Das Beste 2024 (Musik)

Fans von Bestenlisten haben bestimmt die Jahresbilanz des britischen «Guardian» gesehen. Auf den ersten Plätzen tummeln sich fast ausschliesslich Musikerinnen, von Charli XCX über Cindy Lee zu Billie Eilish, Clairo, Beyoncé, Nilüfer Yanya, Kim Gordon, Sabrina Carpenter und und und. Die grosse Abwesende: Taylor Swift, obwohl 2024 über kaum eine andere Sängerin derart viel berichtet wurde wie über die 35-jährige Amerikanerin. Ich selber bin bei musikalischen Erzeugnissen kein Anhänger geschlechtsspezifischer Betrachtungen – mir ist einfach eine gewisse Langzeitwirkung wichtig. Und Kriterien, die Songs zu dem machen, dass man sie auch gerne in Dauerschlaufe hört. Wobei das mit Einzelsongs so eine Sache ist. Am liebsten ist mir unverändert das Albumformat, denn das ist nochmals eine ganz andere Kunstform. Hier in alphabetischer Reihenfolge das, was mir das vergangene Jahr über am meisten Freude bereitet hat.

Beak>, >>>>
Die Band von Ex-Portishead-Schlagzeuger Geoff Barrow mit ihrem ersten grösseren Lebenszeichen nach längerer Pause. Grossartiger Krautrock und Anverwandtes in Songs jenseits der 3-Minuten-Grenze.

Cassandra Jenkins, «My Light, My Destroyer»
Watteweicher Ambient-Folk, bei dem die New Yorkerin zwischendurch auch die Rockgitarre krachen lässt. Prächtige Songs, hübsch arrangiert mit Streichern/Bläsern. Und natürlich wunderbar gesungen.

Element Of Crime, «Wenn es dunkel und kalt wird in Berlin (live)»
Der Soundtrack zu Charly Hübners Dokumentarfilm, welcher 40 Jahre Bandgeschichte umfasst. Ein 16 melodietriefende Lieder umfassender Streifzug durch Berliner Clubs und Konzertsäle. Anders gesagt: Eine «Best of…»-Sammlung der besonderen und besonders gelungenen Art.

Grandaddy, «Blu Wav»
Nein, dies ist kein neues «The Sophtware Slump», dazu fehlen Abwechslung und Überraschungen. Aber ein sehr willkommenes Wiederhören mit dem unverwechselbaren Grandaddy-Sound, dem viel Americana innewohnt.

King Hannah, «Big Swimmer»
Das Resultat einer USA-Reise, welches die Sängerin aus Liverpool hier präsentiert. Das mäandert zwischen klassischen Americana-Sounds und psychedelischem Wüstenrock. Ein zeitloser Trip.

King Size Dub 24, Diverse
Stellvertretend für das weltweit in Nischen gepflegte Dub-Schaffen. Hier stammt das meiste von KünstlerInnen, die beim deutschen Label Echo Beach zu Hause sind und das ganze Spektrum dieses Genres abzudecken verstehen.

Lady Blackbird, «Slang Spirituals»
Eine ganz grosse Stimme des Gospel, Jazz, Funk und Soul. Live gibt sie den Paradiesvogel – im Versuch, ihre christliche Prägung und ihre queere Identität in Einklang zu bringen. Das euphorisierendste Album in dieser Aufzählung.

Marla Hansen, «Salt»
Aus der Not, sprich dem Corona-Lockdown geboren. Die in Berlin lebende Amerikanerin, die schon mit allerlei Berühmtheiten von Sufjan Stevens bis Kanye West zu tun hatte, spielte diese faszinierenden Kammerpop-Songs in Eigenregie ein.

Mikko Joensuu, «Long Ark»
Seit ich den Finnen 2017 am Iceland Airwaves live erleben durfte, ist es um mich geschehen. Zwischen Melancholie und Depression ist es bei Mikko Joensuu nie weit. Allein der 16-Minüter «Thy Will» lohnt dieses Album.

Mono, «Oath»
Bei Mono handelt es sich um eine japanische Post-Rock-Band. Dies markiert die letzte Zusammenarbeit mit Produzenten-Legende Steve Albini, der letzten Mai verstorben ist. Prachtvoller Gitarren-Noise irgendwo zwischen Godspeed You! Black Emperor und Mogwai.

Peder, «The Coldest Man Alive»
Das Wort Tausendsassa ist bei diesem Dänen wohl nicht verkehrt – er ist Schauspieler, Filmmusik-Komponist (u.a. «Breaking Bad»), Musiker. Und legt hier ein Sammlung von Ohrwürmern vor, die manchmal an David Lynch erinnern.

