Advent: Das Geschäft mit den 24 Türchen

Die Adventskalender-Idee für Männer: ein Bier-Kalender.

Die Adventskalender-Idee für Männer: ein Bier-Kalender.

 

Adventskalender gibt es in allen Formen und mit allen möglichen Inhalten. Kein Verkaufsgeschäft, das es sich erlauben kann, in dieser umsatzträchtigsten Jahreszeit abseits zu stehen. Stationär oder online.

Von Hans Bärtsch

Zürich. – Nicht jede Adventskalender-Idee findet überall Gefallen. So stösst der Bier-Adventskalender von Grossverteiler Coop dem Blauen Kreuz sauer auf. Damit werde zum täglichen Saufen animiert, beklagte sich die Dachorganisation für Alkohol- und Suchtfragen gegenüber «20 Minuten». Coop selber findet die Boxen mit 24 unterschiedlichen Bieren ein «originelles Angebot», das sich an alle Bier-Liebhaber richte. Im Übrigen solle man nicht immer alles so bierernst nehmen. Mit seinem Bier-Adventskalender scheint Coop jedenfalls den Geschmack der Kund- schaft getroffen zu haben – in einzelnen Filialen sind die Boxen bereits ausverkauft.

Adventskalender mit Alkohol sind keine Neuerfindung von Coop; solche Angebote gibt es schon seit Jahren. Ob Amazon, Aldi oder der Weltbild-Verlag – die unterschiedlichsten Anbieter tummeln sich in diesem offenbar recht lukrativen Geschäftsfeld. Natürlich auch die Bierbrauer – beispielsweise Heineken – selber. Auf Websites wie Bier­adventskalender.net oder Adventskalenderportal.ch findet sich alles rund ums Thema. Dass Alkohol zu einem Renner unter den Advents­kalender-Angeboten geworden ist, zei­gen die zahlreichen Schnaps- und Weinkalender, die es inzwischen gibt.

Erinnerungen an die Kindheit

Es muss natürlich nicht immer Alkohol sein. Bei Migros stehe die ganze Familie im Zentrum, und es gebe fast nichts, was nicht in Form eines Adventskalenders verkauft werden könne, sagt Migros-Sprecherin Martina Bosshard. Ob Food- oder Nonfood-Artikel – das Angebot müsse einfach zum Unternehmen passen. Bosshard erklärt sich die Beliebtheit von Adventskalendern mit Erinnerungen an die Kindheit – auf die Vorfreude, jeden Tag wieder ein neues Türchen öffnen zu dürfen.

Generell ist die Weihnachts- natürlich die wichtigste Geschäftszeit des Jahres. Bei Migros (wie bei Coop) gibt es tägliche Aktionen. Migros, so Bosshard, investiere dazu viel im Bereich Kundenbindung. Ein Beispiel ist die Anleitung zum Basteln, etwa für einen eigenen Adventskalender. Auch das Gemeinsame steht bei Migros zuvorderst. «Feiern wir zusammen», heisst die Onlinevariante eines Heftes, das alle Weihnachtsaktionen des Grossverteilers zusammenfasst.

Immer mehr Onlineangebote

Doch zurück zu den Adventskalendern. Immer mehr Angebote finden sich im Internet in Form von Gewinnspielen. So locken etwa die Schweizer Jugendherbergen «mit täglichen tollen Preisen und Aktionen» auf ihre Website Youthhostel.ch – gestern gabs zum Beispiel eine Übernachtung in der «Jugi» St. Moritz zu gewinnen. Am Tag 9 des HCD-Adventskalenders kam ein Glücklicher oder eine Glückliche zu «einem Schal, der warm gibt und Freude macht». Der Hockeyclub Davos spricht mit seinem Kalender in erster Linie die Facebook-Fans an. Auch die SBB fahren auf dem Adventskalender-Zug mit. Auf der Kinderclub-Website Magicticket.ch können auf einem «Adventszug» und Mausklicks am richtigen Ort verschiedene Preise gewonnen werden.

Mit einem «täglichen Wissensquiz und nachhaltigen Geschenken» macht Öbu, ein Netzwerk für nachhaltiges Wirtschaften, auf einen Adventskalender der nochmals etwas andern Art aufmerksam, und dies bereits zum zehnten Mal. Anhand von «24 konkreten und innovativen Beispielen» können «verschiedene Facetten der nachhaltiger Entwicklung» entdeckt werden. Eine der schönsten Advents-Ideen ist aber immer noch jene der Migros: Über die Website http://www.i-am.ch lassen sich Kompliments-Kalender gestalten, mit denen man andere Menschen beglücken kann. «Öffnen Sie bis 24. Dezember täglich ein Türchen und lassen Sie sich von den lieben Worten durch Ihre Adventszeit tragen», wird dieser Kalender beworben. Und selbst hier lassen sich Preise gewinnen.

pdf Südostschweiz (10.12.2014)

pdf Sarganserländer (10.12.2014)

pdf St.Galler Tagblatt (11.12.2014, Seite 11)

Arosa: Wo der Winter eingelacht wird

Hier wird gelacht: Das Zelt mitten im Skigebiet ist das Zentrum des Arosa Humorfestivals.

