Wo die leisesten Töne die grössten Emotionen wecken

Tony Bennett & Lady Gaga at the 49th Montreux Jazz Festival, (c) 2015 FFJM-Marc Ducrest

Tony Bennett & Lady Gaga at the 49th Montreux Jazz Festival, (c) 2015 FFJM-Marc Ducrest

Das 49. Montreux Jazz Festival ist fulminant gestartet. Mit einem Jazzabend alter Schule als bisherigem Höhepunkt. Und etlichen weiteren «leisen» Konzerten, die manch ein lautes zu übertönen und in Sachen Emotionen hinter sich zu lassen vermochte.

Von Hans Bärtsch

Die Szene ist symptomatisch. Als der irische Songwriter Damien Rice die Konzertbesucher bittet, doch auf Handyfotos zu verzichten, werden die, die es trotzdem wagen, von den Umstehenden mit höflichen, aber bestimmten Blicken in die Schranken gewiesen. Ein, zwei «Pssst!» lassen die letzten Privatgespräche verstummen. Und dann ist das Publikum voll bei ihm, diesem Sänger von wenig erbaulichen Themen (vorwiegend nicht endenwollender Liebeskummer), der mit seiner offenbarten Selbstunsicherheit und seinem verwuselten Äusseren Mutterinstinkte weckt. Allein steht er da auf der grossen Bühne des Auditorium Stravinski, meist mit der Gitarre in der Hand, ab und an zum Flügel wechselnd, die Stimme hoch, manchmal mehr Qual als Freude bereitend. Das Licht ist auf intim gestellt, ein paar wenige Scheinwerfer genügend.

Miniaturen auf allem, was Tasten hat

Es ist das dritte «leise» Konzert an diesem Dienstagabend, nach der schwedischen Folkpop-Sängerin Mariam Wallentin alias Mariam The Believer, mit der Rice im Zugabenblock noch eine improvisierte Nummer gemeinsam singt. Dazwischen gibt der Deutsche Nils Frahm den Neoklassiker, der den Elektroniker in sich nicht verstecken will. Seine Melodie-Miniaturen, gespielt auf allem, was Tasten hat, bekommen dadurch eine enorme Sogkraft, werden regelrecht tanzbar. Aber wie gesagt: Auch hier wird in erster Linie konzentriert zugehört.

Tastenmagier: Nils Frahm fasziniert bei seinem Auftritt am Montreux Jazz Festival. (Foto: Lionel Flusin)

Tastenmagier: Nils Frahm fasziniert bei seinem Auftritt am Montreux Jazz Festival. (Foto: Lionel Flusin)

Diese Konzentration auf die Künstler und Bands erlaubt dem Montreux Jazz Festival eine andere Programmation als auf Festivals, an denen es vor allem um Rambazamba geht. Darum, das ist klar, geht es in Montreux auch. Die Antwoord aus Südafrika etwa verwandeln das Lab, wie der Saal für «jüngere» Musik heisst, mit ihrem Rap’n’Rave in einen Hexenkessel. Dasselbe schaffen die Chemical Brothers mit harten elektronischen Beats. Oder Sam Smith, der nach einer Stimmbandoperation wiedergenese britische Wunderknabe des Soulpop, der live allerdings zu stark auf biedere Mitmacheffekte setzt und Vieles, was die Magie seines grossartigen (und bisher einzigen) Albums «In The Lonely Hour» ausmacht, in den Sand setzt.

Die Schöne und das Biest

Gar nichts in den Sand gesetzt wird am Montag beim Exklusivauftritt der letzten lebenden Crooner-Legende, Tony Bennett, begleitet von einem Superstar des Pop, Lady Gaga. Eine Kombination, die undenkbar schien bis zum Erscheinen eines gemeinsamen Albums namens «Cheek To Cheek» im letzten Jahr, gefolgt von einer Tour der beiden äusserst unterschiedlichen Persönlichkeiten. Der Schreibende räumt an dieser Stelle frank und frei ein, von der Italoamerikanerin Stefani Germanotta, wie Lady Gaga bürgerlich heisst, bis dato noch gar nie auch nur das Geringste gehalten zu haben. Eine Kunstfigur des Pop, mit Einsatz ihres ganzen Körpers lediglich auf Provokation aus: Das war der Madonna-Klon in seinen Augen. Eine Stilikone? Wohlan. Aber was, bitteschön, hat ihr gesichtsloses, von Legionen Produzenten aufgemotztes Disco-Gestampfe mit Musik zu tun?

