Das Beste 2017 – TONTRÄGER

Ehrlich gesagt… ich fühle mich etwas allein. Andere Jahresbestenlisten haben ganz andere Prioritäten und sind zumindest teilweise deckungsgleich. Meine Favoriten tauchen (fast) nirgendwo anders auf. Aber ich stehe dazu. Und mache vielleicht andere Musikfreaks auf Sachen aufmerksam, die sie noch gar nicht kennen. Hier meine musikalischen Top Ten 2017. By the way: Es war ein sackstarkes Jahr, was Musik aus der Schweiz betrifft.

MARIO BATKOVIC – «Mario Batkovic»
Es war am m4music im vergangenen Frühjahr in Zürich, als man im «Moods» die berühmte Stecknadel fallen und das Akkordeon von Mario Batkovic atmen hörte. Pure Magie. Seither ist es um mich geschehen, ich habe das einstige Kummerbuben-Mitglied mehrfach live gesehen. Und es gibt Tage, da stelle ich bei seinem ersten Soloalbum stundenlang auf Repeat. Die Kompositionen sind minimalistisch gehalten, haben allesamt etwas Sakrales. Erfolgreiche Konzerte in aller Herren Länder zeigen: Mario Batkovic trifft mit seiner einzigartigen Spielweise den Nerv der Zeit.

FABER – «Sei ein Faber im Wind»
Wenn wir bei Exporterfolgen sind, kommt man um Faber nicht herum. Der junge Zürcher Liedermacher, Sohn von Pippo Pollina, ist heuer in Europa (v.a. Deutschland) durchgestartet, wie kaum ein anderer Schweizer Popmusiker von Niveau vor ihm. So jung, so talentiert, die grossartigste Stimme der Welt! Und auf der Bühne entwickeln sich die Songs mit jedem Konzert weiter (Richtung Balkan). Man mag ihm die eine oder andere etwas gar altkluge Textzeile nachsehen. Das erste Album jedenfalls ist voller melodieseliger Lieder. Wie Element of Crime in jung.

APRÈS LA CLASSE – «Circo Manicomio»
Ein Zufallstreffer, Spotify sei dank. Davor hatte ich von den italienischen Ska-Punkern noch nie etwas gehört, obwohl sie doch schon einige Alben veröffentlicht haben. Keines weist die satte Reife von «Circo Manicomio» auf. Jeder Song ein (Tanz-)Fest, lateinamerikanische Rhythmen lösen tiefen Dub-Reggae ab, mehrstimmiger Gesang und satte Bläser sorgen für viel Abwechslung. Und: Hört man die Scheibe nebenbei, stellt sich automatisch gute Laune ein.

KUMBIA BORUKA – «La Vida Se Vive»
Ein weiteres Gute-Laune-Album. Kennengelernt habe ich Kumbia Boruka vergangenen Sommer am Paléo-Festival in Nyon, an dem das Village du Monde lateinamerikanischen Klängen gewidmet war, darunter etlichen Gruppen, die sich traditionellem und/oder modernem Cumbia verschrieben haben. Kumbia Boruka aus Mexiko können und machen beides. «La Vida Se Vive» enthält zehn grossartige eigene Nummer. Und: Hört man die Scheibe nebenbei,… (s. oben).

Skolka – «Dammawos»
Auch bei dieser österreichischen Formation stand ein Liveauftritt am Anfang. Sturm und Regen hatten das Festzelt am diesjährigen Alpentöne-Festival in Altdorf fast leergefegt, als Skolka loslegten wie die Feuerwehr. Teuflisch schneller Ska, zwischendurch eine Polka, eine Bläsersektion, die den Ton im wahrsten Sinne des Wortes angibt. Und Sängerin Judith, die nicht locker lässt, bis auch der letzte Zuhörer auf Festbank oder -tisch steht. Wochen später das neue Album «Dammawos», welches das Skolka-Werk nahtlos fortsetzt, sich aber mit einer ersten langsamen, eher nachdenklichen Nummer auch Neuem nicht verschliesst.

Mikko Joensuu – «Amen 3»
Und damit direkt zum traurigsten, herzzerreissendsten Album des Jahres. «Amen 3» ist der Abschluss einer Trilogie des finnischen Musikers Mikko Joensuu. Er setzt sich damit mit dem fundamentalchristlichen Pfingstglauben auseinander, dem seine Familie anhängt. Das ist vor allem eines: schmerzhaft. In jeder Note, jeder Textzeile. Das knapp 14-minütige «Pearly Gates» zum Schluss des nur sechs (dafür bis zu 20 Minuten langen) Songs umfassenden Werkes fühlt man sich zugleich gerädert wie erlöst. Kirchen-Techno nennt es der «Musikexpress». Live setzt Joensuu auf warme Streichinstrumente, was eine weitere Intensitätsstufe zündet. Schon klar, dass die beiden Auftritte des Finnen am diesjährigen Iceland Airwaves in Reykjavik meine Festival-Highlights waren.