Hier wird gelacht: Das Zelt mitten im Skigebiet ist das Zentrum des Arosa Humorfestivals.

 

Kabarett- und Comedy-Vorstellungen in einem Zelt mitten im Skigebiet – auf eine solche Idee muss man erst mal kommen. Findige Köpfe aus Aroser Tourismuskreisen hatten sie. Das Humorfestival, mit dem im Bündner Skiort quasi der Winter eingelacht wird, geht diesen Dezember bereits ins 23. Jahr. Altgediente Künstler stehen auf dem Programm (wie Marco Rima), Zukunftshoffnungen (Starbugs), die Speerspitze der Bündner Komik (Claudio Zuccolini, Rolf Schmid), viele gute Comedians aus Deutschland (Ingo Appelt, Jochen Malmsheimer, Eckart von Hirschhausen). Und der wohl beste Seminarkabarettist deutscher Zunge: Bernhard Ludwig aus Wien. Infos unter http://www.humorfestival.ch

Hier einige Beispiele mit Humorfestival-Berichten aus meiner Feder in der «Südostschweiz».

pdf Südostschweiz (08.12.2014)

pdf Südostschweiz (12.12.2010)

pdf Südostschweiz (07.12.2010)

pdf Südostschweiz (09.12.2009)

pdf Südostschweiz (17.12.2007)

pdf Südostschweiz (16.12.2007)

PULS – das Bündner Wirtschaftsmagazin

Halbjährlich erscheint als Beilage zur «Schweiz am Sonntag» das Bündner Wirtschaftsmagazin PULS, herausgegeben von der Graubündner Kantonalbank, dem Amt für Wirtschaft und Tourismus Graubünden, dem Bündner Gewerbeverband, Hotelleriesuisse Graubünden, Handelskammer und Arbeitgeberverband Graubünden sowie der «Südostschweiz». Norbert Waser vom «Bündner Tagblatt» und Hans Bärtsch von der «Südostschweiz» sind für die redaktionelle Umsetzung zuständig. Ziel von PULS ist, der Leserschaft wirtschaftliche Zusammenhänge auf eingängige Art aufzuzeigen. Jede Ausgabe ist von einem Hauptthema geprägt. Die wirtschaftliche Bedeutung guter Verkehrsverbindungen ist der Schwerpunkt der aktuellen Ausgabe von November 2014. Hier eine Auswahl PULS-Ausgaben der letzten Jahre.

PULS_November_2014

PULS_Juni_2014

PULS_November_2013

PULS_Juni_2013

PULS_November_2012

PULS_Juni_2012

PULS_Dezember_2011

PULS_Juni_2011

Island: Kleines Land, grossartige Musikszene

Island hat, gemessen an der Bevölkerungszahl, eine äusserst reichhaltige Musikszene. Das zeigte sich einmal mehr am diesjährigen Talentfestival Iceland Airwaves in Reykjavík.

Von Hans Bärtsch (Text und Bilder)

Reykjavík. – Ein Name überstrahlt sie nach wie vor alle, gilt gleichzeitig als Initialzündung für den erfolggekrönten Musikexport der letzten Jahre, vor allem aber auch für innovatives, im besten Sinne eigensinniges Popmusikschaffen: Björk. Die heute 49-Jährige hat Ende der Neunzigerjahre mit der Band Sugarcubes und danach solo weltweit Aufmerksamkeit erregt – Aufmerksamkeit auch auf den Inselstaat im hohen Norden, woher sie stammt.

Konzertort für Rebekka Sif: das Schaufenster des Kleiderladens Cintamani

Konzertort für Rebekka Sif: das Schaufenster des Kleiderladens Cintamani

 

Island, flächenmässig rund zwei­einhalbmal grösser als die Schweiz, aber lediglich von knapp 330 000 Menschen bewohnt, ist ein kreatives Pflaster, wie sich bei der 15. Auflage des Talentfestivals Iceland Airwaves Anfang November eindrücklich bestätigte. Hunderte von Einzelkünstlern und Gruppen präsentierten sich im offiziellen Programm. Noch reichhaltiger waren die gratis zugänglichen Off-Venue-Konzerte an allen mög­lichen und unmöglichen Orten in Reykjavík – in Kaffees, Bars und Hotels, in Bibliotheken und Galerien, in Schaufenstern und Jugendherbergen, in Plattenläden und Kinos, in einem Heilsarmee-Lokal und dem EU-Informationscenter. Kurz: Das Iceland Airwaves bescherte der isländischen Hauptstadt einmal mehr den musikalischen Ausnahmezustand.

Originell in allen Belangen

Der Schreibende schaffte während des fünftägigen Festivals 35 in der Regel halbstündige Konzerte, rund zwei Drittel davon einheimische Acts, der Rest aufstrebende Bands aus diversen europäischen Ländern und den USA. Björk war beim einen oder andern Talent das unüberhörbare Vorbild, auch im Bereich Elektro und Hardrock tönte einiges sattsam bekannt. Das Rad wird also auch in Island nicht alle Tage neu erfunden. Umso grösser die Freude, die andere, frisch von der Leber weg musizierende Künstlerinnen und Künstler be­reiteten. Originell bezüglich eigenständigem Songwriting und Präsen­tation.

