Turbofolk und auch viele leisere Töne

Das europaweit wohl bedeutendste Roots-, Folk- und Weltmusikfestival im deutschen Rudolstadt hat dieses Jahr sein 30-Jahr-Jubiläum gefeiert. Mit einem Schwerpunkt auf den Ländern Ex-Jugoslawiens – und Gästen aus der Schweiz.

von Hans Bärtsch

«Sie gehen bestimmt ans Tanzfest – viel Vergnügen!» Die Anbieter von Unterkünften im weiteren Umkreis von Rudolstadt wissen, wer bei ihnen jeweils Anfang Juli zu Gast ist. Und beginnen ohne Umschweife zu erzählen von eigenen Besuchen und unvergesslichen Konzerten in der schönen Altstadt, auf der darüber thronenden Heidecksburg oder im ausladenden Heinepark an der Saale.

Berührend: Die alten Balkangesänge der Zwillinge Ratko und Radiša Teofilović. (Bild Hans Bärtsch)

Getanzt wurde dort schon Mitte der 1950er-Jahre zu DDR-Zeiten. Das «Fest des Deutschen Volkstanzes» sollte der nationalen Einheit dienen. Nach der Wende hoben Thüringer Folk-Enthusiasten einen Anlass aus der Taufe, der sich innert weniger Jahre zu einem der führenden Festivals mauserte im schier grenzenlosen Bereich Weltmusik. Die Zeitung «Zeit» nannte es einmal «Das schönste Kind der deutschen Einheit». Ein Zitat, das jetzt auch den Titel gab für ein Buch über das Rudolstadt-Festival.

Miteinander hier, aber nicht da

Nach zwei Jahren Coronaunterbruch gelang der Neustart eher zaghaft, was das Publikumsinteresse anbelangt – erstmals seit gefühlten Ewigkeiten war der viertägige Anlass nicht ausverkauft. Gar nichts Zaghaftes lässt sich dem Programm nachsagen; der Länderschwerpunkt lautete «Titos Erben», befasste sich also mit dem ehemaligen Jugoslawien. Der Beginn des Zerfalls dieses Vielvölkerstaates ist ebenfalls 30 Jahre her. In mancher Anmoderation der Konzerte wurde der Bogen geschlagen zur Jetztzeit und zum aktuellen Ukraine-Konflikt. Verbunden mit der Frage, ob und wann russische und ukrainische Musikerinnen und Musiker wohl wieder zum Miteinander finden.

Die Hanneli-Musig brachte den Tanzinteressierten humorvoll Polka, Schottisch und Walzer näher.

Zurzeit jedenfalls bestimmt nicht, zu tief sind die Gräben, zu naiv Wunschdenken in diese Richtung. Selbst die Aktivistinnen-Formation Pussy Riot schaffte es nicht, einen gemeinsamen Solidaritätsanlass auf die Beine zu stellen. Ihr eigener Auftritt war einigermassen problembehaftet, kam der Beamer mit der Übersetzung der (unabdingbaren) Texte doch nicht gegen das Tageslicht an. So blieb es bei einem wütenden Punkkonzert mit schmerzhaft schrillem Saxofon, aus dem einzig das dutzendfach und kaum löblich herausgeschriene «Putin» zu verstehen war.

Präsentiert schwermütige Volksmusik aus Bosnien und Herzegowina: Božo Vrećo. (Bild Michael Pohl)

Doch zurück zum Länderschwerpunkt, der zeigte, dass Musik und Gesang mit der Zeit selbst tiefste Verletzungen zu heilen vermögen. Nicht nur, dass Künstlerinnen und Künstler aus Serbien, Kroatien, Bosnien-Herzegowina, Nordmazedonien, Montenegro, Slowenien und dem Kosovo längst wieder in grosser Selbstverständlichkeit miteinander musizieren, sondern dass insbesondere die jeweiligen Traditionen und Kulturen grenzüberschreitend gepflegt werden. Berührend, wie sich die Zwillinge Ratko und Radiša Teofilović alten Balkangesängen widmen und damit die Liebe, die Natur, das Leben generell besingen. Oder der genderfluide Božo Vrećo, der sich der Sevdalinka verschrieben hat, dieser schwermütigen Volksmusik aus Bosnien und Herzegowina.

Auf Wolke sieben mit Invisible World

Auftritte wie diese waren der Kontrapunkt zum bläsergeprägten Turbofolk von Boban Marković, der mit seinem vielköpfigen Orkestar den Festivalauftakt prägte, genau so wie Goran Bregović mit seiner «Wedding and Funeral Band» plus stattlichem Männerchor einen mitreissenden Schlusspunkt setzte – inklusive der unsterblichen Partisanenhymne «Bella Ciao».

Volles Rohr: Der Auftritt von Boban Marković ist geprägt von virtuosen Blasmusikern wie diesem Sousafonspieler. (Bild Frank Diehn)

Bei Hunderten von Konzerten auf Dutzenden von Bühnen immer zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein, ist ein Ding der Unmöglichkeit. Wenn man einen magischen Moment erwischt, ist das dafür umso schöner, so wie beim Auftritt der multinationalen Formation Invisible World. Die Mischung aus Alt und Neu, Kammermusik und Jazz, Klängen aus Osteuropa und dem Mittelmeerraum führte das Publikum durch die leidenschaftliche Darbietung geradewegs auf Wolke sieben, der Applaus wollte nicht enden.

Während hier zuhören angesagt war, kam das eingangs erwähnte Tanzen über all die Tage nicht zu kurz. Beispielsweise mit der kroatischen Folkloretanzgruppe KUD HŽ Varaždin. Oder mit der Schweizer Volksmusikformation Hanneli-Musig, die Interessierten humorvoll Polka, Schottisch und Walzer näherbrachte.

Hunderttausende von Kassetten

Zu den vielen Höhepunkten dieser 30. Rudolstadt-Ausgabe zählte das Deutschlandlieder-Projekt, das an ein eher unbekanntes Stück deutscher Musik- und Kulturgeschichte erinnerte – jene der türkischen Arbeitsmigranten. Kassetten mit entsprechenden Liedern in den 1960er- und 1970er-Jahren gingen in türkischen Lebensmittelläden oft hunderttausendfach über die Theke. Ein hochmusikalisches Erlebnis bot auch «Der Flug der Liebe» – Adaptionen der 250 Jahre alt gewordenen Volksliedersammlung von Johann Gottfried Herder, dargebracht von Koryphäen der internationalen Folk- und Volksmusikszene wie dem bayerischen Tuba-Virtuosen und Kabarettisten Andreas Martin Hofmeir.

Famoses Solokonzert 30 Jahre später: Rufus Wainwright. (Bild Hans Bärtsch)

Ein besonderes Wiedersehen mit Rudolstadt war es für Rufus Wainwright. Der US-amerikanisch-kanadische Singer-Songwriter war in den Anfangsjahren des Festivals zusammen mit seiner Mutter und Tante (Kate und Anne McGarrigle) sowie Schwester Martha Wainwright hier aufgetreten. Und erinnerte sich anekdotenreich zurück im Verlauf seines famosen Solokonzerts.

Viele Konzerte des 30. Rudolstadt-Festivals lassen sich gratis in der ARD-Audiothek nachhören – online unter http://www.ardaudiothek.de.

Best-of TV-Serien 1/2022

Soeben sind die Nominierungen für die Emmy-Awards 2022 bekannt geworden, den wichtigsten US-Fernsehpreisen. Keine Serie, die es nicht verdient hätte, in die Kränze zu kommen (siehe hier). Etliche Nominierungen überschneiden sich mit meinen Favoriten 2021 (siehe hier) oder dem ersten Halbjahr 2022. Es sind weiterhin sehr gute Zeiten für Serienfans, wage ich mal zu behaupten. Und liste aus diesem Grund das aus meiner Sicht Beste vom Besten der vergangenen sechs Monate auf.

  1. «Better Call Saul» (Netflix). Fünf Folgen sind zwar noch ausstehend, aber die Schlussstaffel dieses Prequels von «Breaking Bad» schlägt alles in Sachen schier schmerzhaft langsamer, aber dennoch absolut konziser, kunstvoller Erzählweise. Und über allem steht die Frage: Was wird aus Kim Wexler, der besseren Hälfte des halbseidenen Anwalts Jimmy McGill alias Saul Goodman?
  2. «Stranger Things» (Netflix). In der zweitletzten Staffel dieser Science-Fiction-Mysteryserie geht es düsterer zu und her als bislang. Gleichzeitig ist die in den Achtzigerjahren in einer amerikanischen Kleinstadt angesiedelte Geschichte um Jugendliche, die mit dem Bösen zu kämpfen haben, unglaublich spannend und unterhaltsam. Ach ja: Dass Kate Bush neuerlich zu Hitparaden-Ehren gekommen ist durch «Stranger Things», dürfte inzwischen Allgemeinwissen sein.
  3. «Severance» (Apple TV+). Die Ironie an dieser Serie ist, dass sie die Arbeitswelt eines Unternehmens zeigt, das auch Apple sein könnte. Die Angestellten werden einem Eingriff unterzogen, die ihre Erinnerungen in die Arbeits- und die Privatwelt unterteilt. Bloss geht das nicht immer ganz reibungslos – mit entsprechenden Konsequenzen. Fortsetzung folgt.
  4. «Slow Horses» (Apple TV+). Britische MI5-Agenten, die versagt haben, landen im Slough House und werden dort von einem konstant schlechtgelaunten Jackson Lamb (grossartig: Gary Oldman) mit sinnlosen Aufgaben gepiesakt. Dass die «alten Gäule» doch noch etwas können, zeigt sich indes schon recht bald.
  5. «Euphoria» (Sky Show). Natürlich kann man darüber diskutieren, wie krass man das Leben von (drogenabhängigen) Jugendlichen zeigen muss – Staffel 1 gab diesbezüglich gehörig zu reden. Rue (gespielt von Zendaya) erneut durch ihre (wenigen) Hochs und (deutlich mehr) Tiefs zu folgen, tut richtiggehend weh. Aber so ist es nun Mal, wenn der Gefühlshaushalt verrückt spielt.
  6. «Der Pass» (Sky Show). Als eine junge Touristin in der Nähe von Salzburg tot aufgefunden wird, müssen deutsche und österreichische Kriminalpolizei erneut zusammenarbeiten. Ellie Stocker (Julia Jentsch) wie Gedeon Winter (Nicholas Ofzcarek) sind von der Jagd auf den Krampus-Killer in Staffel 1 derart angeknackst, dass man um beide ernsthaft fürchten muss. Eine der besten deutschen Thrillerserien.
  7. «After Life» (Netflix). Schwarzhumorig, wie es nur die Briten können. Ricky Gervais gibt den grantigen Witwer Tony. Allerdings ist nicht mehr alles Zynismus pur, sondern auch (vorsichtiger) Optimismus. Dass die Schlussstaffel 3 dieser Serie für Tony wie dessen Umfeld versöhnlich endet, ist das Allerschönste an ihr.
  8. «Ozark» (Netflix). Irgendjemand in dieser Serie um Geldwäscherei und Drogenkartelle, der nicht hochgradig borderline unterwegs ist? Nein. Überraschend ist bloss, wer gegen Schluss dieser finalen Staffel 4 auch noch (fast) durchdreht. Ohne zu viel zu verraten: Es endet nicht gut, was besonders im Fall von Ruth Langmore (Julia Garner) mehr als nur tragisch ist.
  9. «Yellowstone» (Sky Show). Das Drama um eine Familienranch, die John Dutton (Kevin Costner) mit aller Macht verteidigen will, erreicht immer neue Eskalationsstufen. Dass da auch Waffengewalt im Spiel ist, macht die Serie angesichts der aktuellen Diskussionen in den USA zum Thema eigentlich zu einem No-go. Gleichwohl kann ich diesen Neo-Western nur empfehlen.
  10. «Vigil» (BBC/Arte). Internationale Spionage, Friedensaktivisten und ein Mord an Bord eines Atom-U-Bootes: «Vigil – Tod auf hoher See» ist eine hochspannende Thriller-Serie und, völlig verdient, die erfolgreichste BBC-Serie des vergangenen Jahres.
  11. «Euer Ehren» (ARD). «Your Honor» ist zwar noch nicht allzu lange her, gleichwohl hat mir auch diese Adaption der Geschichte um einen Richter, der seinen straffällig gewordenen Sohn zu decken versucht, den Ärmel reingenommen. Beider Leben geraten komplett aus der Bahn und werden zu einem wahren Alptraum.
  12. «Love & Anarchy» (Netflix). Nicht mehr ganz so unbeschwert wie in Staffel 1, aber immer noch eine der warmherzigsten Serien überhaupt: Eine erfolgreiche Beraterin und ein junger IT-Experte haben bei der Arbeit in einem alteingesessenen Buchverlag ein Techtelmechtel. Und fordern damit sich selber heraus, genauso wie ihr Umfeld. Aus harmlosen Spielchen wird bitterer Ernst. Das ist in erster Linie unglaublich komisch.

