Legenden, aber keine legendären Konzerte

Trotz grosser Stilvielfalt kommt am Montreux Jazz Festival auch einiges zu kurz: simpler Rock etwa. The Kills und Kasabian haben die Scharte ausgewetzt. Brian Wilson gab derweil ein Konzert für die Geschichtsbücher.

Von Hans Bärtsch

Es gibt Abende am Montreux Jazz Festival, da spürt man, die werden anders als andere. Am Montag beispielsweise strömen scharenweise junge, freiwillige Festival-Helferinnen und -Helfer in ihren Staff-T-Shirts ins Auditorium Stravinski, um zwei Bands zuzusehen, die das Haus in diesem Jahr zum ersten Mal so richtig rocken. Und bei denen offenbar auch der In-Faktor stimmt. Das britisch-amerikanische Duo The Kills – auf dieser Tour zum Quartett erweitert – gibt erstens optisch ordentlich was her. Sängerin Alison Mosshart würde auch auf dem Laufsteg eine gute Figur machen. Und Gitarrist Jamie Hince, als Ex von Kate Moss Model-erfahren, ist der ideale Sidekick. Wobei dieser Begriff untertrieben ist, wenn man, zweitens, die akustische Seite von The Kills anschaut. Die Gitarre ist das Epizentrum des musikalischen Sturms, der sich hier entlädt. Schmutziger Garagenrock, roh und reduziert, trifft auf eine Stimme, die durch Mark und Bein geht.

Wie bloss würden sich nach diesem Adrenalinschub Kasabian schlagen als zweite Band des Abends? Die Briten mit den schrecklichsten Frisuren und Outfits seit Oasis tun, was sie können. Und treiben die Party mit Dance-Elementen zu einem zweiten Höhepunkt. Man glaubt, die Madchester-Bewegung rund um Bands wie Happy Mondays, Stone Roses oder The Charlatans sei wieder auferstanden. Das erklärte Ziel von Gitarrist Sergio Pizzorno lautet ja auch nicht gerade bescheiden: «Wir wollen den Rock’n’Roll retten.» Was die Songs anbelangt, gibts auch nach sechs Alben noch Luft nach oben. Aber in Sachen Energie sind Kasabian mit ihren Livekonzerten voll auf Rettungskurs. Mehr harten Rock, verbunden mit einem noch höheren In-Faktor gabs im Übrigen gestern Abend mit dem famosen Duo Royal Blood.

Müder Dandy

Rückblende auf Sonntag, als es im Stravinski-Saal deutlich betulicher zu und her geht. Angekündigt sind zwei Legenden, beide jenseits der 70. Bryan Ferry ist noch immer der gutaussehende Dandy, der er schon zu Zeiten von Roxy Music war. Aber entweder fehlt ihm die Lust oder die Kraft. Der müde wirkende Sänger wird, zumeist am Piano sitzend, von einer äusserst agilen, spielfreudigen Band getragen. Zum Glück, die Freude an Roxy-Music-Klassikern und Werken aus Ferrys diversen Soloalben wäre sonst arg getrübt worden.

Bryan Ferry fehlt die Lust oder die Kraft. Immerhin: Der müde wirkende Sänger wird von einer spielfreudigen Band getragen.

Die Begleitband ist es auch, die den Auftritt von Brian Wilson ausmacht, des genialen Kopfes der Beach Boys. Auf dem Programm steht die integrale Präsentation von Wilsons Meisterwerk «Pet Sounds». Ein Album, rund 37 Minuten kurz, das den Beatles kompositorisch endgültig den Rang ablaufen sollte, zur Zeit der Erstehung wegen seiner Komplexität aber in erster Linie für Streit innerhalb der Band und mit der Plattenfirma sorgte. Und: Das Brian Wilson selber dermassen überforderte, dass er schwere psychische Probleme davontrug.

Trauriger Anblick

Es ist deshalb nicht weniger als ein Wunder, dass dieser Wilson sich derzeit auf Welttournee befindet und zum 50-Jahr-Jubiläum von «Pet Sounds» auch in Montreux Halt macht. Es ist gleichzeitig ein trauriger Anblick zu sehen, wie kraftlos der Maestro am Piano sitzt und die Texte vom Teleprompter abliest. Die gesanglichen Raffinessen in Songs wie «Sloop John B» oder «God Only Knows» stehen in umgekehrtem Verhältnis zu den heutigen stimmlichen Möglichkeiten Wilsons. Zum Glück, wie gesagt, stehen ihm hervorragende Musiker zur Seite. Unter anderem Al Jardine, ebenfalls ein Beach Boy der ersten Stunde, und dessen Sohn Matt Jardine.

Brian Wilson

Genialer Musiker, aber längst nicht mehr im Vollbesitz seiner Kräfte: Brian Wilson (am Klavier), hier mit Beach-Boys-Mitbegründer Al Jardine am Montreux Jazz Festival 2017. (Bild Ueli Frey)

Der rührendste Moment ist eine ganz zum Schluss praktisch nur a-cappella wiedergegebene Version von «Love & Mercy» ab Wilsons erstem Soloalbum von 1988. Dies nach einem Hit-Medley aus der Beach-Boys-Küche, das nichts mit dem «Pet-Sounds»-Album zu tun hat. Aber mit einem 37-Minuten-Werk lässt sich schliesslich auch kein ganzes Konzert bestreiten. Jedenfalls: Der Abend mit Brian Wilson ist einer für die Geschichtsbücher des Montreux Jazz Festival, auch wenn er qualitativ nicht als legendär in Erinnerung bleiben wird.

