Ein Ort für die lustvolle Suche nach speziellen Klängen

Unter erschwerten Bedingungen (Corona) hat vom 12. bis 15. August im urnerischen Altdorf das zwölfte Alpentöne-Festival stattgefunden. Trouvaillen bot es dennoch (oder vielleicht gerade deshalb) zuhauf.

von Hans Bärtsch

Corona ist ein Biest, auch im Jahr 2. Und für Veranstalter weiterhin mit vielen Unwägbarkeiten verbunden. Die Alpentöne-Macher (neu unter der künstlerischen Leitung von Graziella Contratto und Barbara Betschart) haben den Stier, den der Kanton Uri im Wappen trägt, gewissermassen bei den Hörnern gepackt und das Biest damit zwar nicht bezwungen, aber für ein Wochenende gebändigt. Dies mit einem Festivalprogramm, das sich sehen und vor allem natürlich hören lassen konnte. Und einem enormen logistischen Aufwand.

Einzelbillette statt Festivalpass

Ob ein grösseres Publikum ausblieb, weil es von den vergangenen elf Durchführungen an den Festivalpass gewöhnt war, mit dem man immer und überall Zutritt hatte? Regelmässige Besucherinnen und Besucher erinnern sich an manch ein unangenehmes Ellbögeln, weil das Platzangebot in jedem Saal halt nun mal endlich ist. Dieses Jahr mussten Einzelbillette erworben werden – inklusive Garantie eines Sitzplatzes. Das war, wie auch Festivalpass-Anhänger eingestehen werden, ganz schön bequem. Dass der Entdeckerlust letztlich fast uneingeschränkt gefrönt werden konnte, ist zum einen einer Aktion in letzter Minute zu verdanken – für jedes gekaufte Ticket gabs ein Freibillett obendrauf. Zum anderen sorgte der Bändel, den es gegen Vorweisung des Covid-Zertifikats gab, für jegliche Bewegungsfreiheit.

Die Verantwortlichen zogen gestern eine äusserst positive Bilanz, was die künstlerischen und organisatorischen Aspekte anbelangte. Wirtschaftlich blieb man mit 3500 verkauften Billetten im Rahmen des (Corona-)Budgets, das mit weniger Einnahmen und höheren Ausgaben gerechnet hatte. Das erwartete Minus könne vollumfänglich mit Defizitgarantien aufgefangen werden, führte der neue Alpentöne-Geschäftsführer Pius Knüsel aus.

Grosses Facettenreichtum

Damit jetzt aber endlich zu dem, was dieses alle zwei Jahre stattfindende Festival, das sich künstlerischen Ausdrucksweisen aus dem Alpenraum widmet, an den vergangenen vier Tagen bot. Etwa ein mitreissendes Zusammentreffen von Studierenden der Hochschulen Luzern und des Mozarteums Salzburg aus dem Gastland Österreich. Die an diesen beiden Standorten angebotene Studienrichtung Volksmusik sorgt für erfreulichen Nachwuchs an Musikerinnen und Musikern, die Respekt vor der Tradition haben, aber ohne Scheuklappen auch Neues wagen.

Ein besonders berührendes Projekt und eine weitere Uraufführung war «Die 7. Jahreszeit» unter der Regie von Tom Ryer. Vera Kappeler (Klavier), Anna Trauffer (Kontrabass, Gesang) und Peter Conradin Zumthor (Schlagzeug) vertonten teils uralte Kinderlieder. Schülerinnen und Schüler der heilpädagogischen Schule Papilio trugen diese Lieder auf ihre ureigene Weise mit – singend, tanzend, paukenschlagend oder den Regen mit Kartonschachteln heraufbeschwörend.

