Das Vorarlberg – ein Schweizer Nachbar vernetzt sich auf allen Ebenen

Direkter Nachbar, aber in vielem doch so unbekannt: das Vorarlberg. Eine Studienreise mit der schweizerischen Agrarallianz lässt in Sachen Architektur, Handwerk, Tourismus und Landwirtschaft hinter die Kulissen des westlichsten österreichischen Bundeslandes blicken.

Von Hans Bärtsch (Text und Bilder)

Schon die Fahrt vom SBB-Bahnhof St. Margrethen im St. Galler Rheintal nach Lustenau hält überraschende Infos parat. Wir haben die Grenze zu Österreich passiert und werden von Reiseleiter Martin Strele darauf aufmerksam gemacht, dass das fruchtbare Land am alten Rhein – also dort, wo der Rhein floss, bevor er kanalisiert wurde – von Schweizer Ortsgemeinden bewirtschaftet wird. Es handelt sich dabei um ein historisches Relikt aus dem 18. Jahrhundert, als einige Schweizer Gemeinden noch zu Vorarlberg gehörten. Nicht weniger als ein Fünftel der Fläche Lustenaus – immerhin eine 22’000-Einwohner-Stadt – ist in Schweizer Hand, insgesamt rund 450 Hektar. Das nachbarschaftliche Verhältnis ist vorbildlich, gerade in Sachen Natur- und Landschaftsschutz wird die Arbeit der Schweizer Landwirte im Riedgebiet allenthalben gelobt.

Holz- und andere Bauten

Erste Station der Studienreise mit rund 25 Vertretern der Agrarallianz (siehe Box) ist der Life Cycle Tower in Dornbirn, ein Hochhaus ganz aus Holz. Es handelt sich dabei um ein architektonisches Vorzeigeprojekt in Sachen energieeffizientes und ökologisches Bauen. Erstellt wurde das 27 Meter hohe Gebäude in Systembauweise mit heimischem Holz, wie Franz Rüf von der Regionalentwicklung Vorarlberg erklärt. Es ist das erste achtgeschossige Holzgebäude in Österreich. Der Herausforderungen waren viele – etwa, die Brandschutzvorschriften zu erfüllen. Seit der Erstellung 2012 ist der Life Cycle Tower ein Magnet für Architekten und Architekturstudenten aus aller Welt. 2013 wurde das hauptsächlich für Büros genutzte Gebäude mit dem Vorarlberger Holzbaupreis in der Kategorie Innovative Holzanwendung ausgezeichnet. Klimatisch und atmosphärisch fühlt man sich hier äusserst wohl, sofern sich das nach einem Kurzbesuch bereits beurteilen lässt.

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Der Life Cycle Tower in Dornbirn.

Ein paar Steinwürfe entfernt steht das Haus 2226 in Lustenau. Sechs Stockwerke hoch und mit der typischen Materialpalette moderner Büro- und Gewerbebauten erstellt: Metall, Beton und viel Glas. Gleichwohl ist auch dies ein Vorzeigeprojekt eines heimischen Architekturbüros (Baumschlager-Eberle). 2226 kommt ohne Heizung Kühlung und mechanische Lüftung aus. Das Gebäude versteht sich als Manifest gegen immer mehr Technik. Im Gegensatz zum Life Cycle Tower ein markanter, monumental wirkender Klotz, was auch damit zu tun haben mag, dass 2226 ein alleinstehendes Gebäude ist. Quasi eine Antithese zu den deutlich flacheren Gewerbebauten ringsum, wie es ein Architekturkritiker beschrieben hat.

Verbreitete Handwerkskunst

Doch zurück zum Life Cycle Tower und der Verwendung von Holz. Unterm Strich macht genau die Verwendung des nachwachsenden Rohstoffes Holz dieses Gebäude zum energieeffizienteren der beiden. Und: Mit Holz ist Handwerkskunst verbunden. Kaum irgendwo im deutschsprachigen Raum gibt es so viele Sägereien, Zimmereien, Schreinereien, Tischlereien wie im Bregenzerwald, einem ländlichen Teil des Vorarlbergs. Das ist auch dem Bündner Architekten Peter Zumthor nicht verborgen geblieben, der kaum mehr eine Baute erstellt ohne den Beizug von Vorarlberger Holzfachleuten. Kein Wunder, sind speziell im Bregenzerwald selbst Bushaltestellen liebevollst aus Holz gefertig. Den innovativen Umgang mit dem heimischen Werkstoff Holz anerkennt auch die EU; für den Life Cycle Tower flossen Fördergelder aus Brüssel. Franz Rüf von der Regionalentwicklung Vorarlberg bezeichnet Holz jedenfalls als grosse Chance für das westlichste österreichische Bundesland.

Handwerkskunst ist aber nicht nur auf Holz beschränkt. Im Werkraum Bregenzerwald in Andelsbuch (ein Bau von Peter Zumthor!) lebt der Vernetzungsgedanke. Hier können kooperationswillige Handwerker zeigen, was sie zu bieten haben. Geschäftsführerin Renate Breuss benennt das Motto des öffentlich zugänglichen Werkraums so: «Wir nehmen die Zukunft selber in die Hand.» Denn nebst dem Tourismus sei das Handwerk der wichtigste Wirtschaftszweig des Vorarlbergs. Gemäss Breuss komme ein Drittel der Nachfrage nach Handwerksarbeiten von ausserhalb des Landes. Ein untrügliches Zeichen, auf welch hohem Niveau hier das Handwerk zuhause ist.

«Natürliche Visitenkarte»

Ortswechsel: Wir befinden uns nun im Grossen Walsertal, dort, wo die Menschen «Leutescheu und Viehnarren» sind, wie es ein Einheimischer ausdrückt. Doch auch in diesem dünn besiedelten, bergbäuerlich geprägten Gebirgstal nordöstlich von Bludenz hat der Vernetzungsgedanke längst Einzug gehalten. Äusserlicher Ausdruck dafür ist das Haus Biosphärenpark in Sonntag. Dort wird eine Schaukäserei betrieben, das Haus ist aber auch die Vermarktungszentrale für Landwirtschaftsprodukte aus der näheren Umgebung. Die Marke Walserstolz versteht sich als «natürliche Visitenkarte der Region». Regio-Obmann Josef Türtscher erklärt, was es damit auf sich hat: Der Rohstoff des Walserstolz-Käses ist naturbelassene Heumilch. Bis zu ihrer vollen Reife werden die Käselaibe – rund 170 Tonnen im Jahr – in Kellern von Emmi Österreich, einer Ländertochter des grössten Schweizer Milchverarbeiters, eingelagert.

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Blick in den Stall von Bauer Stefan Martin in Fontanella.

Bauer Stefan Martin aus Fontanella ist einer der Biomilch-Lieferanten. Er hat 2015 auf Original Braunvieh umgestellt; mit dieser Rasse lasse sich klimaschonender wirtschaften. Das passe auch besser in den Biosphärenpark Grosses Walsertal. Martin verheimlicht aber nicht, dass die Landwirte stark gefordert seien und nicht jeder einen solchen Schritt machen könne. «Bio ist bei uns erst am Entstehen», benennt er die Realitäten. Zum Grossteil werde Milch im Grossen Walsertal noch konventionell produziert und verarbeitet. Ein Problem ist die steile Hanglage, die fast überall vorherrscht. Nur schon grössere Laufställe für die Kühe zu realisieren, sei für manchen Betrieb ein Ding der Unmöglichkeit. Da vermag auch der deutliche bessere Preis für Biomilch nicht viel auszurichten.