Fufanu – «Sports»
Um gleich in Island zu bleiben. Nein, Björks neues Werk schaffte es bei mir nicht in die vorderen Ränge – zu viel Déjà-vu. Das Trio Fufanu macht zwar ebenfalls eine irgendwie altmodische Musik (stilistisch beim New Wave). Aber derart druckvoll, hymnisch und gleichzeitig schnoddrig-minimalistisch-unterkühlt, dass es eine Freude ist. Das treibt und drängt vorwärts, wagt auch mal die grosse Pop-Geste. Jeder Songs hat das gewisse Etwas, bei jedem einzelnen wünscht man sich, er möge noch fünf Minuten länger dauern.

Lhasa de Sela – «Live in Reykavik»
Und um noch eine weitere Platte lang in Island zu verweilen: Was hatte ich mich nach dem viel zu frühen Tod von Lhasa de Sela nach Aufnahmen gesehnt, die noch der Veröffentlichung harrten. Doch nichts, nada. Bis jetzt, aus heiterem Himmel, die drei Studioalben zusammen mit einer Scheibe namens «Live in Reykavik» zusammen in einer CD-Box erscheinen. Es ist die Aufnahme eines der letzten Konzerte überhaupt der amerikanisch-mexikanischen Sängerin. Musik von purer Schönheit, melancholisch im Grundton, gesungen von einer ausserirdischen Stimme. Danke für dieses womöglich allerletzte Lebenszeichen.

Lee «Scratch» Perry & The Subatomic Sound System – «Super Ape Returns To Conquer»
Eines der besten Dub-Alben ever neu, frisch (und originalgetreu) eingespielt. Natürlich kann man solchem Ansinnen gegenüber kritisch eingestellt sein. Aber wenn man diese supertiefen Bässe hört, die für den nötigen Wumms sorgen, fragt man sich, was am Original von 1976 so toll war. Es tönt, im Vergleich, nur noch schlapp! John Emch heisst der Zauberer auf dem Produzentenstuhl, er ist der Mastermind des New Yorker Subatomic Sound System, und schon seit Jahren mit der Musik von Dub-Legende Lee «Scratch» Perry befasst. Heutzutage, wo nur noch sporadisch hörenswerter Dub-Reggae veröffentlicht wird, ist dieses Album für Fans des Genres wie Weihnachten und Ostern zusammen.

Ray Davies – «Americana»
Es gab dieses Jahr einige Spätwerke, die an dieser Stelle nicht fehl am Platz wären (Gregg Allman, Robert Plant, Joe Henry usw.), aber Kinks-Vordenker Ray Davies schlägt sie alle mit einer grossartigen Songsammlung, die von seiner Liebe zu den USA kündigt. Jenem Land, das ihn fast umgebracht hat (er wurde in New Orleans niedergeschossen, weil er einen Strassenräuber stellen wollte). Dazu ist Davies ja Brite durch und durch, was sich im Melodiereichtum von «Americana» zeigt. Bei den Aufnahmen liess er sich von der amerikanischen Alternative-Countryband The Jayhawks begleiten. Damit treffen sich die besten der beiden Rock’n’Roll-Welten dies- und jenseits des Atlantiks.

Weiters sehr gut gefallen haben mir 2017 folgende Alben (auffallend: wenig Gitarren!): «Inna de Yard» von The Soul Of Jamaica, «Last Place» von Grandaddy, «American Dream» von LCD Soundsystem, «Cigarettes After Sex» von Cigarettes After Sex, «Hippopotamus» von Sparks, «Slowdive» von Slowdive, «Mister Milano» von Mister Milano, «Sehnsucht» von Lisa Who, «Little Fictions» und «The Best Of (Deluxe)» von Elbow, «Deep Dive Dub» von Dub Spencer & Trance Hill, «Brand New Day» von Mavericks, «Prince Of Tears» von Baxter Dury, «Hot Spot» von Spoon, «Weather Diaries» von Ride, «Modern Kosmology» von Jane Weaver, «Blood Red» von Egopusher, «Angst» von Nits, «Thrum» von Joe Henry, «Southern Blood» von Gregg Allman, «Soul Of A Woman» von Sharon Jones & The Dap-Kings, «Niente» von Wanda, «How The West Was Won» von Peter Perrett, «Don’t Give Up On Love» von Don Bryant, «Double Roses» von Karen Elson, «Harmony Of Difference» von Kamasi Washington, «Oczy Mlody» von Flaming Lips, «Crack-Up» von Fleet Foxes, «A Deeper Understanding» von The War On Drugs, «Resistance Radio: The Man In The High Castle» (Soundtrack).