Auftritt in intimem Rahmen:  In der Bar «Bravó» gibt Snorri Helgason eigene Lieder und Covers zum Besten.

Auftritt in intimem Rahmen: In der Bar «Bravó» gibt Snorri Helgason eigene Lieder und Covers zum Besten.

 

In einem neuen Dokumentarfilm über die isländische Musikszene, der am Airwaves uraufgeführt wurde, werden die Erfolgsgeheimnisse praktisch unisono benannt. Eines davon sei – wortwörtlich – in der Natur des Landes zu suchen: Wer auf dem dünn besiedelten Land aufwachse, habe in jungen Jahren oft nicht viel anderes zu tun, als allein oder mit Gleichgesinnten zu musizieren. Positiv wirke sich diesbezüglich die schulische Bildung im Bereich Musik aus. Vor allem aber, so geht aus der vom Online-Kulturmagazin «405» realisierten Doku «Tónlist» hervor, würden die Vertreter der Szene sich untereinander nicht konkurrenzieren, sondern miteinander kooperieren. Und das führe des Öftern zu überraschenden, sich gegenseitig bereichernden Konstellationen.

Das Beste aus zwei Welten

Eine dieser Genre-übergreifenden Zusammenarbeiten ist jene von Ólafur Arnalds und Janus Rasmussen. Ersterer kommt vom Punk her und verbindet heute global erfolgreich Klassik mit Elektroklängen, basierend auf einem präparierten Piano. Letzterer ist Mitglied der Bloodgroup, die sich verschrobenen Discobeats verschrieben hat. Gemeinsam haben sie unter dem Namen Kiasmos eine CD aufgenommen, die das Beste dieser zwei musikalischen Welten vereinigt und die Weite des Landes zu atmen scheint. Es pocht und blubbert in bester Elektropop-Manier, mit Streichern werden melancholische Songteppiche gelegt, das Klavier zeichnet behutsam Melodielinien. Die atmosphärische Musik von Kiasmos eignet sich zum Hören in der guten Stube, aber auch zum Abtanzen, wie ein mitreissendes DJ-Set von Ólafur/Rasmussen mit speziellen Mixes des acht Songs starken Debütalbums zeigte.

Spontan Plattenvertrag offeriert

Ein anderer, selbst in Island noch weitgehend unbekannter Name ist Mafama. Das Quartett bezeichnet die Einflüsse als «mit allem, was zwischen Disco und Metal liegt». Rasiermesserscharfe Gitarrenklänge, elektronische Beats und ein charismatischer Sänger ergeben ein laut-wild-intensives Gemisch, das an die besten Rave-Zeiten «Madchesters» erinnert, an Bands wie Primal Scream, Stone Roses, Inspiral Carpets, Charlatans. Bei ihrem Auftritt in einem Plattenladen wurde den Mafama-Mitgliedern von einem begeisterten Talentspäher jedenfalls spontan ein Plattenvertrag offeriert. Ob inszeniert oder echt – auf das nächsten Sommer angekündigte erste Album darf man schon jetzt gespannt sein.

Rock, der groovt: Mafama bei ihrem Auftritt im Plattenladen Lucky Records.

Rock, der groovt: Mafama bei ihrem Auftritt im Plattenladen Lucky Records.

 

«Welcome to the quiet hour», wurden die Besucher im kleinsten Saal des Konzerthauses Harpa beim Auftritt von My Bubba begrüsst. Und in der Tat – es war das Gegenteil der vorgängig beschriebenen Mafama. So leise und reduziert, dass man sich ob der berühmten Stecknadel, so sie denn zu Boden gefallen wäre, gehörig erschrocken hätte. Gleichwohl ist die (Folk-) Musik der Schwedin My und der Isländerin Bubba von unglaublicher Intensität, durch die sich umschmeichelnden Stimmen der beiden, dann aber auch durch die originelle Begleitung durch Stehbass, einen Schlagwerker und einen Gitarristen, die ihre Instrumente mehr streicheln als spielen.

Leise, aber umso intensiver: My Bubba spielen in einem der Harpa-Säle.

Leise, aber umso intensiver: My Bubba spielen in einem der Harpa-Säle.

 

Nochmals von ganz anderem Charakter ist das international etablierte Sextett Árstídír. Stimmen, die in ihrer Klarheit für Gänsehaut sorgen, kammermusikalisch so raffiniert wie fein umrahmt, sorgen sie für die grossen Emotionen, wenngleich manchmal in gefährlicher Nähe zum Kitsch. Ebenfalls einer der Grossen ist Jóhann Jóhannsson. Dem Komponisten kam die Ehre zu, mit dem Iceland Symphony Orchestra die grosse Harpa-Konzerthalle zu bespielen – einer der weltbesten Konzertsäle überhaupt. Das Werk, das zum Besten gegeben wurde, war «The Miners’ Hymns» – die Musik zu historischen Filmaufnahmen, die über eine Zeitspanne von 100 Jahren den Niedergang einer englischen Kohleminen-Region dokumentieren.