Ebenfalls sehr gut gefallen haben mir:
«All In» (Comedy-Miniserie; One)
«Borgen» (Politdrama; Netflix). Weil ich sie nie ganz fertiggeschaut habe, hole ich zuerst die Staffeln 1 bis 3 nach, bevors an die ganz neue Staffel 4 geht.
«Red Light» (Drama; Arte)
«Sacha» (Drama-Miniserie; RTS/Arte)
«Schneller als die Angst» (Thriller-Miniserie; ARD)
«Shining Girls» (Mystery-Thriller; Apple TV+)
«The Responder» (Drama-Miniserie; BBC)
«Why Women Kill» (Comedy/Drama; ORF)
«Wilder» (Krimi/Drama; SRF)
«Zerv – Zeit der Abrechnung» (Drama; ARD)

Mit dunklen Klängen in die Welt hinaus

«15 Jahre Hymnen an die Melancholie»: Unter diesem Titel hat Michael Sele aus Sargans, Sänger und Kopf von The Beauty Of Gemina, die ersten eineinhalb Jahrzehnte dieser faszinierenden Band zusammengefasst. Das Buch erklärt insbesondere auch, warum es immer wieder zu Karrierebrüchen in Form von Besetzungswechseln kam.

von Hans Bärtsch (Text und Bilder)

Im Palais X-tra in Zürich fand im März 2007 das erste Konzert im grösseren Rahmen von The Beauty Of Gemina statt. Andere beginnen klein, TBOG richteten damals gleich mit der ganz grossen Kelle an – die Lokalität fasst 2000 Personen. 15 Jahre später erinnert sich Michael Sele daran, dass er damals während des ganzen Auftritts kein einziges Mal zum Publikum gesprochen habe. Beim Konzert von kürzlich zur Feier dieser 15 Jahre waren es auf derselben X-tra-Bühne auch nur wenige, bedachte Worte. Eine Quasselstrippe ist aus Sele in dieser ganzen Zeit nicht geworden. Dafür ein Sänger, Gitarrist und Pianist mit unglaublicher Tiefe und Eleganz.

Beim Jubiläumsauftritt stehen die Songs aus mittlerweile mehr als einem Dutzend Alben im Zentrum – von tanzbaren, härteren Nummern der Frühzeit bis zu melancholischen Balladen der jüngeren Vergangenheit. Dark Wave lässt sich als stilistischer Überbegriff drüberstülpen – eine Mischung als Elektro, Gothic Rock, Neofolk. Dunkle und elegische Klänge.

Start auf der grünen Wiese im Alten Kino Mels

Spannend aus regionaler Sicht ist das knapp 200-seitige Buch «15 Jahre Hymnen an die Melancholie», in dem der Kopf hinter The Beauty Of Gemina sehr persönlich zurückblickt. Und auch die weniger erbaulichen Karrierephasen nicht ausklammert. Angefangen hat das Ganze bereits in den Neunzigerjahren mit Bandprojekten namens Two Tunes und Nuuk. Im Alten Kino in Mels hatte Sele um 2005 die Möglichkeit, einen Proberaum beziehungsweise ein Studio einzurichten. Es begann quasi auf der grünen Wiese: Ohne Ahnung, ob und wie man jemals live auftreten würde, ohne Management, Plattenfirma, Vertrieb, Bookingagentur – eigentlich ohne irgendeinen Partner im Musikgeschäft.

Die Begegnung mit dem Schlagzeuger Mac Vinzens sollte sich als glückliche Fügung herausstellen. Er ist für Sele bis heute die grösste Konstante bei TBOG. Jedenfalls schlug das Debütalbum «Diary Of A Lost» in der Elektro- und Gothic-Szene gleich gehörig ein. Songs wie «Suicide Landscape» oder «Hunters» mit ihren treibenden Beats gehören noch heute zum Standardrepertoire bei Liveauftritten. Das Album war der Türöffner zu einschlägig bekannten Festivals wie dem Wave-Gothik-Treffen in Leipzig, dem Whitby Goth Weekend in England, dem M’era Luna in Hildesheim.

Nahezu eine «Mission impossible»

Die grosse Problematik, die sich gemäss Sele stellte: Live war das, was im Studio ertüftelt wurde, nur mit enormem Aufwand umzusetzen, was bestimmte Konzertlokalitäten erforderte. Dem stand der insgesamt doch noch eher bescheidene «Marktwert» der Band gegenüber. Das Buchen von Auftritten war nahezu eine «Mission impossible».

Das Feuer war jedoch entfacht, nicht zuletzt dank Erlebnissen wie dem Vorprogramm von Smashing Pumpkins im Zürcher Hallenstadion. In der Folge nahm das TBOG-Schiff Fahrt auf. In der Regel nach demselben Muster: Sele entwarf neue Songs, spielte sie mit immer wieder wechselnden Musikern – bis dato um die 30 – ein und spielte damit Konzerte. Nicht enorm viele, dafür immer wieder an sehr speziellen Orten. Und teils in sehr reizvollen Besetzungen – mit Streichern wie dem international tätigen Werdenberger Cellisten Raphael Zweifel etwa, der schon mit den Toten Hosen auf Tour war und aktuell mit dem deutschen Rapper Moses Pelham.

LP von Soloauftritt in Eschen

Zu den Aktivitäten von The Beauty Of Gemina gehört mit jedem neuen Album die Realisierung von Videoclips. Darunter so speziellen wie dem Dreh mit der Maskengruppe Hohlgasspass in der Rheinau an einem kalten Wintertag 2017. Solche Clips erreichen auf Youtube jeweils sechsstellige Klickzahlen.

Um einen Sprung zu machen: Corona hat natürlich auch die Tätigkeiten von Sele und Band eingeschränkt. Es war aber auch die Phase, Neues zu entdecken. Namentlich erwähnt sei die akustische Umrahmung von Lesungen der ostdeutschen Schauspielerin Katharina Thalbach. Und insbesondere die Soloperformance in den Little-Big- Beat-Studios in Eschen im Rahmen der Reihe «Solo Live Recording». Daraus entstand später eine LP (keine CD!).

Touren bis nach Südamerika

In der Region trat Sele immer nur dosiert auf. Das konnte im Bergwerk sein (Flums oder Sargans), im Alten Kino Mels, am Quellrock in Bad Ragaz. Die wohl verrücktesten Touren führten TBOG nach Südamerika, wo sie von den Fans auf Händen getragen wurden. Ein pures Vergnügen waren solche Reisen nicht, allein wenn man schon an das Gepäck mit all den Instrumenten denkt.

In der Band kam es, wie erwähnt, zu regen Wechseln. Ebenso hinter den Kulissen. Das waren in der Erinnerung Seles manchmal sehr schmerzliche Erfahrungen. Umgekehrt kam es zu immer wieder neuen Begegnungen, die lang und tief anhielten – etwa mit Fans oder sonstigen Personen aus dem Anhang der Band, die plötzlich in bedeutsame Rollen hineinwuchsen. Seles lebendige Erzählung lässt die interessierte Leserschaft nun teilhaben am Musiker, Künstler und Menschen Michael Sele. Das Buch gibt auch einen Einblick ins Rockbusiness, an dessen Rändern die Formation The Beauty Of Gemina unterwegs ist. Und hoffentlich noch weiter sein wird. Erhältlich ist «15 Jahre Hymnen an die Melancholie» via die Website der Band.

http://www.thebeautyofgemina.com

Michael Sele: «15 Jahre Hymnen an die Melancholie». TBOG Music Edition. 192 Seiten. 54 Franken. (Zu beziehen via die Website von The Beauty Of Gemina.)