2017-07-12_Suedostschweiz_Graubuenden_Seite_16

Folk mit einem wohltuenden Knacks

Die stilbildende Folkpop-Band Fleet Foxes hat dem Montreux Jazz Festival einen Konzertabend der Sonderklasse beschert. Auch, weil die Amerikaner mit ihrem jüngst erschienenen dritten Album noch komplexer geworden sind.

Von Hans Bärtsch

Die Gründe, weshalb die Formation um Sänger/Gitarrist Robin Pecknold auf ihrem dritten Album «Crack-Up» nicht komplett anders, aber doch erneuert klingt, wurden kürzlich an dieser Stelle ausgeführt (Ausgabe vom 17. Juni). Der Frontmann hatte nach den beiden ersten Alben, die die Fleet Foxes zur Speerspitze der Americana-Bewegung und Barttragen plus Holzfällerhemden für junge Menschen zu einem modischen Muss machten, dringend eine Auszeit benötigt. Pecknold nutzte diese für ein Literatur-, Kunst- und Musikstudium in New York.

Wie aus einem Guss

Wie würden sich die suitenartigeren, komplexeren, manchmal bewusst gebrochenen, sperrigeren Songs von «Crack-Up» ins Live-Repertoire der Fleet Foxes einfügen? Um es vorwegzunehmen: Problemlos, hervorragend gar! Mutig stellt das Sextett, das diese Woche am Montreux Jazz Festival gastierte, just die neuen Werke ins Zentrum und platziert dazwischen ältere Lieder. Früh im Lauf ihres gut zweistündigen Konzerts bereits Ohrwürmer wie «Ragged Wood» oder «Your Protector». Und das alles kommt daher wie aus einem Guss. Es ist ein hochkonzentrierter, aber doch auch lustvoller Auftritt. Der Harmoniegesang bleibt weiterhin das Markenzeichen der Band, wird aber nicht überstrapaziert. Phasenweise sind es vier Gitarren, die einen Song modellieren. Es ist diese Mischung aus perfekten Harmonien und Melodien – ja, da stehen Bands wie die Beach Boys, The Byrds oder Crosby, Stills, Nash & Young eindeutig Pate – und rhythmischen Raffinessen, welche die Band so einzigartig macht.

Die etwas naive Lagerfeuerromantik der Frühphase ist definitiv vorbei. Oder, wie es der «Tages-Anzeiger» formuliert hat: «Der Bart ist ab». Die «neuen» Fleet Foxes haben sich gewissermassen von sich selbst emanzipiert, und ihren unzähligen Nachfolgern/Nachahmern gleichzeitig ein Schnippchen geschlagen – gerade auch unsäglichen Zeitgenossen wie den Lumineers. Inhaltlich ist eine neue Ernsthaftigkeit dazugekommen, bei der noch nicht klar ist, wohin sie noch führen wird. Jedenfalls sind die Fleet Foxes eine der spannendsten Bands dieser Tage. Hoffentlich bleiben sie uns noch länger erhalten.

Gut geschnürtes Paket

Dass der Dienstagabend im Lab-Saal zu einem rundum beglückenden Erlebnis wurde, hatte auch mit den beiden Acts davor zu tun. Der New Yorker Singer/Songwriter Hamilton Leithauser – Frontmann der Indie-Rock-Gruppe The Walkmen – nimmt mit einer Stimme gefangen, die zwischen inbrünstigem Falsett und rockendem Knurren alles draufhat. Was natürlich alles nichts nützt, wenn gute Songs fehlen. Diesbezüglich ist bei Leithauser das Gegenteil der Fall. «A 1000 Times» etwa ist eine Hymne vor dem Herrn.

In Montreux liegen das Gute und das noch Bessere so nah.

Kevin Morby wiederum war einst Mitglied bei der noch immer unterschätzten Indie-Folk-Truppe Woods. Auf Solopfaden wandelt er seit rund vier Jahren. Und wirft dabei eine wandlungsfähige Stimme in die Waagschale und ein Händchen für knackige Kompositionen, die süssliche Folkmelodien umfassen wie härter rockende Stücke. Allen ist gemeinsam, dass sie ins Ohr gehen wie ein Messer durch Butter. Wie bei den andern Akteuren dieses famosen Abends pendelt auch er mit seinen Liedtexten zwischen persönlichen Geschichten und politischen Statements. Es mag abgegriffen klingen: Aber unsere heutigen Zeiten haben solche Künstler dringend nötig.

Pures Vergnügen

Um nichts als das pure Vergnügen geht es tags darauf im grossen Saal, dem Auditorium Stravinski. Trombone Shorty & Orleans Avenue sind eine Groove-Maschine, die kaum einmal Raum zum Durchatmen lassen. Die explosive Mischung aus Funk, Soul und Hip-Hop mag auf dem aktuellen Album «Parking Lot Symphony» etwas gar stark auf Massengeschmack getrimmt sein, live gibt es gar nichts auszusetzen. Die noch immer mehrheitlich aus Jugendfreunden zusammengesetzte sechsköpfige Band, darunter drei Bläser, hält das New-Orleans-Erbe hoch, bringt es dank neuen Elementen (Hip-Hop) aber auch einen gehörigen Schritt voran.

