Das Beste 2025 (TV-Serien)

Es gibt nichts zu verheimlichen, 2025 habe ich einige Serien verpasst (oder für später aufgehoben), die nun manche Jahresend-Abrechnung dominieren. «Adolescence» etwa, aber auch «The Studio», die dritte Staffel von «Somebody Somewhere» oder «The Pitt». Um letztgenannte (Spital-)Serie mache ich mir keine Sorgen, die wird mit dem Start des neuen Streamingdienstes HBO Max in der Schweiz in Bälde offiziell zu sehen sein. Sie wird einen Spitzenplatz auf meiner To-do-Liste 2026 haben.
Was das vergangene Jahr anbelangt, gab es Anlass zu Ärger, aber noch viel mehr Freude. Ein, zwei ärgerliche Serien seien erwähnt. Staffel 2 von «Bad Sisters» (Apple TV) hat den Fokus beziehungsweise den bissigen britischen Humor fast komplett verloren. Lediglich die letzte Folge entschädigt etwas für das länglich Vorangegangene. «Reykjavik» (Arte) ist ein Drama voller Island-Klisches und erst noch mit miserablen schauspielerischen Leistungen. «The Last Frontier» (Apple TV) ist wohl die unterirdisch schlechteste Actionserie des Jahres. Null Logik in der Story, lieblos erzählt und ebenfalls miserabel gespielt.
Obwohl ich Apple TV jetzt bereits zweimal (negativ) genannt habe, war dieser Streamingdienst auch für etliche Höhepunkte des Serienjahres 2025 verantwortlich. Genannt seien lediglich «Krank Berlin», «Pluribus», «Severance» oder «Slow Horses». Hier nun in alphabetischer Reihenfolge das, was mir am besten gefallen hat in den vergangenen zwölf Monaten.

«Alien: Earth» (Miniserie; Disney plus)
Entweder wird diese Serie heisst geliebt oder abgrundtief gehasst. Etwas dazwischen scheint es nicht zu geben, wenn man sich durch die Kritiken liest. Ich mache in der Regel einen grossen Bogen um alles, was mit Science-fiction zu tun hat. Hier wollte ich einfach mal schauen, wie es ist, als Aussteiger nach dem ersten «Alien»-Kinofilm 1979 nochmals in die Welt dieser Kreaturen einzutauchen. Zumal es zum Zusammenprall mit der Erde kommt. Und siehe da: Der Gruselfaktor und das Erzähltempo stimmen. Die klaustrophobische Grundstimmung geht unter die Haut.

«Blue Lights» (Staffel 3; BBC One)
Erst publizierte der «Guardian» einen Verriss dieser in Belfast spielenden Polizeiserie. Um zum Jahresende zur Erkenntnis zu kommen, sie habe sich zu einer der besten Serien am TV überhaupt entwickelt. Irgendwie schaffen es die Macher von «Blue Lights», einem das Personal derart nahezubringen, dass man als Zuschauer meint, Teil der Geschehnisse zu sein. Die Gemengelage in der Hauptstadt von Nordirland ist nach wie vor gross, umso wichtiger ist Vertrauen zu den Kolleginnen und Kollegen in Uniform.

«Dept. Q» (Staffel 1; Netflix)
Ein traumatisierter Polizist (Matthew Goode) kehrt in den Dienst zurück, wird aber in eine neu gegründete Abteilung versetzt, wo er sich um ungelöste Fälle kümmern soll. Was nach einem Abstellgleis aussieht, entwickelt sich zu einer höchst spannenden Suche nach einer Staatsanwältin, die vor vier Jahren spurlos verschwunden ist. Die Geschichte nach einem Roman von Jussi Adler-Olsen wird konventionell, aber stringent erzählt, Schauplatz ist das schottische Edinburgh, wo die Sonne (zumindest in dieser Serie) selten bis nie scheint. Ein Leckerbissen für Krimifans.

«Die Affäre Cum-Ex» (Miniserie; ZDF)
Steuerrückerstattungen sind ja etwas Alltägliches. Was aber, wenn es zu Rückerstattungen kommt, selbst wenn gar keine Steuern bezahlt wurden? Der Fall beruht auf Tatsachen – er hat allein in Deutschland für einen Schaden in Höhe von rund 36 Milliarden Euro gesorgt. Dass er aufflog, war Investigativjournalisten zu verdanken, aber auch unerschrockenen Mitarbeiterinnen bei der Staatsanwaltschaft. Ein unterhaltsamer Einblick in die komplexe Finanzwelt in einer dänisch-deutschen Coproduktion mit fantastisch agierenden Schauspielerinnen und Schauspielern wie Justus von Dohnányi oder Lisa Wagner.

«Home For Christmas» (Staffel 3; Netflix)
Für romantische Komödien bin ich immer mal wieder zu haben, sie müssen einfach die Kurve um die Grenze zum Kitsch schaffen. Nach fünf Jahren Pause ist Johanne (Ida Elise Broch) mal wieder solo. Und lädt die Familie zu sich nach Hause ein, um Weihnachten zu feiern. Dumm nur, dass ihre Küche wegen eines Wasserschadens erneuert werden muss. Dass der Handwerker noch eine wichtige Rolle in Johannes Leben spielen wird – man ahnt es früh. Gleichwohl sind die Irrungen und Wirrungen im Leben der Pflegefachfrau einfach nur herzerwärmend. Eine Perle aus dem norwegischen Serienschaffen.

«How To Sell Drugs Online (Fast)» (Schlussstaffel 4; Netflix)
So sperrig der Name, so furios der Start dieser deutschen Serie 2019. Inspiriert von der wahren Geschichte von Teenagern, die quasi aus dem Kinderzimmer heraus Drogen online vertickten, entwickelte sie sich zu einem Quotenrenner. Jetzt ist Schluss. Moritz, gerade aus dem Knast entlassen, wird von seinen Kollegen (vor allem seinem besten Freund Lenny) als Stehengeblieben taxiert. Da kommt ihm zugute, dass er sich im Gefängnis Respekt erarbeitet hat. Eine tragfähige Lebensbasis ist das aber nicht.

«Krank Berlin» (Staffel 1; Apple TV/ZDF Neo)
Dr. Parker zieht nach einer persönlichen Krise von München nach Berlin, um den chaotischen Betrieb in einer Notaufnahme in den Griff zu bekommen. Das scheitert allein schon daran, weil die Krankenpfleger und Notärzte zwar die Helden des Alltags sind, aber teilweise die grösseren Junkies als ihre Kundschaft. Täglich gehts um Leben und Tod, nebenbei auch um die menschliche Würde, welche einzelnen Ärzten wichtiger ist als anderen. Eine Serie wie ein Fiebertraum, so kaputte Figuren hat man noch selten gesehen. Manchmal tuts richtig weh, zuzuschauen.

«Pluribus» (Staffel 1; Apple TV)
Wo der Name Vince Gilligan draufsteht, kann man bedenkenlos zugreifen. Der Macher von «Breaking Bad» und «Better Call Saul» hat hier allerdings das Genre gewechselt. In «Pluribus» verfällt die Menschheit in ein kollektives Glücklichsein. Und: Alle haben dieselben Fähigkeiten, was heisst, dass Kinder Flugzeuge fliegen oder Operationen vornehmen können. Hauptdarstellerin Rhea Seehorn (Kim Wexler aus «Better Call Saul») ist eine von wenigen Personen, die von diesem «Virus» nicht angesteckt ist und in ihrer Miesepetrigkeit gegen die neue Weltordnung aufbegehrt. Das ist hochphilosophisch. Denn: Wollen wir nicht alle in einem Paradies des Gleichseins leben, wo alle happy sind?

«Severance» (Staffel 2; Apple TV)
Work/Life-Balance: Die gibt es in «Severance». Wenngleich nicht so, wie wir sie uns vorstellen. Denn wer in dieser Welt am Morgen zur Arbeit geht, erinnert sich nicht mehr an sein Zuhause. Dasselbe am Abend, nur umgekehrt. Im Büro haben alle nur sinnlose Aufgaben zu bewältigen. Der einen oder dem anderen dämmert dies, aber aus dem Hamsterrad bei diesem Konzern scheint es kein Entkommen zu geben, zumal angesichts einer totalen Überwachung. Staffel 2 bringt nur wenig Licht in die Fragen, welche die Angestellten umtreibt. Stellt dafür neue.

«Slow Horses» (Staffel 5; Apple TV)
Kann es sein, dass jede Staffel nochmals ein bisschen besser, witziger wird? Oder ist es einfach die Vorfreude auf jedes neue Lebenszeichen aus dem Slough House, wo in Ungnade gefallene Geheimdienstmitarbeitende ihre Zeit abhocken? Jedenfalls piesackt Jackson Lamb (Gary Oldman) seine Untergebenen auch in diesem Fall, in dem es um eine (explosive) Bürgermeisterwahl in London geht. Die Romanreihe von Mick Herron gibt noch einiges her, Staffel 6 ist bereits abgedreht, Staffel 7 in der Produktionsphase. Solch hohe Kadenzen würde man auch manch anderer TV-Serie wünschen.

«Stranger Things» (Schlussstaffel 5; Netflix)
Science-fiction beziehungsweise Fantasy ist nicht mein Ding – siehe weiter oben. Mit Ausnahmen. «Stranger Things» ist eine davon. Die 80er-Jahre-Ästhetik (ein Lied von Kate Bush spielt eine zentrale Rolle), die Bewohner des Städtchens Hawkins, die Bösewichte in «Upside Down» – die Frage aller Fragen ist, wie das Ganze endet (die allerletzte Folge ist erst in diesen Stunden abrufbar). Eigentlich (fast) egal. Hier geht einfach eine Serie zu Ende, in der man die Kinder von Hawkins wachsen gesehen hat. Jetzt sind sie – im wahrsten Sinne des Wortes – entwachsen. Mindestens eine Träne werde ich verdrücken.

«Task» (Staffel 1; HBO/Sky Show)
Ein frisch zusammengewürfeltes FBI-Team ermittelt in einem Gangkrieg in der ländlichen Umgebung von Philadelphia. Mark Ruffalo leitet das Team widerwillig, weil er eigentlich gar nicht mehr ins Feld zurückwollte. Die Story entwickelt sich unspektakulär. Die Figuren werden aber in einer Tiefe beleuchtet, die schier wehtut. Vor allem ist «Task» ein Abbild der völlig kaputten USA, wo die (Waffen-)Gewalt allgegenwärtig ist. Brad Ingelsby, der Macher dieser Serie, hat schon das grossartige «Mare Of Easttown» verantwortet.

«White Lotus» (Staffel 3; Sky Show)
Diesmal spielt «White Lotus» in Thailand. Erneut ist die Welt der Schönen und Reichen alles andere denn perfekt. Im Gegenteil: Die einen halten es ohne Medikamente/Drogen kaum ein paar Stunden aus, andere schaffen es kaum, das Handy mal wegzulegen. Und die dritten sind innerlich derart verkrüppelt, dass sie entweder komplett beziehungsunfähig oder aber tumbe Sexisten sind. Erneut kulminieren die Geschehnisse in der letzten Folge, begleitet von einer schon schier gespenstischen Tonspur.