Das Beste 2021 – TV-SERIEN

Die Serienwelt wird, was die Streaming-Anbieter anbelangt, immer komplexer, zumal auch die traditionellen Fernsehanstalten mitmischen und Kooperationen entstehen, die bis anhin undenkbar waren. Ein einheimisches Beispiel dafür ist die Produktion «Tschugger», welche das SRF zusammen mit Sky Switzerland realisiert hat. Was das deutschsprachige Serienschaffen anbelangt, belebt die Konkurrenz durch Netflix und Co. offenbar das Geschäft beziehungsweise hebt das Niveau, was die künstlerische Qualität anbelangt. Schön für uns Konsumentinnen und Konsumenten! Mit dem einzigen Makel, dass es immer schwieriger wird, den Überblick zu behalten und in diesem riesigen Heuhaufen die lohnenden Nadeln zu finden. Mir persönlich haben 2021 Produktionen des amerikanischen Serienproduzenten HBO – einmal mehr – mit am meisten Freude bereitet. Quantitativ waren es im Coronajahr 2 total 64 Serien mit 75 Staffeln (vergleichbar mit dem Vorjahr), dazu rund ein Dutzend Serien, bei denen ich ausgestiegen bin. Länger denn je präsentiert sich meine To-do-Liste – eine Folge von Tipps anderer Serienfreaks, welche jederzeit willkommen sind. Nachfolgende Liste ist nicht unbedingt als Rangliste zu verstehen, die Reihenfolge habe ich gleichwohl nicht ganz zufällig gewählt.

«The White Lotus» – Staffel 1 (HBO, Sky Show)
Eine Gruppe reicher und verwöhnter Menschen kommt in einem Luxus-Resort auf Hawaii an – und erlebt dort die Hölle. Bei diesen BesucherInnen wie den Bediensteten kommen in paradiesischer Umgebung hässliche Fratzen zum Vorschein, sozusagen das Hässlichste im Menschen. Und das zumeist wegen Banalitäten. Diese bissige Gesellschaftssatire lässt einen wieder einmal trefflich über Moral und Charaktereigenschaften sinnieren. Ursprünglich war «The White Lotus» als Miniserie konzipiert; weil sie über Erwarten erfolgreich lief, ist nun eine zweite Staffel in Vorbereitung.


«Succession» – Staffel 3 (HBO, Sky Show)
Das Intrigieren in der fiktiven amerikanischen Mediendynastie Roy geht weiter. Der Alte (Logan Roy) will einfach nicht loslassen, scheint den Laden mit seinen Instinkten aber weiterhin als Einziger im Griff zu haben. Ihm gegenüber seine vier Kinder, die eigene Agenden verfolgen, mal allein, mal im Geschwisterverbund. Die Dialoge und Wortspiele sind extrem scharfzüngig, der Ausgang dieses Machtspiels völlig ungewiss, zumal es immer wieder zu neuen Wendungen kommt. Es mag ein Detail sein, aber «Succession» kommt auch mit der zurzeit wohl besten Titelmelodie (Nicholas Britell) daher.


«Mare Of Easttown» – Miniserie (HBO, Sky Show)
Achtung: Wer Kate Winslet aus «Titanic» kennt und liebt, sollte sich diese Serie eventuell nicht antun. Denn in «Mare Of Easttown» spielt sie eine Polizistin, die einen Mord aufzuklären hat und dadurch auf weitere Abgründe in dieser amerikanischen Kleinstadt stösst. Dazu ist ihr eigenes Leben ein einziges Desaster. Gut möglich, dass dieser Plot mit einer anderen Hauptdarstellerin zu einer 08/15-Produktion geworden wäre. Winslet ist in ihrer Rolle aber eine derartige Wucht, dass sich dieser Siebenteiler allein wegen ihr lohnt.


«We Are Who We Are» – Miniserie (HBO, Sky Show)
Als seine beiden Mütter von den USA auf einen italienischen Militärstützpunkt versetzt werden, muss der 14-jährige Frazer mit. Dort fühlt er sich von der gleichaltrigen Caitlin angezogen, die ebenfalls auf der Suche nach ihrer Geschlechtsidentität ist. Diese Begegnung täuscht aber nicht darüber hinweg, dass da viel Einsamkeit, Schmerz und Orientierungslosigkeit ist – bei den beiden Pubertierenden wie den Eltern und dem gesamten hierarchisch geprägten Umfeld. Trotz dieser Tristesse kommt es auch zu sehr schönen zwischenmenschlichen Momenten – bloss dauern die meist nur ganz kurz.


«Tschugger» – Staffel 1 (SRF, Sky Show)
Wer hätte gedacht, dass wir uns je eine Serie, die im Wallis spielt, mit Untertiteln anschauen? Ich habs gemacht, mehr als einmal – und bin dabei vor Lachen jedesmal fast vom Sofa gefallen. Ich muss zurückdenken bis «The Big Lebowski», dass mir das letztmals passiert ist. Hier stimmt humortechnisch einfach alles: Schräge Figuren, absurd-übertriebene Szenen, freche Sprüche, politische Unkorrektheiten und eben auch Untertitel für uns «Grüezini». Eine zweite «Tschugger»-Staffel mit Bax, Smetterling und Co. ist bereits abgedreht und wird uns hoffentlich erneut so viel Spass bereiten.


«We Are Lady Parts» – Staffel 2 (Channel 4)
Eine muslimische Frauen-Punkband sucht eine neue Gitarristin. Das ist die Ausgangslage dieser überaus witzigen britischen Serie. Ausgerechnet eine Doktorandin der Mikrobiologie, die in ihrer gläubigen Gemeinde demnächst verheiratet werden soll, die Countrymusik mag und vor Lampenfieber erbricht, soll diese Gitarristin sein. Dieser Culture-Clash – ein beliebtes filmisches Motiv – hat es in sich. Und wie man es von den Briten kennt, ist der Humor zwischendurch schwärzer als schwarz. Eine zweite Staffel ist inzwischen bestätigt.


«Shtisel» – Staffel 3 (Netflix)
Das Warten auf Staffel 3 dieser israelischen Serie, die das Leben einer strenggläubigen Familie in einem Viertel in Jerusalem zeigt, dauerte geschlagene sechs Jahre. Es hat sich gelohnt. Unverändert wird das Alltagsleben ultraorthodoxer Juden gezeigt. Einer Kultur, die den meisten von uns total fremd sein dürfte. Und genau das macht den Reiz dieser Serie aus – erzählt in einem sehr bedächtigen Rhythmus anhand von Figuren, die einem allesamt ans Herz wachsen. Die einen mehr, die anderen weniger, ganz wie im richtigen Leben. Das ist, um es mit der «NZZ am Sonntag» auszudrücken, «Unterhaltung mit Tiefgang». Stand heute ist leider keine Fortsetzung zu erwarten, dafür ein US-amerikanischer Ableger.


«Bir Başkadır» – Miniserie (Netflix)
Um in fremden Kulturkreisen zu bleiben – diese Serie zeigt Ausschnitte von acht Leben von Menschen in Istanbul, die Grenzen überschreiten. Dabei Ängste überwinden, um sich Wünsche zu erfüllen, und dafür auch Beziehungen auf die Probe zu stellen. Im Zentrum steht Meryem, eine Teilzeitputzfrau, die Ohnmachtsanfälle erleidet und deshalb zur Therapie geht. Diese Therapeutin wiederum ist Teil eines zufälligen Beziehungsgeflechts mit Meryem als Anknüpfungspunkt. Dass und wie sich schlussendlich Kreise schliessen, ist das zu Tränen rührende an «Bir Başkadır» – einer Serie, welche die Vielfalt der türkischen Gesellschaft abbildet. Das aber nicht wirklich zum Wohlgefallen der offiziellen Türkei.


«Godfather Of Harlem» – Staffel 2 (Epix)
Das Interessante an dieser auf wahren Begebenheiten beruhenden Drogen- und Gangsterboss-Serie aus dem New York der Sechzigerjahre ist, dass sie weit darüber hinausgeht. Im Zentrum steht zwar Bumpy Johnson (Forest Whitaker), der das Heroingeschäft in Harlem wieder ganz unter seine Kontrolle bringen will, sich aber auch gegen die Benachteiligung von Menschen mit dunkler Hautfarbe stark macht. Dazu bekommt die Serie durch seinen Freund Malcom X eine stark religiös-politische Komponente, ist dieser doch ein Sprecher der radikalen Vereinigung Nation of Islam.


«Ted Lasso» – Staffel 2 (Apple TV+)
Man kann es nur wiederholen: Es braucht wirklich null Kenntnisse weder von Foot- noch von Fussball, um diesem amerikanischen Coach bei seinem Wirken bei der mittelmässigen britischen Premier-League-Mannschaft AFC Richmond zuzusehen. Denn er selber hat keine Ahnung von «richtigem» Fussball. Dafür das Herz auf dem rechten Fleck. Mit seiner liebevoll-naiven Art erobert er zwar nicht die Tabellenspitze, dafür die Spieler, die Fans und die Club-Oberen noch dazu. Ted Lasso hat allerdings auch Schwächen, die in dieser Staffel 2 erst offenbar werden. Alles in allem ist dies eine der sympathischsten, wohltuendsten Serien der jüngeren Zeit – eine, die einem ein Dauerlächeln ins Gesicht zaubert.


«Station Eleven» – Miniserie (HBO Max)
Es gibt inzwischen ja bereits mehrere Serien, die sich des Szenarios Pandemie annehmen – und das auf verschiedenen Eskalationsstufen. In der italienischen Produktion «Anna» (Arte) etwa ist automatisch zu Tode geweiht, wer die Pubertät erreicht. Mit seltener Brutalität wird auf der Insel Sizilien inmitten von Bandenkriegen die Suche des Mädchens Anne nach ihrem Bruder geschildert, verbunden mit dem Hoffnungsschimmer, dass auf dem Festland inzwischen ein Heilmittel gegen das Virus gefunden wurde. Im ebenfalls recht reisserischen «Sløborn» (ZDF Neo) wiederum geht es um eine zu 90 Prozent tödliche Taubengrippe, die auch die Bewohner einer Insel in der Nordsee ereilt. In Staffel 2, welche in wenigen Tagen anläuft, soll es um den Zerfall der Zivilisation gehen. Und damit zu «Station Eleven» (HBO Max), wo ebenfalls ein Virus grassiert und die ganze Welt in wenigen Tagen mit nur wenigen Überlebenden zurücklässt. Die momentan laufende Miniserie erzählt die Geschichte einzelner Betroffener, ausgehend von einem Theatersaal in Chicago, wo während einer Shakespeare-Aufführung ein Schauspieler verstirbt, auf verschiedenen Zeitebenen und so überraschend wie verstörend. Stellen Sie sich vor, dass in 20 Jahren Pferde Pick-ups nach sich ziehen und eine Wanderschauspieltruppe ennet des Michigansees ebendiesen Shakespeare zum Besten gibt und darüber sinniert, ob es noch zeitgemäss sei, die Tragödie «Hamlet» in einer historischen Fassung zu geben. Letztlich gehts um existenzielle Fragen, was man verloren hat und wie man die Zukunft gestalten soll, wenn definitiv nichts mehr ist, wie es einmal war. Wer bereits mit Corona Mühe hat, lässt hiervon vielleicht besser die Finger.