Konzertsaal nicht leergespielt

Das aus Jugendlichen bestehende Bündner Vokalensemble Incantanti unter der Leitung von Christian Klucker wurde ergänzt durch den einmaligen Obertongesang von Christian Zehnder – in der Kirche kam diese Vokaltechnik in Form neuer Kompositionen besonders eindrücklich zur Geltung. Von den Premieren erwähnt sei auch noch das Improvisationsprojekt dreier Ausserrhödler. Noldi Alder (Geige, Hackbrett, Gesang), gilt als einer der grossen Neuerer der Volksmusik. Seinem Wunsch (oder seiner Befürchtung), einmal einen Konzertsaal leerspielen zu wollen, war kein Erfolg beschieden. Gebannt harrte das Publikum im Theater Uri bis zur allerletzten Sekunde dieses feinen, hochmusikalischen Konzertes mit Fabian M. Müller am Klavier und Reto Suhner an Blasinstrumenten. Fürwahr ein «Trialog auf höchstem Niveau», wie schon das Programmheft versprochen hatte.

Alpentöne 2021 machte die Handschriften von Contratto und Betschart (mehr Inklusion, mehr Vermittlung, mehr Klassik, stilistisch aber insgesamt die Konzentration auf weniger) erstmals deutlich. Fazit: Das Alpentöne bleibt für Menschen mit offenen Ohren das Entdeckerfestival schlechthin. Bei Radio SRF2 lassen sich in den beiden «Weltklasse»-Sendungen vom 20./21. August neun Alpentöne-Konzerte nachhören.

Island: Kleines Land, grossartige Musikszene

Island hat, gemessen an der Bevölkerungszahl, eine äusserst reichhaltige Musikszene. Das zeigte sich einmal mehr am diesjährigen Talentfestival Iceland Airwaves in Reykjavík.

Von Hans Bärtsch (Text und Bilder)

Reykjavík. – Ein Name überstrahlt sie nach wie vor alle, gilt gleichzeitig als Initialzündung für den erfolggekrönten Musikexport der letzten Jahre, vor allem aber auch für innovatives, im besten Sinne eigensinniges Popmusikschaffen: Björk. Die heute 49-Jährige hat Ende der Neunzigerjahre mit der Band Sugarcubes und danach solo weltweit Aufmerksamkeit erregt – Aufmerksamkeit auch auf den Inselstaat im hohen Norden, woher sie stammt.

Konzertort für Rebekka Sif: das Schaufenster des Kleiderladens Cintamani

Konzertort für Rebekka Sif: das Schaufenster des Kleiderladens Cintamani

 

Island, flächenmässig rund zwei­einhalbmal grösser als die Schweiz, aber lediglich von knapp 330 000 Menschen bewohnt, ist ein kreatives Pflaster, wie sich bei der 15. Auflage des Talentfestivals Iceland Airwaves Anfang November eindrücklich bestätigte. Hunderte von Einzelkünstlern und Gruppen präsentierten sich im offiziellen Programm. Noch reichhaltiger waren die gratis zugänglichen Off-Venue-Konzerte an allen mög­lichen und unmöglichen Orten in Reykjavík – in Kaffees, Bars und Hotels, in Bibliotheken und Galerien, in Schaufenstern und Jugendherbergen, in Plattenläden und Kinos, in einem Heilsarmee-Lokal und dem EU-Informationscenter. Kurz: Das Iceland Airwaves bescherte der isländischen Hauptstadt einmal mehr den musikalischen Ausnahmezustand.

Originell in allen Belangen

Der Schreibende schaffte während des fünftägigen Festivals 35 in der Regel halbstündige Konzerte, rund zwei Drittel davon einheimische Acts, der Rest aufstrebende Bands aus diversen europäischen Ländern und den USA. Björk war beim einen oder andern Talent das unüberhörbare Vorbild, auch im Bereich Elektro und Hardrock tönte einiges sattsam bekannt. Das Rad wird also auch in Island nicht alle Tage neu erfunden. Umso grösser die Freude, die andere, frisch von der Leber weg musizierende Künstlerinnen und Künstler be­reiteten. Originell bezüglich eigenständigem Songwriting und Präsen­tation.