Slowshift, «World Going One Way»
Wenn Klassik, Jazz, Elektro und harter Rock derart gekonnt durcheinander gewirbelt werden, kann eigentlich nur der Norweger Kristoffer Lo dahinterstecken. Mit Musikern von Motorpsycho und Of Monsters And Men hat er Gleichgesinnte gefunden für seinen Breitleinwand-Sound.

T Bone Burnett, «The Other Side»
Er ist so etwas wie die Überfigur des Americana-Revivals, hat schon mit Gott und der Welt gespielt. Diesmal ist etwa Rosanne Cash mit von der Partie. Das Dutzend Songs ist nahe beim Country angesiedelt und eben doch nicht ganz, was ihren Reiz ausmacht.

The Smile, «Cutouts»
Die beste Nicht-Radiohead-Scheibe, wobei mit Thom Yorke und Jonny Greenwood schon ziemlich viel Radiohead drinsteckt. Exzellente Resteverwertung des erst gut ein halbes Jahr zuvor erschienenen Albums «Wall Of Eyes».

Vampire Weekend, «Only God Was Above Us»
Die Lieblinge der Indie-Gemeinde haben mit dieser Sammlung stets leicht überladen wirkender Songs lange auf sich warten lassen. Und hauen einen mit ihren quirligen Grossstadt-Hymnen schier aus den Socken. Mehr davon – bald!

Ebenfalls gern gehört:
Aaron Frazer, «Into The Blue»
Aircooled, «Eat The Gold»
Beth Gibbons, «Lives Outgrown»
Beyoncé, «Cowboy Carter»
Bill Ryder-Jones, «Iechyd Da»
Black Keys, «Ohio Players»
Christos DC, «Kung Fu Action Theatre»
Cure, «Songs Of A Lost World»
Decemberists, «As It Ever Was, So It Will Be Again»
Doug Paisley, «Sad Old World»
Dub Shepards, «Tape Me Out, Vol. 5»
Eels, «Eels Time!»
Elbow, «Audio Vertigo»
Emiliana Torrini, «Miss Flower»
Faber, «Addio»
Father John Misty, «Mahashmashana»
Fat White Family, «Forgiveness Is Yours»
Fontaines D.C., «Romance»
Gruff Rhys, «Sadness Sets Me Free»
Hayden Thorpe, «Ness»
Hermanos Gutiérrez, «Sonido Cósmico»
Horace Andy & Jah Wobble, «Timeless Roots»
Hornsman Coyote meets House Of Riddim, «Madman Slide»
Idles, «Tangk»
J. Bernardt, «Contigo»
Jack White, «No Name»
James, «Yummi»
JD McPherson, «Nite Owls»
John Cale, «POPtical Illusion»
Kamazi Washington, «Fearless Movement»
Lafayette Gilchrist, «Undaunted» (Nov. 23)
Lamplight, «Lamplight»
Linda Thompson, «Proxy Music»
Lord Kesseli & The Drums, «I Was In Love»
Loren Kramar, «Glovemaker»
Manu Chao, «Viva Tu»
Michael Head & The Red Elastic Band, «Loophole»
Michael Kiwanuka, «Small Changes»
Michelle David & The True-Tones, «Brothers & Sisters»
MJ Lenderman, «Manning Fireworks»
Nick Cave & The Bad Seeds, «Wild God»
One Sentence.Supervisor, «Temporär Musik 20-29»
Opeth, «The Last Will And Testament»
Raymond Richards, «Sand Paintings»
Red Hot Org, «Transa» (Diverse)
Richard Hawley, «In This City They Call You Love»
Roman Nowka’s Hot 3 & Stephan Eicher, «Kunscht isch geng es Risiko – eine Hommage an die Musik von Mani Matter»
Roots Architects, «From Then ‘Till Now»
Secret Sisters, «Mind, Man, Medicine»
Soap & Skin, «Torso»
Soft Loft, «The Party And The Mess»
Starsailor, «Where The Wild Things Grow»
The Last Dinner Party, «Prelude To Ecstasy»
Tindersticks, «Soft Tissue»
Tucker Zimmerman, «Dance Of Love»
Underworld, «Strawberry Hotel»
Youthie & Macca Dread, «Gecko Tones»
Vibronics, «Woman On A Mission 2»
Wayne Graham, «Bastion»
Wolfgang Valbrun, «Flawed By Design»

Das Beste 2017 – TONTRÄGER

Ehrlich gesagt… ich fühle mich etwas allein. Andere Jahresbestenlisten haben ganz andere Prioritäten und sind zumindest teilweise deckungsgleich. Meine Favoriten tauchen (fast) nirgendwo anders auf. Aber ich stehe dazu. Und mache vielleicht andere Musikfreaks auf Sachen aufmerksam, die sie noch gar nicht kennen. Hier meine musikalischen Top Ten 2017. By the way: Es war ein sackstarkes Jahr, was Musik aus der Schweiz betrifft.