Alles, was Rang und Namen hat

Ansonsten war am diesjährigen Iceland Airwaves alles mit von der Partie, was in der heimischen Szene Rang und Namen hat: FM Belfast, Agent Fresco, Sin Fang, Samaris, Mammút, Retro Stefson, Ólöf Arnalds, Ásgeir, Leaves, Sóley, Low Roar, Pétur Ben, Lay LowSnorri Hel­gason. Ausgerechnet Kaleo, eine der hoffnungsvollsten Indie-Poprock-Gruppen, was eine internationale Karriere anbelangt, mussten krankheitshalber absagen. Das Quartett dürfte seinen Weg trotzdem machen.

Ach ja, eingangs erwähnte Björk war, wie praktisch jedes Jahr, ebenfalls am Festival. Allerdings nicht auf der Bühne, sondern in den Zuschauerrängen. Und augenscheinlich schien ihr vieles zu gefallen, was sie hörte.

 

KASTEN

Diesmal ohne Schweizer

Am Iceland Airwaves war in den letzten Jahren immer auch die eine oder andere Schweizer Band im Programm: OY beispielsweise, Boy oder Sophie Hunger. Heuer fand das Festival ohne Schweizer Beteiligung statt. Aus dem internationalen Programm stach der allerletzte Auftritt des schwedischen Elektropop-Duos The Knife heraus – das Konzert wurde zum vor allem auch visuell rauschenden Fest. Grossartig auch der Auftritt der Frauen-Rock’n’Roll-Band La Luz aus Seattle (USA).

Den krönenden Abschluss des Festivals machte die US-Band Flaming Lips mit einem fantastischen Bühnenbild, psychedelischen Lichtspielereien, Konfettiregen, Luftballons und einem Programm quer durchs ganze Schaffen – zum Glück mit nur einem Abstecher in Richtung des eben erschienenen, verunglückten Beatles-Coveralbums «With A Little Help From My Fwends». (hb)

Girlie-Rock'n'Roll: La Luz treten an einem der beliebtesten Off-Venue-Lokalitäten auf, dem KEX Hostel.

Girlie-Rock’n’Roll: La Luz treten an einem der beliebtesten Off-Venue-Lokalitäten auf, dem KEX Hostel.

 

pdf Südostschweiz (18.11.2014)

Lappland: Wo die Winter noch richtige Winter sind

Unendliche Weiten prägen das finnische Lappland.

Unendliche Weiten prägen das finnische Lappland.

 

Für Wintersportaktivitäten muss man die Schweiz eigentlich nicht verlassen. Aber im finnischen Lappland entdeckt man noch einmal neu, was ein richtiger Winter ist. Und Polarlichter gibts, mit etwas Glück, obendrauf. Ein Reisebericht von hoch im Norden, im Grenzdreieck von Finnland, Norwegen und Schweden.

pdf Südostschweiz (22.10.2014)

Minus 25 Grad Celcius - da muss man sich warm einpacken.

Minus 25 Grad Celcius – da muss man sich warm einpacken.

Sven Reinecke: «Coop ist Frische, Nähe, Familie, Naturaplan»

HSG-Professor und Markenexperte Sven Reinecke

HSG-Professor und Markenexperte Sven Reinecke

 

1914 wurde der Name Coop ins Markenregister eingetragen. Heute, 100 Jahre später, ist Coop eine der schweizweit bekanntesten Marken. HSG-Markenspezialist Sven Reinecke über die Stärken und Schwächen der Marke Coop.

Mit Sven Reinecke* sprach Hans Bärtsch

Herr Reinecke, die Marke Coop feiert ihr 100-jähriges Bestehen. Wo ordnen Sie Coop in der Marken-Landschaft Schweiz ein?

Sven Reinecke: Coop ist eine der stärksten Marken in der Schweiz. Nicht unbedingt, was den finanziellen Wert anbelangt, da liegen Marken wie Nescafé, Roche oder Swatch weiter vorne. Aber bezüglich Bekanntheit, Vertrautheit und Relevanz ist Coop zu 99 Prozent bekannt – mehr geht gar nicht. Dazu kommt, dass über 90 Prozent der Schweizerinnen und Schweizer zumindest gelegentlich im Coop einkaufen. Ferner ist die problemlose Erreichbarkeit von Filialen ein Pluspunkt. Bezüglich der Markenstärke in der Gesamtschweiz ist im Bereich Handel nur noch Mitbewerber Migros stärker als Coop.

Was assoziieren Sie spontan mit Coop?

Frische, Nähe, Familie, Naturaplan – und eine grosse Vielfalt an Markenprodukten, die im Coop angeboten wird.

Was macht die Stärke der Marke Coop aus?

Es sind die gerade genannten Begriffe. Die Herausforderung, welche Coop (wie auch Migros) sehr gut meistert, ist, dass es eine Marke für alle, sprich für breite Bevölkerungsschichten ist. Es gelingt nur den wenigsten Unternehmen, sich so zu positionieren. Der Uhrenhersteller Hublot beispielsweise oder der Energy-Drink-Produzent Red Bull haben es deutlich einfacher: Diese Marken wollen gar nicht allen gefallen – beide haben spezielle Zielgruppen im Visier. Bei den dominierenden Detailhändlern in der Schweiz ist das anders – und es gelingt ihnen tatsächlich, eine Marke für alle zu sein.