Die grossen Stars des Abends sind dann The Roots, die am Dienstag bereits die krankheitshalber ausgefallene Emeli Sandé mit einer kraftvollen Show ersetzten. Diesmal begleiten sie R&B-Star Usher und bleiben gleichzeitig die eigenständige, auf allerhöchstem Niveau agierende Black-Music-Truppe. Weil das zwischendurch doch etwas gar zu geschliffen daherkommt, wechselt der Schreibende in den Park vor dem Stravinski, wo Gratiskonzerte auf dem Programm stehen. Und bleibt bei The Urban Voodoo Machine hängen. Einer sehr theatralischen, bewusst auf unperfekt gemachten britischen Gypsy-Rock’n’Roll-Fuhre. Auch das ist Montreux – das Gute und das noch Bessere liegen hier so nah. Das Festival am Genfersee dauert noch bis zum 15. Juli.

http://www.montreuxjazzfestival.com

2017-07-07_Suedostschweiz_Graubuenden_Seite_19

Sounds, die ans Lebendige gehen

Anohni hat mit einem grossartig verstörenden Auftritt das 50. Montreux Jazz Festival eröffnet. Mehr davon ist durchaus erwünscht.

Von Hans Bärtsch

Am Anfang ist weisses Rauschen, Endlos-Loops aus dem Computer. Schier endlos dauert dann auch der «Tanz» des britischen Models Naomi Campbell auf Grossleinwand. Mehr als Soundfetzen sind immer noch nicht zu hören. Erste Pfiffe aus dem Publikum. Wo befinden wir uns überhaupt? In einem Kerker? In einem Luftschutzbunker? An einem Ort jedenfalls, wo mehr Leid als Freude ist. Wo grelle Scheinwerfer für Unbehagen sorgen (noch mehr irritiert allerdings die Sonne, die an diesem wunderschönen Freitagabend in Montreux bis in den Stravinski-Saal dringt).

Anohni

Hoffnungsvoll, nicht hoffnungslos: Anohni am 1. Juli 2016 am Montreux Jazz Festival. (Bild Lionel Flusin)

Nach knapp einer halben Stunde ist sie, die man früher als Antony Hegarty von Antony And The Johnsons kannte, dann endlich da: Anohni. Und beginnt mit der Präsentation von «Hoplessness», dieses im Bereich Soul-durchflutete elektronische Musik wohl faszinierendsten Albums, das dieses Jahr bis dato veröffentlicht wurde. Es ist ein Werk von grosser Düsternis, geht es inhaltlich doch um Themen wie Überwachung, Drohnen-Kriege, Umweltzerstörung. Ein später Ausfluss von 9/11 quasi – jener Terroranschläge, die die Welt komplett veränderten.

Gesichter in allen Farben

Die süssliche Stimme Anohnis legt sich über die von zwei Musikern auf allerlei elektronischem Equipment erzeugten, kristallklaren Sounds. Sie selber ist, den ganzen Körper verhüllt, nur als Schatten wahrnehmbar. Stattdessen ziehen Gesichter in Grossaufnahme die Aufmerksamkeit auf sich. Geschundene Gesichter, und wunderschöne. Alte und junge. Schwarze, weisse und andersfarbige. Manche mit Blut verschmiert – sie erinnern an Zombies. Sie alle bewegen ihre Lippen synchron zu den Liedtexten, brechen dabei an manchen Stellen in Tränen aus.

Der Sog, den diese Gesichter ausüben, ist unglaublich. Nicht hoffnungslos, wie der Albumtitel besagt, sondern hoffnungsvoll. Sie sagen: Wir alle sind Menschen. Und etwas mehr Menschlichkeit – welche Binsenweisheit – stünde der Welt in jeder Beziehung gut an. Ob Anohni das auch so meint, ist eine andere Frage. Denn ausgerechnet die Schöpferin dieses aussergewöhnlichen Werkes entzieht sich mit ihrer Verhüllung der Sympathienahme. Stattdessen ein mehrfach wiederholtes «I’m sorry» zum Schluss. Wofür? Für ein aufrüttelndes Statement zugunsten von mehr Empathie? Geschenkt. Danke für diesen ergreifenden Auftritt, danke für Sounds, die mehr sind als bloss ein Unterhaltungsfaktor.

Air mit luftig-leichtem Pop

Bewundernswert, dass das Montreux Jazz Festival mit einem solch (positiv) verstörenden Act ins 50-Jahr-Jubiläum startet. Der Mainstream wird dann gleich im Anschluss bedient: Das französische Duo Air (hier auf vier Mann erweitert) bringt in weissen Anzügen luftig-leichten Pop zu Gehör – ein Best-of-Programm von «La femme d’argent» bis «Sexy Boy». Zuckerwatte-Musik aus einer anderen Ära, als Easy-Listening kurzzeitig das ganz grosse Ding waren. An diesem speziellen Eröffnungsabend lässt man sie sich indes gerne gefallen. Auch, um wieder Runterzukommen von den grossen Gefühlswallungen, für die Anohni davor gesorgt hat.