«Sex Education» – Staffel 3 (Netflix)
Das Ausgangsszenario ist einfach grossartig: Otis, Sohn einer bekannten Sexualtherapeutin, bietet zusammen mit der rebellischen Mitschülerin Maeve Sexualtherapiestunden an, um das Taschengeld aufzubessern. Und das ohne jede eigene Sexerfahrung. Das ist in Staffel 3 anders, dafür ist die Freundschaft mit Maeve in die Brüche gegangen. Und an der Schule weht durch eine neue Leitung ein anderer Wind. Nebenfiguren bekommen dazu mehr Gewicht. «Sex Education» ist weit mehr als ein simples Teenie-Drama, die Serie taucht tief ein in die Sorgen, Nöte, aber auch Freuden heutiger Jugendlicher. Und lässt die Erwachsenen oft recht alt aussehen. Sehr unterhaltend!


«Sky Rojo» – Staffel 2 (Netflix)
Etwas Trash muss sein zwischendurch. In bester Tarantino-Manier versuchen drei Prostituierte, ihrem Zuhälter zu entkommen. Einfacher gesagt, als getan, wenn das Bordell sich auf einer Insel befindet und ihnen inzwischen – nebst dem Zuhälter und dessen Schergen – auch die Polizei auf der Spur ist. Die Moral dieser Geschichte: Miteinander gehts (meistens) besser. «Brutal gut», taxiert die F.A.Z. die zweite Staffel dieser spanischen Serie der «Haus des Geldes»-Erfinder doppeldeutig. Und der «Spiegel» meint: Ein tolles, aber keinesfalls ein tiefsinniges Vergnügen. Genau.


«Goliath» – Schlussstaffel 4 (Amazon)
Zum Schluss von Staffel 3 war der einst erfolgreiche Anwalt Billy McBride (Billy Bob Thornton) für einige Minuten tot. Das lässt ihn immer wieder in (Alp-)Träume abdriften. Aber letztlich auch zu Hochform auflaufen im Kampf gegen den Pillenhersteller Zax, einem wichtigen Akteur in der Opiodkrise in den USA, und der Vertriebsfirma. Ort der Geschehnisse ist diesmal San Francisco. Diverse Filmzitate geben dieser Staffel eine besondere Note. Dass sie versöhnlich endet, ist wohl die grösste Überraschung dieser grossartigen Serie.


«Unbroken» – Miniserie (ZDF Neo)
In dieser deutschen Thrillerserie verschwindet die hochschwangere Kommissarin Alex (Aylin Tezel) urplötzlich. Nach Tagen taucht sie wieder auf – ohne Erinnerung und ohne Kind. Was steckt dahinter, zumal alles nach einer normalen Entbindung aussieht? Polizeikollegen und sie selber kommen immer mehr ins Zweifeln, ob sie auf den richtigen Spuren sind. Im Gegensatz zu ihren «Tatort»-Einsätzen kann Tezel hier zeigen, was in ihr steckt. Sie trägt den Sechsteiler mit ihrer fiebrigen Präsenz praktisch allein. Was aber nicht heisst, dass der Fall selber nicht auch hochspannend und fantastisch erzählt ist.


Ebenfalls sehr gut gefallen haben mir:
«Atlantic Crossing» – Miniserie (PBS und ARD-Mediathek)
«Atypical» – Schlussstaffel 4 (Netflix)
«Baghdad Central (Bagdad nach dem Sturm)» – Miniserie (Channel 4, Arte)
«Beforeigners» – Staffel 1 (HBO Europe, ARD)
«Billions» – Staffel 5, Folgen 6-12 (Sky Show)
«Bonusfamiljen (The Patchwork Family)» – Staffeln 1 bis 4 (FLX, Netflix)
«Caïd (Gangsta)» – Miniserie (Netflix)
«Catastrophe» – Staffeln 2 bis 4 (Channel 4, BBC)
«Cellules de crise» – Miniserie (RTS/SRF)
«Dexter – Cold Blood» – Miniserie (Sky Show)
«Die Wespe» – Miniserie (Sky Show)
«Gomorra» – Schlussstaffel 5 (Sky Show)
«Hit & Run» – Miniserie (Netflix)
«How To Sell Drugs Online (Fast)» – Staffel 3 (Netflix)
«Kalifat» – Miniserie (Netflix)
«Katla» – Miniserie (RVK, Netflix)
«Kingdom» – Staffeln 1 und 2 (Netflix)
«Mein eigenes Begräbnis» – Miniserie (Arte)
«Never Have I Ever…» – Staffel 2 (Netflix)
«Pantoufles» – Miniserie (Couleur 3/RTS, Playsuisse)
«Ragnarok» – Staffel 2 (Netflix)
«Schitt’s Creek» – Staffeln 4 bis 6 (CBC)
«The Flight Attendant» – Staffel 1 (HBO, Sky Show)
«The North Water» – Miniserie (BBC Two, AMC USA)
«The Serpent» – Miniserie (BBC One, Netflix)
«Westwall» – Miniserie (ZDF)
«Wilder» – Staffel 3 (SRF)
«Yellowstone» – Staffel 4 (Paramount Network)
«Your Honor» – Miniserie (Showtime, Sky Show)

Das Beste 2021 – MUSIK

Es war ein Musikjahr des entweder/oder – entweder haben mich komplexe Werke wie das Album «House Music» des Bell Orchestre eingenommen oder aber Songs mit Melodien zum Niederknien wie auf dem Album «Eiskeller» von Rover. Dazwischen gabs einige «Ausreisser», die anderswo zugeordnet werden müssen. Summa summarum bin ich froh, stilistisch mit sehr offenem Visier unterwegs zu sein – denn nur so kam wirklich eine Bestenliste zusammen. Anders gesagt: 2021 war alles andere denn ein Jahrhundert-Jahrgang, was Neuveröffentlichungen anbelangt. Dafür durfte man sich an Wiederveröffentlichungen erfreuen, die tontechnisch auf Vordermann gebracht oder aber mit Zusatzmaterial angereichert wurden. Nachfolgend meine Lieblingsmusiken in keiner speziellen, aber doch nicht ganz zufällig gewählten Reihenfolge.

Mario Batkovic, «Introspectio»
Er ist einer der Propheten, die im eigenen Land noch immer viel zu wenig gelten. Kein Wunder, ist die erste Besprechung des neuen Albums von Mario Batkovic in einem britischen Musikmagazin erschienen. Auf «Introspectio» ist der Berner nicht mehr allein mit seinem Akkordeon zu hören, sondern zusätzlich mit Elektronik, Schlagzeug und Chorälen. Batkovic kommt hier vor allem als Komponist zur Geltung. Die sechs Stücke entziehen sich jeder Kategorisierung, können allenfalls mit moderner Klassik, Minimal Music und Ambient verortet werden. Ein Trip in eine ureigene Musikwelt – atemberaubend in ihrer Dringlichkeit.


The Coral, «Coral Island»
Von all den Britpop-Bands der Neunzigerjahre und Anfang der Nullerjahre wie Blur, Oasis, Suede, Pulp, Supergrass ist ja nicht sonderlich viel übriggeblieben. Eine meiner liebsten dieser melodieseligen Bands waren immer The Coral. Dass sie nun gleich mit einem Doppelalbum aufwarten, auf dem sich eine Songperle an die andere reiht, ist die Überraschung des Jahres. Immer leicht psychedelisch angehaucht und von ausgemachter Jahrmarkt-Fröhlichkeit, sind die Lieder auf «Coral Island» ein einziges Hörvergnügen. Herausragend: «Vacancy» und «Faceless Angel».


The Weather Station, «Ignorance»
Es ist dies eine der Konsensplatten in den diesjährigen Bestenlisten der Musikkritik. Und das zu Recht. «Ignorance» ist grosse Songwriter-Kunst, Indie-Folk ohne Grenzen. Hinter The Weather Station steckt die Kanadierin Tamara Lindeman, die für die Aufnahmen zu diesem Album hochtalentierte Jazzmusiker um sich scharte. Um es mit dem deutschen «Rolling Stone» zu sagen: «Schönere, kunstvollere Lieder hat im Jahr 2021 niemand geschrieben.»


Moses Sumney, «Live From Blackalachia»
Es gibt ja schon Spinner unter den musikalisch Kreativen. Ohne eine gewisse Spinnerei würden bestimmte Werke wohl Mittelmass bleiben. Mittelmass kennt der ghanaisch-amerikanische Sänger Moses Sumney nicht. Quasi zur Veredelung einzelner Songs aus seinen ersten beiden Alben ist er samt sieben Begleitern ist die Blue Ridge Mountains gefahren und hat im Grünen eine Livescheibe eingespielt. Wobei man die sprichwörtlichen Grillen nur selten zirpen oder die Bächlein rauschen hört. Stattdessen spielt die Crew einen hochenergetischen Neo-R’n’B. Das Ganze gibt es nicht nur als Album, sondern auch als (gratis) Musikfilm auf Youtube.


Low, «Hey What»
Ja, genau, das ist diese Art Musik, bei der man sich erstmal vergewissern muss, ob die Boxen noch richtig angeschlossen sind. Denn der Low-Sound ist Noise und Rauschen, Repetition und Verzerrung bis zur Schmerzgrenze. Aus kalter Elektronik steigen engelsgleich Hymnen empor. Das US-amerikanische Duo schafft es, mit «Hey What» gleichzeitig abzuschrecken und die Hörerschaft dann doch den Repeat-Knopf drücken zu lassen. So gut zu altern und sich nebenbei immer wieder neu zu erfinden, möchte man manch anderer Band auch wünschen.


Bell Orchestre, «House Music»
Mit House als Musikstil hat dieses Werk nicht viel zu tun. Dafür mit einem Haus im wahrsten Sinne des Wortes: In jedem Zimmer, auf jedem Stockwerk wird musiziert. Es ist ein einziger grosser Strom von Improvisationen über nur minim sich ändernde Rhythmus- und Harmoniemuster. Das kanadische Kollektiv – mit Mitgliedern von Arcade Fire – bringt klassische und elektronische Elemente zusammen. Das Ganze war in weniger als eine Woche im Kasten. Und erinnert an die besten Zeiten von Jams, die (gefühlt) stundenlang dauerten. Aber im besten Fall mit keiner Sekunde langweilig wurden.