Und als einzelne, herausragende Songs: «How Did I Find Myself Here» von Dream Syndicate, «Sign Of The Times» von Harry Styles, «Spent The Day In Bed» von Morrissey, «Plastic Machinery» von The Charlatans.

Meine Enttäuschungen des Jahres: «Volcano» von Temples, «I Tell A Fly» von Benjamin Clementine, «Heartworms» von The Shins, «Kicking Up The Dust» von Cast, «Villains» von Queens Of The Stone Age, «Is This The Life We Really Want?» von Roger Waters, «Humanz» von Gorillaz.

Blockchain – der neue Hoffnungsschimmer für die Musikbranche

20 Jahre M4Music: Das Branchen-Musikfestival ist erwachsen und etwas langweilig geworden – aber es hat sich auch unverzichtbar gemacht mit wichtigen Diskussionen. Im Jubiläumsjahr etwa zum Thema Blockchain.

von Hans Bärtsch

Tagsüber wird über Popmusik gelabert, nachts wird sie gespielt und ihr zugehört. Das ist das Prinzip des vom Migros-Kulturprozent M4Music getragenen Festivals. Bei jenen, die spielen, handelt es sich um Nachwuchskünstler mit Hauptfokus auf dem heimischen Schaffen. Bei jenen, die zuhören, zum wichtigen Teil um Profis aus der Musik- und anverwandten Kreativbranchen. Kurz: Das M4Music ist der Treffpunkt der Schweizer Szene, auch im 20. Jahr seines Bestehens. Da der erste Festivaltag jeweils in Lausanne stattfindet (und die folgenden beiden in Zürich), funktioniert auch der sprachregional übergreifende Austausch bestens.

Blockchain: Mehr als ein Hype?

Was weniger gut funktioniert, ist die Rettung des Business – das Dauerthema des Festivals, seit das Internet und damit verbunden die Gratiskultur fast irreversiblen Schaden angerichtet hat (die Verlagshäuser können ja ebenfalls ein Liedchen davon singen). Natürlich war Streaming auch dieses Jahr wieder ein Thema. Dass für Musiker damit kaum ein Butterbrot zu verdienen ist, ist inzwischen ja hinlänglich bekannt. Dass es anders gehen könnte – mit Betonung auf könnte –, zeigte eine Gesprächsrunde zum Thema Blockchain auf.

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Interessante Diskussion am M4Music zum Thema Blockchain, erläutert von Hannes Grassegger (zweiter von rechts). (Bild Hans Bärtsch)

Hannes Grassegger, ehemaliger «Südostschweiz»-Redaktor und jetziger Reporter für «Das Magazin» und «Reportagen», zeigte vom ökonomischen Standpunkt her auf, was die Chancen und Risiken dieser neuen Technologie sind. Die Ausgangslage: Durch das Internet ist die Selbstkontrolle der Rechteinhaber über ihr geistiges Eigentum verloren gegangen. Mit Blockchain, quasi der Mutter der Digitalwährung Bitcoin, bietet sich die Chance, die Kontrolle wieder zurückzuerlangen. Grassegger erklärte Blockchain mit einer «grossen Excel-Tabelle» beziehungsweise einem «offenen Kassa-/Kontobuch», wo alles notiert ist und worüber alle Transaktionen laufen – ohne Umwege zwischen dem Hersteller eines künstlerischen Werks und dem Konsumenten.

Direkter Transfer zwischen Künstler und Konsument

Simon Emanuel Schmid, Co-Gründer der Booking-Organisationsplattform Optune.me, sagte es mit einer Zahl: Beim Download eines Musiktitels beispielsweise bei iTunes zum Preis von 1.50 Franken gehen 60 Rappen an die Kreditkartenfirma. Es sind letztlich Brosamen, die direkt beim Künstler landen. Und genau hier setzt Blockchain an. Die Technologie ermöglicht den direkten Transfer zwischen Künstler und Konsument; Zwischenhändler sind ausgeschaltet. Der Zürcher Musiker Ephrem Lüchinger ist begeistert davon, «weil es die ganze Verwertungskette umkehrt». Höre ein Fan in Japan seine Musik, erhalte er das Geld dafür innert Minuten. Der Weg über die Rechteverwertungsgesellschaft Suisa dauere zweieinhalb Jahre und sei viel weniger lukrativ.