Air

Luftig-leichter Pop: Air am 1. Juli 2016 am Montreux Jazz Festival. (Bild Lionel Flusin)

Ein paar Stockwerke tiefer ist derweil DJ Shadow zugange. Sein wegweisendes Album «Endtroducing» ist mit Jahrgang 1996 noch zwei Jahre älter als Airs ebenso bahnbrechendes «Moon Safari». Und es hat etwas Trauriges, wenn der amerikanische Hip-Hop-Zerstückler bloss für – neu remixte – Auszüge aus diesem Erstling Applaus erhält. Wie wenn er seither nichts mehr geleistet hätte. Na ja, seien wir ehrlich: Viel Substanzielles war da tatsächlich nicht mehr.

Helden von früher und morgen

Helden von früher, die Avantgarde von heute (und damit vielleicht die Stars von morgen): So präsentiert sich das Programm des 50. Montreux Jazz Festival, das nun in vollem Gang ist. Die eigentliche Eröffnung findet schon am Donnerstag vergangener Woche im Casino, dem ehemaligen Festivalort, statt – mit einem Auftritt des Saxofonisten Charles Lloyd, des Headliners des allerersten Festivals. Auch Bundesrat Alain Berset lässt sich dem Vernehmen nach vom unverändert quirligen Jazz des Altmeisters und dessen exquisiten jungen Begleitern mitreissen.

Da wagen sich Künstler auch mal aus ihrer Komfortzone raus. Die Gefahr des Scheiterns auf hohem Niveau inklusive. Bitte mehr davon.

Muse au Montreux Jazz Festival

Exklusive Setlist: Muse am 1. Juli 2016 am Montreux Jazz Festival. (Bild Lionel Flusin)

Am Samstag will das britische Rocktrio Muse dem Festival dann wohl eine besondere Ehre antun, als es gleich mehrere Songs spielt, die eigentlich nicht zum Repertoire der laufenden Drones World Tour gehören. Die Folge ist ein eher unausgegorenes Programm ohne Spannungsbogen. Etwas, das man von Muse nicht gewohnt ist. Aber so ist das in Montreux: Da wagen sich Künstler auch mal aus ihrer Komfortzone raus. Die Gefahr des Scheiterns auf hohem Niveau inklusive. Bitte mehr davon.

 

Muse-Setlist sorgt für heftige Diskussionen auf Social Media

Der Auftritt von Muse am Montreux Jazz Festival sorgte noch Tage danach für eifrige Diskussionen in den sozialen Medien. Ein Thema war die relativ kurze Spieldauer von knapp 90 Minuten (es gab kein Vorprogramm). Zur Hauptsache gab aber die Setlist zu reden. Diese enthielt etliche, live selten gespielte «Raritäten». Fans beklagten sich, weshalb Muse ausgerechnet an diesem Auftritt mit begrenzter Platzzahl ein so exklusives Programm zum Besten gaben. Muse-Sänger Matt Bellamy begründete auf Twitter, die Band wollte etwas Spezielles bieten, da sie gleich dreimal in der Schweiz auftreten würden diesen Sommer (nach Montreux noch auf dem Berner Gurten sowie am Paléo-Festival in Nyon. (hb)

 

Video-App Cuts wird rege genutzt – wenn man sie nutzen kann

In Sachen Technik ist Montreux seit Anbeginn ein Vorreiter-Festival. Neu in diesem Jahr ist eine App namens Cuts, welche es erlaubt, mit dem Smartphone 30 Sekunden aus den offiziellen Aufnahmen des Festivals aufzunehmen und in sozialen Netzwerken zu teilen beziehungsweise als SMS oder per Mail zu verschicken. Diese in Zusammenarbeit mit der Firma Kudelski entwickelte App soll die eigene Smartphone-Filmerei überflüssig machen. Das dürfte Künstler wie Adele freuen, die sich erst kürzlich wieder kritisch gegenüber Smartphone-Aufnahmen an Konzerten zeigte. Am ersten Montreux-Wochenende wurde die App jedenfalls schon rege genutzt – wenn es denn ging. Aus urheberrechtlichen Gründen liess sich nämlich längst nicht jeder Auftritt «mitschneiden». (hb)

pdf Südostschweiz (4.7.16)

Von der Erstbegegnung bis zum vertrauten Wiederhören

Portishead au Montreux Jazz Festival

Portishead am Montreux Jazz Festival. (Foto: Lionel Flusin)

Ein Festivalprogramm ist idealerweise eine stimmige Kombination von alt und neu. In Montreux wird die Kunst einer solchen Programmierung besonders gut beherrscht. Drei Beispiele.

Von Hans Bärtsch

Portishead? Natürlich, die Trip-Hop-Pioniere, kennt man. Aber wer, bitteschön, versteckt sich hinter dem Namen Thought Forms? Die Singer/Songwriterin Sophie Hunger muss man niemandem mehr vorstellen. Wie verhält es sich demgegenüber mit Jack Garratt? Oder Dub Inc: In Reggae-Kreisen und recht weit darüber hinaus sind die Franzosen längst ein Begriff. Wer kennt dagegen Protoje & The Indiggnation?