Black Country, New Road, «For The First Time»
Es ist die Band, die ich am dringlichsten live sehen möchte – ob und wie die Jungspunde im besten Studentenalter ihre jazzigen Postrock-Kreationen auf der Bühne allenfalls nochmal auf den Kopf stellen. Von Youtube-Videos weiss man, dass sie recht stoisch ans Werk gehen, und auch wenns kracht und fetzt und hochkomplex zu und her geht kaum ein Bandmitglied mit der Wimper zuckt. Black Country, New Road haben ihre Sounds perfektioniert, bevor es ans Debütalbum ging. Ein selten reifer Erstling, ein zweites Album ist bereits angekündigt.


Jah Wobble, «Metal Box – Rebuilt In Dub»
Die «Metal Box» war 1979 das zweite Album der legendären britischen Formation Public Image Ltd. Es erschien in limitierter Auflage tatsächlich als graue Filmdose. Musikalisch war es eher schwer verdaulicher, experimenteller (Kraut-)Rock mit Sänger John Lydon, der seine Vergangenheit als Frontmann der Punk-Vorreiter Sex Pistols hinter sich lassen wollte. Der Bassist von damals, Jah Wobble, hat das Ganze gut 40 Jahre später durch den Dub-Wolf gedreht, grossmehrheitlich ohne Gesang, aber mit der ganzen Wucht und Wut, die jenem Werk schon damals innewohnte.


Rover, «Eiskeller»
Was hat ein Album auf dieser Liste zu suchen, das zuerst einmal getadelt werden muss für seine billige Machart (das Schlagzeug aus dem Computer ist schrecklich; und falls es doch ein richtiges Drum sein sollte, noch schrecklicher)? Auch die anderweitige Instrumentierung und die Arrangements sind… na ja. Aber: Die süsslichen Melodien bestätigen, was in diesem französischen Musiker steckt – ein Melancholiker vor dem Herrn, der in der Regel den richtigen Ton trifft. In diesem Sinne seien die coronabedingten Umstände entschuldigt. Und es sei das genossen, was die Essenz dieser Homerecording-Aufnahme ist – wunderbare, stimmige Lieder.


Rodney Crowell, «Triage»
Seit die Coronazahlen in die Höhe schnellen, weiss jedes Kind, worum es beim Thema Triage geht. Dass das neue Album von Rodney Crowell «Triage» heisst, hat damit zwar nur sehr bedingt zu tun, kommt aber gleichwohl nicht von ungefähr. Beim amerikanischen Countrymusiker sind es die Auswahlkriterien des Lebens – mit Leid und Trauer am einen und himmelhochjauchzender Freude am anderen Ende der Skala. Wobei Crowell zu Ersterem tendiert. Und das mit wohlgefälligen, die oft düsteren Texte geradezu konterkarierenden Weisen in allerbester Americana-Manier. Ein ganz grosses Alterswerk.


Ebenfalls gern und häufig gehört habe ich (in alphabetischer Reihenfolge):
Aaron Frazer («Introducing…»)
Aaron Lee Tasjan («Tasjan! Tasjan! Tasjan!»)
Angelo Repetto («Sundown Explosion»; EP)
Arlo Parks («Collapsed In Sunbeams»)
Black Keys («Delta Kream»)
Cassandra Jenkins («An Overview On Phenomenal Nature»)
Cathal Coughlan («Song Of Co-Aklan»)
Dean Wareham («I Have Nothing To Say To The Mayor Of LA»)
Dennis Bovell meets Dubblestandart («Repulse ‘Reggae Classics’»)
Elbow («Flying Dream 1»)
Endless Boogie («Admonitions»)
Gabriels («Bloodline» und «Love And Hate In A Different Time»; zwei EPs)
Godspeed You! Black Emperor («G_d’s Pee At State’s End!»)
International Music («Ententraum»)
LaBrassBanda («Yoga Symphony No.1»)
Les Yeux D’La Tête («Bonne Nouvelle»)
Limiñanas/Garnier («De Película»)
Lorde («Solar Power»)
Lost Horizons («In Quiet Moments»)
Manu Delago («Environ Me»)
Margo Cilker («Pohorylle»)
Muse («Origin Of Symmetry – XX Anniversary RemiXX»)
Neil Young & Crazy Horse («Way Down In The Rust Bucket – Live»)
Robert Finley («Sharecropper’s Son»)
Rogér Fakhr («Fine Anyway»)
Sault («Nine»)
Sons Of Kemet («Black To The Future»)
Tony Joe White («Smoke From The Chimney»)
Trees Up North («Trees Up North»)
The Legendary Lightness («Bis doch froh»)
Tindersticks («Distractions»)
U-Roy («Solid Gold»)
Vanishing Twin («Ookii Gekkou»)
Xixa («Genesis»)

Ein Ort für die lustvolle Suche nach speziellen Klängen

Unter erschwerten Bedingungen (Corona) hat vom 12. bis 15. August im urnerischen Altdorf das zwölfte Alpentöne-Festival stattgefunden. Trouvaillen bot es dennoch (oder vielleicht gerade deshalb) zuhauf.

von Hans Bärtsch

Corona ist ein Biest, auch im Jahr 2. Und für Veranstalter weiterhin mit vielen Unwägbarkeiten verbunden. Die Alpentöne-Macher (neu unter der künstlerischen Leitung von Graziella Contratto und Barbara Betschart) haben den Stier, den der Kanton Uri im Wappen trägt, gewissermassen bei den Hörnern gepackt und das Biest damit zwar nicht bezwungen, aber für ein Wochenende gebändigt. Dies mit einem Festivalprogramm, das sich sehen und vor allem natürlich hören lassen konnte. Und einem enormen logistischen Aufwand.

Einzelbillette statt Festivalpass

Ob ein grösseres Publikum ausblieb, weil es von den vergangenen elf Durchführungen an den Festivalpass gewöhnt war, mit dem man immer und überall Zutritt hatte? Regelmässige Besucherinnen und Besucher erinnern sich an manch ein unangenehmes Ellbögeln, weil das Platzangebot in jedem Saal halt nun mal endlich ist. Dieses Jahr mussten Einzelbillette erworben werden – inklusive Garantie eines Sitzplatzes. Das war, wie auch Festivalpass-Anhänger eingestehen werden, ganz schön bequem. Dass der Entdeckerlust letztlich fast uneingeschränkt gefrönt werden konnte, ist zum einen einer Aktion in letzter Minute zu verdanken – für jedes gekaufte Ticket gabs ein Freibillett obendrauf. Zum anderen sorgte der Bändel, den es gegen Vorweisung des Covid-Zertifikats gab, für jegliche Bewegungsfreiheit.

Die Verantwortlichen zogen gestern eine äusserst positive Bilanz, was die künstlerischen und organisatorischen Aspekte anbelangte. Wirtschaftlich blieb man mit 3500 verkauften Billetten im Rahmen des (Corona-)Budgets, das mit weniger Einnahmen und höheren Ausgaben gerechnet hatte. Das erwartete Minus könne vollumfänglich mit Defizitgarantien aufgefangen werden, führte der neue Alpentöne-Geschäftsführer Pius Knüsel aus.

Grosses Facettenreichtum

Damit jetzt aber endlich zu dem, was dieses alle zwei Jahre stattfindende Festival, das sich künstlerischen Ausdrucksweisen aus dem Alpenraum widmet, an den vergangenen vier Tagen bot. Etwa ein mitreissendes Zusammentreffen von Studierenden der Hochschulen Luzern und des Mozarteums Salzburg aus dem Gastland Österreich. Die an diesen beiden Standorten angebotene Studienrichtung Volksmusik sorgt für erfreulichen Nachwuchs an Musikerinnen und Musikern, die Respekt vor der Tradition haben, aber ohne Scheuklappen auch Neues wagen.

Ein besonders berührendes Projekt und eine weitere Uraufführung war «Die 7. Jahreszeit» unter der Regie von Tom Ryer. Vera Kappeler (Klavier), Anna Trauffer (Kontrabass, Gesang) und Peter Conradin Zumthor (Schlagzeug) vertonten teils uralte Kinderlieder. Schülerinnen und Schüler der heilpädagogischen Schule Papilio trugen diese Lieder auf ihre ureigene Weise mit – singend, tanzend, paukenschlagend oder den Regen mit Kartonschachteln heraufbeschwörend.

Konzertsaal nicht leergespielt

Das aus Jugendlichen bestehende Bündner Vokalensemble Incantanti unter der Leitung von Christian Klucker wurde ergänzt durch den einmaligen Obertongesang von Christian Zehnder – in der Kirche kam diese Vokaltechnik in Form neuer Kompositionen besonders eindrücklich zur Geltung. Von den Premieren erwähnt sei auch noch das Improvisationsprojekt dreier Ausserrhödler. Noldi Alder (Geige, Hackbrett, Gesang), gilt als einer der grossen Neuerer der Volksmusik. Seinem Wunsch (oder seiner Befürchtung), einmal einen Konzertsaal leerspielen zu wollen, war kein Erfolg beschieden. Gebannt harrte das Publikum im Theater Uri bis zur allerletzten Sekunde dieses feinen, hochmusikalischen Konzertes mit Fabian M. Müller am Klavier und Reto Suhner an Blasinstrumenten. Fürwahr ein «Trialog auf höchstem Niveau», wie schon das Programmheft versprochen hatte.

Alpentöne 2021 machte die Handschriften von Contratto und Betschart (mehr Inklusion, mehr Vermittlung, mehr Klassik, stilistisch aber insgesamt die Konzentration auf weniger) erstmals deutlich. Fazit: Das Alpentöne bleibt für Menschen mit offenen Ohren das Entdeckerfestival schlechthin. Bei Radio SRF2 lassen sich in den beiden «Weltklasse»-Sendungen vom 20./21. August neun Alpentöne-Konzerte nachhören.