MARIO BATKOVIC – «Mario Batkovic»
Es war am m4music im vergangenen Frühjahr in Zürich, als man im «Moods» die berühmte Stecknadel fallen und das Akkordeon von Mario Batkovic atmen hörte. Pure Magie. Seither ist es um mich geschehen, ich habe das einstige Kummerbuben-Mitglied mehrfach live gesehen. Und es gibt Tage, da stelle ich bei seinem ersten Soloalbum stundenlang auf Repeat. Die Kompositionen sind minimalistisch gehalten, haben allesamt etwas Sakrales. Erfolgreiche Konzerte in aller Herren Länder zeigen: Mario Batkovic trifft mit seiner einzigartigen Spielweise den Nerv der Zeit.

FABER – «Sei ein Faber im Wind»
Wenn wir bei Exporterfolgen sind, kommt man um Faber nicht herum. Der junge Zürcher Liedermacher, Sohn von Pippo Pollina, ist heuer in Europa (v.a. Deutschland) durchgestartet, wie kaum ein anderer Schweizer Popmusiker von Niveau vor ihm. So jung, so talentiert, die grossartigste Stimme der Welt! Und auf der Bühne entwickeln sich die Songs mit jedem Konzert weiter (Richtung Balkan). Man mag ihm die eine oder andere etwas gar altkluge Textzeile nachsehen. Das erste Album jedenfalls ist voller melodieseliger Lieder. Wie Element of Crime in jung.

APRÈS LA CLASSE – «Circo Manicomio»
Ein Zufallstreffer, Spotify sei dank. Davor hatte ich von den italienischen Ska-Punkern noch nie etwas gehört, obwohl sie doch schon einige Alben veröffentlicht haben. Keines weist die satte Reife von «Circo Manicomio» auf. Jeder Song ein (Tanz-)Fest, lateinamerikanische Rhythmen lösen tiefen Dub-Reggae ab, mehrstimmiger Gesang und satte Bläser sorgen für viel Abwechslung. Und: Hört man die Scheibe nebenbei, stellt sich automatisch gute Laune ein.

KUMBIA BORUKA – «La Vida Se Vive»
Ein weiteres Gute-Laune-Album. Kennengelernt habe ich Kumbia Boruka vergangenen Sommer am Paléo-Festival in Nyon, an dem das Village du Monde lateinamerikanischen Klängen gewidmet war, darunter etlichen Gruppen, die sich traditionellem und/oder modernem Cumbia verschrieben haben. Kumbia Boruka aus Mexiko können und machen beides. «La Vida Se Vive» enthält zehn grossartige eigene Nummer. Und: Hört man die Scheibe nebenbei,… (s. oben).

Skolka – «Dammawos»
Auch bei dieser österreichischen Formation stand ein Liveauftritt am Anfang. Sturm und Regen hatten das Festzelt am diesjährigen Alpentöne-Festival in Altdorf fast leergefegt, als Skolka loslegten wie die Feuerwehr. Teuflisch schneller Ska, zwischendurch eine Polka, eine Bläsersektion, die den Ton im wahrsten Sinne des Wortes angibt. Und Sängerin Judith, die nicht locker lässt, bis auch der letzte Zuhörer auf Festbank oder -tisch steht. Wochen später das neue Album «Dammawos», welches das Skolka-Werk nahtlos fortsetzt, sich aber mit einer ersten langsamen, eher nachdenklichen Nummer auch Neuem nicht verschliesst.

Mikko Joensuu – «Amen 3»
Und damit direkt zum traurigsten, herzzerreissendsten Album des Jahres. «Amen 3» ist der Abschluss einer Trilogie des finnischen Musikers Mikko Joensuu. Er setzt sich damit mit dem fundamentalchristlichen Pfingstglauben auseinander, dem seine Familie anhängt. Das ist vor allem eines: schmerzhaft. In jeder Note, jeder Textzeile. Das knapp 14-minütige «Pearly Gates» zum Schluss des nur sechs (dafür bis zu 20 Minuten langen) Songs umfassenden Werkes fühlt man sich zugleich gerädert wie erlöst. Kirchen-Techno nennt es der «Musikexpress». Live setzt Joensuu auf warme Streichinstrumente, was eine weitere Intensitätsstufe zündet. Schon klar, dass die beiden Auftritte des Finnen am diesjährigen Iceland Airwaves in Reykjavik meine Festival-Highlights waren.

Fufanu – «Sports»
Um gleich in Island zu bleiben. Nein, Björks neues Werk schaffte es bei mir nicht in die vorderen Ränge – zu viel Déjà-vu. Das Trio Fufanu macht zwar ebenfalls eine irgendwie altmodische Musik (stilistisch beim New Wave). Aber derart druckvoll, hymnisch und gleichzeitig schnoddrig-minimalistisch-unterkühlt, dass es eine Freude ist. Das treibt und drängt vorwärts, wagt auch mal die grosse Pop-Geste. Jeder Songs hat das gewisse Etwas, bei jedem einzelnen wünscht man sich, er möge noch fünf Minuten länger dauern.