Satter Reggae von Protoje & The Indiggnation. (Foto: Marc Ducrest)

Satter Reggae von Protoje & The Indiggnation. (Foto: Marc Ducrest)

Die drei Beispiele sind nicht zufällig gewählt. Weil symptomatisch für das Montreux Jazz Festival, wo gerne bekannt zu un- beziehungsweise noch nicht bekannt gestellt wird, alt zu neu. Was für das Publikum wiederum zu Neuentdeckungen führt. Am Samstag etwa, das Lab war für die frühe Uhrzeit schon ordentlich gefüllt, glaubte man dem Soundcheck der ersten Gruppe beizuwohnen. Techniker wuselten noch auf der Bühne umher, obwohl der satte Groove bereits perfekt aus den Boxen rollte. Und das ging dann immer weiter, bis ein Sänger die Bühne stürmte. Unvermittelt war man mitten drin im Konzert des jamaikanischen Reggae- und Dancehall-Sängers Protoje und dessen Begleitformation The Indiggnation. Und wurde eine Stunde lang von Vertretern eines Musikstils unterhalten, der seit Längerem nicht mehr allzuviel Neues hergibt. Umso erstaunter musste man konstatieren, wie wenig es braucht für ein mitreissendes Konzert, das zum Grossteil aus altmodischem Roots-Reggae besteht – gute, griffige Songs, mal eine Ska-mässige Uptempo-Nummer dazwischen, eine perfekt harmonierende Band und eine Sänger, der das Publikum ohne den Clown zu machen um den kleinen Finger zu wickeln versteht. Sowas lässt man sich gern gefallen.

Ein experimentierfreudiger Jack Garratt. (Foto: Daniel Balmat)

Ein experimentierfreudiger Jack Garratt. (Foto: Daniel Balmat)

Ein «Next Hype» der BBC

Etwas anders verhält es sich mit Jack Garratt. Der bärtige Brite wird von BBC Radio als «Next Hype» gehandelt. Ob zu Recht oder zu Unrecht, wird, wie immer in solchen Fällen, erst die Zukunft weisen. Jedenfalls wird der Wunderknabe diesen Sommer von einem zum nächsten Renommierfestival gereicht, vom Glastonbury ans Reading und eben nach Montreux (nur um einen Tag später am kleinen, aber feinen Poolbar in Feldkirch aufzuspielen). Was Garratt auf der Bühne anstellt, hinterlässt tatsächlich Eindruck. Er, der von sich selber sagt, im Blues von Stevie Ray Vaughan, in den Riffs von Jack White und im souligen R’n’B von Frank Ocean Inspiration zu finden, ist live eine Einmann-Show. Auf diversem elektronischem Instrumentarium gibt er verquere, stilistisch nicht einfach zu verortende Songs zum Besten. Es sind Lieder, die einen als Zuhörer an den Haken nehmen und nicht mehr loslassen. Das Repertoire ist erst klein, aber die Intensität mit der dieses von Garratt wiedergegeben wird, umso grösser. Ein Minikonzert, was die Dauer anbelangt – aber eines von maximaler Wirkung.

Melodiöse Soundflächen von Thought Forms. (Foto: Lionel Flusin)

Melodiöse Soundflächen von Thought Forms. (Foto: Lionel Flusin)

Womit wir bei Thought Forms wären, der dritten «Unbekannten» in unserer Betrachtung. Hier ist mindestens die Zuordnung einfacher. Das britische Trio hat sich dem sogenannten Postrock verschrieben, die Vorbilder heissen Sonic Youth, My Bloody Valentine, Mogwai. Auch Thought Forms schafften es, bleibende Eindrücke zu hinterlassen, weil ihre Soundflächen mit schönen Melodielinien versetzt sind.

Ach ja, dass sie – im Gegensatz zu den andern beiden genannten Beispielen – die Hauptband des Abends nicht in den Schatten zu stellen vermochten, lag schlicht und ergreifend an der Übergrösse von Portishead. Für die Trip-Hop-Pioniere war es der allererste Auftritt am Montreux Jazz Festival überhaupt. Die Eindringlichkeit der düsteren Sounds fesselt noch immer, gerade auch in Kombination mit absolut berauschenden Visuals, die das Konzert von A bis Z begleiteten. Kaum zu glauben, dass Portishead in ihren Anfangsjahren nicht als «Next Hype» nach Montreux eingeladen waren.

