Eine Schwemme von jungen Talenten

Alle zwei Jahre lässt sich am Alpentöne-Festival in Altdorf erforschen, wie es um die Volksmusik im Alpenraum steht. Sehr gut, wenn man den bestens ausgebildeten und zahlreich vorhandenen Nachwuchs zum Massstab nimmt. Gleichwohl markiert die elfte Durchführung des Anlasses den Aufbruch in eine neue Ära.

von Hans Bärtsch

Die Anfahrt via Klausenpass passt ideal zur geistigen Vorbereitung auf ein Festival, bei dem zeitgemässe Musik aus dem Alpenraum im Zentrum steht. Musik, die sich im Laufe der Jahrhunderte immer wieder gewandelt hat. Wie tönen moderne Varianten archaischer Gesänge und Klänge von Menschen, deren Leben stark von der Natur geprägt wurde? Einer kargen Bergwelt, die diesen Menschen oftmals nicht eben freundlich gesinnt war? Aber in ihrer Schönheit auch das Paradies auf Erden sein kann?

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Überzeugende Junge: Musikstudenten aus Skandinavien und der Schweiz geben ein gemeinsames Konzert. (Bild Romy Forlin)

 

In Altdorf im Kanton Uri, umgeben von hohen Bergen, gibt es alle zwei Jahre Antworten auf diese und weitere Fragen, wenn sich hier Vertreter von Jodler- und Ländlermusik, von Folk, Jazz und Klassik aus dem ganzen Alpenraum – und damit weit über die Schweiz hinaus – treffen. Die Nennung der musikalischen Stile ist zugegebenermassen mangelhaft. Alpentöne trifft es weitaus besser; der Name des Festivals ist gleichermassen Programm.

Der Zinken aus dem 3-D-Drucker

Das zeigt sich in Aufführungen, bei denen Tradition und Moderne aufeinandertreffen, in diesem Beispiel auf eher kuriose Weise. Die Early Plastic Band um den Basler Forscher Ricardo Simian bestreitet ihr Konzert nämlich auf Instrumenten aus dem 3-D-Drucker. Historischen Instrumenten wohlgemerkt, die es eigentlich gar nicht mehr gibt. Der Zinken ist eine Passion Simians, diese seit dem 17. Jahrhundert nicht mehr gespielte Mischung aus Trompete und Flöte, krumm wie ein Kuhhorn. Das ist weniger ein musikalischer Höhepunkt als ein gelungenes Experiment.

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Instrumente aus dem 3-D-Drucker: Die Early Plastic Band spielt alte Musik auf Hightech-Material. (Bild Rafael Brand/Alpentöne)

 

Typisch fürs diesjährige Alpentöne ist, dass hinter der Early Plastic Band blutjunge Musiker stehen. Dass die Jugend verbreitet das Sagen hat, zeigt sich in der Zusammenarbeit mit der Musikhochschule Luzern, die bereits seit einigen Jahren einen Studienschwerpunkt Volksmusik anbietet mit Dozenten, die zu den Besten ihres Fachs gehören (Albin Brun, Dani Häusler, Markus Flückiger, Christoph Pfändler, Nadja Räss, Andreas Gabriel).

«Wie von einem anderen Planeten»

Unter den Namen Alpinis bringen ein knappes Dutzend Studierender neu arrangierte oder eigene Stücke zu Gehör – es gibt sie auch auf CD – und reisst das Publikum im Theater Uri schier aus den Sitzen. Angesprochen auf den Schwyzerörgeli-Spieler Dominik Flückiger (Sohn des eben erwähnten Markus Flückiger) heisst es aus dem Kreis der Dozierenden, das sei ein Talent «wie von einem anderen Planeten», vor allem was die kompositorischen Fähigkeiten anbelangt.