Ebenfalls gern gesehen (nicht alle mit Erscheinungsjahr 2025):
«Au Fond du trou» (Eingelocht) – Miniserie (Arte)
«Black Doves» – Staffel 1 (Netflix)
«Club der Dinosaurier» – Miniserie (ZDF Neo)
«Das Reservat» – Miniserie (Netflix)
«Der Schatten» – Miniserie (ZDF Neo/Netflix)
«Down Cemetery Road» – Staffel 1 (Apple TV)
«East Side» – Miniserie (Arte)
«Gangs Of London» – Staffel 2 (Sky Show)
«Hostage» – Miniserie (Netflix)
«Legenden» – Miniserie (Netflix)
«L’ultim Rumantsch» – Staffel 2 (RTR/Playsuisse)
«Mr Bates vs The Post Office» – Miniserie (Arte)
«No Man’s Land» (Kampf um den Halbmond) – Staffel 2 (Arte)
«The Diplomat» – Staffel 3 (Netflix)
«The Night Agent» – Staffel 2 (Netflix)
«Totenfrau» – Staffel 2 (Netflix)
«Tschappel» – Staffel 1 (ZDF Neo)
«Untamed» – Miniserie (Netflix)
«Yellowstone» – Schlussstaffel 5, 2. Teil (Sky Show)

Das Beste 2025 (Musik)

Seit Spotify mein musikalisches Alter bei 16 sieht, laufe ich mit stolzgeschwellter Brust umher – sooo jung, sooo up-to-date. Ist natürlich Quatsch. Spotify kann mich – wie seit Jahren – einfach nicht einschätzen, weil mein Musikgeschmack schlicht zu breit ist. Und darauf bilde ich mir tatsächlich etwas ein. Mich interessiert so viel Neues und Aktuelles, dass ich kaum dazu komme, Altbewährtes zu hören. Nachfolgend in alphabetischer Reihenfolge die persönlichen Perlen des Musikjahres 2025, von denen es wieder einige gab.

Birds On A Wire, «Nuées ardentes»
Das dritte Album von Rosemary Standley und Dom La Nena ist ein federleichter Gang durch die Popgeschichte. Der Bandname ist an Leonard Cohen angelehnt. Folk ist auch bei diesem Duo die Basis. Ansonsten gibt es keine Epochen- und Genregrenzen. Allein, wie der Klassiker «Smalltown Boy» von Bronski Beat mit Cello und Kinderchor völlig neu angerichtet wird, ist betörend.

Divine Comedy, «Rainy Sunday Afternoon»
Grosse Songs, gesungen von einer der ganz grossen Stimmen des Pop: Neil Hannon. Am Kammerpop von Divine Comedy kann ich mich nicht satthören. Das 13. Album wurde in den Abbey Road Studios in London eingespielt und enthält wiederum hinreissend-elegante Melodien, die dank eines Klassikorchesters noch besser zur Geltung kommen.

Dub Spencer & Trance Hill, «Synchronos»
Hat es eigentlich je ein Album der Schweizer Dubformation gegeben, das es nicht in eine meiner Jahresbestenlisten geschafft hat? Kann mich grad nicht erinnern. Bereits die ersten Sekunden des ersten Songs hauen rein, wie nur was. Und dann ist man auch schon mittendrin in der hochpräzisen, aber nie sterilen Soundtüftelei von Dub Spencer & Trance Hill.

Ethel Cain, «Willoughby Tucker, I’ll Always Love You»
Eines der geheimnisvollsten Wesen im aktuellen Musikzirkus. War das ebenfalls 2025 veröffentlichte «Perverts» ein eineinhalbstündiger Drone-Krach, kehrt die Singer/Songwriterin Hayden Anhedönia hier zu klassischeren Songstrukturen zurück. Aber es bleibt magisch-zerdehnt, (alp-)traumhaft, unberechenbar. Das Album zeichnet ein Bild, wie man sich heutzutage in den Südstaaten der USA als Aussenseiterin fühlen muss – ziemlich einsam.

Geese, «Getting Killed»
Obschon sie schon knapp zehn Jahre zusammen spielen, sind sie immer noch Jungspunde. Entsprechend hemmungslos lassen es die New Yorker mit unglaublichem Groove rocken und krachen. Die Stimme von Cameron Winter vergisst man, einmal gehört, eh nie mehr. Sie kann aber, je nach Stimmungslage, auch nerven. Solange es solche Bands gibt, lebt der Indierock.

King Size Dub, «Hamburg»
30 Jahre hat die Dub-Compilation-Serie «King Size Dub» auf dem Buckel. 30 äusserst spannende Jahre, die mit dem Label Echo Beach einhergehen, das in Hamburg ansässig ist. Drei Dutzend Songs zeugen von der Vitalität der Stadt an der Elbe. Alles, was Rang und Namen hat, ist mit von der Partie: Deichkind, Fettes Brot, Udo Lindenberg, Jan Delay, Die Goldenen Zitronen, Knarf Rellöm, DJ Koze. Eine prächtige Sammlung Nischen-Musik.

Les Yeux d’la Tête, «La vie est belle»
Keine Jahresbestenliste ohne Worldmusic-Album. Dieses Pariser Sextett ist bekannt für mitreissende Konzerte, aber auch ab Konserve hat dieser Mix aus Balkan-Beats, Chanson, Folk und Swing die Wirkung einer Frischzellenkur. Leider steht die Schweiz nur höchst selten auf dem Tourplan von Les Yeux d’la Tête. Am jährlichen Zelt-Musik-Festival in Freiburg i.Br. sind sie dafür praktisch Stammgäste. Das ist ja nicht weit.

Nick Cave & The Bad Seeds, «Live God»
Konzerte von Nick Cave, auch wenn sie in sterilen Hallen stattfinden, sind mittlerweile so etwas wie Gospel-Messen mit Hohepriester Cave mittendrin. Dieses Album ist eine Sammlung des aktuellen Liveprogramms minus einige der schon (zu) oft veröffentlichten Hits («The Weeping Song», «Mercy Seat»). Die Live-Energie dringt auch via Tonträger aus jeder Rille. Es ist Musik von grosser Erhabenheit. Und Anlass dazu, Ausschau zu halten auf den nächsten Tourhalt in der Nähe.

Pink Floyd, «Pink Floyd At Pompeii (2025 Mix)»
Noch nie war der Auftritt von Pink Floyd in diesem antiken italienischen Amphitheater in derartiger klanglicher Brillanz zu hören (Mix: Steve Wilson, wer sonst). Er zeigt die Band an einem Wendepunkt ihrer Karriere – zwischen psychedelischen Experimenten und kommerzielleren Alben wie «The Dark Side Of The Moon» oder «Wish You Were Here», die Pink Floyd zu Weltstars machten.

Pulp, «More»
Zusammen mit dem fantastischen Auftritt am Montreux Jazz Festival ist das Comeback-Album der Briten einer der bleibendsten musikalischen Eindrücke der vergangenen zwölf Monate. Wie es Jarvis Cocker schafft, dem Älterwerden ein Schnippchen zu schlagen und weiterhin zeitlose Songs zu kreieren, ist sein Geheimnis. Wir lassen das gern geschehen. Möchten nur lieber nicht mehr so lange warten müssen bis zum nächsten Pulp-Lebenszeichen.

Radiohead, «Hail To The Thief (Live Recordings 2003–2009)»
Ein Album, das praktisch aus dem Nichts kam. Beim Anhören alter Liveaufnahmen sei man ob der damaligen Spielwucht regelrecht erschrocken, so Radiohead-Sänger Thom Yorke. Und habe sich daran gemacht, das bei der Veröffentlichung 2003 umstrittene Album «Hail To The Thief» für die Fans quasi neu aufzubereiten. Das ist sperriger, aufrüttelnder Rock, wie ihn nur diese Band zustande bringt.

Robert Finley, «Hallelujah! Don’t Let The Devil Food Ya»
Erst mit 62 hat er sein erstes Album veröffentlicht. Knapp zehn Jahre später ist Robert Finley einer jener Sänger, denen man attestiert, das Erbe der grossen Soul-Blues-Kämpen weitertragen zu können. Der vorliegende fünfte Longplayer wurde erneut von Dan Auerbach (Black Keys) produziert. Zum Einspielen der acht Songs genügte ein einziger Studiotag. Es sind rohe, funky, Gospel-getränkte Werke.

Rosalía, «Lux»
Wohl das meisterlichste Gesamtkunstwerk des Musikjahres 2025. Rosalía schöpft aus allem, was die Popwelt zu bieten hat, lässt Streicher jubilieren, Elektrogewitter sich entladen. Und über allem thront die Stimme der Spanierin. Pompös, verschwenderisch, berührend. In «Berghain» zeigt sich in weniger als drei Minuten die Einzigartigkeit von Rosalía – hier kommt es sogar zu einem Zusammentreffen mit Björk, dieser einst ebenso innovativen isländischen Musikerin.

The Last Dinner Party, «From The Pyre»
Theatraler, barocker Pop: Dafür stehen die Britinnen um Sängerin Abigail Morris. Sie kreieren wunderbare Klangbilder im Stile von Kate Bush. Am Schluss lodert ein Fegefeuer. «From The Pyre» meint «Vom Scheiterhaufen». Allerdings nicht im Sinne von «Wir liegen auf dem Scheiterhaufen», sondern «In uns lodert ein Feuer». Willkommen in der Welt des 70er-Glamrocks. Keine Band lässt jene Epoche so sinnlich wiederauferstehen wie The Last Dinner Party.

Young Gods, «Appear Disappear»
Wow, die nicht mehr ganz so jungen Götter finden den Weg nochmals zurück zu ihrem Markenzeichen: Brachialem Industrial-Rock, der x andere Bands beeinflusst hat (Nine Inch Nails, Nirvana, Faith No More). Die Genfer musizieren wuchtig, ufern auf dem aktuellen Album aber nie aus, lediglich ein Song überschreitet die 6-Minuten-Grenze. Und sie reihen sich nahtlos ein in Klassiker wie «Skinflowers». 40 Jahre Young Gods und, so macht es den Anschein, kein bisschen müde. Gut so.

Ebenfalls gern gehört:
Adrian Sherwood, «The Collapse Of Everything»
Baxter Dury, «Allbarone»
Beirut, «A Study Of Losses»
Ben Kweller, «Cover The Mirrors»
Brown Spirits, «Cosmic Seeds»
Caroline, «Caroline 2»
Cass McCombs, «Interiors Live Oak»
CMAT, «Euro-Country»
Colosseum, «XI»
Derya Yildirim & Grup Şimşek, «Yarin Yoksa»
DJ Koze, «Music Can Hear Us»
Doves, «Constellations For The Lonely»
Durand Jones & The Indications, «Flowers»
Edwyn Collins, «Nation Shall Speak Unto Nation»
Folk Bitch Trio, «Now Would Be A Good Time»
Heartworms, «Glutton For Punishment»
Jeff Tweedy, «Twilight Override»
John Fogerty, «Legacy: The Creedence Clearwater Revival Years (John’s Version)»
Kinky Friedman, «Poet Of Motel 6»
Panda Bear, «Sinister Grift»
Poppa Chubby & Friends, «I Love Freddie Kind»
Puts Marie, Pigeons, Politicians & Pinups During The End Time Of Mankind»
Queens Of The Stone Age, «Alive In The Catacombs» (EP)
Ryan Davis & The Roadhouse Band, «New Threats From The Soul»
Sharon Van Etten & The Attachment Theory,
Soul Rebel (Ras Theo meets Lone Ark)
Stahlberger, «Immer dur Nächt»
Studio, «West Coast»
Suede, «Antidepressants»
The Beauty Of Gemina Trio+, «Little Big Beat Studio Live Session»
Wednesday, «Bleeds»
Wet Leg, «Moisturizer»
Yzoula & Louis Fontaine, «Des Animaux Pires Que Moi»

Das Beste 2024 (Musik)

Fans von Bestenlisten haben bestimmt die Jahresbilanz des britischen «Guardian» gesehen. Auf den ersten Plätzen tummeln sich fast ausschliesslich Musikerinnen, von Charli XCX über Cindy Lee zu Billie Eilish, Clairo, Beyoncé, Nilüfer Yanya, Kim Gordon, Sabrina Carpenter und und und. Die grosse Abwesende: Taylor Swift, obwohl 2024 über kaum eine andere Sängerin derart viel berichtet wurde wie über die 35-jährige Amerikanerin. Ich selber bin bei musikalischen Erzeugnissen kein Anhänger geschlechtsspezifischer Betrachtungen – mir ist einfach eine gewisse Langzeitwirkung wichtig. Und Kriterien, die Songs zu dem machen, dass man sie auch gerne in Dauerschlaufe hört. Wobei das mit Einzelsongs so eine Sache ist. Am liebsten ist mir unverändert das Albumformat, denn das ist nochmals eine ganz andere Kunstform. Hier in alphabetischer Reihenfolge das, was mir das vergangene Jahr über am meisten Freude bereitet hat.

