Der Eule sanfter Flügelschlag

«Flying With The Owl» heisst das neue, siebte Album von The Beauty Of Gemina. Es ist gleichzeitig ein Schritt zurück und vorwärts. Michael Sele, Vordenker der international erfolgreichen Dark-Wave-Band, erklärt seine alt-neue Vorliebe für akustische Klänge.

von Hans Bärtsch (Text und Bilder)

Mutig, mutig. Das räumt selbst der Bandleader während der am Samstag in Hamburg zu Ende gegangenen «Flying With The Owl»-Akustiktour ein. Während andere Künstler ein, vielleicht zwei neue Songs ins Live-Programm einpflegen, sind es bei The Beauty Of Gemina zehn von elf. Das neue, notabene erst am kommenden Freitag in die Verkaufskanäle gelangende Album macht damit rund die Hälfte der zweieinhalb Stunden dauernden Auftritte aus.

Akustikset plus

Das erstaunliche daran ist, dass sie sich nahtlos in den Reigen schon länger bekannter Werke einreihen, wie die Coverversionen von «Crossroads» (Calvin Russell) und «Personal Jesus» (Depeche Mode) oder «Suicide Landscape» und «Dark Rain», zwei der herausragendsten Stücke aus eigener Feder. Die neuen Songs tönen derart vertraut, weil das gesamte aktuelle Programm in ein Akustikset «plus» eingebettet sind. Plus deshalb, weil auch eine elektrische Gitarre mit von der Partie ist. Aber dezent eingesetzt.

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Die entscheidenden Klangfarben setzen das Cello des Buchsers Raphael Zweifel (u.a. Tote Hosen) und die Violine von Eva Wey. Sie beide waren bei der CD-Produktion mit dabei und jetzt auch auf der 10-Stationen-Tour durch die Schweiz und Deutschland. Im Alten Kino in Mels – dem einzigen Gastspiel in der Region – ist die Aufmerksamkeit des Publikums gestern vor einer Woche jedenfalls von A bis Z schier mit Händen zu greifen. Die neuen, noch unbekannten Songs werden bejubelt wie allerbeste alte Bekannte.

Wie zwei Wochen Ferien

Tags darauf schwärmt der in Sargans wohnhafte Liechtensteiner Michael Sele, Gründer und Kreativkopf von The Beauty Of Gemina von einem beseelten, beschwingten Konzert. So hat er es selber erlebt – wobei Heimspiele gar nicht so einfach seien –, so haben es ihm Fans beim anschliessenden Beisammensein zugetragen. Jemand habe gesagt, das Konzert sei gewesen wie zwei Wochen Ferien – ein wunderbares Erlebnis.

Sele, das wird im Gespräch schnell spürbar, fühlt sich künstlerisch an einem Punkt angekommen, der ihn befriedigt. Es ist die Reduktion auf Stimme und Gitarre (oder Klavier), sachte angereichert mit Schlagzeug, Bass und den erwähnten Streichinstrumenten. Sele spricht von einem «zurück zu den Wurzeln», seien ihm doch grosse Songwriter wie Bob Dylan oder Neil Young schon immer wichtige Bezugspunkte gewesen. Dazu kommt ein tiefer Taucher in Americana-Gefilde, diesem Überbegriff für amerikanischen Folk, Blues, auch Country.

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Der Blues als Untergrund, als Boden, zieht sich durch beim neuen Album «Flying With The Owl». Darüber entfalten sich melancholische, oft in Moll gehaltene Melodien, die mit jedem Hören wachsen. Schon die beiden Eingangsnummern («River» und «Into My Arms») lassen einen ob der Dringlichkeit der cleveren Arrangements und der (textlich bedingten) düsteren Intensität abheben, fliegen wie die Eule, welche dem insgesamt siebten Album von The Beauty Of Gemina den Namen gegeben hat.

Keine Gothic-Band

Die elf Nummer des neuen Albums hat Sele in reduziertester Form aufs Handy eingespielt, bevor es ins Studio ging. Diese Vorgehensweise ist gewissermassen eine Abkehr von jener Phase, als das Motto immer elektronischer, immer wuchtiger lautete. Eine Phase auch, als The Beauty Of Gemina noch als Gothic-Band durchging. Mit dieser Etikettierung hat Sele heute die grösste Mühe, weil Gothic bei vielen Leuten negative Gefühle auslöse. Es gebe natürlich Vertreter jener Subkultur, die ihre Musik hören würden. «Aber unsere Band heute noch in jene Ecke zu stellen, ist schlicht falsch», sagt Sele.

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«Flying With The Owl» das reifste Werk von The Beauty Of Gemina zu nennen, mag den Vorgängeralben gegenüber ungerecht sein. Aber die Rückkehr aufs Akustische – Sele hatte das schon bei den Formationen Two Tunes und Nuuk ins Zentrum gestellt – ist gleichzeitig ein Aufbruch zu neuen Ufern. So ausgeruht, so in sich stimmig, mit solcher Langzeitwirkung klangen die «Beautys» tatsächlich noch nie. Wenn Künstler sich selber auf die Schulter klopfen, ist Vorsicht angebracht. Aber wenn Sele sagt, mit «Flying With The Owl» fühle er sich auf dem Zenit seines Schaffens, kommt man nicht umhin zuzustimmen. Es ist ein Album wie gemacht für lange Spaziergänge durch schöne herbstliche Landschaften. Kurz: ein Meisterwerk.

The Beauty Of Gemina, «Flying With The Owl» (TBOG Music)

Südostschweiz 08.10.2018

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