Die drei E im «Schiff» Hittisau

Vernetzung, regionale Wertschöpfung, Zusammenarbeit mit der Landwirtschaft: Diese nun oft gehörten Begriffe nimmt auch Hans-Peter Metzler in den Mund, Spartenobmann Tourismus in der Vorarlberger Wirtschaftskammer und Gastgeber im Familienhotel «Das Schiff» in Hittisau. Hier kommt nur auf den Tisch, was von hier ist. Aber nicht nur das. Das «Schiff» betreibt mit dem Ernele eine Ladenwirtschaft. Unter dem Zeichen der drei E (Einkehren, Essen, Einkaufen) lassen sich handverlesene Spezialitäten geniessen und mit nach Hause nehmen. Der Tourismus in Österreich läuft im Vergleich zur Schweiz derzeit zwar wie geschmiert, ohne Sorgen ist die Branche aber trotzdem nicht. Metzler erwähnt fehlende kompetente Mitarbeiter, eine Folge des verstärkten (internationalen) Wettbewerbs auf dem touristischen Arbeitsmarkt.

Zu einem bleibenden Erlebnis der zweitägigen Studienreise wird der Besuch bei Kaspanaze Simma, dem ersten grünen Landtagsabgeordneten Vorarlbergs. Zusammen mit seiner Frau Lucia beschränkt sich Simma auf seinem Hof in Andelsbuch auf das Minimum. Subsistenzwirtschaft nennt sich das: So viel, wie es für die Selbstversorgung braucht, nichts Überschüssiges. Subsistenzwirtschaft schliesst auch den Tauschhandel mit ein. Eine Idee, die Simma gefällt. Geldwirtschaft dagegen ist dem heute 62-Jährigen zuwider: «Sie ist ineffizient.» Mit den heutigen Grünen kann es Simma, den im Land jedes Kind kennt, nicht mehr. Zu sehr sei die Partei Teil des Establishments geworden. Mit wie wenig man auskommen kann, das leben Kaspanaze und Lucia Simmen vor. Handarbeit oder Arbeit mit Arbeitstieren wie dem Pferd kommt vor dem Einsatz von Maschinen. Dass ihre Kinder sich jetzt ein Auto wünschen und mithin Teil einer «normalen» Konsumwelt sind, ist für die Simmas eine andere, eher schmerzliche Realität.

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Substistenzwirtschaft: Kaspanaze Simma in Andelsbuch lebt bewusst sehr bescheiden.

Der Ausflug ins Vorarlberg endet beim Vetterhof in Lustenau, einem grossen Biobetrieb in einem der am dichtesten besiedelten Gebiete des Bundeslandes. Wie bei Kaspanaze Simma ist hier alles grün bis über die Ohren. Nur die Philosophie ist eine andere. Inhaber Simon Vetter vermarktet Gemüsekisten via Social Media, ausgeliefert wird mit Elektrofahrzeugen, vorfinanziert wurde das Ganze per Crowdfunding. Ein Drittel der Kundschaft sind Schweizer, und das nicht nur wegen des starken Frankens, sondern wegen der Qualität der Ware. Und wohl auch guter, frecher Vermarktungsideen. So gehört Vetters Biodinkel-Vodka «in jeden guten Kommunistenhaushalt», wie es in seiner Werbung heisst.

 

(((BOX)))

Die Agrarallianz

Die Agrarallianz prägt die Schweizer Agrarpolitik seit den Neunzigerjahren mit. Ihr gehören Organisationen wie Bio Suisse, Pro Natura, Stiftung für Konsumentenschutz usw. an. Insgesamt sind es 17 Organisationen aus dem Bereich Konsumentinnen und Konsumenten, Umwelt- und Tierschutz sowie Landwirtschaft. Die Geschäftsführung hat die Churer Marketing- und Kommunikationsagentur Pluswert inne. (hb)

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Sounds, die ans Lebendige gehen

Anohni hat mit einem grossartig verstörenden Auftritt das 50. Montreux Jazz Festival eröffnet. Mehr davon ist durchaus erwünscht.

Von Hans Bärtsch

Am Anfang ist weisses Rauschen, Endlos-Loops aus dem Computer. Schier endlos dauert dann auch der «Tanz» des britischen Models Naomi Campbell auf Grossleinwand. Mehr als Soundfetzen sind immer noch nicht zu hören. Erste Pfiffe aus dem Publikum. Wo befinden wir uns überhaupt? In einem Kerker? In einem Luftschutzbunker? An einem Ort jedenfalls, wo mehr Leid als Freude ist. Wo grelle Scheinwerfer für Unbehagen sorgen (noch mehr irritiert allerdings die Sonne, die an diesem wunderschönen Freitagabend in Montreux bis in den Stravinski-Saal dringt).

Anohni

Hoffnungsvoll, nicht hoffnungslos: Anohni am 1. Juli 2016 am Montreux Jazz Festival. (Bild Lionel Flusin)

Nach knapp einer halben Stunde ist sie, die man früher als Antony Hegarty von Antony And The Johnsons kannte, dann endlich da: Anohni. Und beginnt mit der Präsentation von «Hoplessness», dieses im Bereich Soul-durchflutete elektronische Musik wohl faszinierendsten Albums, das dieses Jahr bis dato veröffentlicht wurde. Es ist ein Werk von grosser Düsternis, geht es inhaltlich doch um Themen wie Überwachung, Drohnen-Kriege, Umweltzerstörung. Ein später Ausfluss von 9/11 quasi – jener Terroranschläge, die die Welt komplett veränderten.

Gesichter in allen Farben

Die süssliche Stimme Anohnis legt sich über die von zwei Musikern auf allerlei elektronischem Equipment erzeugten, kristallklaren Sounds. Sie selber ist, den ganzen Körper verhüllt, nur als Schatten wahrnehmbar. Stattdessen ziehen Gesichter in Grossaufnahme die Aufmerksamkeit auf sich. Geschundene Gesichter, und wunderschöne. Alte und junge. Schwarze, weisse und andersfarbige. Manche mit Blut verschmiert – sie erinnern an Zombies. Sie alle bewegen ihre Lippen synchron zu den Liedtexten, brechen dabei an manchen Stellen in Tränen aus.

Der Sog, den diese Gesichter ausüben, ist unglaublich. Nicht hoffnungslos, wie der Albumtitel besagt, sondern hoffnungsvoll. Sie sagen: Wir alle sind Menschen. Und etwas mehr Menschlichkeit – welche Binsenweisheit – stünde der Welt in jeder Beziehung gut an. Ob Anohni das auch so meint, ist eine andere Frage. Denn ausgerechnet die Schöpferin dieses aussergewöhnlichen Werkes entzieht sich mit ihrer Verhüllung der Sympathienahme. Stattdessen ein mehrfach wiederholtes «I’m sorry» zum Schluss. Wofür? Für ein aufrüttelndes Statement zugunsten von mehr Empathie? Geschenkt. Danke für diesen ergreifenden Auftritt, danke für Sounds, die mehr sind als bloss ein Unterhaltungsfaktor.

Air mit luftig-leichtem Pop

Bewundernswert, dass das Montreux Jazz Festival mit einem solch (positiv) verstörenden Act ins 50-Jahr-Jubiläum startet. Der Mainstream wird dann gleich im Anschluss bedient: Das französische Duo Air (hier auf vier Mann erweitert) bringt in weissen Anzügen luftig-leichten Pop zu Gehör – ein Best-of-Programm von «La femme d’argent» bis «Sexy Boy». Zuckerwatte-Musik aus einer anderen Ära, als Easy-Listening kurzzeitig das ganz grosse Ding waren. An diesem speziellen Eröffnungsabend lässt man sie sich indes gerne gefallen. Auch, um wieder Runterzukommen von den grossen Gefühlswallungen, für die Anohni davor gesorgt hat.