«Nicht langweilig werden»

Eine starke Marke für alle ist aber wohl kein Selbstläufer, da steckt harte Arbeit dahinter.

Das ist so. Im Fall von Coop muss zum Beispiel sorgsam austariert werden, welche Untermarken man führt, und wie eigenständig diese auftreten. Fust, Interdiscount, Betty Bossi, Marché treten mit der eigenen Marke auf, zum Teil aber auch unter dem Dach von Coop. Das ist durchaus sinnvoll. Aus den von Mövenpick übernommenen Marché- einfach Coop-Restaurants zu machen, wäre nicht sehr sinnvoll. Es würde die Eigenständigkeit der ebenfalls bekannten und tradi­tionsreichen Marke Marché verwischen. Zur Stärke von Coop gehören übrigens auch das prägnante, über die Jahre kontinuierlich gepflegte Logo sowie natürlich die Warenpräsentation im Laden.

100 Jahre Marke Coop – das ist viel Zeit für den Auf- und Ausbau der Marke? Lauern auch Gefahren bei so alten Marken?

Es geht bei einer Marke generell um zwei Aspekte: Zum einen darum, die Kontinuität zu wahren, zum andern um die stetige Erneuerung – darum, nicht stehen zu bleiben, nicht langweilig zu werden, nicht den Ruf des Verstaubten zu bekommen. Rivella ist dafür ein konkretes positives Beispiel: Es werden neue Geschmacksrichtungen entwickelt, damit lassen sich unter Umständen neue Kunden gewinnen. In jedem Fall hält Rivella seine Marke damit aktuell und im Gespräch – selbst wenn sich das eine oder andere neue Produkt vielleicht nicht im Markt durchsetzen sollte. Bei Coop sind es beispielsweise die Coop-Pronto-Standorte, mit denen sich das Unternehmen in letzter Zeit verjüngt hat.

Coop ist ja eine Genossenschaft. Spielt das bezüglich Markenführung überhaupt eine Rolle?

Bei Coop hat besonders der Zusammenschluss der regionalen Genossenschaften 2001 zum starken Auftritt von heute beigetragen. Genossenschaften haben einen grossen Vorteil – sie geben den Kunden das Gefühl: das Unternehmen gehört uns, wir sind Teil des Ganzen. Man sieht das auch am Beispiel der Mobiliar-Versicherung oder den Raiffeisenbanken – Genossenschaften zeichnet eine höhere Kundenbindung und -zufriedenheit aus. Sie sind lokal verbunden und in der Schweiz hervorgegangen. Coop wie auch Migros haften Begriffe wie Swissness und damit verbundene Attribute wie Bodenständigkeit, Qualität, heile Landschaft usw. automatisch an, andere müssen dafür kämpfen. Aldi und Lidl arbeiten stark an einem solch positiven Image. Die Schweiz ist das einzige Land, in dem Aldi Imagewerbung macht. Und Lidl hat sogar das Schweizer Kreuz ins Logo integriert.

«Bereich Social Media wird zu wenig gepflegt»

Zurück zur Genossenschaftsform …

… die nebst allen Vor- auch Nachteile haben kann. Genossenschaften, gerade im Bereich Handel, sind bodenständig – und werden somit häufig nicht als besonders aufregend ange­sehen. Auch sind die Entscheidungs­wege bei Genossenschaften mitunter etwas länger.

Was könnte Coop noch verbessern?

Coop pflegt für meinen Geschmack den Bereich Social Media zu wenig; viel weniger stark jedenfalls als der Hauptkonkurrent mit Migipedia. Dann hat Coop früher wegen eines Versprechens gegenüber der Kundschaft die via Supercard gesammelten Kundendaten lange nicht individuell ausgewertet. Das hielt ich von Anfang an für einen Fehler. Denn dass man als Detailhändler die Kundendaten zwar hat, aber in Sachen Kaufverhalten nicht auswertet, war für mich unverständlich. Alles in allem sind das aber Kleinigkeiten – Coop ist, wenn ich mich so ausdrücken darf, schon eine brutal starke Marke, die hervorragend geführt wird.

* Sven Reinecke ist Geschäftsführender Direktor des Instituts für Marketing an der Universität St. Gallen (HSG).

 

Blick in ein Coop-Schaufenster von anno dazumal

Blick in ein Coop-Schaufenster von anno dazumal

 

Am Anfang von Coop stand der «Schokoladenkrieg»

Die Entwicklung von den Konsumvereinen zu Coop ist nicht ganz freiwillig erfolgt. Einer der Auslöser war der «Schokoladenkrieg».

Von Hans Bärtsch

Basel. – Das Jubiläum «100 Jahre Coop Schweiz» konnte schon 1990 gefeiert werden, in diesem Jahr wurde die Marke Coop 100 – es war im März 1914, als Co-op ins Marken­register eingetragen wurde. Dies als Kennzeichnung für selbst hergestellte Produkte und als Symbol für die Zusammengehörigkeit der damaligen Konsumvereine, wie einer für Coop-interne Zwecke erstellten Schrift zu entnehmen ist.