Beak>, >>>>
Die Band von Ex-Portishead-Schlagzeuger Geoff Barrow mit ihrem ersten grösseren Lebenszeichen nach längerer Pause. Grossartiger Krautrock und Anverwandtes in Songs jenseits der 3-Minuten-Grenze.

Cassandra Jenkins, «My Light, My Destroyer»
Watteweicher Ambient-Folk, bei dem die New Yorkerin zwischendurch auch die Rockgitarre krachen lässt. Prächtige Songs, hübsch arrangiert mit Streichern/Bläsern. Und natürlich wunderbar gesungen.

Element Of Crime, «Wenn es dunkel und kalt wird in Berlin (live)»
Der Soundtrack zu Charly Hübners Dokumentarfilm, welcher 40 Jahre Bandgeschichte umfasst. Ein 16 melodietriefende Lieder umfassender Streifzug durch Berliner Clubs und Konzertsäle. Anders gesagt: Eine «Best of…»-Sammlung der besonderen und besonders gelungenen Art.

Grandaddy, «Blu Wav»
Nein, dies ist kein neues «The Sophtware Slump», dazu fehlen Abwechslung und Überraschungen. Aber ein sehr willkommenes Wiederhören mit dem unverwechselbaren Grandaddy-Sound, dem viel Americana innewohnt.

King Hannah, «Big Swimmer»
Das Resultat einer USA-Reise, welches die Sängerin aus Liverpool hier präsentiert. Das mäandert zwischen klassischen Americana-Sounds und psychedelischem Wüstenrock. Ein zeitloser Trip.

King Size Dub 24, Diverse
Stellvertretend für das weltweit in Nischen gepflegte Dub-Schaffen. Hier stammt das meiste von KünstlerInnen, die beim deutschen Label Echo Beach zu Hause sind und das ganze Spektrum dieses Genres abzudecken verstehen.

Lady Blackbird, «Slang Spirituals»
Eine ganz grosse Stimme des Gospel, Jazz, Funk und Soul. Live gibt sie den Paradiesvogel – im Versuch, ihre christliche Prägung und ihre queere Identität in Einklang zu bringen. Das euphorisierendste Album in dieser Aufzählung.

Marla Hansen, «Salt»
Aus der Not, sprich dem Corona-Lockdown geboren. Die in Berlin lebende Amerikanerin, die schon mit allerlei Berühmtheiten von Sufjan Stevens bis Kanye West zu tun hatte, spielte diese faszinierenden Kammerpop-Songs in Eigenregie ein.

Mikko Joensuu, «Long Ark»
Seit ich den Finnen 2017 am Iceland Airwaves live erleben durfte, ist es um mich geschehen. Zwischen Melancholie und Depression ist es bei Mikko Joensuu nie weit. Allein der 16-Minüter «Thy Will» lohnt dieses Album.

Mono, «Oath»
Bei Mono handelt es sich um eine japanische Post-Rock-Band. Dies markiert die letzte Zusammenarbeit mit Produzenten-Legende Steve Albini, der letzten Mai verstorben ist. Prachtvoller Gitarren-Noise irgendwo zwischen Godspeed You! Black Emperor und Mogwai.

Peder, «The Coldest Man Alive»
Das Wort Tausendsassa ist bei diesem Dänen wohl nicht verkehrt – er ist Schauspieler, Filmmusik-Komponist (u.a. «Breaking Bad»), Musiker. Und legt hier ein Sammlung von Ohrwürmern vor, die manchmal an David Lynch erinnern.

Slowshift, «World Going One Way»
Wenn Klassik, Jazz, Elektro und harter Rock derart gekonnt durcheinander gewirbelt werden, kann eigentlich nur der Norweger Kristoffer Lo dahinterstecken. Mit Musikern von Motorpsycho und Of Monsters And Men hat er Gleichgesinnte gefunden für seinen Breitleinwand-Sound.

T Bone Burnett, «The Other Side»
Er ist so etwas wie die Überfigur des Americana-Revivals, hat schon mit Gott und der Welt gespielt. Diesmal ist etwa Rosanne Cash mit von der Partie. Das Dutzend Songs ist nahe beim Country angesiedelt und eben doch nicht ganz, was ihren Reiz ausmacht.

The Smile, «Cutouts»
Die beste Nicht-Radiohead-Scheibe, wobei mit Thom Yorke und Jonny Greenwood schon ziemlich viel Radiohead drinsteckt. Exzellente Resteverwertung des erst gut ein halbes Jahr zuvor erschienenen Albums «Wall Of Eyes».

Vampire Weekend, «Only God Was Above Us»
Die Lieblinge der Indie-Gemeinde haben mit dieser Sammlung stets leicht überladen wirkender Songs lange auf sich warten lassen. Und hauen einen mit ihren quirligen Grossstadt-Hymnen schier aus den Socken. Mehr davon – bald!

Ebenfalls gern gehört:
Aaron Frazer, «Into The Blue»
Aircooled, «Eat The Gold»
Beth Gibbons, «Lives Outgrown»
Beyoncé, «Cowboy Carter»
Bill Ryder-Jones, «Iechyd Da»
Black Keys, «Ohio Players»
Christos DC, «Kung Fu Action Theatre»
Cure, «Songs Of A Lost World»
Decemberists, «As It Ever Was, So It Will Be Again»
Doug Paisley, «Sad Old World»
Dub Shepards, «Tape Me Out, Vol. 5»
Eels, «Eels Time!»
Elbow, «Audio Vertigo»
Emiliana Torrini, «Miss Flower»
Faber, «Addio»
Father John Misty, «Mahashmashana»
Fat White Family, «Forgiveness Is Yours»
Fontaines D.C., «Romance»
Gruff Rhys, «Sadness Sets Me Free»
Hayden Thorpe, «Ness»
Hermanos Gutiérrez, «Sonido Cósmico»
Horace Andy & Jah Wobble, «Timeless Roots»
Hornsman Coyote meets House Of Riddim, «Madman Slide»
Idles, «Tangk»
J. Bernardt, «Contigo»
Jack White, «No Name»
James, «Yummi»
JD McPherson, «Nite Owls»
John Cale, «POPtical Illusion»
Kamazi Washington, «Fearless Movement»
Lafayette Gilchrist, «Undaunted» (Nov. 23)
Lamplight, «Lamplight»
Linda Thompson, «Proxy Music»
Lord Kesseli & The Drums, «I Was In Love»
Loren Kramar, «Glovemaker»
Manu Chao, «Viva Tu»
Michael Head & The Red Elastic Band, «Loophole»
Michael Kiwanuka, «Small Changes»
Michelle David & The True-Tones, «Brothers & Sisters»
MJ Lenderman, «Manning Fireworks»
Nick Cave & The Bad Seeds, «Wild God»
One Sentence.Supervisor, «Temporär Musik 20-29»
Opeth, «The Last Will And Testament»
Raymond Richards, «Sand Paintings»
Red Hot Org, «Transa» (Diverse)
Richard Hawley, «In This City They Call You Love»
Roman Nowka’s Hot 3 & Stephan Eicher, «Kunscht isch geng es Risiko – eine Hommage an die Musik von Mani Matter»
Roots Architects, «From Then ‘Till Now»
Secret Sisters, «Mind, Man, Medicine»
Soap & Skin, «Torso»
Soft Loft, «The Party And The Mess»
Starsailor, «Where The Wild Things Grow»
The Last Dinner Party, «Prelude To Ecstasy»
Tindersticks, «Soft Tissue»
Tucker Zimmerman, «Dance Of Love»
Underworld, «Strawberry Hotel»
Youthie & Macca Dread, «Gecko Tones»
Vibronics, «Woman On A Mission 2»
Wayne Graham, «Bastion»
Wolfgang Valbrun, «Flawed By Design»

Das Beste 2024 (TV-Serien)

Dieses Jahr hat mir der Killerinstinkt gefehlt, mittelmässige Serien einfach zu beenden. Irgendwie war immer die Hoffnung da, dass es doch nur besser kommen kann. Die zweite Staffel von «The Old Man» mit Jeff Bridges und John Lithgow ist so ein Beispiel: Dünne, in die Länge gezogene Story, mit faden Dialogen unnötig verkompliziert erzählt. Ein klarer Rückschritt im Vergleich zu Staffel 1. Soeben wurde bekannt, dass es von FX keine Fortsetzung geben wird, der Cliffhanger zum Schluss war also vergebens.

Damit zum Guten aus dem TV-Serienjahr 2024, davon gab es einiges. Ob dem Zufall geschuldet oder nicht – es waren vor allem Fortsetzungen, die es mir angetan haben («Fargo», «True Detective» usw.). Unter den neuen Produktionen stach etwa «Ripley» heraus oder «The Penguin». Die USA und Grossbritannien dominierten als Herkunftsländer. Plus die Schweiz. Keine andere Serie hat mich derart amüsiert wie «Tschugger».

2024 war indes auch ein Jahr, in dem vieles liegengeblieben und auf die To-do-Liste gewandert ist, etwa «Baby Reindeer», «Shōgun», «Industry» (Staffel 2), «Silo» (Staffel 2), «Cidade de Deus», «Hundert Jahre Einsamkeit», «Landman», «Black Doves», «Disclaimer». Hier nun meine Top-15, in keiner speziellen Reihenfolge.

Slow Horses – Staffel 4 (Apple TV+)
Eines dieser Serien-Wunderwerke. Staffel für Staffel halten die Macher ihr hohes Niveau. Diesmal steht der stets übelgelaunte, komplett unberechenbare Jackson Lamp (Gary Oldman) nicht derart im Fokus wie zuvor. Dafür andere Exponenten seiner Looser-Agententruppe. Ein kurzweiliges Spionagedrama in David-und-Goliath-Manier, wobei der britische Geheimdienst MI5 in der übermächtigen Goliath-Rolle ist. Staffel 5 ist bereits im Kasten.

Fargo – Staffel 5 (FX)
Dorothy «Dot» Lyon (Juno Temple) führt im Mittleren Westen der USA ein beschauliches Hausfrauen-Leben. Aber nur vermeintlich. Plötzlich sind ihr der Ex, ein skrupelloser Sheriff (Motto: «A hard man for hard times»), auf der Spur, dessen um Anerkennung ringender Sohn und ein dubioser Landstreicher. Jeder Dialogfetzen, jedes Augenzwinkern ist hier von existenzieller Bedeutung. Eine der besten Staffeln der einst von den Coen-Brüdern lancierten, noch immer ziemlich blutigen Serie voller skurriler Gestalten.