Air

Luftig-leichter Pop: Air am 1. Juli 2016 am Montreux Jazz Festival. (Bild Lionel Flusin)

Ein paar Stockwerke tiefer ist derweil DJ Shadow zugange. Sein wegweisendes Album «Endtroducing» ist mit Jahrgang 1996 noch zwei Jahre älter als Airs ebenso bahnbrechendes «Moon Safari». Und es hat etwas Trauriges, wenn der amerikanische Hip-Hop-Zerstückler bloss für – neu remixte – Auszüge aus diesem Erstling Applaus erhält. Wie wenn er seither nichts mehr geleistet hätte. Na ja, seien wir ehrlich: Viel Substanzielles war da tatsächlich nicht mehr.

Helden von früher und morgen

Helden von früher, die Avantgarde von heute (und damit vielleicht die Stars von morgen): So präsentiert sich das Programm des 50. Montreux Jazz Festival, das nun in vollem Gang ist. Die eigentliche Eröffnung findet schon am Donnerstag vergangener Woche im Casino, dem ehemaligen Festivalort, statt – mit einem Auftritt des Saxofonisten Charles Lloyd, des Headliners des allerersten Festivals. Auch Bundesrat Alain Berset lässt sich dem Vernehmen nach vom unverändert quirligen Jazz des Altmeisters und dessen exquisiten jungen Begleitern mitreissen.

Da wagen sich Künstler auch mal aus ihrer Komfortzone raus. Die Gefahr des Scheiterns auf hohem Niveau inklusive. Bitte mehr davon.

Muse au Montreux Jazz Festival

Exklusive Setlist: Muse am 1. Juli 2016 am Montreux Jazz Festival. (Bild Lionel Flusin)

Am Samstag will das britische Rocktrio Muse dem Festival dann wohl eine besondere Ehre antun, als es gleich mehrere Songs spielt, die eigentlich nicht zum Repertoire der laufenden Drones World Tour gehören. Die Folge ist ein eher unausgegorenes Programm ohne Spannungsbogen. Etwas, das man von Muse nicht gewohnt ist. Aber so ist das in Montreux: Da wagen sich Künstler auch mal aus ihrer Komfortzone raus. Die Gefahr des Scheiterns auf hohem Niveau inklusive. Bitte mehr davon.

 

Muse-Setlist sorgt für heftige Diskussionen auf Social Media

Der Auftritt von Muse am Montreux Jazz Festival sorgte noch Tage danach für eifrige Diskussionen in den sozialen Medien. Ein Thema war die relativ kurze Spieldauer von knapp 90 Minuten (es gab kein Vorprogramm). Zur Hauptsache gab aber die Setlist zu reden. Diese enthielt etliche, live selten gespielte «Raritäten». Fans beklagten sich, weshalb Muse ausgerechnet an diesem Auftritt mit begrenzter Platzzahl ein so exklusives Programm zum Besten gaben. Muse-Sänger Matt Bellamy begründete auf Twitter, die Band wollte etwas Spezielles bieten, da sie gleich dreimal in der Schweiz auftreten würden diesen Sommer (nach Montreux noch auf dem Berner Gurten sowie am Paléo-Festival in Nyon. (hb)

 

Video-App Cuts wird rege genutzt – wenn man sie nutzen kann

In Sachen Technik ist Montreux seit Anbeginn ein Vorreiter-Festival. Neu in diesem Jahr ist eine App namens Cuts, welche es erlaubt, mit dem Smartphone 30 Sekunden aus den offiziellen Aufnahmen des Festivals aufzunehmen und in sozialen Netzwerken zu teilen beziehungsweise als SMS oder per Mail zu verschicken. Diese in Zusammenarbeit mit der Firma Kudelski entwickelte App soll die eigene Smartphone-Filmerei überflüssig machen. Das dürfte Künstler wie Adele freuen, die sich erst kürzlich wieder kritisch gegenüber Smartphone-Aufnahmen an Konzerten zeigte. Am ersten Montreux-Wochenende wurde die App jedenfalls schon rege genutzt – wenn es denn ging. Aus urheberrechtlichen Gründen liess sich nämlich längst nicht jeder Auftritt «mitschneiden». (hb)

pdf Südostschweiz (4.7.16)

Kein Dienst am Werk­platz Schweiz

Heute jährt sich die Aufgabe des Euro-Mindestkurses durch die Nationalbank. Ein Entscheid, der der Schweiz schadete.

Ein Kommentar von Hans Bärtsch, Wirtschaftsredaktor

Frankenschock – diesen Begriff muss man heute keinem Kind mehr erklären. Die Schweizerische Nationalbank hat mit ihrem Entscheid, den Euro-Mindestkurs aufzugeben, ein veritables Erdbeben ausgelöst, das mehr oder weniger die ganze Volkswirtschaft unseres Landes tangierte. Pardon: tangiert. Denn Nachbeben werden sich noch längere Zeit bemerkbar machen. Vor allem die produzierende und exportierende Industrie – Alstom/General Electric ist nur das jüngste Beispiel – gehört zu den am meisten gebeutelten Branchen, zusammen mit den touristischen Betrieben hierzulande, die den Gästen aus dem Euroraum viel zu teuer geworden sind – auf einen Schlag um satte 15 Prozent.

Bei Bekanntgabe ihres Entscheids am 15. Januar 2015 argumentierte die SNB, ein Festhalten an der Euro-Untergrenze sei nicht mehr tragbar, gesamtwirtschaftlich zu riskant. Die Kardinalfrage ein Jahr später lautet: Hat die SNB den richtigen Entscheid getroffen? Ökonomen und auch die Politik von links bis rechts sind in dieser Frage bis heute zutiefst gespalten. Natürlich – die Schweiz ist nicht untergegangen, die allerdüstersten Szenarien zu Arbeitsplatzverlusten haben sich nicht bewahrheitet, Importeure und Konsumenten können sogar in grossem Stil vom schwachen Euro profitieren.

Aber: Erst 2016 ist das Jahr der Bewährung. Heuer entscheidet sich, wer den Schnauf hat, weiter gegen das günstigere Ausland zu konkurrenzieren. Und wem es nachhaltig gelingt, an der Produktivitätsschraube zu drehen. Man darf nicht vergessen: Die Euro-Untergrenze galt knapp dreieinhalb Jahre lang – und schon die 1.20 Franken waren eigentlich ein viel zu tiefer Wert. Das Fatale am Ganzen: Dem europäischen Ausland, zu dem die Schweiz in starker wirtschaftlicher Abhängigkeit steht, geht es abgesehen von Deutschland nicht wesentlich besser. Und solange das so ist, bleibt der Euro schwach.

Nein, die SNB-Spitze hat der Schweiz mit der Aufgabe des Euro-Mindestkurses keinen guten Dienst erwiesen. Die Nationalbank hat zwar den eigenen Kopf aus der Schlinge gezogen, sprich eine massiv aufgeblähte Bilanz vermieden. Die Kehrseite der Medaille ist ein Werkplatz Schweiz, der einer heftigen, unnötigen Dauerzerreissprobe ausgesetzt ist.