KASTEN

Blues und Soul in alter Grösse

Blues und Soul steht in Montreux immer auf dem Programm, mal etwas mehr, mal etwas weniger schwergewichtig. Einen starken Eindruck im Bereich Soul hinterliessen dieses Jahr Mary J. Blige und D’Angelo & The Vanguard, die gemeinsam einen Abend bestritten. Noch selten hat der Schreibende im Auditorium Stravinski einen derart frenetischen, lauten Applaus gehört wie bei Blige, die ohne Punkt und Komma durch eine hochenergetische Show jagte. So, als wollte sie sagen: Ja, es ist lange her seit dem letzten Mal hier, aber ich habe meine grössten Probleme hinter mir und zeige es jetzt allen. Was sie tat. Desgleichen D’Angelo, auch er jahrelang in der Versenkung verschwunden. Nur um mit neuen Songs und einer unglaublich toughen Band aufzuspielen, dass einem der Atem wegzubleiben drohte. Es war mitunter fast zu viel des Guten, was D’Angelo in seinen musikalisch hochkomplexen Auftritt fasste. Einfacher, rustikaler ging es beim Konzert von Alabama Shakes zu und her. Hier erklang mit Brittany Howard eine der besten aktuellen Stimmen des Blues und amerikanischen Südstaaten-Rocks. Und dies zur Veredelung knackiger, meist eher kürzerer Songs im besten CCR-Stil. (hb)

Knackiger Blues von Alabama Shakes. (Foto: Lionel Flusin)

Knackiger Blues von Alabama Shakes. (Foto: Lionel Flusin)

pdf Südostschweiz (13.07.2015)

Wo die leisesten Töne die grössten Emotionen wecken

Tony Bennett & Lady Gaga at the 49th Montreux Jazz Festival, (c) 2015 FFJM-Marc Ducrest

Tony Bennett & Lady Gaga at the 49th Montreux Jazz Festival, (c) 2015 FFJM-Marc Ducrest

Das 49. Montreux Jazz Festival ist fulminant gestartet. Mit einem Jazzabend alter Schule als bisherigem Höhepunkt. Und etlichen weiteren «leisen» Konzerten, die manch ein lautes zu übertönen und in Sachen Emotionen hinter sich zu lassen vermochte.

Von Hans Bärtsch

Die Szene ist symptomatisch. Als der irische Songwriter Damien Rice die Konzertbesucher bittet, doch auf Handyfotos zu verzichten, werden die, die es trotzdem wagen, von den Umstehenden mit höflichen, aber bestimmten Blicken in die Schranken gewiesen. Ein, zwei «Pssst!» lassen die letzten Privatgespräche verstummen. Und dann ist das Publikum voll bei ihm, diesem Sänger von wenig erbaulichen Themen (vorwiegend nicht endenwollender Liebeskummer), der mit seiner offenbarten Selbstunsicherheit und seinem verwuselten Äusseren Mutterinstinkte weckt. Allein steht er da auf der grossen Bühne des Auditorium Stravinski, meist mit der Gitarre in der Hand, ab und an zum Flügel wechselnd, die Stimme hoch, manchmal mehr Qual als Freude bereitend. Das Licht ist auf intim gestellt, ein paar wenige Scheinwerfer genügend.

Miniaturen auf allem, was Tasten hat

Es ist das dritte «leise» Konzert an diesem Dienstagabend, nach der schwedischen Folkpop-Sängerin Mariam Wallentin alias Mariam The Believer, mit der Rice im Zugabenblock noch eine improvisierte Nummer gemeinsam singt. Dazwischen gibt der Deutsche Nils Frahm den Neoklassiker, der den Elektroniker in sich nicht verstecken will. Seine Melodie-Miniaturen, gespielt auf allem, was Tasten hat, bekommen dadurch eine enorme Sogkraft, werden regelrecht tanzbar. Aber wie gesagt: Auch hier wird in erster Linie konzentriert zugehört.

Tastenmagier: Nils Frahm fasziniert bei seinem Auftritt am Montreux Jazz Festival. (Foto: Lionel Flusin)

Tastenmagier: Nils Frahm fasziniert bei seinem Auftritt am Montreux Jazz Festival. (Foto: Lionel Flusin)

Diese Konzentration auf die Künstler und Bands erlaubt dem Montreux Jazz Festival eine andere Programmation als auf Festivals, an denen es vor allem um Rambazamba geht. Darum, das ist klar, geht es in Montreux auch. Die Antwoord aus Südafrika etwa verwandeln das Lab, wie der Saal für «jüngere» Musik heisst, mit ihrem Rap’n’Rave in einen Hexenkessel. Dasselbe schaffen die Chemical Brothers mit harten elektronischen Beats. Oder Sam Smith, der nach einer Stimmbandoperation wiedergenese britische Wunderknabe des Soulpop, der live allerdings zu stark auf biedere Mitmacheffekte setzt und Vieles, was die Magie seines grossartigen (und bisher einzigen) Albums «In The Lonely Hour» ausmacht, in den Sand setzt.

Die Schöne und das Biest

Gar nichts in den Sand gesetzt wird am Montag beim Exklusivauftritt der letzten lebenden Crooner-Legende, Tony Bennett, begleitet von einem Superstar des Pop, Lady Gaga. Eine Kombination, die undenkbar schien bis zum Erscheinen eines gemeinsamen Albums namens «Cheek To Cheek» im letzten Jahr, gefolgt von einer Tour der beiden äusserst unterschiedlichen Persönlichkeiten. Der Schreibende räumt an dieser Stelle frank und frei ein, von der Italoamerikanerin Stefani Germanotta, wie Lady Gaga bürgerlich heisst, bis dato noch gar nie auch nur das Geringste gehalten zu haben. Eine Kunstfigur des Pop, mit Einsatz ihres ganzen Körpers lediglich auf Provokation aus: Das war der Madonna-Klon in seinen Augen. Eine Stilikone? Wohlan. Aber was, bitteschön, hat ihr gesichtsloses, von Legionen Produzenten aufgemotztes Disco-Gestampfe mit Musik zu tun?