True Detective – Staffel 4 (HBO/Sky)
Wie «Fargo» eine Anthologie-Serie. Diesmal ermitteln Jodie Foster und Kali Reis in der arktischen Polarfinsternis, wo Wissenschaftler einer Forschungsstation auf schreckliche Art ums Leben gekommen sind. Dass die beiden Polizistinnen ebenfalls dunkle Geheimnisse hüten und es miteinander überhaupt nicht können, macht die Sache nicht einfacher. Dazu scheint es zu spuken. Jedenfalls knüpft dieser Teil an die geniale erste Staffel von «True Detective» an.

Inside No. 9 – Schlussstaffel 9 (BBC Two)
Und noch eine Anthologie-Serie. Hier geht es stets um die Zahl 9, durch welche die einzelnen, rund 30-minütigen Folgen miteinander verknüpft sind. Schwarzhumoriger geht es kaum, aber dafür sind die Briten ja bekannt. Reece Shearsmith und Steve Pemberton sind wieder die absonderlichsten Geschichten eingefallen und sie schlüpfen selber erneut in etliche Rollen. Wenn dies tatsächlich der Abschluss ist, dann ist es einer der allerbesten, den Serienmacher je hinbekommen haben.

Blue Lights – Staffel 2 (BBC One)
Ein Jahr nach dem Sturz der berüchtigten McIntyre-Familie regiert in Belfast das Chaos. Junge Polizeirekruten müssen sich nicht nur den «normalen» Herausforderungen ihres Berufs stellen, sondern auch dem wachsenden Bandenkrieg, der die Strassen unsicher macht. Die einen wachsen an ihrer Aufgabe, die anderen zerbrechen daran. Es mag nicht die originellste Serienidee sein, aber die Figuren packen einen als Zuschauenden unweigerlich.

The Responder – Staffel 2 (BBC)
Das eben Gesagte gilt auch für diese Serie, in der es um einen Ersthelfer in Liverpool geht (brillant: Martin Freeman). Selber komplett überfordert mit seinem Leben, verstrickt er sich in immer üblere Händel mit zwielichtigen Figuren – und mit einer Kollegin bei der Polizei. Der Job wird quasi zur Nebensache. Ohne zu viel zu verraten: Beim Ziel, ein besserer Mensch (vor allem ein besserer Vater für seine in die Drogen geratene Tochter) zu werden, bleibt es letztlich beim Versuch.

We Are Lady Parts – Staffel 2 (Channel 4)
Nochmals Grossbritannien, diesmal London. Die Story dieser rein weiblich besetzten muslimischen Punkband war ein derartiger Erfolg, dass es eher ungeplant zu einer Staffel 2 kam. Auch diese ist wiederum unglaublich witzig. Worum gehts? Das erste Album ist im Kasten, frau hat das Gefühl, das «next big thing» zu sein. Aber da gibts auch Zweifel am kommerziellen Ausverkauf. Weist eine Influenzerin den Weg oder bringt sie die Band nur weiter auseinander? Was für ein Drama!

Showtrial – Staffel 2 (BBC)
Ein Klimaaktivist wird angefahren und vom Verursacher schwer verletzt zurückgelassen. Gegenüber einer Rettungskraft identifiziert der Mann seinen Killer im letzten Moment – einen Polizisten. Aber wer ist der namenlose «Officer X»? Wie schon in der famosen Staffel 1 kommt es erst vor Gericht zur Klärung der Schuldfrage. Der Weg dorthin ist extrem spannend, obwohl man den Täter schon früh kennt.

The Penguin – Miniserie (HBO/Sky)
Fantasy-Serien sind nicht mein Ding. Aber dieses Spin-off von «The Batman» hat mehr als genug Realitätssinn, um auch mich in die Fänge zu nehmen. Zuallererst natürlich wegen Colin Farrell, der den wegen seines watschelnden Gangs Pinguin genannten Gangster schlicht grossartig spielt. Wer dessen Aufstieg zum heimlichen Boss von Gotham City in die Quere kommt, wird aus dem Weg geräumt. In der Wahl seiner Unterstützer ist Oz nicht wählerisch, geschickt weiss er die verschiedenen kriminellen Familien gegeneinander auszuspielen. Die Schlussfolge dieses Achtteilers ist für die Serien-Ewigkeit.

Ripley – Miniserie (Netflix)
Ein Thema, das via frühere Adaptionen etwa mit Alain Delon oder Matt Damon sattsam bekannt ist, als Serie in schwarz-weiss zu lancieren, birgt einige Risiken. Hier wurden alle Klippen umschifft. Ein reicher Mann beauftragt Tom Ripley (Andrew Scott), nach Italien zu reisen, um seinen vagabundierenden Sohn zur Rückkehr zu bewegen. Als Tom den Auftrag annimmt, ist das der erste Schritt in ein Leben voller Täuschung, Betrug und Mord. Besser als ein Twitter-Bekannter könnte ich es nicht formulieren: «Nahe der Perfektion. Schauspieler, Story, Soundtrack, Fotografie… einfach unglaublich gut!»

Tschugger – Schlussstaffel 4 (SRF)
Was für ein Serienfinale: Bax und Co. schaffen es bis in die USA zu einer Anhörung. Dabei ist die meiste Zeit natürlich das Wallis das Betätigungsfeld des Supercops. Als eine Wandergruppe ein ausgebranntes Auto entdeckt, in dessen Kofferraum eine verkohlte Leiche liegt, ist das der Beginn von viel Ungemach für Bax und seinen Polizeikollegen Pirmin. Mit Smetterling, Valmira und Juni sind alle liebgewordenen Figuren noch einmal mit von der Partie. Dass dem Schweizer Fernsehen jemals eine so leichtfüssige Unterhaltungsserie gelingen würde, wer hätte das gedacht. Genau mein Humor!

Criminal Record – Staffel 1 (Apple TV+)
Eine Polizeithriller-Serie, die von etlichen Volten und den Hauptdarstellern lebt, zum einen der jungen Ermittlerin June Lenker (Cush Jumbo), zum anderen dem alternden Hauptkommissar Daniel Hegarty (Peter Capaldi). Es geht letztlich nicht nur um einen Mordfall, sondern um Rassismus und institutionelles Versagen in einem Polizeiapparat, der nicht über alle Zweifel erhaben ist, um es zurückhaltend auszudrücken. Eine Staffel 2 ist angekündigt.

Die Zweiflers – Staffel 1 (ARD)
Die Geschichte einer jüdischen Familie, die gefordert wird, nachdem der Patriarch beschlossen hat, das Feinkost-Imperium zu verkaufen. Dabei kommen dunkle Erinnerungen aus der Vergangenheit zum Vorschein. «Eine Serie, die sich mit viel Witz und einer wohltuenden Wahrhaftigkeit mit den Alltagssorgen, Generationskonflikten und Identitäts-Auseinandersetzungen einer jüdischen Familie im heutigen Deutschland auseinandersetzt, gibt es wahrlich nicht alle Tage», hat die «Jüdische Allgemeine» dazu geschrieben. Wie treffend.

Little Bird – Miniserie (Arte)
Bereits 2023 veröffentlicht, aber auf Arte erstmals 2024 in Europa zu sehen. Eine nach wahren Begebenheiten erzählte Geschichte von der systematischen Wegnahme von Kindern von indigenen Familien im Kanada der Sechzigerjahre. Sie sollten in Internaten oder bei weissen Adoptivfamilien aufwachsen – gewissermassen in guten Händen. Bei Esther Rosenblum kommen die Erinnerungen an ihre Kindheit just vor der Hochzeit in besten jüdischen Kreisen wieder hoch. Sie sucht nach ihrer leiblichen Familie. Erschütternd und zu Tränen rührend.

This Town – Miniserie (BBC One)
Junge Leute unterschiedlicher Herkunft und Hautfarbe werden in Coventry und Birmingham mit Ska und Two Tone sozialisiert. Die Musik ist identitätsstiftend, verhindert aber nicht gesellschaftliche Spannungen im Vereinigten Königreich. «Peaky-Blinders»-Macher Steven Knight versteht den Sechsteiler als Liebesbrief an die Region, in der er aufgewachsen ist.

Ebenfalls gern gesehen (nicht alles mit Entstehungsjahr 2024):
«Alter Ego» – Miniserie (RSI)
«Haus aus Glas» – Miniserie (Arte/ARD)
«Informant (Angst über der Stadt)» – Miniserie (Arte)
«Limbo (Gestern waren wir noch Freunde)» – Miniserie (Arte)
«L’ultim Rumantsch» – Miniserie (RTR)
«Mum» – Staffeln 1 bis 3 (BBC Two)
«Maestro (in Blue)» – Staffel 2 (Netflix)
«Oderbruch» – Miniserie (ARD)
«One Day» – Miniserie (Netflix)
«Testo» – Miniserie (ARD)
«The Durrells (Die Durrells auf Korfu)» – Staffeln 1 bis 4 (ITV/Arte)
«The Walking Dead: The Ones Who Live» – Staffel 1 (AMC/Sky)

Fertig geschaut (aus eingangs erwähnten Gründen), aber ohne Potenzial für eine Weiterempfehlung:
«Annika» – Staffel 2 (BBC)
«Blood River» – Miniserie (Arte)
«Bodkin» – Miniserie (Netflix)
«Borders» – Miniserie (ZDF Neo)
«Machine (Die Kämpferin)» – Miniserie (Arte France)
«Schleudergang» – Miniserie (BR/ARD)
«So Long, Marianne» – Miniserie (NDR)
«The Tourist» – Staffel 2 (BBC One)
«Where’s Wanda?» – Staffel 1 (Apple TV+)

Das Beste 2023 (TV-Serien)

Eine Überserie («Succession»), zweimal das Thema Spitzengastronomie («The Bear» und «Boiling Point»), diverse herausragende Dramen («Happy Valley», «Blue Lights», «Fauda») und auch einiges fürs Gemüt («Ted Lasso», «Somebody Somewhere», «Die Wespe»). Mit dem TV-Serien-Jahr 2023 könnte die Ära der Streamingdienste, die Milliarden in neue Inhalte pumpen, den Scheitelpunkt erreicht haben. Denn sie alle (abgesehen von Netflix) schreiben tiefrote Zahlen. Das wird Einfluss auf künftige Angebote haben. Geniessen wir die Riesenauswahl also noch, solange es sie gibt. Eine Enttäuschung waren – einmal mehr – internationale Kooperationen von öffentlich-rechtlichen Sendern, zum Beispiel «Der Schwarm» und «Die Saat». Dafür hat die BBC mit grossartigen Miniserien geglänzt.

«Succession» – Schlussstaffel 4 (HBO/Sky)
Besser geht Serienerzählen schlicht nicht; und dies bis zur allerletzten Szene. Der Machtkampf um ein Medienimperium eskaliert, nachdem das Familienoberhaupt verstorben ist. Für Logan Roy waren seine Kinder allesamt Luschen, für die Zuschauenden bleiben die Figuren durchs Band unsympathisch. Wie konsequent!

«Happy Valley» – Schlussstaffel 3 (BBC One)
Das Leben in einer britischen Kleinstadt gerät für eine Polizistin wegen eines Mörders und Sexualstraftäters aus den Fugen. Erneut. Dazu kommt ihre baldige Pensionierung. Emotional eine der intensivsten Serien mit tiefem Blick in die Abgründe des menschlichen Wesens.

«Fauda» – Staffel 4 (Netflix)
Im Moment ist der Konflikt im Nahen Osten ja ein äusserst realer. «Fauda» ist Fiktion. Aber auch ein Erklärstück, warum die israelisch-palästinensische Beziehung derart hoffnungs- und ausweglos ist. In diesem Sinne hat diese Serie etwas Visionäres, zumal es diesmal um eine Geiselbefreiung in Gaza geht.