Das Beste 2015 – KONZERTE

 

Faada Freddy
am 23. Juli am Paléo-Festival, Nyon

Richard Thompson
am 6. Oktober im Papiersaal, Zürich

Patti Smith
am 25. Juli am Paléo-Festival, Nyon

Mavericks
am 26. Juni am Trucker & Country Festival, Interlaken

D’Angelo And The Vanguard
am 8. Juli am Montreux Jazz Festival

Nils Frahm
am 7. Juli am Montreux Jazz Festival

Lady Gaga & Tony Bennett
am 6. Juli am Montreux Jazz Festival

Federspiel
«Spiegelungen»-Tour (im November; u.a. Altes Kino, Mels, und Diogenes-Theater, Altstätten)

Los Dos
am 5. Juni in der Klibühni, Chur, und am 27. August am Jazzfestival Willisau

Arstidir, Red Barnett, Manu Delago Handmade, John Grant & The Iceland Symphony Orchestra, Morning Bear, Ojba Rasta, Mafama, Soley
alle im November am Iceland Airwaves in Reykjavik

 

Das Beste 2015 – TV-SERIEN

 

Fargo (Season 2)
Wer hätte gedacht, dass der Kult-Spielfilm von 1996 mit andern Protagonisten/Stories als Serie funktioniert. Kauzige Figuren, irre Komik, viel (manchmal etwas zu viel) Gewalt in einer abgedrehten Geschichte in der amerikanischen Provinz um das irrtümlich getötete Mitglied eines kriminellen Familienclans. Das können so nur die Coen-Brothers. Staffel 3 soll dann wieder näher an der Jetztzeit spielen.
Bewertung: 5/5

Occupied – Die Besatzung (Season 1; abgeschlossen)
Russland besetzt mit dem Einverständnis der EU Norwegen, weil das Öl wieder fliessen soll. Norwegens Premier wird deshalb zum Abbruch seines ökologischen Programms gezwungen, das einen radikalen Wechsel auf erneuerbare Energien vorsieht. Mit verheerenden gesellschaftlichen Folgen. Keine Serie – es handelt sich um eine schwedisch-französische Koproduktion – war 2015 politisch derart nahe an einer möglichen (und erschreckenden) Realität.
Bewertung: 5/5

Narcos (Season 1)
Eine Prestigeserie von Netflix. Erzählt – mit fiktiven Elementen – die Geschichte des skrupellosen kolumbianischen Drogenbarons Pablo Escobar, grossartig gespielt von Wagner Moura. Überhaupt macht einen die Serie mit hierzugegend noch wenig bekannten SchauspielerInnen bekannt.
Bewertung: 5/5

Broadchurch (Season 2)
Die himmeltraurigste Seriengeschichte 2015, geht es doch um den Mord an einem elfjährigen Jungen. Das Ereignis bringt ein ganzes Dorf gegeneinander auf. Statt nur auf den Fall, fokussiert diese britische Vorzeigeserie vor allem auch auf die gesellschaftlichen Veränderungen. Grossartiger Soundtrack von Olafur Arnalds!
Bewertung: 5/5

American Crime (Season 1)
Noch eine himmeltraurige Geschichte: Familie verliert Sohn bei einem Einbruch in dessen Haus. Die (geschiedenen) Eltern wollen den Fall um alles in der Welt aufgeklärt haben – aber mit andern Mitteln und Motiven. Das Spezielle an «American Crime»: Die Geschichte wird aus jeder Täter-/Opfer-Perspektive erzählt. Und wird dadurch zum Spiegelbild des heutigen Amerika mit seinen ungelösten (Rassen-)Fragen. «Desperate Housewives»-Darstellerin Felicity Huffman erfindet sich hier total neu.
Bewertung: 5/5

1992 (Season 1)
1992 markiert das Jahr, als in Italien massive kriminielle Machenschaften bis in höchste politische Kreise aufgedeckt wurden (Stichwort: Mani pulite – saubere Hände und Tangentopoli). Das Verrückte daran – oder eben typisch italienisch: Eine korrupte Schicht wurde damals durch eine nur noch korruptere abgelöst.
Bewertung: 5/5

Show Me A Hero (Season 1; abgeschlossen)
Miniserie von «The Wire»- und «Treme»-Erfinder David Simon. Basiert auf einer wahren Geschichte aus den Achtzigerjahren, als ein soziales Wohnprojekt in einer amerikanischen Kleinstadt für Proteste sorgte. Der damals jüngste Bürgermeister des Landes wird in eine rassistische Kontroverse verwickelt, aus der es eigentlich keinen Ausweg gibt.
Bewertung: 5/5

Justified (Season 6; letzte Staffel)
Der Gute (Raylan Givens) und der Böse (Boyd Crowder) treffen sich zum Showdown in einer Serie, die zwischendurch immer mal wieder etwas durchhing. Dass es auch moderne Cowboys mit dem Gesetz nicht immer so genau nehmen, war die Würze von «Justified». Jetzt ist Schluss, leider. Wie es ausgeht, sei natürlich nicht verraten.
Bewertung: 5/5

Homeland (Season 5; noch nicht abgeschlossen)
Nach zwei grandiosen Staffeln drohte bei «Homeland» der Faden verloren zu gehen. Jetzt ist die Serie um CIA-Analystin Carrie Mathison – hier ist sie allerdings, zumindest anfänglich, bei einer privaten Organisation für Sicherheitsfragen angestellt – wieder zurück auf dem richtigen Weg. Der Kampf gegen Terroristen wird diesmal von Berlin aus geführt. Das Ende ist noch offen.
Bewertung: 4/5

Better Call Saul (Season 1)
Spin-off zu «Breaking Bad», erzählt den Werdegang von Jimmy McGill zu Saul Goodman, einem erfolglosen Anwalt, der sich zu unsauberen Methoden hinreissen lässt, um an Arbeit zu kommen. Oft zum Brüllen komisch, manchmal aber auch recht anstrengend, denn Jimmy kann nur laut reden – wirklich laut. Und viel.
Bewertung: 4/5

Sense8 (Season 1)
Die Serie, die mich 2015 am rastlosesten zurückgelassen hat. Ästhetisch ein Wunderwerk, inhaltlich ziemlicher Gugus. Aber irgendwie lassen einen die schicksalshaft mental und emotional über Kontinente hinweg verbundenen Menschen eben doch nicht los. Aber eine Wertung dafür? Da muss ich passen.
Bewertung: ?/5

Bloodline  (Season 1)
Eine Geschichte, die in den Florida Keys spielt, habe ich mir schon lange mal wieder gewünscht. Als das schwarze Schaf Danny in den Schoss der Familie Rayburn und deren beschaulichen Familienhotelbetrieb zurückkehrt, nimmt das Unheil seinen Lauf. Und, so viel sei verraten: Es endet wüst. Denn auch auf den Keys scheint nicht immer nur die Sonne…
Bewertung: 4/5

Banshee (Season 3)
Die Serie zum Hirn abschalten: Krimineller wird Sheriff in einem kleinen Kaff in der amerikanischen Provinz, wo Amish-People leben und ein harter Unternehmer-Hund den Ton angibt. Eigentlich. Denn mit viel Gewalt und Blut ändern die Stärkeverhältnisse immer mal wieder. Und Lucas Hood, dem Neo-Sheriff, wird schon ziemlich übel mitgespielt. Obwohl: Mitleid ist fehl am Platz.
Bewertung: 4/5