Best-of Musik 1/2021

Black Country, New Road (Bild: Wikipedia)

Eine Halbjahresbilanz in Sachen neue Alben? Ja, das ist eine Premiere. Und nein, das ist nicht zwingend nötig. Trotzdem… andere machen es auch. Und ich staune ob der minimen Schnittmengen z.B. mit den 22 Favoriten des Berner Musikjournalisten Benedikt Sartorius, Verfasser des sehr empfehlenswerten Popletters «Listen Up!». Oder den 100 Lieblingen der Redaktion des nur im Internet greifbaren britischen Musik- und Popkulturmagazins «The Quietus». Nun denn, here we go…

Alben/EPs:
Aaron Frazer («Introducing…»)
Aaron Lee Tasjan («Tasjan! Tasjan! Tasjan!»)
Angelo Repetto («Sundown Explosion»; EP)
Arlo Parks («Collapsed In Sunbeams»)
Bell Orchestre («House Music»)
Black Country, New Road («For The First Time»)
Black Keys («Delta Kream»)
Bost & Bim («Warrior Brass»)
Coral («Coral Island»)
Ellis Mano Band («Ambedo»)
Godspeed You! Black Emperor («G_d’s Pee At State’s End!»)
Göldin & Bit-Tuner («Uff»)
International Music («Ententraum»)
LaBrassBanda («Yoga Symphony No.1»)
Lee Groves («Dance A Dub – Dubtraphobic Remixes»)
Lost Horizons («In Quiet Moments»)
Muse («Origin Of Symmetry – XX Anniversary RemiXX»)
Neil Young & Crazy Horse («Way Down In The Rust Bucket – Live»)
Nick Waterhouse («Promenade Blue»)
Robert Finley («Sharecropper’s Son»)
Rover («Eiskeller»)
Sault («Nine»)
Spellling («The Turning Wheel»)
Steven Wilson («The Future Bites»)
Trees Up North («Trees Up North»)
The Weather Station («Ignorance»)
Tindersticks («Distractions»)
Tony Joe White («Smoke From The Chimney»)
Xixa («Genesis»)

Einzelsongs:
Curtis Harding («I Won’t Let You Down»)
Hermann («Erschtwältproblem»)
Jimbo Mathus, Andrew Bird («Beat Still My Heart»)
Max Richter («Dream 3 – Remix»)
Mavericks («Por Ti – Yo Quiero Ser»)
Patrick Watson («A Mermaid In Lisbon»)
Rogér Fakhr («Fine Anyway»)
Yola («Starlight»)

Best-of TV-Serien 1/2021

Ein weiteres Pandemie-Halbjahr und damit unverändert viel Zeit, Serien zu gucken – mit Spannung erwartete Fortsetzungen, Neues, aber auch Liegengebliebenes. Meine To-do-Liste enthält rund 50 (!) Serien à Weiss-nicht-wie-viele Staffeln. Analog zu letztem Jahr hier das – meiner bescheidenen Meinung nach – Beste vom Besten.
Tipps für Übersehenes sind willkommen!

5/5 (Höchstwertung):
«Bir Başkadir – Acht Menschen in Istanbul» (Miniserie; Netflix)
«Caïd – Gangsta» (Staffel 1; Netflix)
«Godfather Of Harlem» (Staffel 2, 1. Teil; Epix)
«Mare Of Easttown» (Miniserie; HBO/Sky)
«Shtisel» (Staffel 3; Netflix)
«Bonusfamiljen – The Patchwork Family» (Staffeln 1 bis 3; FLX/Netflix)
«Your Honor» (Miniserie; Showtime/Sky)

4,5/5 (sehr gut):
«Atlantic Crossing» (Miniserie; PBS)
«Baghdad Central – Bagdad nach dem Sturm» (Miniserie; Channel 4/Arte)
«Catastrophe» (Staffeln 3 und 4; Channel 4/BBC)
«Kalifat» (Miniserie; Netflix)
«Katla» (Staffel 1; RVK/Netflix)
«Kingdom» (Staffeln 1 und 2; Netflix)
«Never Have I Ever…» (Staffel 2; Netflix)
«Schitt’s Creek» (Staffeln 4 bis 6; CBC)
«Sløborn» (Staffel 1; ZDF Neo)
«The Flight Attendant» (Staffel 1; HBO)
«The Serpent – Die Schlange» (Miniserie; BBC/Netflix)
«Unbroken» (Miniserie; ZDF Neo)
«We Are Lady Parts» (Staffel 1; Channel 4)
«We Are Who We Are» (Miniserie; HBO/Sky)
«Wilder» (Staffel 3; SRF)
«Yellowstone» (Staffeln 2 und 3; Paramount Network)

Ohne Wertung, aber ebenfalls (sehr) gerne geschaut:
«Beforeigners» (Staffel 1; HBO Europe/ARD)
«Countdown Copenhagen» (Staffel 1; ZDF Neo)
«Deadlines» (Staffel 1; ZDF Neo)
«Deadwind» (Staffeln 1 und 2; Netflix)
«Lambs Of God» (Miniserie; One)
«Mystery Road» (Staffeln 1 und 2; Arte)
«Pantoufles» (Miniserie; Couleur 3/RTS; Playsuisse)
«Ragnarok» (Staffel 2; Netflix)
«Salamander» (Staffel 1; Arte)
«Vorstadtweiber» (Staffel 5; ORF)

Kalt gelassen, enttäuscht oder gar verärgert haben mich (oftmals wegen fehlender Originalsprachen bzw. miserabler Synchronisation):
«Capitani» (Samsa/Netflix)
«Huss» (Arte)
«Industry» (HBO/Sky)
«La Jauría – die Meute» (Arte)
«Maroni – Im Reich der Schatten» (Arte France)
«Master Of None» (Staffel 3; Netflix)
«Pure» (ZDF Neo)
«The One» (Netflix)
«They Were Ten» (ZDF Neo)
«Une île – Die Frau aus dem Meer» (Arte)

Das Beste 2020 – TV-SERIEN

64 Serien, 74 Staffeln – das ist meine quantitative TV-Serien-Bilanz 2020. Diese Zahlen sind nicht zum Bluffen. Natürlich ist diese Menge Corona geschuldet. Aber nicht nur. Es gibt derart viele derart gute Serien, dass ich mich ihnen auch in gewöhnlichen Zeiten gewidmet hätte, vielleicht einfach in etwas geringerer Dosis oder zeitverzögerter. Jedenfalls bot 2020 umständehalber die Möglichkeit, lange Aufgeschobenes oder Verpasstes nachzuholen. Auch solche, schon etwas ältere Serien, seien hier erwähnt. Es ist dies der erste Versuch, die Liste – in alphabetischer Reihenfolge – nach Genres zu strukturieren, wobei es natürlich grosse Trennunschärfen gibt. Den Anfang machen Serien mit Humor und damit fürs Gemüt. Kann man ja gut gebrauchen zurzeit… Und natürlich seien nur jene Serien erwähnt, die meiner Meinung nach eine gute Bewertung verdient haben (ab 4 von 5 Maximalpunkten). Zu meiner Halbjahresbilanz, auch das sei noch erwähnt, kann es punktemässig gewisse Abweichungen geben – weil die eine Serie besser, die andere etwas schlechter gealtert ist. Das meiner Meinung nach Allerbeste zum Schluss in einer Art Zusammenfassung.
Nachtrag: Per 31.12. sind es 66 Serien und 76 Staffeln geworden. Wider Erwarten habe ich die französisch-kanadische Sensationsserie «M’entends-tu?» auch noch geschafft.


HUMOR / KOMÖDIEN

«After Life» (Staffeln 1 und 2; Netflix)
5/5 (Bewertung)
«Atypical» (Staffeln 1 bis 3; Netflix)
4,5/5
«Catastrophe» (Staffeln 1 und 2; Channel 4/BBC)
4/5
«Dead To Me» (Staffeln 1 und 2; Netflix)
4,5/5
«Home For Christmas» (Staffeln 1 und 2; Netflix)
4,5/5
«I Am Not Okay With This» (Staffel 1; Netflix)
4/5
«Love & Anarchy» (Staffel 1; Netflix)
5/5
«Never Have I Ever» (Staffel 1; Netflix)
4/5
«New Girl» (Staffeln 4 bis 7; Netflix)
4/5
«Schitt’s Creek» (Staffeln 1 bis 3; CBC)
4,5/5
«Sex Education» (Staffel 2; Netflix)
4,5/5
«Space Force» (Staffel 1; Netflix)
4/5
«Ted Lasso» (Staffel 1; Apple TV+)
5/5


VERBRECHEN / THRILLER

«Arctic Circle – Der unsichtbare Tod» (Miniserie; ZDF)
4/5
«Darkness – Schatten der Vergangenheit» (Staffel 1; Arte)
4,5/5
«Das Geheimnis des Totenwaldes» (Miniserie; ARD)
4,5/5
«Des» (Minserie; ITV/Sky)
5/5
«Follow The Money» (Staffel 3; Arte)
4,5/5
«Gangs Of London» (Staffel 1; Sky Atlantic)
4,5/5
«Marcella» (Staffel 3; Netflix)
5/5
«Moloch» (Miniserie; Arte)
4/5
«Ozark» (Staffel 3; Netflix)
5/5
«Suburra» (Schlussstaffel 3; Netflix)
5/5
«The Capture» (Miniserie; BBC One)
4,5/5
«The Pleasure Principle – Geometrie des Todes» (Miniserie; Arte)
4/5
«Wild Bill» (Staffel 1; ITV)
4/5
«Young Wallander» (Staffel 1; Netflix)
4/5
«ZeroZeroZero» (Staffel 1; Sky)
5/5


DRAMA

«Amour fou – Obwohl ich dich liebe» (Miniserie; Arte)
4,5/5
«Bad Banks» (Staffel 2; ZDF/Arte/Netflix)
4/5
«Better Call Saul» (Staffel 5; Netflix)
5/5
«Big Little Lies» (Staffeln 1 und 2; HBO/Sky)
4,5/5
«Billions» (Staffel 5; Showtime/Sky)
4/5
«Dérapages – Aus der Spur» (Miniserie; Arte)
4/5
«A Wedding, A Funeral, A Christening – Eine Hochzeit mit Folgen» (Miniserie; Arte)
4/5
«Fargo» (Staffel 4; FX)
Ohne Wertung, da noch nicht zu Ende geschaut
«Fauda» (Staffel 3; Netflix)
5/5
«Frieden» (Miniserie; SRF)
4,5/5
«Homeland» (Schlussstaffel 8; Showtime)
4,5/5
«I May Destroy You» (Miniserie; BBC One/HBO/Sky)
5/5
«Killing Eve» (Staffel 3; BBC America)
4,5/5
«M’entends-tu?» (Staffeln 1 und 2; Netflix)
5/5
«No Man’s Land – Kampf um den Halbmond» (Miniserie; Arte)
4/5
«Shtisl» (Staffeln 1 und 2; Netflix)
5/5
«Small Axe» (Miniserie; BBC One)
5/5
«Stateless» (Miniserie; Netflix)
4,5/5
«Succession» (Staffeln 1 und 2; HBO/Sky)
5/5
«Tehran» (Staffel 1; Apple TV+)
4,5/5
«The Looming Tower» (Miniserie; Hulu)
4,5/5
«The Queen’s Gambit» (Miniserie; Netflix)
5/5
«Unorthodox» (Miniserie; Netflix)
5/5
«Unterleuten – Das zerrissene Dorf» (Miniserie; ZDF)
4,5/5
«Yellowstone» (Staffel 1; Paramount Network)
4,5/5