«Blue Lights» – Staffel 1 (BBC One)
Drei Polizeirekruten müssen sich in Belfast bewähren. Was alles andere als einfach ist. Denn: Wem lässt sich auf der Strasse und bei der eigenen Einheit vertrauen? Nordirland ist noch heute ein Minenfeld – das zeigt der erschütternde Verlust eines der erfahrensten Beamten mit aller Heftigkeit.

«Boat Story» – Miniserie (BBC One)
Eine Mischung aus Quentin Tarantino und den Coen Brothers. Eigentlich ein Actionthriller, aber erzählt mit viel dunkelschwarzem Humor. Zwei komplett unterschiedliche Menschen kommen durch einen Zufall bei einem gestrandeten Boot zueinander und stolpern danach von einem Problem zum nächsten. Wie der eigentliche Bösewicht durch die Liebe (fast) vom Weg abkommt, ist einer der grossartigsten Einfälle der jüngeren TV-Serien-Geschichte.

«The Woman In The Wall» – Miniserie (BBC One)
Wer die unglaubliche Ruth Wilson noch nie in Aktion sah, hier ist ihre perfekte Spielwiese. In diesem Mysterythriller leidet sie an extremen Anfällen von Schlafwandeln. Und kann sich entsprechend nicht erklären, was es mit der Leiche in ihrem Haus auf sich hat. Dass zum Schluss ein bisher unveröffentlichter Song von Sinéad O’Connor erklingt, ist kein Zufall, denn auch sie hat ein Kind verloren. Mehr sei nicht verraten.

«Boiling Point» – Miniserie (BBC One)
Die Serien-Fortsetzung des gleichnamigen Erfolgsfilms. Diesmal gibt Sous-Chef Carly den Ton in der Küche des «Point North» im britischen Dalston an, während ihr Mentor sich von einem Herzinfarkt erholt. Die Zutaten sind die üblichen: Riesenstress im Job und ein kompliziertes Privatleben, das alles in einer krisengeschüttelten Branche. Erzählt ist die Geschichte famos.

«The Bear» – Staffeln 1 und 2 (Disney+)
Das eben Gesagte gilt auch für diese Serie, die ennet dem Teich in Chicago spielt (plus einem Abstecher nach Kopenhagen). Was selten vorkommt: Staffel 2 ist noch stärker als die von der Kritik bereits hochgelobte erste Staffel (in die ich zugegebenermassen fast nicht reingefunden habe anfänglich). Die Steigerung hat mit der Charakterzeichnung der Figuren zu tun, die sehr tief geht.

«Slow Horses» – Staffel 3 (Apple TV+)
Eine Spionage-Serie, von der ich letztes Jahr gesagt habe, man hätte es auch bei einer Staffel belassen können. Was für ein Irrtum. Die «lahmen Gäule» kommen hier zum dritten Mal in Fahrt, angetrieben vom unverändert mürrischen, aber höchst cleveren Jackson Lamb (Gary Oldman). Staffel 4 soll bereits im Kasten sein. Weiter so!

«Somebody Somewhere» – Staffeln 1 und 2 (HBO/Sky)
Eine US-Kleinstadt und queere Freundschaften. Das passt ja wie die Faust aufs Auge. Trotz aller Schwierigkeiten bildet sich hier eine Gemeinschaft von Aussenseitern. Das rührt alle paar Minuten zu Tränen und ist eine der herzerwärmendsten Serien überhaupt.

«Ted Lasso» – Schlusstaffel 3 (Apple TV+)
Apropos herzerwärmend: Dieses Attribut gilt natürlich auch für diese Serie um den Trainer einer britischen Fussballmannschaft, der von seiner Herkunft her (USA) eigentlich nur von Football eine Ahnung hat. Ehrlich gesagt bin ich froh, haben die Macher ein Ende gefunden, das nicht enttäuscht. Denn die Qualität der einzelnen Folgen schwankte zwischendurch doch bedenklich.

«Die Wespe» – Staffel 3 (Sky)
Und gleich noch eine Wohlfühlserie. Dart-Legende Eddie Frotzke trifft auf seinen verhassten Bruder Ecki. Und auf ein Teenie, das behauptet, seine Tochter zu sein. Was nicht von der Hand zu weisen ist, denn auch sie hat grosses Talent im Pfeile werfen.

«The Diplomat» – Staffel 1 (Netflix)
Diplomatie kann kompliziert sein. Insbesondere, wenn man als Frau in einer globalen Krisensituation von den USA auf einen entsprechenden Posten im Vereinigten Königreich beordert wird und dabei der Ehemann (ein Starpolitiker) dauernd in die Quere kommt. Mit der Realität hat das Ganze wohl nicht viel zu tun, aber enorm spannend und unterhaltsam ist es allemal.

«Yellowstone» – Staffel 5 (Paramount)
Langsam aber sicher neigt sich diese epische Serie um eine Viehzüchterfamilie in Montana ihrem Ende entgegen. Auch wenn es bereits Ableger gibt («1883», «1923»), hier werde ich eine Träne verdrücken. Denn zu sehr haben einem die Kreativköpfe die Figuren ans Herz wachsen lassen.

«Inside No. 9» – Staffeln 7 und 8 (BBC/Arte)
Rabenschwarze Anthologie-Serie, in der es in irgendeiner Form immer um die Zahl 9 geht. Ob Kammerspiel, Horror, Slapstick: Jede Folge ist anders. Und überrascht entsprechend. Sehr innovatives Serienformat.

Ebenfalls gern gesehen (nicht alles mit Entstehungsjahr 2023):

«Beef» – Staffel 1 (Netflix)
«Best Interests» – Miniserie (BBC One)
«Billions» – Schlussstaffel 7 (Sky)
«Cunk On Earth» – Staffel 1 (BBC Two)
«Der Pass» – Schlussstaffel 3 (Sky)
«Derry Girls» – Staffeln 1 bis 3 (Channel 4/Netflix)
«Die nettesten Menschen der Welt» – Miniserie (ARD)
«Hijack» – Miniserie (Netflix)
«Jeux d’influence – Les Combattantes (Giftige Saat)» – Staffeln 1 und 2 (Arte)
«Justified: City Primeval» – Miniserie (Disney+)
«Karen Pierie (The Killer Is Coming Home)» – Staffel 1 (ITV/ZDF)
«Liebes Kind» – Miniserie (Netflix)
«Maestro (In Blue)» – Miniserie (Netflix)
«Nackt über Berlin» – Miniserie (Arte/ARD)
«Never Have I Ever» – Staffel 4 (Netflix)
«Secret City» – Staffeln 1 und 2 (Netflix)
«Sex Education» – Schlussstaffel 4 (Netflix)
«Silo» – Staffel 1 (Apple TV+)
«Sky Rojo» – Schlussstaffel 3 (Netflix)
«Steeltown Murders» – Miniserie (BBC)
«Subburæterna» – Staffel 1 (Netflix)
«The Gold» – Miniserie (BBC One)
«The Last Of Us» – Staffel 1 (HBO/Sky)          
«The Night Agent» – Staffel 1 (Netflix)
«Thunder In My Heart» – Staffeln 1 und 2 (SWR)
«Trigger Point» – Miniserie (ITV/ZDF)
«Tschugger» – Staffel 3 (SRF)
«Vigil» – Staffel 2 (BBC One)
«We Hunt Together» – Staffel 1 (Alibi/BBC)
«Wolf» – Staffel 1 (BBC One/BBC Wales)
«Your Honor» – Staffel 2 (Showtime)

Das Beste 2023 (Musik)

In meiner Lieblingsmusiksendung «Sounds!» auf SRF 3 war es dieses Jahr mehr als einmal ein Thema – dass es kaum mehr Alben gibt, die über die ganze Länge überzeugen. Ich mag dem nicht so recht zustimmen, denn: Hat man nicht schon immer den einen oder anderen Song auf einer Platte übersprungen, weil er einem nicht gefiel, weil er nicht passte, weil er abfiel vom Rest oder schlicht Schrott war? 2023 war tatsächlich nicht das grösste Jahr in Sachen Longplayer, die von A bis Z zu gefallen wissen. Das eine oder andere hat meinen Ohren – quer durch alle Stile und Genres – aber doch viel Freude bereitet. Der Streamingdienst Spotify nennt es in seiner ganzen Hilflosigkeit Crank Wave (und im vergangenen Jahr Chamber Psych). Wer mich heuer aufgrund von einzelnen Songs oder Konzerten am meisten überzeugt hat, wartet übrigens erst 2024 mit einem neuen Album auf: Grandaddy, Manu Delago und Slowshift.

A. Savage, «Several Songs About Fire»
Amerikanischer Singer/Songwriter mit angenehmer Stimme, grossartigem Liedmaterial und unaufgeregter, halbakustischer Darbietung.

Bdrmm, «I Don’t Know»
Stoisch-pulsierende Rhythmen, ein Bass, der voranschreitet, verschwommene Stimmen. Und dann – wumms – kracht es auch mal. Britischer Shoegaze.

Creation Rebel, «Hostile Environment»
40 Jahre, nachdem sie in Grossbritannien eine Brücke zwischen Reggae und Punk schlugen, kommt aus dem Nichts ein neues Werk der Dub-Legende (Hausband von On-U Sound Records).

D.K. Harrell, «The Right Man»
Blues im Stil von B.B. King. Von einem Amerikaner Mitte 20, der alle Songs selbst schreibt. Ein Debütalbum, wie man es besser nicht machen kann.

Eddie Chacon, «Sundown»
Die eine Hälfte des R&B-Duos Charles & Eddie überrascht mit einer Sammlung von feinen, soulig-sanften, von viel Sonne getränkten Liedern.

Föllakzoid, «V»
Minimalistischer, psychedelischer Neokrautrock aus Chile. Auch dieses fünfte Album mit wiederum überlangen Stücken ist geeignet, einen in Trance zu versetzen.

Gaz Coombes, «Turn The Car Around»
Sagen wir dem, was der Supergrass-Sänger hier macht, Post-Britpop. Epische Kunstwerke, auf Melodien bauend, die schlicht göttlich sind.

John Southworth, «When You’re This, This Is Love»
Der «Rolling Stone» nennt es dylaneske Folk-Rock-Hymnen. Wobei die Grenze zwischen somnambul und stinklangweilig manchmal schmal sei. Für mich überschreitet dieser britisch-kanadische Musiker diese Grenze nie.

London Brew, –
Miles Davies «Bitches Brew» von 1969 stand der brodelnden Londoner Jazzszene Pate. Entstanden ist ein nicht minder aufregendes Anknüpfungsalbum.

Robert Finley, «Black Bayou»
Funkig-bluesiger Soul, wie es intensiver kaum geht. Von einem Musiker, der seine Karriere eigentlich ad acta legen wollte. Typischerweise produziert von Dan Auerbach (Black Keys).

Shana Cleveland, «Manzanita»
Vom Surf-Rock ihrer Band La Luz ist dieses Soloalbum ein gehöriges Stück entfernt. Hier dominiert dunkler, ruhiger, enorm eingängiger Folk.

Tian Qiyi/Jah Wobble, «Red Mist»
Manchmal klingt die Wut von PIL an, wo Jah Wobble einst den Bass bediente. Hier musiziert der Brite mit seinen Söhnen. Asiatische Klänge treffen auf Jazz, Postpunk und viel Dub.