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Zwei ausserordentliche Talente: Kristina Brunner (aussen links) und Dominik Flückiger (aussen rechts). Bild Romy Forlin)

 

Höchst faszinierend ist auch, was skandinavische Musikstudentinnen und -studenten in nur vier Tagen mit ihren Schweizer Kolleginnen und Kollegen einstudiert haben. Obwohl die Unterschiede dieser Volksmusiken vor allem betreffend Rhythmik und Melodik beträchtlich sind, wird eine Stunde lang gemeinsam ohne Noten musiziert, dass es eine Freude ist. Weil die Alpentöne Folk Big Band, wie die Ad-hoc-Formation für ihren Auftritt getauft wurde, bei den Proben mit dem «Mütsche Geischt» am meisten Freude hatte, gibts dieses bekannte Stück von Rees Gwerder nochmals als Zugabe.

Hörgewohnheiten unterlaufen

Ohr- und augenfällig, weil immer wieder in anderen Konstellationen auf der Bühne, ist die ebenfalls noch in der Ausbildung steckende Cellistin und Schwyzerörgeli-Spielerin Kristina Brunner. Ihr Beitrag zum Alpinis-Auftritt, «Erschte Mai», ist eine ausgeklügelte Komposition, welche die Hörgewohnheiten so subtil wie effizient unterläuft – so wenig altbacken sollte, ja muss Ländlermusik heute tönen!

Die elfte Ausgabe des Alpentöne-Festivals war die sechste und letzte, welche von Johannes Rühl als künstlerischem Leiter verantwortet wurde (siehe Interview). Er hat den Anlass mit diversen Auftragsarbeiten und Kooperationen (u.a. Musikhochschule Luzern, Zürcher Stubete am See) laufend ausgebaut, auch internationaler gemacht. Mit grossem Erfolg; das Festival ist stets ausverkauft. Mit einer neuen künstlerischen Leitung, die noch nicht gefunden ist und unter der Gesamtleitung von Pius Knüsel (u.a. ehemaliger Direktor von Pro Helvetia und Programmleiter des Zürcher Jazzclubs Moods) wird das Alpentöne Bewährtes und Beliebtes fortführen, sich aber auch in neue Richtungen bewegen. Knüsel schwebt beispielweise ein Einbezug von Poetry-Slam-Künstlern vor.

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In fröhlicher Banda-Tradition: Vielleicht der letzte Auftritt des Alpentöne-Blasorchesters mit prominenten Gästen aus Italien und Frankreich. (Bild Rafael Brand/Alpentöne)

 

Kann durchaus sein, dass den Neuerungen etwa das von Rühl begründete Alpentöne-Blasorchester zum Opfer fällt, das sich immer eng an die fröhliche süditalienische Banda-Tradition angelehnt hat. Wenn es nach den begeisterten Publikumsreaktionen ginge, wäre es ein Verlust. Allerdings, und das macht letztlich die Essenz dieses unvergleichlichen Festivals aus – in Altdorf werden von einer kritischen, aber sehr gwundrigen Besucherschaft aus nah und fern weniger Verluste betrauert als Neuerungen willkommen geheissen.

 

BOX

Positive Bilanz der Veranstalter

Die elfte Ausgabe des internationalen Musikfestivals Alpentöne in Altdorf war gemäss einer Medienmitteilung der Veranstalter «ein grosser Erfolg». Der neue Festivalleiter Pius Knüsel hat das Festival als permanentes Crescendo erlebt: «Es hat sehr schön begonnen und sich dann mit jedem Konzert gesteigert bis hin zu einem grandiosen, stimmungsvollen Finale in der Samstagnacht.»

Die musikalische und künstlerische Bilanz fällt gemäss dem künstlerischen Leiter Johannes Rühl ebenfalls sehr positiv aus: «Wir hatten durchweg sehr gute Musik gehört.» Punkto Besucherzahlen bewegte sich das Festival in etwa auf dem Stand der Vorjahre. Dank eines neuen Konzepts konnten die Besucherströme aber besser verteilt werden. «Mit einer hohen Programmdichte haben wir den Besuchern stets die Möglichkeit zum Ausweichen gegeben», erklärt Knüsel.