In «seltener Einmütigkeit»

Ganz freiwillig ging der Zusammenschluss freilich nicht über die Bühne. Seinen wahren Grund hatte er in der Vereinigung der damals führenden Schokoladenproduzenten, die dem Handel seine Bedingungen aufzuzwingen versuchte. Die schweizerischen Konsumvereine widersetzten sich in «seltener Einmütigkeit und Geschlossenheit». Der «Schokoladenkrieg» führte dazu, dass die Konsumvereine nur noch Schokolade ausserhalb des Schokoladenproduzentenrings verkauften. In diesem Zusammenhang wurden die Marken Ringfrei und Coop für Schokoladen eingeführt.

Der Rest ist Geschichte. Coop löste die Konsumvereine ab, 1942 wurde die Einheitsfarbe Orange eingeführt, 1956 in Bern das erste Coop-Center eröffnet. Der Zusammenschluss der regionalen Coop-Genossenschaften zu einer Coop kennzeichnete 2001 den Schritt hin zum heutigen Unternehmen. Coop war nun die Dachmarke für zahlreiche Untermarken (von Bau+Hobby über die Vitality Apotheken bis zu den Convenience-Shops namens Pronto. Unter den Labels Naturplan, Oecoplan, Fine Food, Pro Montagna, Prix Garantie usw. finden sich heute klar positionierte Produkte in den Regalen. Mit der gerade aufgefrischten «Coop-Zeitung» erreicht das Unternehmen rund 3,5 Millionen Leserinnen und Leser. Auch der Onlineshop Coop@home erfreut sich immer grösserer Beliebtheit.

Auch in andern Ländern

Die Marke Coop, so ist der erwähnten Schrift weiter zu entnehmen, war Zeit ihres Bestehens Ausdruck für Zusammengehörigkeit. Die Abkürzung des französischen Begriffs Coopération bezeichnet ein genossenschaftlich organisiertes Unternehmen. Die Marke Coop ist im Übrigen kein schweizerisches Unikum – der Name ist in verschiedenen Ländern für Lebensmittelgeschäfte in Gebrauch, oftmals sogar mit sehr ähnlichem Logo. Einzigartig ist aber der hohe Stellenwert, den Coop in der Schweiz geniesst.

Zum 100-Jahr-Jubiläum der Marke Coop hat Coop elf Grundnahrungsmittel wie anno dazumal gekleidet. Diese Produkte in «nostalgischen» Verpackungen bleiben nach dem Motto «Es het solangs het» im Sortiment. Laut Coop-Sprecherin Nadja Ruch finden speziell der Zucker, die Hörnli und die Schokolade Anklang.

pdf Südostschweiz (07.10.2014)

Sieben Geier und eine wilde Wally

Konzertkritik von Hans Bärtsch

Erika Stucky und Da Blechhauf'n (Foto: Nici Jost)

Erika Stucky und Da Blechhauf’n
(Bild Nici Jost)

 

Ausgerechnet, als er zu einem Solo eingeladen ist, ist er mucksmäuschenstill, der Zürichsee. Auch prasselt gerade kein Regen nieder. Nur der kühle Wind schlägt Blachen gegen Bühnengestänge. Trotz verpatztem Einsatz – es ist einer der magischen Momente auf der Seebühne des Theater Spektakels, wo die Amerika-Schweizerin Erika Stucky ihr neues Programm zur Uraufführung bringt. Zur Magie tragen ausgerechnet die widrigen äusseren Bedingungen bei – sie lassen Stucky und ihre Begleiter zusammenrücken und umso intensiver abheben in höchste musikalische Gefilde.

«Wally und die sieben Geier» heisst das Programm. Und mit den sieben Geiern ist das Septett Da Blechhauf’n gemeint. Eine Blechblasformation aus dem Burgenland in Österreich, die musikalisch vor gar nichts haltmacht. Die klassisch kann, volkstümlich, jazzig, funky, rockig. Wally (Stucky) ist dabei die Chef-Geierin, die bekannt begnadete Performerin aus dem Wallis mit ausgiebigem Hang zum Schrägen. Insofern haben sich da zwei getroffen, die allerbestens zusammenpassen. Zwei, die Genres durch­einanderwirbeln, dass einem als Zuhörer schier schwindlig wird.

Die Basis des Ganzen sind alpenländische Geschichten und Melodien. Aber nicht nur, und nicht lange. Psychedelisches (Pink Floyd) erklingt plötzlich, West­coast-Klänge (America), eine flotte Rock’n’Roll-Nummer von The Knack. Schliesslich, gleichsam der Höhepunkt des Abends, eine Version von «I Put A Spell On You», die fast an die Wildheit ihres Schöpfers, des US-Bluessängers Screamin’ Jay Hawkins, herankommt. Sicher aber x andere Interpretationen dieser Nummer in den Schatten stellt. Nach der zweiten Zugabe sind die Blechhauf’n-Mitglieder am Boden, wortwörtlich. Nur noch Sängerin Stucky und ihr Mini-Akkordeon geben die letzten Töne von sich. Es ist der Abschluss eines musi­kalisch – im positivsten Sinn – durchgeknallten Abends.

http://www.erikastucky.ch
http://www.blechhaufn.at

pdf Südostschweiz (20.08.2014)

«Anne»: Theaterstück gegen das Vergessen des Grauens

Anne Frank ist das wohl bekannteste Holocaust-Opfer. Ihr Tagebuch wird derzeit in Amsterdam neu dramatisiert auf die Bühne gebracht. Ein eindrückliches Stück gegen das Vergessen des Grauens – jetzt auch auf Deutsch übersetzt.