Altes Geld (nur ca. erste 4 Folgen)
Bei der schwarzhumorigen Komödie handelt es sich um den zweiten Teil einer Trilogie des österreichischen Drehbuchautors/Regisseurs David Schalko zum Thema Gier und Korruption. Stinkreiches Familienoberhaupt sucht Leber, um zu überleben, und setzt dafür sein ganzes Vermögen ein. Leider geht der Serie der Schnauf erzählerisch schon recht früh aus – schade. «Braunschlag» (Teil 1 der Trilogie) war deutlich besser.
Bewertung 2-5/5

 

Und 2015 weiter (fertig-)geschaut: Fortitude – Season 1 (Bewertung: 4/5), Peaky Blinders – Season 1 (5/5), The Walking Dead – erster Teil Season 6 (4/5), Fear The Walking Dead – Season 1 (3/5), Braunschlag (5/5), Olive Kitteridge (5/5), Sons Of Anarchy – Seasons 5-8 (5/5), Utopia – Season 1-2 (5/5), The Fall – Season 1-2 (5/5), Orange Is The New Black – Season 1-2 (4/5), True Detective – Season 2 (2/5), Vorstadtweiber – Season 1 (3/5), Wayward Pines – Season 1 (2/5), Unbreakable Kimmy Schmidt – Season 1 (abgebrochen; 2/5), The Wrong Mans – Season 1 (abgebrochen; 2/5), Mammon (abgebrochen; 3/5), Blochin (abgebrochen; 3/5)

In der Pipeline sind: River – Season 1, Bron/Broen – Season 3, Luther – Season 4, Peaky Blinders – Season 2, Hand Of God – Season 1, Hell On Wheels – Season 1-5, Arvingerne (The Legacy) – Season 2-3, Big Love – Season 1-5, The Fear – Season 1, Inside Men – Season 1, The Americans – Season 1-3, The Knick – Season 1-2, Mr. Robot – Season 1, The Affair – Season 1-2, Happy Valley – Season 1, Hemlock Grove – Season 1-3, Eyewitness – Season 1. Und natürlich das, was aktuell ansteht, u.a. eine zweite Staffel von «Better Call Saul»

Das Beste 2015 – TONTRÄGER

 

PUTS MARIE – «Masoch I-II»
Nur teilweise neues Songmaterial der Bieler Band, aber endlich mal ein ordentliches Album. Für mich die Indie-Variante der Sensational Alex Harvey Band, sofern die noch jemand kennt. Puts Marie ist vor allem auch ein toller, theatraler Live-Act.

Faber – «Alles Gute»
«Züri brennt (nicht mehr)» singt der Zürcher Musiker, der seine erste EP mit sechs Liedern via die Crowdfunding-Plattform Wemakeit finanziert hat. Faber – ein noch komplett verkannter Singer/Songwriter mit dem Zeug zu Grösserem.

Howlong Wolf  – «Where Do We Go From Here»
Und noch ein Schweizer Act. Nein – nicht aus Heimatschutzgründen. Sondern weil Admiral James T. aus Winterthur mit allem, was er musikalisch anlangt, wunderbare Hörerlebnisse vorzugsweise im Americana-Stil fabriziert.

D’Angelo And The Vanguard – «Black Messiah»
Eigentlich ein 2014er-Album. Aber weil so knapp vor dem letzten Jahresende veröffentlicht, fand es in keiner Bestenliste mehr Aufnahme. Dort gehört dieser hochkomplexe und -energetische Stilmix aus R’n’B, Soul, Jazz und Funk aber hin.

Kamasi Washington – «The Epic»
Jazz ist ja eigentlich nicht mein Ding. Aber dieses in jeder Hinsicht epische Werk ist in meinen Augen nicht weniger als DER Nachfolger von Miles Davis bahnbrechendem, Jazz und Rock vereinenden Album «Bitches Brew».

FFS – «FFS»
Franz Ferdinand und Sparks – was für eine Kombination! Glamrock at its best! Knackige Popsongs von Vertretern zweier komplett verschiedener Musikergenerationen. Die Platte, die 2015 am meisten Spass bereitet hat.

Ryley Walker – «Primrose Green»
Eine Platte wie zu besten Westcoast- und Hippie-Zeiten. Folk, Jazz, Rock in schlüssige Psychedelic-Songs gegossen. Tim Buckley klingt an, Grateful Dead, Nick Drake, Pentangle, John Martyn. Ein wunderbarer Backlash in die Sixties. Ach ja: Ryley Walker hat Jahrgang 1989.

John Grant – «Grey Tickles, Black Pressure»
Kein Sänger berührt mich derzeit mehr als John Grant. Gleichwohl gefällt mir auf seinem neuen Album längst nicht alles. Die drögen Elektro-Pop-Ausflüge können mir gestohlen bleiben. Aber die balladesken Nummern sind schlicht göttlich.

The Arcs – «Yours, Dreamily»
Auch Dan Auerbach (Black Keys) kann anpacken, was er will – es gelingt. Mit seinem Projekt The Arcs beschert er uns ein gutes Dutzend groovig-coole Rocksongs, die einem nicht mehr aus den Gehörgängen wollen.

Fat Freddy’s Drop – «Bays»
Neuseeland und soulig-funkig groovender Dub-Reggae? Nicht gerade die logischste Kombination. Aber FFD reissen einen von der ersten Sekunde vom Hocker – die Energie der Musik (inklusive tolle Bläser!) ist schier mit Händen greifbar.

Boz Scaggs – «A Fool To Care»
Gut gereift wie ein Wein im Eichenfass. 71 ist der US-Sänger/Gitarrist mittlerweile. Und noch immer einer der besten seiner Zunft. R’n’B, Blues und ein Schuss Rock, dazu Duett-Partnerinnen wie Lucinda Williams – und fertig ist ein erdiges Album.

And The Golden Choir – «Another Half Life»
Hinter diesem wie aus der Zeit gefallenen Album steckt der Berliner Tobias Siebert. Und reiht sich mit seinem Gospel-trifft-auf-Indie-Rock unter die ganz grossen Tüftler der Populärmusik wie Thom Yorke, an den Siebert Stimme manchmal auch erinnert.

Willis Earl Beal – «Noctunes»
Blackmusic, Spoken Word, Gil Scott-Heron. Das kommt einem bei den minimalistisch gehaltenen Songs des Amerikaners in den Sinn. Unter Ambient-Soul-Jazz lässt es sich einigermassen verorten. Eine der betörendsten Stimmen derzeit.

Godspeed You! Black Emperor – «Asunder, Sweet And Other Distress»
Die Post-Rocker, die es mir (nebst Mogwai) am besten können. Die neuste mag nicht die allerbeste Scheibe des kanadischen Musikerkollektivs sein. Aber hey, viermal plus/minus zehnminütiger Lärm, der sich souverän zwischen ambient-ruhigen Phasen und orgiastischen Ausbrüchen bewegt, lässt man sich doch gerne gefallen.

Jah Wobble – «Redux: Anthology 1978-15»
Mein absoluter Lieblings-Bassist. Mit Punk (PIL) begonnen, beim Dub gelandet. Mit Zwischenstationen bei Krautrock-Vertretern wie den Can-Musikern Czukay/Liebezeit – und Literaturvertonungen. Meine Box des Jahres jedenfalls (nebst Bob Dylans «Bootleg Series Vol. 12: The Cutting Edge 1965–1966»).

 

Paléo: Das Festival mit Vorbildcharakter

Grosse Bühne, viel Publikum: Joan Baez bei ihrem Auftritt am Paléo-Festival 2015.

Grosse Bühne, viel Publikum: Joan Baez bei ihrem Auftritt am Paléo-Festival 2015.