Auftritt in intimem Rahmen:  In der Bar «Bravó» gibt Snorri Helgason eigene Lieder und Covers zum Besten.

Auftritt in intimem Rahmen: In der Bar «Bravó» gibt Snorri Helgason eigene Lieder und Covers zum Besten.

 

In einem neuen Dokumentarfilm über die isländische Musikszene, der am Airwaves uraufgeführt wurde, werden die Erfolgsgeheimnisse praktisch unisono benannt. Eines davon sei – wortwörtlich – in der Natur des Landes zu suchen: Wer auf dem dünn besiedelten Land aufwachse, habe in jungen Jahren oft nicht viel anderes zu tun, als allein oder mit Gleichgesinnten zu musizieren. Positiv wirke sich diesbezüglich die schulische Bildung im Bereich Musik aus. Vor allem aber, so geht aus der vom Online-Kulturmagazin «405» realisierten Doku «Tónlist» hervor, würden die Vertreter der Szene sich untereinander nicht konkurrenzieren, sondern miteinander kooperieren. Und das führe des Öftern zu überraschenden, sich gegenseitig bereichernden Konstellationen.

Das Beste aus zwei Welten

Eine dieser Genre-übergreifenden Zusammenarbeiten ist jene von Ólafur Arnalds und Janus Rasmussen. Ersterer kommt vom Punk her und verbindet heute global erfolgreich Klassik mit Elektroklängen, basierend auf einem präparierten Piano. Letzterer ist Mitglied der Bloodgroup, die sich verschrobenen Discobeats verschrieben hat. Gemeinsam haben sie unter dem Namen Kiasmos eine CD aufgenommen, die das Beste dieser zwei musikalischen Welten vereinigt und die Weite des Landes zu atmen scheint. Es pocht und blubbert in bester Elektropop-Manier, mit Streichern werden melancholische Songteppiche gelegt, das Klavier zeichnet behutsam Melodielinien. Die atmosphärische Musik von Kiasmos eignet sich zum Hören in der guten Stube, aber auch zum Abtanzen, wie ein mitreissendes DJ-Set von Ólafur/Rasmussen mit speziellen Mixes des acht Songs starken Debütalbums zeigte.

Spontan Plattenvertrag offeriert

Ein anderer, selbst in Island noch weitgehend unbekannter Name ist Mafama. Das Quartett bezeichnet die Einflüsse als «mit allem, was zwischen Disco und Metal liegt». Rasiermesserscharfe Gitarrenklänge, elektronische Beats und ein charismatischer Sänger ergeben ein laut-wild-intensives Gemisch, das an die besten Rave-Zeiten «Madchesters» erinnert, an Bands wie Primal Scream, Stone Roses, Inspiral Carpets, Charlatans. Bei ihrem Auftritt in einem Plattenladen wurde den Mafama-Mitgliedern von einem begeisterten Talentspäher jedenfalls spontan ein Plattenvertrag offeriert. Ob inszeniert oder echt – auf das nächsten Sommer angekündigte erste Album darf man schon jetzt gespannt sein.

Rock, der groovt: Mafama bei ihrem Auftritt im Plattenladen Lucky Records.

Rock, der groovt: Mafama bei ihrem Auftritt im Plattenladen Lucky Records.

 

«Welcome to the quiet hour», wurden die Besucher im kleinsten Saal des Konzerthauses Harpa beim Auftritt von My Bubba begrüsst. Und in der Tat – es war das Gegenteil der vorgängig beschriebenen Mafama. So leise und reduziert, dass man sich ob der berühmten Stecknadel, so sie denn zu Boden gefallen wäre, gehörig erschrocken hätte. Gleichwohl ist die (Folk-) Musik der Schwedin My und der Isländerin Bubba von unglaublicher Intensität, durch die sich umschmeichelnden Stimmen der beiden, dann aber auch durch die originelle Begleitung durch Stehbass, einen Schlagwerker und einen Gitarristen, die ihre Instrumente mehr streicheln als spielen.