Ebenfalls gern und oft gehört:

Anohni & The Johnsons, «My Back Was A Bridge For You To Cross»
Aksak Maboul, «Une Aventure de VV (Songspiel)»
Altin Gün, «Aşk»
Avalon Emerson & The Charm, –
Beirut, «Hadsel»
Black Country, New Road, «Live At Bush Hall»
Black Pumas, «Chronicles Of A Diamond»
Blur, «The Ballad Of Darren» (Deluxe)
Bob Dylan, «Fragments – Time Out Of Mind Sessions 1996-97 (The Bootleg Series Vol. 17)»
Bob Dylan, «Shadow Kingdom»
Bombay Bicycle Club, «My Big Day»
Boygenius, «The Record»
Caroline Rose, «The Art Of Forgetting»
Clientele, «I Am Not There Anymore»
Coral, «Sea Of Mirrors»
Durand Jones, «Wait Til I Get Over»
Element of Crime, «Morgens um vier»
Everything But The Girl, «Fuse»
Fire feat. Adrian Sherwood, «Fire»
Gabriels, «Angels & Queens» (Deluxe Edition)
Gorillaz, «Cracker Island»
Guiding Star Orchestra, «Communion»
Hauschka, «Philanthropy»
Israel Nash, «Ozarker»
Jah Myhrakle, «Who Keeps The Seals Dub»
Jah Wobble, «Dark Luminosity: The 21st Century Collection»
Jaimie Branch, «Fly Or Die Fly Or Die Fly Or Die ((World War))»
Jalon Ngonda, «Come Around And Love Me»
Jonathan Wilson, «Eat The Worm»
Jungstötter, «One Star»
Kino Doscun/Youthie, «Sahar» (EP)
Lana Del Rey, «Did You Know That There’s A Tunnel Under Ocean Blvd»
Les Yeux D’La Tête, «Paris Berlin (live)»
Louis Jucker, «Suitcase Suite»
Marlene Ribeiro, «Toquei No Sol»
Mavericks, «In Time (10th Anniversary Deluxe)»
Muse, «Absolution XX Anniversary»
Nick Waterhouse, «The Fooler»
Niklas Paschburg, «Panta Rhei»
Panda Bear/Adrian Sherwood, «Reset In Dub»
Pretenders, «Relentless»
Queens Of The Stone Age, «In Times New Roman…»
Robert Forster, «The Candle And The Flame»
Róisín Murphy, «Hit Parade»
Rolling Stones, «Hackney Diamonds»
Roman Nowka’s Hot 3/Stephan Eicher, «Kunscht isch geng es Risiko» (EP)
Rufus Wainwright, «Folkocracy»
Sam Burton, «Dear Departed»
Say She She, «Silver»
Shantel, «Metrópolis»
Sigur Rós, «Átta»
Skinny Pelembe, «Hardly The Same Snake»
Slowdive, «Everything Is Alive»
Sparks, «The Girl Is Crying In Her Latte»
Steven Wilson, «The Harmony Codex»
Sufjan Stevens, «Javelin»
Teenage Fanclub, «Nothing Lasts Forever»
Temples, «Exotico»
The Arcs, «Electrophonic Chronic»
The Necks, «Travel»
The Waeve, «The Waeve»
The 18th Parallel, «Downtown Sessions»
To Athena/Esmeralda Galda, «Wältuntergang» (EP)
Yves Tumor, «Praise A Lord Who Chews But Which Does Not Consume (Or Simply, Hot Between Worlds)»
Wilco, «Cousin»
Züri West, «Loch dür Zyt»

Slowshift am 3.11. im Rahmen des Iceland Airwaves 2023 in der Fríkirkjan. (Bild Hans Bärtsch)

Singles/Einzelsongs:

All Hands_Make Light, «We Live On A Fucking Planet And Baby That’s The Sun»
Christian Kjellvander/Tonbruket, «September Weather»
Coral, «The Sinner»
En Attendant Ana, «Wonder»
Grandaddy, «Cabin In My Mind»
Ian Brown, «Rules»
Justina Lee Brown, «Billiki»
Kassi Valazza, «Watching Planes Go By»
King Hannah, «Like A Prayer»
Louis Cato, «Unsightly Room»
Maxim Helincks, «River»
Olivia Rodrigo, «Vampire»
Pip Blom, «Tiger»
Slowshift, «Sir» (feat. Gordi), «End Up» (feat. Fay Wildhagen und Kristian Kristensen) und «Every Kind Of L»
Sparklehorse, «The Scull Of Lucia»
Vera Sola, «Desire Path»

Justina Lee Brown mit einem Gospelprojekt am 23.11. in der katholischen Kirche Sargans. (Bild Hans Bärtsch)

Das Beste 2022 (Musik)

Ein seltsames Musikjahr, wenn ich mir die ganzen Bestenlisten anschaue. Noch selten fühlte ich mich weniger Zuhause bei den Wertungen von durchaus geschätzten Musikjournalistinnen und -journalisten. Wobei… stimmt nicht ganz, es gab einige sogenannten Konsensalben, hinter denen fast alle stehen und die praktisch in jeder Liste auftauchen. Einige von denen gehören auch für mich zu den besonderen Hörerlebnissen. Danebst gab es aber noch viel mehr zu entdecken. Hier meine Favoriten 2022, quer durch verschiedenste Musikstile und in alphabetischer Reihenfolge.

Konsensalben
Björk, «Fossora»
Black Country, New Road, «Ants From Up There»
Cate Le Bon, «Pompeii»
Danger Mouse & Black Thought, «Cheat Codes»
Elvis Costello & The Imposters, «The Boy Named If»
Fontaines D.C., «Skinty Fia»
Kendrick Lamar, «Mr. Morale And The Big Steppers»
Rosalía, «Motomami»
Sault, Diverse (u.a. «Air»)
The Smile, «A Light For Attracting Attention»
Tocotronic, «Nie wieder Krieg»
Wet Leg, «Wet Leg»
Weyes Blood, «And In The Darkness, Hearts Aglow»
Wilco, «Cruel Country»

Lieblingsalben
Action & Tension & Space, «Tellus»
Andrew Bird, «Inside Problems»
Animale Triste, «Night Of The Loving Dead»
Arctic Monkeys, «The Car»
Beirut, «Artifacts»
Brian Jackson, «This Is Brian Jackson» (inkl. Instrumentals)
Buddy Guy, «The Blues Don’t Lie»
C Duncan, «Alluvium»
Calexico, «El Mirador»
Daniel Rossen, «You Belong There»
Dean Owens, «Sinner’s Shrine»
Ernst Molden, Ursula Strauss, Herbert Pixner u.a., «Oeme Söö»
Faber, «Orpheum (live)»
Fai Baba, «Veränderet»
Gabriels, «Angels & Queens – Part I»
Hermanos Gutiérrez, «El Bueno Y El Malo»
Horace Andy, «Rockers And Scorchers»
Jack White, «Entering Heaven Alive»
Júníus Meyvant, «Guru»
King Gizzard & The Lizard Wizard, «Ice, Death, Planets, Lungs, Mushrooms And Lava»
King Hannah, «I’m Not Sorry, I Was Just Beeing Me»
Makaya McCraven, «In These Times»
Michael Head & The Red Elastic Band, «Dear Scott»
Pumajaw, «Scapa Foolscap»
Run Logan Run, «Nature Will Take Care Of You»
Spiritualized, «Everything Was Beautiful»
Spoon, «Lucifer On The Sofa»
Stahlberger, «Lüt uf Fotene»
Suede, «Autofiction»
Tami Neilson, «Kingmaker»
The Jazz Butcher, «The Highest In The Land»
Tommy McLain, «I Ran Down Every Dream»
Wanda, «Wanda»
Young Gods, «Play Terry Riley in C»

Einzelsongs/EPs
Bdrmm, «Three»
Binker & Moses w. Max Luthert, «Accelerometer Overdose»
Dry Cleaning, «Driver’s Story»
Gogol Bordello, «Blueprint»
Lee Fields, «Save Your Tears For Someone New»
Martin Miller/Kirk Fletcher, «Sunshine Of Your Love»
Mattiu, «Sur La Selva» (EP)
Phoebe Bridgers, «So Much Wine» (EP)
Warhaus, «Open Window»

Compilations/Reissues/Live
Beach Boys, «Sail On, Sailor»
Beatles, «Revolver»
Coral, «The Coral»
Creedence Clearwater Revival, «At The Royal Albert Hall (1970)»
David Bowie, «Divine Symmetry»
Franz Ferdinand, «Hits To The Head»
Dennis Bovell, «The Dubmaster: The Essential Anthology»
King Size Dub 25 (Diverse)
Wilco, «Yankee Hotel Foxtrot»



Das Beste 2022 (TV-Serien)

Nein, ich neige nicht zur Bequemlichkeit. Aber da die eigene Halbjahresbilanz – für mich zumindest – auch zum Ende von 2022 Bestand hat, lasse ich sie unverändert so stehen (siehe weiter unten). Und ergänze hier folglich nur noch, was in den zweiten sechs Monaten hinzugekommen ist. Etwa die Schlussfolgen von «Better Call Saul», die aus einem Pre- ein Sequel werden lassen. Die Macher dieser Serie haben offenbar von Anfang bis zum Ende haargenau gewusst, was sie machen. Vor allem, wie die Geschichte stimmig zum Abschluss gebracht wird – etwas, das die Kreativköpfe hinter «Dexter» auch mit einer zusätzlichen neunten Staffel mit dem Namen «Dexter – New Blood» auf keine Art und Weise imstande waren. Beim Überraschungserfolg «Slow Horses» ist bereits eine zweite Staffel hinzugekommen. Auch diese bietet beste Unterhaltung; mir hätte allerdings eine erste (und einzige) Miniserie gereicht, die Ausgangslage – eine Zwangsgemeinschaft gescheiterter MI5-Spione – dürfte sich recht rasch ausreizen.

Trailer zu «The White Lotus», Staffel 2.

So, und nun wirklich zu den ganz neuen Sachen 2/2022:
«Bad Sisters» (Apple TV+): Ja, diese Schwestern sind böse und schlecht, wollen sie Grace (eine von ihnen) doch von ihrem fiesen Ehemann befreien. Und scheitern immer wieder. Wer schwarzen britischen Humor liebt, ist hier am richtigen Ort.
«Lauchhammer – Tod in der Lausitz» (Arte): Um es mit den Worten der FAZ zu sagen: Im sechsteiligen Krimi geht es um ein Verbrechen von heute und um Unrecht zu DDR-Zeiten. Die vom Tagebau geschundene Landschaft ist grossartig gefilmt, die Schauspieler sind bestechend.
«The White Lotus» (HBO/Sky Show): Statt Hawaii, wie in Staffel 1, ist der Schauplatz nun Sizilien. Als tragische Figur mit dabei ist nur noch Jennifer Coolidge. Diese Gesellschaftssatire hat den richtigen Biss, verbunden mit der Erkenntnis, dass Reichsein mit ziemlich vielen Nachteilen verbunden sein kann.
«We Own This City» (HBO/Sky Show): In der amerikanischen Grossstadt Baltimore reagieren Korruption, Polizeigewalt und Misswirtschaft. Diese Serie, hinter der erneut Drehbuchautor David Simon steht, ist quasi die Fortsetzung von «The Wire». Und genau so deprimierend, steht zum Schluss doch die Wahl eines gewissen Donald Trump zum US-Präsidenten an, der gewisse Fortschritte beim Ausmisten dieses Augiasstalls wieder rückgängig machen könnte.
«Dahmer» (Netflix): In mancher Hinsicht sind die USA eine Bananenrepublik (siehe auch «We Own This City»). Bei der Geschichte dieses Serienmörders (und Kannibalen) hat die Polizei lange Zeit Hinweise auf das grausige Tun des Jeffrey Dahmer in der Schwulenszene von Milwaukee ignoriert. Unfassbar.
«Höllgrund» (SWR): Warum bloss werden gewisse Mehrteiler wie dieser grossartige Krimi in den jeweiligen Mediatheken (hier: ARD) «versteckt»? Verstehe das, wer will. Jedenfalls führt «Höllgrund» mit viel schwarzem Humor in die Abgründe eines Schwarzwalddorfes. Eine hartnäckige Polizistin geht der Reihe von mysteriösen Todesfällen nach, die sich dort ereignen.
«Tschugger» (SRF/Sky Show): Die zweite Staffel von «Tschugger» war schon abgedreht, als die erste 2021 zu einem Grosserfolg fürs Schweizer Fernsehen wurde. Jetzt geht es bei Bax, Smetterling und Co. noch Verrückter zu und her auf der Jagd nach richtigen und falschen Gangstern. Überaus witzige Krimikomödie aus dem Wallis.