Von Hans Bärtsch

Amsterdam. – Dokumentar- und Spielfilme, Hörspiele, literarische Werke, Kompositionen, Musicals, Theaterinszenierungen. Gedenkorte, Statuen, Museen. Schulstoff. Welt­kulturerbe der Unesco. Das und viel mehr ist das «Tagebuch der Anne Frank», das und viel mehr hat dieses historische Dokument aus der Zeit des Nationalsozialismus bewirkt. Die Schrift des jüdischen Mädchens wurde in rund 70 Sprachen übersetzt und verkaufte sich bislang 70 Millionen Mal. Anne ist das wohl bekannteste Holocaust-Opfer, weil ihre Geschichte nicht nur eine Erinnerung an unglaubliche Gräueltaten, sondern auch ein Symbol der Hoffnung ist.

Anne und ihr geliebtes Tagebuch (Bild Kurt van der Elst)

Anne und ihr geliebtes Tagebuch.
(Bilder Kurt van der Elst)

 

Neues Stück, neues Theater

Doch die Zeit des Zweiten Weltkriegs rückt immer weiter weg, gerade für heutige, eher mit sozialen Medien denn mit Büchern aufwachsende Generationen. Damit nicht vergessen wird, was nicht vergessen werden darf, hat der Anne Frank Fonds in Basel, welcher die Rechte am «Tagebuch der Anne Frank» verwaltet, eine neue Dramatisierung in Auftrag gegeben. Das Stück des niederländischen Autorenpaares Leon de Winter und Jessica Durlacher läuft sein Mai in einem mit Geldern von Privatinvestoren erbauten, topmodern eingerichteten Theater im westlichen Hafen von Amsterdam. Der Premiere wohnten auch der niederländische König Willem-Alexander bei und Buddy Elias, der 89-jährige Cousin und letzte lebende direkte Verwandte von Anne Frank. Was sie sahen, hat seither Tausende von Besuchern zu Tränen gerührt.

Vom rebellischen Teenager …

De Winter/Durlacher konnten sich – erstmalig – der originalen Tagebuchtexte bedienen. Und zeigen die Anne – ideal verkörpert von der frischgebackenen Schauspielschul-Abgängerin Rosa da Silva – als lebhaften, manchmal auch nervigen Teenager. Sie sitzt eingangs in einem Pariser Café und trifft dort auf einen Verleger. Diese sich wiederholenden Treffen – Wunschgedanken der jungen Frau – sind das einzig fiktive am neu geschriebenen Stück. Diese Rahmenhandlung umfasst die Jahre 1940 bis 1944, von denen Anne und ihre Schwester mit den Eltern plus einer weiteren jüdischen Familie die letzten beiden auf engstem Raum in einem Amsterdamer Hinterhaus-Versteck verbrachten, unterstützt von wenigen Eingeweihten.

anne, theu boermans

Das Leben  auf engstem Raum ist nicht immer einfach.

 

Die 1:1 nachgebaute Häuserfront hebt, senkt und dreht sich. Erlaubt wie in einem Puppenhaus Einblicke auf verschiedenen Ebenen. Schildert den Alltag der Zweckgemeinschaft, der geprägt ist von der omnipräsenten Angst des Entdecktwerdens durch die Nazi-Schergen. Es sind Szenen grosser Intimität, aber auch kleinlicher Streitereien vor allem unter den Erwachsenen. Das gute Verhältnis Annes zum fürsorglichen Vater wird gezeigt (brillant: Paul R. Kooij), wie das Nichtauskommen mit der als kalt empfundenen Mutter.

… zur reifen jungen Frau

Und dann ist da das Ringen um das kleine Schreibtischchen zwischen Anne und einem später dazu gekommenen Mitbewohner. Dieses Tischchen, auf dem Anne ihre Gedanken und Erlebnisse ins innig geliebte Tagebuch schreibt. Man sieht sie nachgerade erwachsen werden vom unbeschwerten, vorlauten Mädchen zur nachdenklichen, aber lebenshungrigen jungen Frau. Als am Radio die Landung der Alliierten in der Normandie verkündet wird, begleitet von historischen Aufnahmen auf riesigen Leinwänden, sind Freude und Hoffnung gross – aber nicht für lange. In fast wortlosen Szenen folgen Verrat, Deportation und Tod im Lager Bergen-Belsen.

Zum Schluss führt der Weg ins Konzentrationslager (Bild Kurt van der Elst)

Zum Schluss führt der Weg ins Konzentrationslager.