Erinnerungsstück eines weiblichen Fans: Die Setlist von Lady Gaga und Tony Bennett. (Foto: Hans Bärtsch)

Erinnerungsstück eines weiblichen Fans: Die Setlist von Lady Gaga und Tony Bennett. (Foto: Hans Bärtsch)

Nun hebt also der 88-jährige Bennett zum ersten Song «Anything Goes» von Cole Porter an, heisst Lady Gaga auf der Bühne willkommen – und die Dame singt, dass es einem Schauer den Rücken rauf und runter jagt. Mit einer Stimme, die wie gemacht ist für das Great American Songbook und damit die grössten der grossen Klassiker des Jazz. Hier er, ein bescheidener älterer Herr mit Swing in Stimme und Knochen. Dort sie, die Diva, der ein Wimpernschlag genügt, um das männliche Geschlecht um den Verstand zu bringen. Gemeinsam ist ihnen der Respekt zueinander. Meist nah beieinander stehend, oft Hand in Hand singen sie Duette, die für die Ewigkeit gemacht sind. Nicht immer astrein, gerade zu Beginn des zwei Stunden dauernden und rund 30 Songs umfassenden Programms. Das – bewusst? – Unperfekte macht den noch besondereren Reiz dieser erstaunlichen Kooperation aus.

Es wird kokettiert, was das Zeug hält

Gaga und Bennett lassen einander auch Platz für Soli. Sie etwa gibt eine umwerfende Fassung von «La Vie En Rose» zum Besten. Er ein berührendes «Smile», zu dem ihm dereinst der Komponist des Liedes, der «Schweizer» Charlie Chaplin gratuliert habe. Während sie acht Mal die Garderobe wechselt (und auch die Frisur), bleibt er seinem einen, eine Spur zu grossen Anzug treu. Das mögen Äusserlichkeiten sein, in diesem Kontext gehören sie zu einer durchchoreografierten Bühnenshow. Ihm tut die Blutauffrischung durch die 29-Jährige gut, ihr die Erdung durch den mit allen Entertainment-Wassern gewaschenen US-amerikanischen Sänger. Es wird kokettiert, was das Zeug hält, nur um musikalisch wieder am selben Strick zu ziehen – hier mit Stimmwucht, dort mit Souplesse. Kurzum: Das Montreux Jazz Festival ist um einen legendären Konzertabend reicher. Und das mit altmodischem Swing-Jazz im Stile Frank Sinatras – wer hätte das gedacht.

KASTEN 1

Das Great American Songbook

Der Begriff Great American Songbook umfasst herausragende Songs der US-Unterhaltungsmusik aus dem Zeitraum 1930 bis 1960. Zu den bekanntesten Komponisten/Interpreten dieser einmaligen Ära gehören etwa Cole Porter («I’ve Got You Under My Skin»), Irving Berlin («White Christmas»), Duke Ellington («In A Sentimental Mood»), Frank Sinatra («My Way»). Crooner nennt man die Interpreten dieser schmachtend gesungenen, schmalzig-schlagerhaften Songs.

KASTEN 2

Diva-Gehabe

Beim Konzert von Tony Bennett und Lady Gaga am Montreux Jazz Festival waren keine unabhängigen Fotografen zugelassen, sondern nur ein Festival-eigener Fotograf. Von dessen Aufnahmen wiederum gab das Management von Lady Gaga nur gerade eine einzige Aufnahme frei. Unnötiges Superstar-Gehabe, darf man dieser Restriktion für die Fotografenzunft anfügen.

pdf Südostschweiz (09.07.2015)

«Hier ist die Seele des Montreux Jazz Festival zuhause»

Im und um das Music & Convention Centre finden die Konzerte des Montreux Jazz Festival statt. Die «Seele» des Anlasses ist aber das Chalet des verstorbenen Festival-Gründers Claude Nobs. Die «Südostschweiz» war zu Besuch.

Von Hans Bärtsch (Text und Bilder)

Montreux. – Von Traurigkeit keine Spur im Chalet Le Picotin in Caux hoch über Montreux, obwohl der Hausherr fehlt, für immer. Die Besucher – an diesem Tag im Juli 2014 vor allem Medienschaffende aus dem In- und Ausland – geben sich die Klinke in die Hand. Und sind gleich mittendrin in der Welt des vor eineinhalb Jahren verstorbenen Claude Nobs, Gründer und bis zuletzt Spiritus rector des Montreux Jazz Festival.

Nebst allen Konzertaufnahmen hat Claude Nobs auch Instrumente gesammelt.

Claude Nobs hat auch Instrumente gesammelt – etliche dieser Gitarren waren Geschenke.