Ab hier die unveränderte Halbjahres-Bestenliste 2022:

  1. «Better Call Saul» (Netflix). Fünf Folgen sind zwar noch ausstehend, aber die Schlussstaffel dieses Prequels von «Breaking Bad» schlägt alles in Sachen schier schmerzhaft langsamer, aber dennoch absolut konziser, kunstvoller Erzählweise. Und über allem steht die Frage: Was wird aus Kim Wexler, der besseren Hälfte des halbseidenen Anwalts Jimmy McGill alias Saul Goodman?
  2. «Stranger Things» (Netflix). In der zweitletzten Staffel dieser Science-Fiction-Mysteryserie geht es düsterer zu und her als bislang. Gleichzeitig ist die in den Achtzigerjahren in einer amerikanischen Kleinstadt angesiedelte Geschichte um Jugendliche, die mit dem Bösen zu kämpfen haben, unglaublich spannend und unterhaltsam. Ach ja: Dass Kate Bush neuerlich zu Hitparaden-Ehren gekommen ist durch «Stranger Things», dürfte inzwischen Allgemeinwissen sein.
  3. «Severance» (Apple TV+). Die Ironie an dieser Serie ist, dass sie die Arbeitswelt eines Unternehmens zeigt, das auch Apple sein könnte. Die Angestellten werden einem Eingriff unterzogen, die ihre Erinnerungen in die Arbeits- und die Privatwelt unterteilt. Bloss geht das nicht immer ganz reibungslos – mit entsprechenden Konsequenzen. Fortsetzung folgt.
  4. «Slow Horses» (Apple TV+). Britische MI5-Agenten, die versagt haben, landen im Slough House und werden dort von einem konstant schlechtgelaunten Jackson Lamb (grossartig: Gary Oldman) mit sinnlosen Aufgaben gepiesakt. Dass die «alten Gäule» doch noch etwas können, zeigt sich indes schon recht bald.
  5. «Euphoria» (Sky Show). Natürlich kann man darüber diskutieren, wie krass man das Leben von (drogenabhängigen) Jugendlichen zeigen muss – Staffel 1 gab diesbezüglich gehörig zu reden. Rue (gespielt von Zendaya) erneut durch ihre (wenigen) Hochs und (deutlich mehr) Tiefs zu folgen, tut richtiggehend weh. Aber so ist es nun mal, wenn der Gefühlshaushalt verrückt spielt.
  6. «Der Pass» (Sky Show). Als eine junge Touristin in der Nähe von Salzburg tot aufgefunden wird, müssen deutsche und österreichische Kriminalpolizei erneut zusammenarbeiten. Ellie Stocker (Julia Jentsch) wie Gedeon Winter (Nicholas Ofzcarek) sind von der Jagd auf den Krampus-Killer in Staffel 1 derart angeknackst, dass man um beide ernsthaft fürchten muss. Eine der besten deutschen Thrillerserien.
  7. «After Life» (Netflix). Schwarzhumorig, wie es nur die Briten können. Ricky Gervais gibt den grantigen Witwer Tony. Allerdings ist nicht mehr alles Zynismus pur, sondern auch (vorsichtiger) Optimismus. Dass die Schlussstaffel 3 dieser Serie für Tony wie dessen Umfeld versöhnlich endet, ist das Allerschönste an ihr.
  8. «Ozark» (Netflix). Irgendjemand in dieser Serie um Geldwäscherei und Drogenkartelle, der nicht hochgradig borderline unterwegs ist? Nein. Überraschend ist bloss, wer gegen Schluss dieser finalen Staffel 4 auch noch (fast) durchdreht. Ohne zu viel zu verraten: Es endet nicht gut, was besonders im Fall von Ruth Langmore (Julia Garner) mehr als nur tragisch ist.
  9. «Yellowstone» (Sky Show). Das Drama um eine Familienranch, die John Dutton (Kevin Costner) mit aller Macht verteidigen will, erreicht immer neue Eskalationsstufen. Dass da auch Waffengewalt im Spiel ist, macht die Serie angesichts der aktuellen Diskussionen in den USA zum Thema eigentlich zu einem No-go. Gleichwohl kann ich diesen Neo-Western nur empfehlen.
  10. «Vigil» (BBC/Arte). Internationale Spionage, Friedensaktivisten und ein Mord an Bord eines Atom-U-Bootes: «Vigil – Tod auf hoher See» ist eine hochspannende Thriller-Serie und, völlig verdient, die erfolgreichste BBC-Serie des vergangenen Jahres.
  11. «Euer Ehren» (ARD). «Your Honor» ist zwar noch nicht allzu lange her, gleichwohl hat mir auch diese Adaption der Geschichte um einen Richter, der seinen straffällig gewordenen Sohn zu decken versucht, den Ärmel reingenommen. Beider Leben geraten komplett aus der Bahn und werden zu einem wahren Alptraum.
  12. «Love & Anarchy» (Netflix). Nicht mehr ganz so unbeschwert wie in Staffel 1, aber immer noch eine der warmherzigsten Serien überhaupt: Eine erfolgreiche Beraterin und ein junger IT-Experte haben bei der Arbeit in einem alteingesessenen Buchverlag ein Techtelmechtel. Und fordern damit sich selber heraus, genauso wie ihr Umfeld. Aus harmlosen Spielchen wird bitterer Ernst. Das ist in erster Linie unglaublich komisch.

Ebenfalls sehr gut gefallen haben mir (ergänzte Liste):
«All In» (Comedy-Miniserie; One)
«Borgen» (Politdrama; Netflix). Weil ich sie nie ganz fertiggeschaut hatte, habe ich zuerst die Staffeln 1 bis 3 nachgeholt, bevors an die ganz neue Staffel 4 ging.
«Clark» (Drama-Miniserie; Netflix)
«Gangs of London» (Staffel 2; Krimi/Drama; Sky Show)
«Red Light» (Drama-Miniserie; Arte)
«Sacha» (Drama-Miniserie; RTS/Arte)
«Schneller als die Angst» (Thriller-Miniserie; ARD)
«Shining Girls» (Mystery-Thriller; Apple TV+)
«The Responder» (Drama-Miniserie; BBC)
«The Stranger – Ich schweige für dich» (Drama-Miniserie; Netflix)
«Vorstadtweiber» (Schlussstaffel 6; Comedy/Drama; ORF)
«Why Women Kill» (Staffel 1; Comedy/Drama; ORF)
«Wilder» (Schlussstaffel 4; Krimi/Drama; SRF)
«Zerv – Zeit der Abrechnung» (Drama-Miniserie; ARD)

Ebenfalls geschaut, aber nur teilweise überzeugt haben mich:
«Beforeigners» – Staffel 2 (Science-Fiction; ARD)
«Blocco 181» – Miniserie (Crime/Drama; Sky Show)
«Bortført – The Girl From Oslo» – Miniserie (Drama; Netflix)
«Dexter – New Blood» – Schlussstaffel 9 (Drama; Sky Show)
«Die Beschatter» – Staffel 1 (Dramedy; SRF)
«Die Wespe» – Staffel 2 (Comedy; Sky Show)
«Eine ganz gewöhnliche Frau» – Miniserie (Drama; Arte)
«Einfach Maria» – Web-Miniserie (Comedy; MDR)
«Harry Wild – Mörderjagd in Dublin» – Staffel 1 (Krimikomödie; ZDF)
«Heartbreak High» – Staffel 1 (Teen-Drama; Netflix)
«Helsinki Syndrom» – Miniserie (Drama; NDR/Arte)
«Hors Saison (Nebensaison)» – Miniserie (Crime/Drama; RTS/Playsuisse)
«Killing Eve» – Schlussstaffel 4 (Drama; Starzplay)
«King Of Stonks» – Miniserie (Comedy; Netflix)
«Never Have I Ever» – Staffel 3 (Teenie-Komödie; Netflix)
«Sløborn» – Staffel 2 (Horror/Drama; ZDF Neo)
«Teheran» – Staffel 2 (Drama; Apple TV+)
«Totenfrau» – Miniserie (Crime/Drama; ORF/Netflix)
«The Old Man» – Staffel 1 (Drama; Disney+)
«Trom – Tödliche Klippen» – Miniserie (Drama; Arte)
«Woodstock 99» (Musik-Doku; Netflix)

Turbofolk und auch viele leisere Töne

Das europaweit wohl bedeutendste Roots-, Folk- und Weltmusikfestival im deutschen Rudolstadt hat dieses Jahr sein 30-Jahr-Jubiläum gefeiert. Mit einem Schwerpunkt auf den Ländern Ex-Jugoslawiens – und Gästen aus der Schweiz.

von Hans Bärtsch

«Sie gehen bestimmt ans Tanzfest – viel Vergnügen!» Die Anbieter von Unterkünften im weiteren Umkreis von Rudolstadt wissen, wer bei ihnen jeweils Anfang Juli zu Gast ist. Und beginnen ohne Umschweife zu erzählen von eigenen Besuchen und unvergesslichen Konzerten in der schönen Altstadt, auf der darüber thronenden Heidecksburg oder im ausladenden Heinepark an der Saale.

Berührend: Die alten Balkangesänge der Zwillinge Ratko und Radiša Teofilović. (Bild Hans Bärtsch)

Getanzt wurde dort schon Mitte der 1950er-Jahre zu DDR-Zeiten. Das «Fest des Deutschen Volkstanzes» sollte der nationalen Einheit dienen. Nach der Wende hoben Thüringer Folk-Enthusiasten einen Anlass aus der Taufe, der sich innert weniger Jahre zu einem der führenden Festivals mauserte im schier grenzenlosen Bereich Weltmusik. Die Zeitung «Zeit» nannte es einmal «Das schönste Kind der deutschen Einheit». Ein Zitat, das jetzt auch den Titel gab für ein Buch über das Rudolstadt-Festival.

Miteinander hier, aber nicht da

Nach zwei Jahren Coronaunterbruch gelang der Neustart eher zaghaft, was das Publikumsinteresse anbelangt – erstmals seit gefühlten Ewigkeiten war der viertägige Anlass nicht ausverkauft. Gar nichts Zaghaftes lässt sich dem Programm nachsagen; der Länderschwerpunkt lautete «Titos Erben», befasste sich also mit dem ehemaligen Jugoslawien. Der Beginn des Zerfalls dieses Vielvölkerstaates ist ebenfalls 30 Jahre her. In mancher Anmoderation der Konzerte wurde der Bogen geschlagen zur Jetztzeit und zum aktuellen Ukraine-Konflikt. Verbunden mit der Frage, ob und wann russische und ukrainische Musikerinnen und Musiker wohl wieder zum Miteinander finden.