Seit Jahren ist das Paléo-Festival in Nyon am Genfersee ausverkauft. Das ist auch bei der 40. Ausgabe, die morgen Sonntag zu Ende geht, nicht anders. Auf Spurensuche, was den Erfolg des Anlasses ausmacht, und weshalb manche Konkurrenten sich bei diesem Open Air viel abschauen könnten.

Von Hans Bärtsch (Text und Bilder)

Erst auf den zweiten Blick fallen die grossen roten Blumen auf dem kleinen Wiesenstück auf. Es sind künstliche Blumen, die einen schönen Kontrast zur grünen Wiese bilden. Bei Nacht, wenn die Bäume in der unmittelbaren Umgebung mit bunten LED-Lichtern beleuchtet sind, präsentiert sich die Szenerie nochmals anders, fast schon märchenhaft-kitschig. Besucher lümmeln sich in bequemen Sitzkissen, fühlen sich offenbar angetan von der anmächeligen Umgebung.

Es ist dies nur ein Beispiel, mit wie viel Liebe und Sorgfalt das Festivalgelände L’Asse etwas oberhalb von Nyon für das alljährliche Paléo mit täglich an die 40’000 Besuchern hergerichtet wird. Es sind unzählige Details, die zur entspannten Atmosphäre an diesem seit nunmehr 40 Jahren bestehenden Anlass beitragen. Seit elf Jahren gehört auch die Zusammenarbeit mit der HES-SO Fachhochschule Westschweiz dazu. Studenten können das Paléo als Kreativitätslabor nutzen, dem Publikum auf spielerische Art ein wissenschaftliches Thema zu vermitteln. Diesmal heisst das Projekt Air Factory. Es geht unter anderem um den eigenen Atem, aber auch um die Erde, die in gewissen Bereichen aus dem letzten Loch pfeift. Lehrreich und unterhaltsam ist das zugleich, bloss schulmeisterlich ist die Air Factory nie.

Auch die Kleinen sind willkommen

Zum festen Bestandteil des Paléo gehört auch ein Bereich, der sich La Ruche nennt. Es ist das Reich der Zirkus- und Strassenkünste, in dem alle Sinne bedient werden. Heuer etwa mit einer Pizzeria, wo in Form einer turbulent-witzigen Theaterinszenierung Pizzen gebacken werden. Oder – Sachen gibts – wo aus einer Wand von alten Apparaten Radiowellen gemixt werden. Schliesslich gibt es jenen Bereich, wo alle über 1.40 Meter Körpergrösse keinen Zutritt haben. Die Eltern können sich ja an der Bar verlustieren – oder sich eine Fotoausstellung zu Gemüte führen mit tollen Porträts von Menschen, die hinter den Kulissen des Paléo anzutreffen sind.

Bunte Vielfalt: A Moving Sound präsentieren traditionelle Tänze und Gesänge aus Taiwan.

Bunte Vielfalt: A Moving Sound präsentieren traditionelle Tänze und Gesänge aus Taiwan.

Nochmaliger Ortswechsel: Das Village du Monde ist inzwischen ebenfalls nicht mehr wegzudenken. Jedes Jahr wird in diesem «Dorf» eine andere Weltgegend vorgestellt, diesmal ist es der Ferne Osten, Wiege einer jahrtausendealten Zivilisation. Aber auch zahlloser Kontraste, unterschiedlicher Traditionen und Kulturen, schliesslich umfasst das Gebiet Länder wie die Mongolei, Teile Russlands, China, Japan, Taiwan, Südkorea und ganz Südostasien mit Vietnam, den Philippinen, Thailand. Die markanten Eingangstore suggerieren den Eintritt in eine Tempelanlage. An einen Ort jedenfalls, der zum Entdecken einlädt. Wer kulinarisch auf Abenteuer aus ist, kommt hier garantiert auf seine Kosten. Und auch in Sachen Kunsthandwerk und Animationen wird einiges geboten.

Nur ein kleiner Ausschnitt

Musikalisch wird der Ferne Osten im Dôme, wie die Zeltbühne im Village du Monde heisst, abgebildet. Dort zeigen sich die unterschiedlichen Entwicklungsstufen der verschiedenen Länder auf geradezu extreme Weise. Die Gruppe Second Hand Rose etwa gibt das aufstrebende China wieder. Dies allerdings mit einer Mixtur aus traditionellen chinesischen Melodien und dem grässlichsten, was der Westen in Sachen Rock hervorgebracht hat. Aber es ist Nachsicht angebracht gegenüber Künstlern, die es in ihrer Heimat trotz Riesenschritten in die Moderne noch immer alles andere als einfach haben. Was in Peking Provokation sein mag, tönt in Nyon provinziell-peinlich. Wie anders demgegenüber A Moving Sound aus Taiwan. Diese Gruppe geht mit dem reichen Erbe ihres und umliegender Länder weit behutsamer um. Der zeitgenössische Ansatz ist minimalistisch gehalten – und umso gewinnbringender für den westlichen Hörer. Desgleichen bei der Paradise Bangkok Molam International Band aus Thailand oder Noreum Machi aus Südkorea.

Womit wir bei den «normalen» Musikdarbietungen des 40. Paléo wären. Auf der grössten Bühne zeigte sich Robbie Williams am Montag als grandioser Entertainer – es war die perfekte Eröffnung des jubiläumshalber um einen Tag verlängerten Festivals. Am Dienstag gabs grottenschlecht abgemischte Kings Of Leon, am Mittwoch einen bieder-langweiligen Sting, am Donnerstag mit Johnny Hallyday den französischen Rock’n’Roll-Star schlechthin. Die Unantastbarkeit dieser Legende ist musikalisch – nüchtern betrachtet – nur schwer zu begründen.

Eine der Entdeckungen am diesjährigen Paléo: der Senegalese Faada Freddy. (Pressebild)

Eine der Entdeckungen am diesjährigen Paléo: der Senegalese Faada Freddy. (Pressebild)

Auf den kleineren Bühnen gabs derweil viel Interessantes zu entdecken. Ein absoluter Höhepunkt aus Sicht des Schreibenden war der Auftritt des Senegalesen Faada Freddy. So frisch, frech und mitreissend hat schon lange kein Gospel, Soul und Rap umfassendes A-cappella-Konzert mehr geklungen wie das von Freddy und seinen fünf exzellenten Begleitsängern. Auch deshalb ist das Paléo übrigens ein Festival mit Vorbildcharakter: Es wird nicht nur sattsam Bekanntes programmiert. Was wiederum die Entdeckungslust der altermässig schön durchmischten Besucherschaft beflügelt, wie das sich immer mehr füllende Zelt bei Faada Freddys Auftritt zeigte. Wer dort war, ging bis zum Finale nicht wieder.

KASTEN

Nur drei Prozent Deutschschweizer

Zum 40. Paléo werden 270’000 Besucher erwartet. Es ist damit das grösste Open-Air-Festival der Schweiz. Eine Umfrage der Haute Ecole de Gestion de Genève von 2013 zeigt, dass es auch zu den beliebtesten gehört. 84 Prozent des Publikums denkt nächstes Jahr wieder zu kommen, 15 Prozent vielleicht, was die Schlussfolgerung einer 99-prozentigen Publikumstreue zulässt. 88 Prozent der Besucher stammen aus der Westschweiz, neun Prozent aus dem Ausland und nur gerade drei Prozent aus der Deutschschweiz und dem Tessin. (hb)

pdf Südostschweiz (25.07.2015)

Von der Erstbegegnung bis zum vertrauten Wiederhören

Portishead au Montreux Jazz Festival

Portishead am Montreux Jazz Festival. (Foto: Lionel Flusin)

Ein Festivalprogramm ist idealerweise eine stimmige Kombination von alt und neu. In Montreux wird die Kunst einer solchen Programmierung besonders gut beherrscht. Drei Beispiele.