Erinnerungsstück eines weiblichen Fans: Die Setlist von Lady Gaga und Tony Bennett. (Foto: Hans Bärtsch)

Erinnerungsstück eines weiblichen Fans: Die Setlist von Lady Gaga und Tony Bennett. (Foto: Hans Bärtsch)

Nun hebt also der 88-jährige Bennett zum ersten Song «Anything Goes» von Cole Porter an, heisst Lady Gaga auf der Bühne willkommen – und die Dame singt, dass es einem Schauer den Rücken rauf und runter jagt. Mit einer Stimme, die wie gemacht ist für das Great American Songbook und damit die grössten der grossen Klassiker des Jazz. Hier er, ein bescheidener älterer Herr mit Swing in Stimme und Knochen. Dort sie, die Diva, der ein Wimpernschlag genügt, um das männliche Geschlecht um den Verstand zu bringen. Gemeinsam ist ihnen der Respekt zueinander. Meist nah beieinander stehend, oft Hand in Hand singen sie Duette, die für die Ewigkeit gemacht sind. Nicht immer astrein, gerade zu Beginn des zwei Stunden dauernden und rund 30 Songs umfassenden Programms. Das – bewusst? – Unperfekte macht den noch besondereren Reiz dieser erstaunlichen Kooperation aus.

Es wird kokettiert, was das Zeug hält

Gaga und Bennett lassen einander auch Platz für Soli. Sie etwa gibt eine umwerfende Fassung von «La Vie En Rose» zum Besten. Er ein berührendes «Smile», zu dem ihm dereinst der Komponist des Liedes, der «Schweizer» Charlie Chaplin gratuliert habe. Während sie acht Mal die Garderobe wechselt (und auch die Frisur), bleibt er seinem einen, eine Spur zu grossen Anzug treu. Das mögen Äusserlichkeiten sein, in diesem Kontext gehören sie zu einer durchchoreografierten Bühnenshow. Ihm tut die Blutauffrischung durch die 29-Jährige gut, ihr die Erdung durch den mit allen Entertainment-Wassern gewaschenen US-amerikanischen Sänger. Es wird kokettiert, was das Zeug hält, nur um musikalisch wieder am selben Strick zu ziehen – hier mit Stimmwucht, dort mit Souplesse. Kurzum: Das Montreux Jazz Festival ist um einen legendären Konzertabend reicher. Und das mit altmodischem Swing-Jazz im Stile Frank Sinatras – wer hätte das gedacht.

KASTEN 1

Das Great American Songbook

Der Begriff Great American Songbook umfasst herausragende Songs der US-Unterhaltungsmusik aus dem Zeitraum 1930 bis 1960. Zu den bekanntesten Komponisten/Interpreten dieser einmaligen Ära gehören etwa Cole Porter («I’ve Got You Under My Skin»), Irving Berlin («White Christmas»), Duke Ellington («In A Sentimental Mood»), Frank Sinatra («My Way»). Crooner nennt man die Interpreten dieser schmachtend gesungenen, schmalzig-schlagerhaften Songs.

KASTEN 2

Diva-Gehabe

Beim Konzert von Tony Bennett und Lady Gaga am Montreux Jazz Festival waren keine unabhängigen Fotografen zugelassen, sondern nur ein Festival-eigener Fotograf. Von dessen Aufnahmen wiederum gab das Management von Lady Gaga nur gerade eine einzige Aufnahme frei. Unnötiges Superstar-Gehabe, darf man dieser Restriktion für die Fotografenzunft anfügen.

pdf Südostschweiz (09.07.2015)

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