Die Stones in Zürich – mögen sie noch ewig rollen

Sie sind alle um die 70, aber keine Spur zu alt, um 48 000 Besucher in die Ekstase zu treiben: Das Konzert der Rolling Stones am Sonntag im Zürcher Letzigrund war schlicht und einfach grandios.

Von Hans Bärtsch (Text und Bild)

Zürich. – Seit mehr als 50 Jahren sind sie «on the road», haben alle Höhen und Tiefen des Musikbusiness erlebt, Bandmitglieder unter mysteriösen Umständen verloren (Brian Jones), eigene Drogeneskapaden glimpflich überstanden (Keith Richards), Schicksalsschläge weggesteckt – nach dem Suizid von Mick Jaggers langjähriger Freundin L’Wren Scott ist es an diesem lauen Sonntagabend im Zürcher Letzigrundstadion erst das dritte Konzert der wiederaufgenommenen Welttour namens «14 On Fire», das erste unter freiem Himmel. Vor allem aber stehen die Rolling Stones souverän über dem Umstand, dass ihnen seit rund einem Vierteljahrhundert überhaupt nichts Neues mehr einfällt – der leidlich attraktive Stampfer «Doom And Gloom» ist das einzige gespielte Stück, das aus den 2000er-Jahren stammt.

Rolling-Stones-Gitarrist Keith Richards in voller Aktion.

Rolling-Stones-Gitarrist Keith Richards in voller Aktion.

 

Für andere wäre eine solche Phase künstlerischer Flaute der Todesstoss. Für Jagger und Co. sowie das Publikum ist es – zumindest an diesem Abend – das Beste, was ihnen passieren kann. Denn wie die Gruppe mit alten Schlachtrössern wie «Jumpin’ Jack Flash», «Honky Tonk Women», «Sympathy For The Devil» usw. umgeht, ist grossartig. Trotz stattlicher Begleitband: die Songs wirken nie mastig, sie sind allesamt aufs Notwendigste reduziert, leben von den einpeitschenden Riffs der beiden Gitarristen Richards und Ron Wood (letzterer, der Jungspund der Band, feiert am Tag des Zürcher Auftritts seinen 67. Geburtstag). Charlie Watts am Schlagzeug hält mit seinen stoischen Rhythmen das Ganze zusammen. Mick Jagger ist dazu der Entertainer vor dem Herrn, spult Kilometer ab auf der riesigen Bühne mit Laufsteg weit ins Publikum hinaus. Und er ist stimmlich so gut beieinander, dass es eine Freude ist – Jagger verleiht den Songs den letzten Tick an Dringlichkeit, die ihnen so schon innewohnt.

Rückkehr zu den Ursprüngen

Mit der Art, wie die rollenden Steine ihr Repertoire interpretieren, der sichtbaren Spielfreude, der Patzer auch (Richards haut seine Riffs mehr als einmal haarscharf daneben, und tempomässig war er schon deutlich sattelfester) ist die Band heute wieder dort, wo sie einst herkam – beim schwarzen, souligen (Rhythm’n’) Blues, aus dem sie ihren rauen, dreckigen Rock entwickelt haben. Die Höhepunkte des exakt zwei Stunden dauernden Konzerts sind indes nicht die bekanntesten Songs, sondern ausgedehnte Versionen etwa von «Worried About You», von Jagger im Falsett gesungen und von Wood mit einem wunderschönen Solo verziert. Oder «Out Of Control», wo Jagger zur Mundharmonika greift und sich Richards und Wood mit ihren Gitarren duellieren. Bei «Midnight Rambler» mischt mit Mick Taylor ein ehemaliges Stones-Mitglied als dritter Gitarrist mit – ein komplett unterschätzter Saiten-Zauberer, dem allerdings jegliche Entertainer-Qualitäten abgehen und der deshalb nicht recht ins Ensemble passen will. An einem Abend wie diesem, wo unangefochten die Musik im Zentrum steht, passt das dennoch bestens.

Zu erwähnen ist ferner die funky Nummer «Miss You», wo Bassist Darryl Jones endlich etwas Freilauf erhält; er dankt es mit einem herrlichen Solo. Verstärkt solistisch wünschte man auch Lisa Fischer zu hören. Sie ergänzt Jagger auf der Bühne seit mittlerweile 25 Jahren. Stücke wie «Gimme Shelter» zeigen, wie unverzichtbar die Soulröhre für die Bühnenauftritte der Stones geworden ist.

Kein Wunsch bleibt unerfüllt

Zum Schluss veredelt der Chor der Zürcher Sing-Akademie das wunderschöne «You Can’t Always Get What You Want». Und bei der letzten Zugabe, dem mitreissenden «(I Can’t Get No) Satisfaction», steht das Stadion vollends Kopf. Zumal, entgegen diesen Song­titeln, wohl alle Wünsche des Publikums in Erfüllung gegangen sind. Ein Publikum, das – wenig erstaunlich – zum Grossteil aus älteren Semestern in T-Shirts mit dem berühmten Zungen-Logo besteht, und unter das sich nationale (zum Beispiel Marc Sway) wie internationale Prominenz (Tina Turner) gemischt hat.

48 000 sind es im Stadion, Hunderte weitere rund um den Letzigrund, der eine einzige friedliche Festmeile ist und wo man das Konzert akustisch tadellos mitverfolgen kann. Sie alle sind Zeugen geworden eines magischen Abends, an dem sich einmal mehr zeigt: Rock­musik ist keine Altersfrage. Im Gegenteil – je älter und gereifter, desto besser. Mögen sie – wenn die Chemie derart stimmt wie im Moment – noch ewig rollen, die Stones. Dieser Meinung waren auf der Heimfahrt mit dem Zug von Zürich Richtung Chur auch etliche Konzertbesucher aus der Südostschweiz. «U huere geil!» lautete der Tenor.

pdf Südostschweiz (03.06.2014)

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