Leise, aber umso intensiver: My Bubba spielen in einem der Harpa-Säle.

Leise, aber umso intensiver: My Bubba spielen in einem der Harpa-Säle.

 

Nochmals von ganz anderem Charakter ist das international etablierte Sextett Árstídír. Stimmen, die in ihrer Klarheit für Gänsehaut sorgen, kammermusikalisch so raffiniert wie fein umrahmt, sorgen sie für die grossen Emotionen, wenngleich manchmal in gefährlicher Nähe zum Kitsch. Ebenfalls einer der Grossen ist Jóhann Jóhannsson. Dem Komponisten kam die Ehre zu, mit dem Iceland Symphony Orchestra die grosse Harpa-Konzerthalle zu bespielen – einer der weltbesten Konzertsäle überhaupt. Das Werk, das zum Besten gegeben wurde, war «The Miners’ Hymns» – die Musik zu historischen Filmaufnahmen, die über eine Zeitspanne von 100 Jahren den Niedergang einer englischen Kohleminen-Region dokumentieren.

Alles, was Rang und Namen hat

Ansonsten war am diesjährigen Iceland Airwaves alles mit von der Partie, was in der heimischen Szene Rang und Namen hat: FM Belfast, Agent Fresco, Sin Fang, Samaris, Mammút, Retro Stefson, Ólöf Arnalds, Ásgeir, Leaves, Sóley, Low Roar, Pétur Ben, Lay LowSnorri Hel­gason. Ausgerechnet Kaleo, eine der hoffnungsvollsten Indie-Poprock-Gruppen, was eine internationale Karriere anbelangt, mussten krankheitshalber absagen. Das Quartett dürfte seinen Weg trotzdem machen.

Ach ja, eingangs erwähnte Björk war, wie praktisch jedes Jahr, ebenfalls am Festival. Allerdings nicht auf der Bühne, sondern in den Zuschauerrängen. Und augenscheinlich schien ihr vieles zu gefallen, was sie hörte.

 

KASTEN

Diesmal ohne Schweizer

Am Iceland Airwaves war in den letzten Jahren immer auch die eine oder andere Schweizer Band im Programm: OY beispielsweise, Boy oder Sophie Hunger. Heuer fand das Festival ohne Schweizer Beteiligung statt. Aus dem internationalen Programm stach der allerletzte Auftritt des schwedischen Elektropop-Duos The Knife heraus – das Konzert wurde zum vor allem auch visuell rauschenden Fest. Grossartig auch der Auftritt der Frauen-Rock’n’Roll-Band La Luz aus Seattle (USA).

Den krönenden Abschluss des Festivals machte die US-Band Flaming Lips mit einem fantastischen Bühnenbild, psychedelischen Lichtspielereien, Konfettiregen, Luftballons und einem Programm quer durchs ganze Schaffen – zum Glück mit nur einem Abstecher in Richtung des eben erschienenen, verunglückten Beatles-Coveralbums «With A Little Help From My Fwends». (hb)

Girlie-Rock'n'Roll: La Luz treten an einem der beliebtesten Off-Venue-Lokalitäten auf, dem KEX Hostel.

Girlie-Rock’n’Roll: La Luz treten an einem der beliebtesten Off-Venue-Lokalitäten auf, dem KEX Hostel.

 

pdf Südostschweiz (18.11.2014)

Big Data – das grosse Geschäft

Hotspot der neusten Trends: Das Musikfestival Eurosonic Norderslaag. (Pressebild)

Hotspot der neusten Trends: Das Musikfestival Eurosonic Norderslaag. (Pressebild)

 

Musikfestivals werden immer mehr zu Technologiefestivals. Aktuell ist Big Data das ganz grosse Thema. Was bedeutet der Zugang zu riesigen Datenmengen für Unternehmen – und was für Konsumenten? Ein Bericht vom Eurosonic Norderslaag 2014 im niederländischen Groningen.

pdf Südostschweiz (11.03.2014)