Von der Erstbegegnung bis zum vertrauten Wiederhören

Portishead au Montreux Jazz Festival

Portishead am Montreux Jazz Festival. (Foto: Lionel Flusin)

Ein Festivalprogramm ist idealerweise eine stimmige Kombination von alt und neu. In Montreux wird die Kunst einer solchen Programmierung besonders gut beherrscht. Drei Beispiele.

Von Hans Bärtsch

Portishead? Natürlich, die Trip-Hop-Pioniere, kennt man. Aber wer, bitteschön, versteckt sich hinter dem Namen Thought Forms? Die Singer/Songwriterin Sophie Hunger muss man niemandem mehr vorstellen. Wie verhält es sich demgegenüber mit Jack Garratt? Oder Dub Inc: In Reggae-Kreisen und recht weit darüber hinaus sind die Franzosen längst ein Begriff. Wer kennt dagegen Protoje & The Indiggnation?

Satter Reggae von Protoje & The Indiggnation. (Foto: Marc Ducrest)

Satter Reggae von Protoje & The Indiggnation. (Foto: Marc Ducrest)

Die drei Beispiele sind nicht zufällig gewählt. Weil symptomatisch für das Montreux Jazz Festival, wo gerne bekannt zu un- beziehungsweise noch nicht bekannt gestellt wird, alt zu neu. Was für das Publikum wiederum zu Neuentdeckungen führt. Am Samstag etwa, das Lab war für die frühe Uhrzeit schon ordentlich gefüllt, glaubte man dem Soundcheck der ersten Gruppe beizuwohnen. Techniker wuselten noch auf der Bühne umher, obwohl der satte Groove bereits perfekt aus den Boxen rollte. Und das ging dann immer weiter, bis ein Sänger die Bühne stürmte. Unvermittelt war man mitten drin im Konzert des jamaikanischen Reggae- und Dancehall-Sängers Protoje und dessen Begleitformation The Indiggnation. Und wurde eine Stunde lang von Vertretern eines Musikstils unterhalten, der seit Längerem nicht mehr allzuviel Neues hergibt. Umso erstaunter musste man konstatieren, wie wenig es braucht für ein mitreissendes Konzert, das zum Grossteil aus altmodischem Roots-Reggae besteht – gute, griffige Songs, mal eine Ska-mässige Uptempo-Nummer dazwischen, eine perfekt harmonierende Band und eine Sänger, der das Publikum ohne den Clown zu machen um den kleinen Finger zu wickeln versteht. Sowas lässt man sich gern gefallen.

Ein experimentierfreudiger Jack Garratt. (Foto: Daniel Balmat)

Ein experimentierfreudiger Jack Garratt. (Foto: Daniel Balmat)

Ein «Next Hype» der BBC

Etwas anders verhält es sich mit Jack Garratt. Der bärtige Brite wird von BBC Radio als «Next Hype» gehandelt. Ob zu Recht oder zu Unrecht, wird, wie immer in solchen Fällen, erst die Zukunft weisen. Jedenfalls wird der Wunderknabe diesen Sommer von einem zum nächsten Renommierfestival gereicht, vom Glastonbury ans Reading und eben nach Montreux (nur um einen Tag später am kleinen, aber feinen Poolbar in Feldkirch aufzuspielen). Was Garratt auf der Bühne anstellt, hinterlässt tatsächlich Eindruck. Er, der von sich selber sagt, im Blues von Stevie Ray Vaughan, in den Riffs von Jack White und im souligen R’n’B von Frank Ocean Inspiration zu finden, ist live eine Einmann-Show. Auf diversem elektronischem Instrumentarium gibt er verquere, stilistisch nicht einfach zu verortende Songs zum Besten. Es sind Lieder, die einen als Zuhörer an den Haken nehmen und nicht mehr loslassen. Das Repertoire ist erst klein, aber die Intensität mit der dieses von Garratt wiedergegeben wird, umso grösser. Ein Minikonzert, was die Dauer anbelangt – aber eines von maximaler Wirkung.

Melodiöse Soundflächen von Thought Forms. (Foto: Lionel Flusin)

Melodiöse Soundflächen von Thought Forms. (Foto: Lionel Flusin)

Womit wir bei Thought Forms wären, der dritten «Unbekannten» in unserer Betrachtung. Hier ist mindestens die Zuordnung einfacher. Das britische Trio hat sich dem sogenannten Postrock verschrieben, die Vorbilder heissen Sonic Youth, My Bloody Valentine, Mogwai. Auch Thought Forms schafften es, bleibende Eindrücke zu hinterlassen, weil ihre Soundflächen mit schönen Melodielinien versetzt sind.

Ach ja, dass sie – im Gegensatz zu den andern beiden genannten Beispielen – die Hauptband des Abends nicht in den Schatten zu stellen vermochten, lag schlicht und ergreifend an der Übergrösse von Portishead. Für die Trip-Hop-Pioniere war es der allererste Auftritt am Montreux Jazz Festival überhaupt. Die Eindringlichkeit der düsteren Sounds fesselt noch immer, gerade auch in Kombination mit absolut berauschenden Visuals, die das Konzert von A bis Z begleiteten. Kaum zu glauben, dass Portishead in ihren Anfangsjahren nicht als «Next Hype» nach Montreux eingeladen waren.

KASTEN

Blues und Soul in alter Grösse

Blues und Soul steht in Montreux immer auf dem Programm, mal etwas mehr, mal etwas weniger schwergewichtig. Einen starken Eindruck im Bereich Soul hinterliessen dieses Jahr Mary J. Blige und D’Angelo & The Vanguard, die gemeinsam einen Abend bestritten. Noch selten hat der Schreibende im Auditorium Stravinski einen derart frenetischen, lauten Applaus gehört wie bei Blige, die ohne Punkt und Komma durch eine hochenergetische Show jagte. So, als wollte sie sagen: Ja, es ist lange her seit dem letzten Mal hier, aber ich habe meine grössten Probleme hinter mir und zeige es jetzt allen. Was sie tat. Desgleichen D’Angelo, auch er jahrelang in der Versenkung verschwunden. Nur um mit neuen Songs und einer unglaublich toughen Band aufzuspielen, dass einem der Atem wegzubleiben drohte. Es war mitunter fast zu viel des Guten, was D’Angelo in seinen musikalisch hochkomplexen Auftritt fasste. Einfacher, rustikaler ging es beim Konzert von Alabama Shakes zu und her. Hier erklang mit Brittany Howard eine der besten aktuellen Stimmen des Blues und amerikanischen Südstaaten-Rocks. Und dies zur Veredelung knackiger, meist eher kürzerer Songs im besten CCR-Stil. (hb)

Knackiger Blues von Alabama Shakes. (Foto: Lionel Flusin)

Knackiger Blues von Alabama Shakes. (Foto: Lionel Flusin)

pdf Südostschweiz (13.07.2015)

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