 

Auf riesigen Bildschirmen läuft in 1a-Ton- und Bildqualität das fantastische Konzert, das Robert Plant am Vorabend gegeben hat. Der ehemalige Sänger von Led Zeppelin, der sich vor wenigen Jahren einer dreistelligen Millionensumme verweigerte, um nicht die «wandelnde Jukebox einer Hardrock-Legende» sein zu müssen, ist mit den Sensational Space Shifters zugange. Die neue Band an Plants Seite ist in der Tat sensationell. Rockiger Blues ist die Basis, aber auch Rock’n’Roll, Folk, Country, Bluegrass, Westcoast-Rock und Orientalisches hat seinen Platz. Dem Zeppelin-Erbe verweigert sich der 65-jährige Lockenkopf nicht, tut das aber dosiert und mit Witz. Den Klassiker «Whole Lotta Love» gibts mit einem afrikanisch-irischen Intermezzo. Selten hat man einen Altstar so jung und mit Vorwärtsdrang statt zurückblickend am Werk gesehen. Auf das im September erscheinende Debutalbum von Plant und seinen Sensational Space Shifters darf man sich freuen.

The Nobs als Alternativname

Dieser Meinung ist auch Thierry Amsallem, für ein Vierteljahrhundert Nobs Lebenspartner und jetzt Verwalter der Schätze, die im Chalet Le Picotin angehäuft sind. Er hat gleich auch eine Anekdote zur Hand zu Led Zeppelin, die in den Siebzigerjahren mehr als einmal in Montreux aufgetreten sind. In einem kritischen Karrieremoment steckend, hätte die Band erwogen, sich neu The Nobs (!) zu nennen. So weit kams dann ja nicht, obwohl ein ernsthafter Rechtsstreit drohte – weil ein Nachfahre des Luftschiffbauers Graf Zeppelin den Namen für sich reklamierte. Schmunzeln in der Runde. Ob Plant auch diesmal ins Chalet hochgekommen sei, will einer wissen. Amsallem bejaht. Einträge im Gästebuch bezeugen, dass der Ort immer noch ein starker Anziehungspunkt ist für Künstler, die am Festival auftreten. Vor allem das Kino unter dem Dach mit ausrangierten Erstklass-Sesseln der Swissair und einer unglaublichen Sound-/Videoanlage.

Blick vom Garten mit dem Saxofon spielenden Elefanten über Montreux und den Genfersee.

Blick vom Garten mit dem Saxofon spielenden Elefanten über Montreux und den Genfersee.

 

Das Herzstück des Chalets ist ein Betonbunker, wo die Bänder mit sämtlichen Aufnahmen lagern, die am Festival gemacht wurden. Und das ist in Ton und Bild praktisch lückenlos alles, was seit 1967 auf den Hauptbühnen stattgefunden hat. Im nächsten Jahr soll die Digitalisierung der Bänder durch die EPFL (das welsche Pendant zur ETH) abgeschlossen sein. Es sind derart unglaubliche Datenmengen, dass man sich am besten mit diesem Bild behilft: Es bräuchte mehr als 20’000 iPods, um die Musik darauf unterzubringen.

Inzwischen sind auch Festivalchef Mathieu Jaton und Shohachi Sakurai zu unserer Gruppe gestossen. Letzterer ist ein ehemaliger hochrangiger Sony-Manager, der dem Montreux Jazz Festival die ersten Aufnahmen in HD-Qualität ermöglichte. Vorreiter in Sachen Technik war das Festival zusammen mit Partnern wie dem japanischen Elektronikkonzern Sony schon immer – diesbezüglich durfte es immer nur das Beste sein. Die Verbundenheit des Festivals mit Japan äussert sich dieses Jahr im Übrigen auch in einem Japan Day.

Aufnahmen als Teil des Vertrags

Geben eigentlich alle Künstler, Agenturen und Plattenfirmen freimütig ihr Einverständnis zu den Aufnahmen? Laut Festivalchef Jaton ist das Bestandteil der Verträge. Aber grundsätzlich wüssten alle Beteiligte nur zu gut, wie wertvoll diese hochklassigen Aufnahmen seien. Und sie seien ja in erster Linie fürs Archiv vorgesehen. Allfällige Veröffentlichungen auf CD/DVD oder eine Freigabe für einen TV-Sender würden zu einem späteren Zeitpunkt neu verhandelt. Sukzessive soll das Archiv, das zum kulturellen Unesco-Welterbe gehört, der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Eventuell auch im Chalet Le Picotin selber, darüber will die Stiftung, die das Erbe des Montreux Jazz Festival mitverwaltet, noch dieses Jahr entscheiden. Vorerst können sich Besucher der immer mehr werdenden Montreux Jazz Café an kleinen Archiv-Häppchen erfreuen. Als jüngstes Glied in dieser Café-Kette wurde just zum Beginn des diesjährigen, 48. Festivals im «Fairmont Le Montreux Palace» ein Montreux Jazz Café in Betrieb genommen.

Überall Sammelstücke und Bildschirme, über die Konzerte flimmern.

Überall im Chalet Sammelstücke und Grossbildschirme, über die Konzerte flimmern.

 

Bleibt zum Abschied ein Blick vom Wohnzimmer des Chalets über den Garten, wo die Skulptur eines Saxofon spielenden Elefanten steht, hinunter nach Montreux und über den wolkenverhangenen Genfersee. «Spürt Ihr das, hier ist die Seele des Montreux Jazz Festival zuhause», sagt jemand. Niemand, der widersprechen wollte. Nur zu gut ist der Geist dieses einmaligen Festivals hier zu spüren.

pdf Südostschweiz (12.07.2014)