Von Hans Bärtsch

Portishead? Natürlich, die Trip-Hop-Pioniere, kennt man. Aber wer, bitteschön, versteckt sich hinter dem Namen Thought Forms? Die Singer/Songwriterin Sophie Hunger muss man niemandem mehr vorstellen. Wie verhält es sich demgegenüber mit Jack Garratt? Oder Dub Inc: In Reggae-Kreisen und recht weit darüber hinaus sind die Franzosen längst ein Begriff. Wer kennt dagegen Protoje & The Indiggnation?

Satter Reggae von Protoje & The Indiggnation. (Foto: Marc Ducrest)

Satter Reggae von Protoje & The Indiggnation. (Foto: Marc Ducrest)

Die drei Beispiele sind nicht zufällig gewählt. Weil symptomatisch für das Montreux Jazz Festival, wo gerne bekannt zu un- beziehungsweise noch nicht bekannt gestellt wird, alt zu neu. Was für das Publikum wiederum zu Neuentdeckungen führt. Am Samstag etwa, das Lab war für die frühe Uhrzeit schon ordentlich gefüllt, glaubte man dem Soundcheck der ersten Gruppe beizuwohnen. Techniker wuselten noch auf der Bühne umher, obwohl der satte Groove bereits perfekt aus den Boxen rollte. Und das ging dann immer weiter, bis ein Sänger die Bühne stürmte. Unvermittelt war man mitten drin im Konzert des jamaikanischen Reggae- und Dancehall-Sängers Protoje und dessen Begleitformation The Indiggnation. Und wurde eine Stunde lang von Vertretern eines Musikstils unterhalten, der seit Längerem nicht mehr allzuviel Neues hergibt. Umso erstaunter musste man konstatieren, wie wenig es braucht für ein mitreissendes Konzert, das zum Grossteil aus altmodischem Roots-Reggae besteht – gute, griffige Songs, mal eine Ska-mässige Uptempo-Nummer dazwischen, eine perfekt harmonierende Band und eine Sänger, der das Publikum ohne den Clown zu machen um den kleinen Finger zu wickeln versteht. Sowas lässt man sich gern gefallen.

Ein experimentierfreudiger Jack Garratt. (Foto: Daniel Balmat)

Ein experimentierfreudiger Jack Garratt. (Foto: Daniel Balmat)

Ein «Next Hype» der BBC

Etwas anders verhält es sich mit Jack Garratt. Der bärtige Brite wird von BBC Radio als «Next Hype» gehandelt. Ob zu Recht oder zu Unrecht, wird, wie immer in solchen Fällen, erst die Zukunft weisen. Jedenfalls wird der Wunderknabe diesen Sommer von einem zum nächsten Renommierfestival gereicht, vom Glastonbury ans Reading und eben nach Montreux (nur um einen Tag später am kleinen, aber feinen Poolbar in Feldkirch aufzuspielen). Was Garratt auf der Bühne anstellt, hinterlässt tatsächlich Eindruck. Er, der von sich selber sagt, im Blues von Stevie Ray Vaughan, in den Riffs von Jack White und im souligen R’n’B von Frank Ocean Inspiration zu finden, ist live eine Einmann-Show. Auf diversem elektronischem Instrumentarium gibt er verquere, stilistisch nicht einfach zu verortende Songs zum Besten. Es sind Lieder, die einen als Zuhörer an den Haken nehmen und nicht mehr loslassen. Das Repertoire ist erst klein, aber die Intensität mit der dieses von Garratt wiedergegeben wird, umso grösser. Ein Minikonzert, was die Dauer anbelangt – aber eines von maximaler Wirkung.

Melodiöse Soundflächen von Thought Forms. (Foto: Lionel Flusin)

Melodiöse Soundflächen von Thought Forms. (Foto: Lionel Flusin)

Womit wir bei Thought Forms wären, der dritten «Unbekannten» in unserer Betrachtung. Hier ist mindestens die Zuordnung einfacher. Das britische Trio hat sich dem sogenannten Postrock verschrieben, die Vorbilder heissen Sonic Youth, My Bloody Valentine, Mogwai. Auch Thought Forms schafften es, bleibende Eindrücke zu hinterlassen, weil ihre Soundflächen mit schönen Melodielinien versetzt sind.

Ach ja, dass sie – im Gegensatz zu den andern beiden genannten Beispielen – die Hauptband des Abends nicht in den Schatten zu stellen vermochten, lag schlicht und ergreifend an der Übergrösse von Portishead. Für die Trip-Hop-Pioniere war es der allererste Auftritt am Montreux Jazz Festival überhaupt. Die Eindringlichkeit der düsteren Sounds fesselt noch immer, gerade auch in Kombination mit absolut berauschenden Visuals, die das Konzert von A bis Z begleiteten. Kaum zu glauben, dass Portishead in ihren Anfangsjahren nicht als «Next Hype» nach Montreux eingeladen waren.

KASTEN

Blues und Soul in alter Grösse

Blues und Soul steht in Montreux immer auf dem Programm, mal etwas mehr, mal etwas weniger schwergewichtig. Einen starken Eindruck im Bereich Soul hinterliessen dieses Jahr Mary J. Blige und D’Angelo & The Vanguard, die gemeinsam einen Abend bestritten. Noch selten hat der Schreibende im Auditorium Stravinski einen derart frenetischen, lauten Applaus gehört wie bei Blige, die ohne Punkt und Komma durch eine hochenergetische Show jagte. So, als wollte sie sagen: Ja, es ist lange her seit dem letzten Mal hier, aber ich habe meine grössten Probleme hinter mir und zeige es jetzt allen. Was sie tat. Desgleichen D’Angelo, auch er jahrelang in der Versenkung verschwunden. Nur um mit neuen Songs und einer unglaublich toughen Band aufzuspielen, dass einem der Atem wegzubleiben drohte. Es war mitunter fast zu viel des Guten, was D’Angelo in seinen musikalisch hochkomplexen Auftritt fasste. Einfacher, rustikaler ging es beim Konzert von Alabama Shakes zu und her. Hier erklang mit Brittany Howard eine der besten aktuellen Stimmen des Blues und amerikanischen Südstaaten-Rocks. Und dies zur Veredelung knackiger, meist eher kürzerer Songs im besten CCR-Stil. (hb)

Knackiger Blues von Alabama Shakes. (Foto: Lionel Flusin)

Knackiger Blues von Alabama Shakes. (Foto: Lionel Flusin)

pdf Südostschweiz (13.07.2015)

Wo die leisesten Töne die grössten Emotionen wecken

Tony Bennett & Lady Gaga at the 49th Montreux Jazz Festival, (c) 2015 FFJM-Marc Ducrest

Tony Bennett & Lady Gaga at the 49th Montreux Jazz Festival, (c) 2015 FFJM-Marc Ducrest

Das 49. Montreux Jazz Festival ist fulminant gestartet. Mit einem Jazzabend alter Schule als bisherigem Höhepunkt. Und etlichen weiteren «leisen» Konzerten, die manch ein lautes zu übertönen und in Sachen Emotionen hinter sich zu lassen vermochte.

