacher (Staffel 1)
Quasi der leichteste Stoff in meiner Top Ten. Die Story: Ein Priester, der ein Vampir ist; grossartiger Blödsinn, aber fantasievoll-fantastisch erzählt. Füllt für mich irgendwie die Lücke, welche die Prügel-Serie «Banshee» hinterlassen hat.

The Night Of (Staffel 1)
Grandiose einzelne Folgen, aber als Ganzes fast zu hastig erzählt, v.a. der Wandel des vermeintlichen Mörders vom naiven Unschuldslamm zum harten Boy in U-Haft geschieht zu abrupt. Trotzdem: Allein Folge 1 (und John Turturro als Anwalt) sind die Serie wert.

Diese Serien haben mir ebenfalls sehr gut gefallen: Narcos (Staffel 2), The Young Pope (Staffel 1), Love (Staffel 1), Bedrag/Follow The Money (Staffel 1), Better Call Saul (Staffel 2), The Fall (Staffel 3), Marcella (Staffel 1), Happy Valley (Staffeln 1 und 2), Station Horizon (Staffel 1), Banshee (Staffel 4), Bloodline (Staffel 2), Marseille (Staffel 1), Les Revenants/The Returned (Staffel 2), Peaky Blinders (Staffel 3), River (Staffel 1), Master Of None (Staffel 1).
Und, last but not least: Die ORF-Landkrimis werden immer skurriler; bestes Beispiel dafür ist die eben erst ausgestrahlt Folge «Höhenstrasse». Vor allem der Vierteiler «Pregau – Kein Weg zurück» mit seinen «Fargo»-Elementen hat es mir angetan.