Auch der neu hinzugekommene Veranstaltungsort im Kino Leuzinger ist laut den Veranstaltern ein Gewinn. «Das Kino ist eine grandiose Entdeckung und ich frage mich, wieso wir nicht bereits früher darauf gekommen sind», sagt Rühl. Gemäss Knüsel fanden das Publikum und die Künstler nur lobende Worte für die Lokalität und die neuen Möglichkeiten. Des Weiteren sind auch die neu geschaffenen Foren und Diskussionen vom Publikum gut aufgenommen worden. Alle diese Veranstaltungen waren gefragt und stets gut besucht.

Für das Publikum in Altdorf haben die beiden Leiter nur lobende Worte. «Die Wertschätzung für die Konzerte und die Musikschaffenden ist hier ausserordentlich hoch und das merken auch die Künstlerinnen und Künstler auf der Bühne», stellt Knüsel fest. Nach wie vor ein Highlight ist die stilistische Breite des Festivals. Rühl ist kein anderes Festival bekannt, das sich diesen Spagat ebenfalls in dem Masse getraut. (pd)

 

INTERVIEW MIT…
Johannes Rühl, abtretender künstlerischer Leiter des Alpentöne-Festivals

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Sechstes und letztes Alpentöne: Johannes Rühl tritt aus künstlerischer Leiter ab. (Bild Romy Forlin)

 

Herr Rühl, Sie haben sechs Alpentöne-Durchführungen verantwortet und die vergangenen zwölf Jahre bei Bekanntgabe Ihrer Demission als «die schönsten Jahre meines Berufslebens» bezeichnet. Auf welchen Programmpunkt des diesjährigen Festivals sind Sie besonders stolz, dass Sie ihn realisieren konnten?

Jetzt könnte ich Ihnen mindestens zehn nennen, wirklich. Aber gut. Das Alpentöne-Blasorchester, das ich mit meiner ersten Ausgabe gegründet habe, spielte in diesem Jahr wieder mit wunderbaren Jazzmusikern aus Italien und Frankreich. Das war für mich auch dieses Jahr wieder eines der Highlights, auf das ich mich besonders gefreut habe.

Sie haben im Vorfeld auch gesagt, dass sich mit dem Wechsel der künstlerischen Leitung für das Festival die Chance biete, sich inhaltlich neu aufzustellen. Inwiefern ist das nötig?

Nötig ist das nicht. Mit dem Wechsel der neuen Gesamtleitung unter Pius Knüsel ist aber vielleicht genau der richtige Zeitpunkt gekommen, sich von einem wunderbaren Projekt, wie es das Alpentöne-Blasorchester darstellt, zu verabschieden. Es gibt immer noch ein Leben danach. Ich persönlich freue mich, nach zwölf Jahren Alpenklängen im Kopf, neue Aufgaben anzugehen.

Alpentöne ist ein Festival, das sich was traut. Gab es in ihren zwölf Jahren etwas, das Sie sich letztlich doch nicht getraut haben, dem Publikum vorzusetzen?

Nein. Ich kann mich an keine Situation erinnern, in der ich mich zurückgehalten habe. Es gab aber programmatisch sehr riskante Momente, wo ich dachte, jetzt schmeissen sie mich bald raus. Das ist aber nie passiert. Es ist vor allem Altdorf, das sich was traut.

Was bedauern Sie, im Rahmen des Alpentöne nie realisiert zu haben? Oder anders gefragt: Welche Künstler/Programme konnten Sie nie nach Altdorf bringen, obwohl es Ihr Herzenswunsch war?

Vielleicht den Hubert von Goisern? Der fehlt uns wirklich noch im Programm. Ansonsten aber haben wir so ziemlich alles bekommen, was wir wollten. Das Festival hat ein grosses Renommee unter den Musikerinnen und Musikern. Natürlich gibt es viele Ideen, die jetzt nicht mehr realisiert werden. Aber andere werden die Erfolgsgeschichte weiterschreiben, da bin ich mir sicher. (hb)

 

Zum Artikel in der «Südostschweiz»: 14_sogr_07_2019-08-19

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