Von Hans Bärtsch

Die Szene ist symptomatisch. Als der irische Songwriter Damien Rice die Konzertbesucher bittet, doch auf Handyfotos zu verzichten, werden die, die es trotzdem wagen, von den Umstehenden mit höflichen, aber bestimmten Blicken in die Schranken gewiesen. Ein, zwei «Pssst!» lassen die letzten Privatgespräche verstummen. Und dann ist das Publikum voll bei ihm, diesem Sänger von wenig erbaulichen Themen (vorwiegend nicht endenwollender Liebeskummer), der mit seiner offenbarten Selbstunsicherheit und seinem verwuselten Äusseren Mutterinstinkte weckt. Allein steht er da auf der grossen Bühne des Auditorium Stravinski, meist mit der Gitarre in der Hand, ab und an zum Flügel wechselnd, die Stimme hoch, manchmal mehr Qual als Freude bereitend. Das Licht ist auf intim gestellt, ein paar wenige Scheinwerfer genügend.

Miniaturen auf allem, was Tasten hat

Es ist das dritte «leise» Konzert an diesem Dienstagabend, nach der schwedischen Folkpop-Sängerin Mariam Wallentin alias Mariam The Believer, mit der Rice im Zugabenblock noch eine improvisierte Nummer gemeinsam singt. Dazwischen gibt der Deutsche Nils Frahm den Neoklassiker, der den Elektroniker in sich nicht verstecken will. Seine Melodie-Miniaturen, gespielt auf allem, was Tasten hat, bekommen dadurch eine enorme Sogkraft, werden regelrecht tanzbar. Aber wie gesagt: Auch hier wird in erster Linie konzentriert zugehört.

Tastenmagier: Nils Frahm fasziniert bei seinem Auftritt am Montreux Jazz Festival. (Foto: Lionel Flusin)

Tastenmagier: Nils Frahm fasziniert bei seinem Auftritt am Montreux Jazz Festival. (Foto: Lionel Flusin)

Diese Konzentration auf die Künstler und Bands erlaubt dem Montreux Jazz Festival eine andere Programmation als auf Festivals, an denen es vor allem um Rambazamba geht. Darum, das ist klar, geht es in Montreux auch. Die Antwoord aus Südafrika etwa verwandeln das Lab, wie der Saal für «jüngere» Musik heisst, mit ihrem Rap’n’Rave in einen Hexenkessel. Dasselbe schaffen die Chemical Brothers mit harten elektronischen Beats. Oder Sam Smith, der nach einer Stimmbandoperation wiedergenese britische Wunderknabe des Soulpop, der live allerdings zu stark auf biedere Mitmacheffekte setzt und Vieles, was die Magie seines grossartigen (und bisher einzigen) Albums «In The Lonely Hour» ausmacht, in den Sand setzt.

Die Schöne und das Biest

Gar nichts in den Sand gesetzt wird am Montag beim Exklusivauftritt der letzten lebenden Crooner-Legende, Tony Bennett, begleitet von einem Superstar des Pop, Lady Gaga. Eine Kombination, die undenkbar schien bis zum Erscheinen eines gemeinsamen Albums namens «Cheek To Cheek» im letzten Jahr, gefolgt von einer Tour der beiden äusserst unterschiedlichen Persönlichkeiten. Der Schreibende räumt an dieser Stelle frank und frei ein, von der Italoamerikanerin Stefani Germanotta, wie Lady Gaga bürgerlich heisst, bis dato noch gar nie auch nur das Geringste gehalten zu haben. Eine Kunstfigur des Pop, mit Einsatz ihres ganzen Körpers lediglich auf Provokation aus: Das war der Madonna-Klon in seinen Augen. Eine Stilikone? Wohlan. Aber was, bitteschön, hat ihr gesichtsloses, von Legionen Produzenten aufgemotztes Disco-Gestampfe mit Musik zu tun?

Erinnerungsstück eines weiblichen Fans: Die Setlist von Lady Gaga und Tony Bennett. (Foto: Hans Bärtsch)

Erinnerungsstück eines weiblichen Fans: Die Setlist von Lady Gaga und Tony Bennett. (Foto: Hans Bärtsch)

Nun hebt also der 88-jährige Bennett zum ersten Song «Anything Goes» von Cole Porter an, heisst Lady Gaga auf der Bühne willkommen – und die Dame singt, dass es einem Schauer den Rücken rauf und runter jagt. Mit einer Stimme, die wie gemacht ist für das Great American Songbook und damit die grössten der grossen Klassiker des Jazz. Hier er, ein bescheidener älterer Herr mit Swing in Stimme und Knochen. Dort sie, die Diva, der ein Wimpernschlag genügt, um das männliche Geschlecht um den Verstand zu bringen. Gemeinsam ist ihnen der Respekt zueinander. Meist nah beieinander stehend, oft Hand in Hand singen sie Duette, die für die Ewigkeit gemacht sind. Nicht immer astrein, gerade zu Beginn des zwei Stunden dauernden und rund 30 Songs umfassenden Programms. Das – bewusst? – Unperfekte macht den noch besondereren Reiz dieser erstaunlichen Kooperation aus.

Es wird kokettiert, was das Zeug hält

Gaga und Bennett lassen einander auch Platz für Soli. Sie etwa gibt eine umwerfende Fassung von «La Vie En Rose» zum Besten. Er ein berührendes «Smile», zu dem ihm dereinst der Komponist des Liedes, der «Schweizer» Charlie Chaplin gratuliert habe. Während sie acht Mal die Garderobe wechselt (und auch die Frisur), bleibt er seinem einen, eine Spur zu grossen Anzug treu. Das mögen Äusserlichkeiten sein, in diesem Kontext gehören sie zu einer durchchoreografierten Bühnenshow. Ihm tut die Blutauffrischung durch die 29-Jährige gut, ihr die Erdung durch den mit allen Entertainment-Wassern gewaschenen US-amerikanischen Sänger. Es wird kokettiert, was das Zeug hält, nur um musikalisch wieder am selben Strick zu ziehen – hier mit Stimmwucht, dort mit Souplesse. Kurzum: Das Montreux Jazz Festival ist um einen legendären Konzertabend reicher. Und das mit altmodischem Swing-Jazz im Stile Frank Sinatras – wer hätte das gedacht.

KASTEN 1

Das Great American Songbook

Der Begriff Great American Songbook umfasst herausragende Songs der US-Unterhaltungsmusik aus dem Zeitraum 1930 bis 1960. Zu den bekanntesten Komponisten/Interpreten dieser einmaligen Ära gehören etwa Cole Porter («I’ve Got You Under My Skin»), Irving Berlin («White Christmas»), Duke Ellington («In A Sentimental Mood»), Frank Sinatra («My Way»). Crooner nennt man die Interpreten dieser schmachtend gesungenen, schmalzig-schlagerhaften Songs.

KASTEN 2

Diva-Gehabe

Beim Konzert von Tony Bennett und Lady Gaga am Montreux Jazz Festival waren keine unabhängigen Fotografen zugelassen, sondern nur ein Festival-eigener Fotograf. Von dessen Aufnahmen wiederum gab das Management von Lady Gaga nur gerade eine einzige Aufnahme frei. Unnötiges Superstar-Gehabe, darf man dieser Restriktion für die Fotografenzunft anfügen.

pdf Südostschweiz (09.07.2015)

Das griechische Drama

Griechenland beschäftigt ganz Europa – einmal mehr. Gegen Ende Juni 2015 spitzt sich die Situation aber zu – kommt es zum Grexit? Die «Südostschweiz» gibt Antworten auf die drängendsten Fragen. Wie zum Beispiel sollen sich Schweizerinnen und Schweizer verhalten, die Sommerferien auf Hellas gebucht haben?

pdf Südostschweiz (30.06.2015)