Lhasa de Sela – «Live in Reykavik»
Und um noch eine weitere Platte lang in Island zu verweilen: Was hatte ich mich nach dem viel zu frühen Tod von Lhasa de Sela nach Aufnahmen gesehnt, die noch der Veröffentlichung harrten. Doch nichts, nada. Bis jetzt, aus heiterem Himmel, die drei Studioalben zusammen mit einer Scheibe namens «Live in Reykavik» zusammen in einer CD-Box erscheinen. Es ist die Aufnahme eines der letzten Konzerte überhaupt der amerikanisch-mexikanischen Sängerin. Musik von purer Schönheit, melancholisch im Grundton, gesungen von einer ausserirdischen Stimme. Danke für dieses womöglich allerletzte Lebenszeichen.

Lee «Scratch» Perry & The Subatomic Sound System – «Super Ape Returns To Conquer»
Eines der besten Dub-Alben ever neu, frisch (und originalgetreu) eingespielt. Natürlich kann man solchem Ansinnen gegenüber kritisch eingestellt sein. Aber wenn man diese supertiefen Bässe hört, die für den nötigen Wumms sorgen, fragt man sich, was am Original von 1976 so toll war. Es tönt, im Vergleich, nur noch schlapp! John Emch heisst der Zauberer auf dem Produzentenstuhl, er ist der Mastermind des New Yorker Subatomic Sound System, und schon seit Jahren mit der Musik von Dub-Legende Lee «Scratch» Perry befasst. Heutzutage, wo nur noch sporadisch hörenswerter Dub-Reggae veröffentlicht wird, ist dieses Album für Fans des Genres wie Weihnachten und Ostern zusammen.

Ray Davies – «Americana»
Es gab dieses Jahr einige Spätwerke, die an dieser Stelle nicht fehl am Platz wären (Gregg Allman, Robert Plant, Joe Henry usw.), aber Kinks-Vordenker Ray Davies schlägt sie alle mit einer grossartigen Songsammlung, die von seiner Liebe zu den USA kündigt. Jenem Land, das ihn fast umgebracht hat (er wurde in New Orleans niedergeschossen, weil er einen Strassenräuber stellen wollte). Dazu ist Davies ja Brite durch und durch, was sich im Melodiereichtum von «Americana» zeigt. Bei den Aufnahmen liess er sich von der amerikanischen Alternative-Countryband The Jayhawks begleiten. Damit treffen sich die besten der beiden Rock’n’Roll-Welten dies- und jenseits des Atlantiks.

Weiters sehr gut gefallen haben mir 2017 folgende Alben (auffallend: wenig Gitarren!): «Inna de Yard» von The Soul Of Jamaica, «Last Place» von Grandaddy, «American Dream» von LCD Soundsystem, «Cigarettes After Sex» von Cigarettes After Sex, «Hippopotamus» von Sparks, «Slowdive» von Slowdive, «Mister Milano» von Mister Milano, «Sehnsucht» von Lisa Who, «Little Fictions» und «The Best Of (Deluxe)» von Elbow, «Deep Dive Dub» von Dub Spencer & Trance Hill, «Brand New Day» von Mavericks, «Prince Of Tears» von Baxter Dury, «Hot Spot» von Spoon, «Weather Diaries» von Ride, «Modern Kosmology» von Jane Weaver, «Blood Red» von Egopusher, «Angst» von Nits, «Thrum» von Joe Henry, «Southern Blood» von Gregg Allman, «Soul Of A Woman» von Sharon Jones & The Dap-Kings, «Niente» von Wanda, «How The West Was Won» von Peter Perrett, «Don’t Give Up On Love» von Don Bryant, «Double Roses» von Karen Elson, «Harmony Of Difference» von Kamasi Washington, «Oczy Mlody» von Flaming Lips, «Crack-Up» von Fleet Foxes, «A Deeper Understanding» von The War On Drugs, «Resistance Radio: The Man In The High Castle» (Soundtrack).

Und als einzelne, herausragende Songs: «How Did I Find Myself Here» von Dream Syndicate, «Sign Of The Times» von Harry Styles, «Spent The Day In Bed» von Morrissey, «Plastic Machinery» von The Charlatans.

Meine Enttäuschungen des Jahres: «Volcano» von Temples, «I Tell A Fly» von Benjamin Clementine, «Heartworms» von The Shins, «Kicking Up The Dust» von Cast, «Villains» von Queens Of The Stone Age, «Is This The Life We Really Want?» von Roger Waters, «Humanz» von Gorillaz.