FANTASY / MYSTERY / HORROR

«Dark» (Schlussstaffel 3; Netflix)
4,5/5
«Devs» (Staffel 1; FX Network/Sky)
4,5/5
«Preacher» (Schlussstaffel 4; AMC)
4/5
«Ragnarök» (Staffel 1; Arte)
4,5/5
«Tales From The Loop» (Staffel 1; Amazon)
5/5
«The Outsider» (Staffel 1; HBO/Sky)
4,5/5
«Watchmen» (Staffel 1; HBO/Sky)
4,5/5


ENTTÄUSCHUNGEN

«A Herdade – Land im Sturm» (Miniserie; Arte)
«Al Hayba» (Staffel 1; MTV Lebanon/Netflix)
«Das Team» (Staffel 2; Arte)
«Freud» (Staffel 1; ORF/Netflix)
«L’agent immobilier – Mein sprechender Goldfisch» (Arte)
«Messiah» (Staffel 1; Netflix)
«Swedish Dicks» (Staffel 1; Pop TV/Netflix)
«The Valhalla Murders» (Staffel 1; BBC Four/Netflix)


IN PLANUNG

«Cellule de Crise – Ohne Grenzen» (Staffel 1; SRF/Play Suisse)
«Fargo» (Staffel 4, die letzten Folgen; FX)
«Industry» (Staffel 1; BBC Two/Sky)
«M’entends-tu?» (Staffel 3; Netflix)
«Normal People» (Miniserie; BBC Three/Hulu)
«Schitt’s Creek» (Staffeln 4 bis 6; CBC)
«Twin Peaks» (Staffel 3, die letzten Folgen; Sky)
«Yellowstone» (Staffeln 2 und 3; Paramount Network)


DAS BESTE VOM BESTEN

«Shtisl» (Netflix)
In Israel lief die erste Staffel bereits 2013. Dank Netflix gewann die Geschichte um eine ultraorthodoxe Familie und ihren Alltag in einem Vorort von Jerusalem ein grösseres Publikum. Ein Geheimtipp ist sie hierzulande aber immer noch. Selten schon ist mir um Filmfiguren so warm ums Herz geworden wie bei dieser Serie aus einem Kulturkreis, der eigentlich nicht fremder sein könnte. Auf eine dritte Staffel wird sehnlichst gewartet, nicht zuletzt im Herkunftsland selber – «Shtisl» hat dort nicht weniger als zu einem Stück Völkerverständigung beigetragen. 2021 soll es mit der Ausstrahlung so weit sein (siehe Trailer). Ach ja: Wer sich die bekanntere Serie «Unorthodox» zu Gemüte geführt hat, in der es im Wesentlichen ebenfalls ums Lieben und Leiden in strenggläubigen jüdischen Kreisen geht – die dortige Hauptdarstellerin Shira Haas ist auch in «Shtisl» in einer tragenden Rolle zu sehen.


«I May Destroy You» (BBC One/HBO/Sky)
Eine sexuelle Belästigung in einem Nachtclub wirft die junge Autorin Arabella komplett aus der Bahn. Waren es K.o.-Tropfen oder sonst ein alkohol-/drogenbedingter Filmriss? Wer war der Täter? Die Geschichte basiert auf einer tatsächlichen Missbrauchserfahrung der Hauptdarstellerin (Michaela Coel), die auch das Skript zu dieser Serie geschrieben, als Produzentin fungiert und bei einigen Folgen Regie geführt hat. Die amerikanisch-britische Produktion ist schlicht eine Sensation – das wohl eindringlichste Serienerlebnis des Jahres. Es ist auch ein Porträt der Generation Tinder, wo sich alle zuballern, was das Zeug hält. Bewusstseinsverändernde Substanzen wie sexuelle Erlebnisse werden reingezogen wie Fastfood. Dass das verdammt wehtun kann, ist eine der schmerzlichen Erkenntnisse von «I May Destroy You». «Once seen and never forgotten», schreibt der «Guardian» zu diesem Zwölfteiler und beurteilt ihn als beste Serie des Jahres. True!


«Suburra» (Netflix)
Von manchen Serien wünschte man sich, sie würden endlich zu Ende gehen, gibt es doch genügend Beispiele, wo die Macher den Rank nicht fanden, um zu einem Punkt zu kommen. Bei der italienischen Mafiaserie «Suburra», die immer etwas im Schatten von «Gommorah» stand, waren es pro Staffel (total drei) immer zwei Folgen weniger. In sechs Mal knapp 50 Minuten sollte also die Geschichte todverfeindeter Familien und die dreckige Rolle einzelner Politiker und kirchlicher Würdenträger fertigerzählt werden? Ja, leider, ist in diesem Fall zu sagen. Denn es geht fast etwas zu schnell, zu drastisch, zumal die Partnerinnen von Spadino und Aureliano für ganz neue Konstellationen sorgen. Aber ach: Wer dem organisierten Verbrechen angehört, weiss, dass er gefährlich lebt. Und Empathie haben die allesamt äusserst brutalen Figuren nicht verdient. Der Abschied von «Suburra» schmerzt trotzdem…


«Love & Anarchy» (Netflix)
Bei nordischen Serien kommen einem ja in erster Linie düstere Thriller à la «Die Brücke» in den Sinn. Diese leichtfüssige Komödie um eine erfolgreiche Beraterin und Familienfrau, die bei der Arbeit auf einen jungen Programmierer trifft, welcher sie beim Masturbieren erwischt, zeigt eine andere Facette des dortigen Schaffens. Erwähnte Szene ist der Auftakt zu einem gewagten Flirt, stellen sich die beiden doch in der Folge Aufgaben wie einen ganzen Tag lang Rückwärtslaufen. Was leicht abgedreht tönt, ist es auch. «Love & Anarchy» ist überdies ein wunderbares Beispiel der offenen Lebensformen in Schweden. Dasselbe ist mir übrigens bei der erst kurz vor den Festtagen entdeckten norwegischen Serie «Home For Christmas» aufgefallen. Dass in beiden selbstbewusste Frauen im Mittelpunkt stehen, auch wenn sie in manchen Lebensphasen stark an sich zweifeln, versteht sich wohl von selbst. «Love & Anarchy» wie «Home For Christmas» bieten allerbeste Unterhaltung.


«Better Call Saul» (Netflix)
Es gibt kaum eine Serie, bei der ich mich so nach einer Fortsetzung sehne, wie bei diesem Krimidrama. Die Anknüpfung an «Breaking Bad» ist nun mit Händen zu fassen in der fünften Staffel des Prequels «Better Call Saul». Jimmy McGill ist immer noch der erfolglose Anwalt aus Albuquerque. Sukzessive läuft er allen Figuren, die in «Breaking Bad» eine Rolle spielen, über den Weg. Nur Crystal-Meth-Hersteller Walter White und der Kleinkriminelle Jesse Pinkmann fehlen noch. Ich gehe jede Wette ein, dass den Machern mit der Schlussstaffel 6 noch manche Überraschung gelingt, um aus McGill Saul Goodman werden zu lassen. Etwas Geduld ist gefragt, beginnen die Dreharbeiten coronabedingt doch erst im Frühjahr 2021, mit der Ausstrahlung ist kaum vor 2022 zu rechnen.


«Fauda» (Netflix)
In der Serie «Fauda» (arabisch für Chaos») geht es um eine israelische Undercover-Einheit, diesmal auf der Suche nach einem Soldaten, der unter falscher Identität arabische Terroristen jagt. Wie diese Einheit mit Doron Kavillio als Hauptidentifikationsfigur in Hamas-Kreisen im Westjordanland ihrem Job nachgeht, sorgt für nervenzehrende Spannung. Dass eine solche Aufgabe auch Einfluss auf den Alltag der Mitglieder der Einheit hat, ist sonnenklar. Was ihre Leben eher beeinflusst, die brandgefährlichen bewaffneten Einsätze oder immer mal wieder drohende zwischenmenschliche Kollateralschäden, sei hier mal dahingestellt. Auf jeden Fall zählt «Fauda» zum besten Serienschaffen der letzten Jahre. Eine Staffel 4 ist in Arbeit.


«The Queen’s Gambit» (Netflix)
Und last but not least die Aufsteigerstory des Jahres. Beth wächst in den Fünfzigerjahren in einem Waisenhaus in Kentucky auf. Der verschlossene Hausmeister macht sie – verbotenerweise – mit der Schachwelt bekannt. Beth hat eine besondere Begabung für das Spiel mit den schwarz-weissen Figuren. Aber auch ein Suchtproblem. In ihrer Pflegemutter, die sie aus dem Heim holt, bekommt sie eine Verbündete. Und schlägt im Schach bald alle Männer, selbst die Russen. Auch wenn man mit Schach nicht viel am Hut hat, dies ist eine der bezauberndsten Serien seit Langem, nicht zuletzt dank der fantastischen Anya Taylor-Joy in der Hauptrolle. Wenn ich diese Liste auf eine einzige Empfehlung für Serien-Freund*innen verkürzen müsste, es wäre wohl «The Queen’s Gambit».

Das Beste 2020 – TONTRÄGER

Keine Jahresbestenliste 2020 ohne Corona-Einfluss. Seltsamerweise mit dem Effekt, dass mich kaum eine Liste der diversen Pop-Gazetten, Internetportale, Radiostationen oder Blogs wirklich glücklich macht. Na ja… dann halt der eigenen Nase bzw. den eigenen Ohren nach. Für Listenfreaks lohnt sich übrigens, wie immer, ein Blick auf Albumoftheyear.org.