Blockchain ermöglicht den direkten Transfer zwischen Künstler und Konsument

Blockchain, in dessen Entwicklung die grössten Banken weltweit seit einigen Jahren Milliarden stecken, könnte also gerade im Musikbereich die Lösung für eine faire Entschädigungspraxis sein. Ein Knackpunkt ist die Nutzerakzeptanz. Bereits heute könn(t)en Zahlungen blitzschnell, fälschungssicher und ohne gebührenfressende Umwege (Kreditkarten) vorgenommen werden – bloss macht es noch fast niemand. Blockchain: Mehr als ein Hype? Wie vieles, was am M4Music diskutiert wird, muss man diese Fragen und die erst wenigen Antworten darauf in eine paar Jahren erneut auf den Prüfstand stellen.

Einer, der «gegen unten tritt»

Hochaktuell war ein Panel zum Thema Pop und Politik in der Gegenwart. Bewegt die «Trumpisierung», die seit geraumer Zeit stattfindet, auch die Schweizer Musikschaffenden? Zum Hauptthema wurde einer, der gar nicht auf dem Podium sass, nämlich Büezer-Rocker Gölä. Einer, der «gegen unten tritt», wie es der in Chur geborene Journalist, Buchautor und Musiker Daniel Ryser ausdrückte. Aber auch jene Künstler, die «gegen oben» austeilen, wurden kritisch hinterfragt, eine Madonna, eine Beyoncé, ein Kendrick Lamar. Soll Kunst überhaupt direkt reagieren auf gesellschaftliche, politische Vorgänge, wurde als Frage in den Raum gestellt.

Der junge Schweizer Rapper Nemo meinte: «Richtig machen kann man es nicht – man muss es nur machen.» Übersetzt: Ob man seine Fanbasis mit politischen Statements vergrault, ist durchaus möglich, aber nichts sagen ist keine Option. Ob der Legitimität von Heile-Welt-Musikern wie Trauffer oder Bligg wurde die Diskussion richtiggehend giftig. Auch ein Zeichen der Orientierungslosigkeit in unserer heutigen Welt.

Mario Batkovic als einsamer Höhepunkt

Nach der Theorie die Praxis. Ob Zufall oder nicht, standen am vergangenen Wochenende im Rahmen des M4Music gleich mehrere Schweizer Bands mit neuen Alben auf den diversen Bühnen im und um den Schiffbau in Zürich: Panda Lux, Baba Shrimps, Damian Lynn, Jeans for Jesus, die Bündner Band Ursina. Und weitere hoffnungsvolle Newcomer wie der Rheintaler Achtzigerjahre-Verehrer Crimer und der bereits erwähnte 17-jährige Bieler Nemo. Am handwerklichen Können fehlt es nirgends, dafür am einen oder andern Ort an Originalität. Der einsame Höhepunkt war der Auftritt des Berner Akkordeonisten Mario Batkovic im «Moods». Was das ehemalige Kummerbuben-Mitglied mit seinem Instrument anstellt, ist schlicht atemberaubend – und hat Potenzial für eine internationale Karriere, wie sie in seinem Fall gerade startet. Ebenfalls betörend der Auftritt von Baze – sehr sec, aber trotzdem mit viel Flow. Und mit einem Wutausfall vertrieb der Berner Rapper die ganze erste Reihe aus dem «Moods»; die Schnorris hatten es auch verdient.

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Junger Rapper: Nemo (17) zeigt am M4Music, was der Schweizer Nachwuchs draufhat. (Pressebild)

Die Schweizer Künstler fegten jedenfalls etliche internationale Grössen geradezu weg mit ihren energiegeladenen Shows. Der Auftritt der Filigran-Folkrocker The Shins aus den USA jedenfalls war soundtechnisch eine Katastrophe. Und Frank Turner mit seiner gepressten Stimme und dem fantasiearmen Gitarrengeschrummel schlicht zum Davonlaufen. Richtung den britischen Hip-Hop-Künstler Loyle Carner beispielsweise – wer eine Show mit einem Sample aus dem Musical «Hair» eröffnet, hat schon mal gewonnen. Das Gute liegt beim M4Music oft so nah.

BOX

6500 Besucher

Die Jubiläumsausgabe des M4Music-Festivals verzeichnete 6500 Besucher. Den mit 5000 Franken dotierten «Demo of the Year»-Preis gewannen Meimuna aus Choëx. Die Band erhielt ausserdem die an den Fondation-Suisa-Award gekoppelten 3000 Franken in der Kategorie Pop. In den anderen Kategorien wurden Verveine aus Vevey (Electronic), Dirty Sound Magnet aus Freiburg (Rock) und Zola aus Basel (Urban) geehrt. Aus der Südostschweiz war die Teilnahme an der diesjährigen Demotape Clinic recht bescheiden, dies im Gegensatz zu früheren Jahren. (hb)

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