Die Hanneli-Musig brachte den Tanzinteressierten humorvoll Polka, Schottisch und Walzer näher.

Zurzeit jedenfalls bestimmt nicht, zu tief sind die Gräben, zu naiv Wunschdenken in diese Richtung. Selbst die Aktivistinnen-Formation Pussy Riot schaffte es nicht, einen gemeinsamen Solidaritätsanlass auf die Beine zu stellen. Ihr eigener Auftritt war einigermassen problembehaftet, kam der Beamer mit der Übersetzung der (unabdingbaren) Texte doch nicht gegen das Tageslicht an. So blieb es bei einem wütenden Punkkonzert mit schmerzhaft schrillem Saxofon, aus dem einzig das dutzendfach und kaum löblich herausgeschriene «Putin» zu verstehen war.

Präsentiert schwermütige Volksmusik aus Bosnien und Herzegowina: Božo Vrećo. (Bild Michael Pohl)

Doch zurück zum Länderschwerpunkt, der zeigte, dass Musik und Gesang mit der Zeit selbst tiefste Verletzungen zu heilen vermögen. Nicht nur, dass Künstlerinnen und Künstler aus Serbien, Kroatien, Bosnien-Herzegowina, Nordmazedonien, Montenegro, Slowenien und dem Kosovo längst wieder in grosser Selbstverständlichkeit miteinander musizieren, sondern dass insbesondere die jeweiligen Traditionen und Kulturen grenzüberschreitend gepflegt werden. Berührend, wie sich die Zwillinge Ratko und Radiša Teofilović alten Balkangesängen widmen und damit die Liebe, die Natur, das Leben generell besingen. Oder der genderfluide Božo Vrećo, der sich der Sevdalinka verschrieben hat, dieser schwermütigen Volksmusik aus Bosnien und Herzegowina.

Auf Wolke sieben mit Invisible World

Auftritte wie diese waren der Kontrapunkt zum bläsergeprägten Turbofolk von Boban Marković, der mit seinem vielköpfigen Orkestar den Festivalauftakt prägte, genau so wie Goran Bregović mit seiner «Wedding and Funeral Band» plus stattlichem Männerchor einen mitreissenden Schlusspunkt setzte – inklusive der unsterblichen Partisanenhymne «Bella Ciao».

Volles Rohr: Der Auftritt von Boban Marković ist geprägt von virtuosen Blasmusikern wie diesem Sousafonspieler. (Bild Frank Diehn)

Bei Hunderten von Konzerten auf Dutzenden von Bühnen immer zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein, ist ein Ding der Unmöglichkeit. Wenn man einen magischen Moment erwischt, ist das dafür umso schöner, so wie beim Auftritt der multinationalen Formation Invisible World. Die Mischung aus Alt und Neu, Kammermusik und Jazz, Klängen aus Osteuropa und dem Mittelmeerraum führte das Publikum durch die leidenschaftliche Darbietung geradewegs auf Wolke sieben, der Applaus wollte nicht enden.

Während hier zuhören angesagt war, kam das eingangs erwähnte Tanzen über all die Tage nicht zu kurz. Beispielsweise mit der kroatischen Folkloretanzgruppe KUD HŽ Varaždin. Oder mit der Schweizer Volksmusikformation Hanneli-Musig, die Interessierten humorvoll Polka, Schottisch und Walzer näherbrachte.

Hunderttausende von Kassetten

Zu den vielen Höhepunkten dieser 30. Rudolstadt-Ausgabe zählte das Deutschlandlieder-Projekt, das an ein eher unbekanntes Stück deutscher Musik- und Kulturgeschichte erinnerte – jene der türkischen Arbeitsmigranten. Kassetten mit entsprechenden Liedern in den 1960er- und 1970er-Jahren gingen in türkischen Lebensmittelläden oft hunderttausendfach über die Theke. Ein hochmusikalisches Erlebnis bot auch «Der Flug der Liebe» – Adaptionen der 250 Jahre alt gewordenen Volksliedersammlung von Johann Gottfried Herder, dargebracht von Koryphäen der internationalen Folk- und Volksmusikszene wie dem bayerischen Tuba-Virtuosen und Kabarettisten Andreas Martin Hofmeir.

Famoses Solokonzert 30 Jahre später: Rufus Wainwright. (Bild Hans Bärtsch)

Ein besonderes Wiedersehen mit Rudolstadt war es für Rufus Wainwright. Der US-amerikanisch-kanadische Singer-Songwriter war in den Anfangsjahren des Festivals zusammen mit seiner Mutter und Tante (Kate und Anne McGarrigle) sowie Schwester Martha Wainwright hier aufgetreten. Und erinnerte sich anekdotenreich zurück im Verlauf seines famosen Solokonzerts.

Viele Konzerte des 30. Rudolstadt-Festivals lassen sich gratis in der ARD-Audiothek nachhören – online unter http://www.ardaudiothek.de.

Best-of TV-Serien 1/2022

Soeben sind die Nominierungen für die Emmy-Awards 2022 bekannt geworden, den wichtigsten US-Fernsehpreisen. Keine Serie, die es nicht verdient hätte, in die Kränze zu kommen (siehe hier). Etliche Nominierungen überschneiden sich mit meinen Favoriten 2021 (siehe hier) oder dem ersten Halbjahr 2022. Es sind weiterhin sehr gute Zeiten für Serienfans, wage ich mal zu behaupten. Und liste aus diesem Grund das aus meiner Sicht Beste vom Besten der vergangenen sechs Monate auf.

  1. «Better Call Saul» (Netflix). Fünf Folgen sind zwar noch ausstehend, aber die Schlussstaffel dieses Prequels von «Breaking Bad» schlägt alles in Sachen schier schmerzhaft langsamer, aber dennoch absolut konziser, kunstvoller Erzählweise. Und über allem steht die Frage: Was wird aus Kim Wexler, der besseren Hälfte des halbseidenen Anwalts Jimmy McGill alias Saul Goodman?
  2. «Stranger Things» (Netflix). In der zweitletzten Staffel dieser Science-Fiction-Mysteryserie geht es düsterer zu und her als bislang. Gleichzeitig ist die in den Achtzigerjahren in einer amerikanischen Kleinstadt angesiedelte Geschichte um Jugendliche, die mit dem Bösen zu kämpfen haben, unglaublich spannend und unterhaltsam. Ach ja: Dass Kate Bush neuerlich zu Hitparaden-Ehren gekommen ist durch «Stranger Things», dürfte inzwischen Allgemeinwissen sein.
  3. «Severance» (Apple TV+). Die Ironie an dieser Serie ist, dass sie die Arbeitswelt eines Unternehmens zeigt, das auch Apple sein könnte. Die Angestellten werden einem Eingriff unterzogen, die ihre Erinnerungen in die Arbeits- und die Privatwelt unterteilt. Bloss geht das nicht immer ganz reibungslos – mit entsprechenden Konsequenzen. Fortsetzung folgt.
  4. «Slow Horses» (Apple TV+). Britische MI5-Agenten, die versagt haben, landen im Slough House und werden dort von einem konstant schlechtgelaunten Jackson Lamb (grossartig: Gary Oldman) mit sinnlosen Aufgaben gepiesakt. Dass die «alten Gäule» doch noch etwas können, zeigt sich indes schon recht bald.
  5. «Euphoria» (Sky Show). Natürlich kann man darüber diskutieren, wie krass man das Leben von (drogenabhängigen) Jugendlichen zeigen muss – Staffel 1 gab diesbezüglich gehörig zu reden. Rue (gespielt von Zendaya) erneut durch ihre (wenigen) Hochs und (deutlich mehr) Tiefs zu folgen, tut richtiggehend weh. Aber so ist es nun Mal, wenn der Gefühlshaushalt verrückt spielt.
  6. «Der Pass» (Sky Show). Als eine junge Touristin in der Nähe von Salzburg tot aufgefunden wird, müssen deutsche und österreichische Kriminalpolizei erneut zusammenarbeiten. Ellie Stocker (Julia Jentsch) wie Gedeon Winter (Nicholas Ofzcarek) sind von der Jagd auf den Krampus-Killer in Staffel 1 derart angeknackst, dass man um beide ernsthaft fürchten muss. Eine der besten deutschen Thrillerserien.
  7. «After Life» (Netflix). Schwarzhumorig, wie es nur die Briten können. Ricky Gervais gibt den grantigen Witwer Tony. Allerdings ist nicht mehr alles Zynismus pur, sondern auch (vorsichtiger) Optimismus. Dass die Schlussstaffel 3 dieser Serie für Tony wie dessen Umfeld versöhnlich endet, ist das Allerschönste an ihr.
  8. «Ozark» (Netflix). Irgendjemand in dieser Serie um Geldwäscherei und Drogenkartelle, der nicht hochgradig borderline unterwegs ist? Nein. Überraschend ist bloss, wer gegen Schluss dieser finalen Staffel 4 auch noch (fast) durchdreht. Ohne zu viel zu verraten: Es endet nicht gut, was besonders im Fall von Ruth Langmore (Julia Garner) mehr als nur tragisch ist.
  9. «Yellowstone» (Sky Show). Das Drama um eine Familienranch, die John Dutton (Kevin Costner) mit aller Macht verteidigen will, erreicht immer neue Eskalationsstufen. Dass da auch Waffengewalt im Spiel ist, macht die Serie angesichts der aktuellen Diskussionen in den USA zum Thema eigentlich zu einem No-go. Gleichwohl kann ich diesen Neo-Western nur empfehlen.
  10. «Vigil» (BBC/Arte). Internationale Spionage, Friedensaktivisten und ein Mord an Bord eines Atom-U-Bootes: «Vigil – Tod auf hoher See» ist eine hochspannende Thriller-Serie und, völlig verdient, die erfolgreichste BBC-Serie des vergangenen Jahres.
  11. «Euer Ehren» (ARD). «Your Honor» ist zwar noch nicht allzu lange her, gleichwohl hat mir auch diese Adaption der Geschichte um einen Richter, der seinen straffällig gewordenen Sohn zu decken versucht, den Ärmel reingenommen. Beider Leben geraten komplett aus der Bahn und werden zu einem wahren Alptraum.
  12. «Love & Anarchy» (Netflix). Nicht mehr ganz so unbeschwert wie in Staffel 1, aber immer noch eine der warmherzigsten Serien überhaupt: Eine erfolgreiche Beraterin und ein junger IT-Experte haben bei der Arbeit in einem alteingesessenen Buchverlag ein Techtelmechtel. Und fordern damit sich selber heraus, genauso wie ihr Umfeld. Aus harmlosen Spielchen wird bitterer Ernst. Das ist in erster Linie unglaublich komisch.

Ebenfalls sehr gut gefallen haben mir:
«All In» (Comedy-Miniserie; One)
«Borgen» (Politdrama; Netflix). Weil ich sie nie ganz fertiggeschaut habe, hole ich zuerst die Staffeln 1 bis 3 nach, bevors an die ganz neue Staffel 4 geht.
«Red Light» (Drama; Arte)
«Sacha» (Drama-Miniserie; RTS/Arte)
«Schneller als die Angst» (Thriller-Miniserie; ARD)
«Shining Girls» (Mystery-Thriller; Apple TV+)
«The Responder» (Drama-Miniserie; BBC)
«Why Women Kill» (Comedy/Drama; ORF)
«Wilder» (Krimi/Drama; SRF)
«Zerv – Zeit der Abrechnung» (Drama; ARD)