Dino Brandão/Faber/Sophie Hunger, «Ich liebe Dich»
Das Beste kommt zum Schluss. Erst zum Ende dieses Jahres veröffentlicht, hat sich dieses Album innert Tagen zu einem absoluten Liebling entwickelt. Es ist eine umso berührendere Liedsammlung, wenn man weiss, dass sie so nie geplant war. Faber, Sophie Hunger und das Hunger-Bandmitglied Dino Brandão – eine veritable Schweizer Singer/Songwriter-Supergroup – haben den Livekonzert-Lockdown genutzt, um ihre Seelen nach aussen zu kehren und sich in Mundart, und zurückhaltend instrumentiert, allen Facetten der Liebe zu widmen. Das geht so nah, wie es sonst nur die Liebe selber tut. Anspieltipp: «Derfi di hebe».

Sault, «Untitled (Black Is)»
Sault, «Untitled (Rise)»
DER politische Kommentar zur Black-Lives-Matter-Bewegung, und das gleich im Doppelpack. Das weitgehende anonyme Musikerkollektiv aus Grossbritannien hat alle Spielarten schwarzer Musik drauf: Soul, R’n’B, Gospel, Disco, Funk, Afrobeat, House. Die gereckte Faust auf dem Cover des im Juni veröffentlichten Albums «Untitled (Black Is)» sagt alles – Protest, Gegenkultur ist nötiger denn je. Drei Monate später dann «Untitled (Rise)» mit gefalteten Händen auf dem Cover und einer Spur mehr Zuversicht. «Von Ohnmacht zu Empowerment», wie es ein Kritiker treffend ausdrückte. Auf Youtube steht das ganze Album «Untitled (Black Is)» zur Verfügung.

Kjellvandertonbruket, «Doom Country»
Christian Kjellvander, «About Love And Loving Again»

Ebenfalls mit zwei Alben innerhalb eines Jahres wartet der schwedische Singer-Songwriter Christian Kjellvander auf. Für mich ist seine tiefe, ruhige Stimme immer wieder Balsam auf die Seele. «Doom Country» ist eine Kollaboration mit einer anderen nordländischen Institution: der Jazzformation Tonbruket. Insbesondere der Dreiteiler «Normal Behaviour In A Cutting Garden» hat hypnotische Wirkung. Etwas konventioneller geht es auf «About Love And Loving Again» zu und her. Auf diesem Album erinnert Kjellvander so stark wie noch nie an Nick Cave oder Leonard Cohen. Anspieltipp: «Process Of Pyoneers».

Sparks, «A Steady Drip, Drip, Drip»
Die Gebrüder Ron und Russell Mael sind beide schon deutlich jenseits der 70. Wie es die Kalifornier schaffen, immer noch so überdrehte, vor Jugendlichkeit strotzende Popmusik zu machen, bleibt ihr Geheimnis. Jedenfalls haben Sparks 14 neue Songs aus dem Ärmel geschüttelt, die einen durch die Wohnung hüpfen lassen und einem ein Lächeln ins Gesicht zaubern, sobald sie erklingen. Müsste ich für das Morgenprogramm eines Radiosenders die Musik zusammenstellen, ich würde das Album integral abspielen. Jeden Tag. Anspieltipp: «All That».

Don Bryant, «You Make Me Feel»
Einer dieser grossartigen Künstler, die ihre Arbeit vor allem hinter den Kulissen für andere verrichteten. Der inzwischen 78-jährige Don Bryant hat u.a. für Ann Peebles in den Siebzigern den später auch von Tina Turner gecoverten Hit «I Can’t Stand The Rain» geschrieben. Unterstützt von der fantastischen Begleitcombo The Bo-Keys aus dem Stax/Memphis-Umfeld ist nun ein zweites Album erschienen, auf dem der Veteran seine ausdrucksstarke Soulstimme erklingen lässt. Zeitlose Musik, wie sie authentischer nicht sein könnte. Mit «Is It Over» enthält «You Make Me Feel» zudem die Ballade des Jahres. Derselbe Song hier in einer Live-Version.

La Rue Kétanou, «2020»
Wer vermisst nicht jene Livekonzerte, an denen so richtig die Post abgeht und alle tanzen, als gäbe es kein Morgen. Eine dieser Bands, die für solche Erlebnisse sorgt, wenn nicht gerade Corona herrscht, heisst La Rue Kétanou und stammt aus Frankreich. Weshalb es die drei Strassenmusiker auf die grossen Bühnen gebracht haben, zeigt dieses Album. Schmissige Weisen, mehrstimmiger Gesang, ein Akkordeon zum Dahinschmelzen. La Rue Kétanou haben alles zu bieten zwischen Folk, Reggae und Balkan. Hörtipp: Konzert am Festival Au fil de l’eau.

Hamilton Leithauser, «The Loves Of Your Life»
Hamilton Leithauser, «Live! At Café Carlyle»

Und schon wieder ein Doppelpack, wobei mir das Livealbum mit seiner kuriosen Abmischung und dem lahmen Applaus nur bedingt gefällt. Aber der Song «Here They Come», der auch aus dem Studioalbum «The Loves Of Your Life» herausragt, ist schlicht grandios. Ebenfalls das gleich nachfolgende Big-Thief-Cover «Not». Hamilton Leithauser hat eine Stimme zum Niederknien, was auch einigermassen verschmerzen lässt, dass seine Hauptband The Walkmen seit 2013 auf umbestimmte Zeit pausiert. Anspieltipp: «Here They Come».

Dub Spencer & Trance Hill, «Tumultus II»
Im Ranking der schlechtesten Bandnamen kommt die Schweizer Instrumental-Dub-Formation nicht von einem Spitzenplatz weg. Aber spielt der Name eine Rolle, wenn der Inhalt dermassen stimmt? Die Ausgangslage für dieses Album ist ja einigermassen speziell: Es geht um Alltagsgeräusche zu Zeiten römischer Legionäre, also klirrenden und scheppernden Rüstungen und Waffen, marschierenden Truppen, kämpfenden Gladiatoren, die von Fanfarenklängen begleitet werden. Mit Dub ist dieses ausgeklügelte Konzeptalbum nur dürftig umschrieben. Es lässt sich auch ansonsten nur schwer in Worte fassen. Deshalb: Wer offene Ohren hat, der höre… Anspieltipp: «Tumultus».

Jarv Is… Jarvis Cocker, «Beyond The Pale»
Wie schon bei Christian Kjellvander der erste Eindruck: Ist da Leonard Cohen am Werk? Ist er nicht, dafür der ehemalige Frontmann der Band Pulp: Jarvis Cocker. Mit jedem Soloalbum begeht der Brite neue Wege. Hymnischer Pop mit psychedelischen Anstrichen ist es diesmal. Die Rhythmen treiben die üppig instrumentierten Songs voran. Moll kommt klar vor Dur, wobei das Album gerade deshalb – und trotz eher düsterer Inhalte – eine einnehmende Wärme ausstrahlt. Dazu jubilieren Chöre im Überfluss. Anspieltipp: «Save The Whale».

Israel Nash, «Topaz»
Israel Nash, «Across The Water»
Die 21 Minuten lange und fünf Songs umfassende EP «Topaz» ist zwar nur der Vorbote für ein ganzes Album 2021. Aber: Ich kann mich nicht satthören an diesem «Southern Rock in Zuckerwatte» (Zitat aus einer Kritik). Das überquillt förmlich von Gitarren, Chören, Bläsern und der Reibeisen-Stimme des texanischen Rockers Israel Nash. Vor allem aber: Es sind samt und sonders sackstarke Songs. Die ebenfalls dieses Jahr veröffentlichte Live-Scheibe «Across The Water» kann mich dagegen wegen der Setlist und der bescheidenen Aufnahmequalität nicht wirklich begeistern. Anspieltipp ab «Topaz»: «Southern Coasts».

Ebenfalls gern und häufig gehört habe ich (in alphabetischer Reihenfolge):
A.A. Williams («Forever Blue»)
Aeronauten («Neun Extraleben»)
Arca («@@@@@»)
Baxter Dury («The Night Chancers»)
Bettye LaVette («Blackbirds»)
Bill Callahan («Gold Record»)
Chris Forsyth with Garcia Peoples («Peoples Motel Band»)
Crucchi Gang («Die Italo Compilation»)
Denise Sherwood («This Road»)
Einstürzende Neubauten («Alles in allem»)
Elvis Costello («Hey Clockface»)
Elbow («Elbowrooms»)
Fleet Foxes («Shore»)
Fontaines D.C. («A Hero’s Death»)
Hermanos Gutierrez («Hijos Del Sol»)
Idles («Ultra Mono»)
Jah Wobble («In Dub II»)
Joe Volk & Naiare («Primitive Energetics»)
Kruder & Dorfmeister («1995»)
Div. LateNightTales (Hot Chip)
Div. LateNightTales (Kruangbin)
Les Hurlements d’Léo («Mondial Stéréo»)
Manuel Stahlberger/Bit-Tuner («I däre Show»)
Mavericks («En Español»)
Monophonics («It’s Only You»)
Moses Sumney («Grae»)
Other Lives («For Their Love»)
Perfume Genius («Set My Heart On Fire Immediatly»)
Rufus Wainwright («Unfollow The Rules»)
Sonny Green («Found! One Soul Singer»)
Sophie Hunger («Halluzinationen»)
Tami Neilson («Chickaboom!»)
The Soft Pink Truth («Shall We Go On Sinning So That Grace May Increase?»)
Travis («10 Songs»)
Troubas Kater («Iz eifach nid abe luege»)
Wire («Mind Hive»)

Enttäuschung des Jahres:
Archive («Versions» und «Versions: Remixed»): Wie kann man bloss ein grossartiges Werk zu schlechteren Versionen verhunzen und diese dann noch viel bedenklicher remixen (lassen)?

Einzelne Songs:
All diese Gewalt («Andere»)
Bob Dylan («Murder Most Foul»)
Dralms («Plants Behind Glass»)
Ghostpoet («Concrete Pony»)
Grandaddy («RIP Coyote Condo #5»)
John Cale («Lazy Day»)
Lawrence Arabia («Malade»)
Mothers Pride («Count Your Angles», «Old Enough To Die Young» und «When Love Comes Knocking»)
Motorpsycho («N.O.X. I–V»)
Nils Frahm («Fundamental Values»)
Patrick Watson («Lost With You»)
Puts Marie («Love Boat 2»)
Sleaford Mods/Billy Nomates («Mork n Mindy»)
Steiner & Madlaina («La Dolce Vita»)
Tindersticks («You’ll Have To Scream Louder»)
Tocotronic («Hoffnung»)