 

Der Holocaust als Multimediaschau? Der Kommerzvorwurf (siehe Kasten) greift nicht nur zu kurz, er ist völlig daneben. Wenn man junge Leute abholen will, dann genau so. Das Produzenten-Duo Kees Abrahams und Robin De Levita inszenierte zusammen mit Regisseur Theu Boermans die einfach gestrickte Geschichte trotz viel Technik ohne Effekt­hascherei, dafür umso berührender. Seit Kurzem ist «Anne» auch für ein internationales Publikum interessant, wird es doch – via iPad am Sitzplatz – mit Simultanübersetzung in acht Sprachen, darunter Deutsch, angeboten. Wirklich nötig ist dies nicht, geht das Stück doch auch tief unter die Haut, ohne dass man jedes Wort versteht.

http://www.theateramsterdam.nl/de

 

Wem gehört Anne Frank?

Der Anne Frank Fonds in Basel ist von Annes Vater Otto Frank, der das Konzentrationslager als einziger der Familie überlebt hatte, mit edu­kativen Zielen gegründet worden. Leitgedanken des Fonds sind die Völkerverständigung und die Überwindung von Vorurteilen und Ras­sismus. Die Nonprofit-Organisation unterstützt mit den Einnahmen aus dem Verkauf des Tagebuchs von Anne Frank eine Vielzahl von Projekten weltweit.

Das im Amsterdamer Hafen realisierte neue Theater, in dem das vom Anne Frank Fonds initiierte Stück «Anne» derzeit läuft, liegt nur wenige Hundert Meter von jenem Haus entfernt, in dem sich die Familie Frank während mehr als zwei Jahren versteckt hielt. Dieses jährlich von gut einer Million Menschen besuchte Museum wird von einer Stiftung betrieben, die mit dem Basler Anne Frank Fonds über Kreuz liegt. Es geht letztlich um nicht weniger als die Deutungshoheit über Anne Frank. Oder anders gesagt um die Frage: Wem gehört Anne Frank eigentlich? Den Fonds-Verantwortlichen missfällt, dass das Holocaust-Opfer Anne im Haus an der Prinsengracht quasi zur Heiligen hochstilisiert wird. Umgekehrt stören sich die Museumsbetreiber an der Kommerzialisierung der Geschichte im neuen Theater. Die Besucher könnten sich mit Prosecco die Tränen über das traurige Schicksal des Mädchens wegspülen, hiess es etwa. (hb)

pdf Südostschweiz (07.08.2014)

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Geld verdienen an seinen eigenen Daten

Sich selbst vermarkten und mit den eigenen Daten Geld verdienen! Dies fordert Hannes Grassegger in «Das Kapital bin ich». Das Buch regt auch zum Nachdenken an, inwieweit George Orwells «1984» inzwischen Realität geworden ist.

Von Hans Bärtsch

Immer mehr (Gratis-)Programme und Dienste im Internet erlauben den Nutzern, sich mit dem Facebook-Konto anzumelden. So weit, so bequem. Nicht nur für den Nutzer, sondern auch für das soziale Netzwerk. Denn auf diese Weise können Facebook, aber auch Google, Twitter, Linkedin, Insta­gram, Whats App usw. Unmengen von Daten sammeln. Und damit Unmengen von Geld machen.

Hannes Grassegger, ehemaliger Inlandredaktor bei der «Südostschweiz», kritisiert in seinem im Juli 2014 erschienenen Buch «Das Kapital bin ich» genau diesen Umstand – nämlich dass andere mit unseren eigenen Daten reich werden. Er spricht von einem «goldenen Datenmeer», das wir selber in grosser Naivität weiter äufnen. Letztlich seien nicht Geheimdienste wie der ameri­kanische NSA die «Bösen», die wahren Datenkraken seien Firmen wie Apple und Google.

Digitale Leibeigenschaft

Grassegger geht so weit, uns als «digitale Leibeigene» zu bezeichnen. Er vergleicht die heutigen Internetnutzer mit den besitz­losen Bauern im Mittelalter. Diese erhielten gratis Land und lieferten dafür einen Teil der Ernte ab. Die Scholle von heute seien Plattformen (Blogs, Chats usw.), die wir mit Inhalten füllen. Die Erträge – unsere Daten und damit letztlich unsere Gedanken und Gefühle – gingen samt und sonders an die Plattformbetreiber.

Das World Economic Forum (WEF) veröffentlicht regelmässig Studien zum Thema Personal Data. Gemäss neusten Schätzungen sollen die persönlichen Daten aller Europäer 2020 eine Billion Euro wert sein. Grassegger fordert in seinem äusserst lesenswerten Buch nicht weniger, als daran zu partizipieren. Jeder Europäer könnte pro Monat 250 Euro verdienen, wenn er seine Daten selber vermarkten würde. Erste Bestrebungen dazu, wie das gehen soll, gibt es. Grassegger rät vorerst einmal zur «künstlichen Verknappung unserer persönlichen Daten».

Freiwillig gewähltes «1984»

Die Lektüre von «Das Kapital bin ich» erinnert streckenweise an George Orwells «1984». In seinem Zukunftsroman zeichnete der britische Schriftsteller kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs das Bild eines totalitären Überwachungsstaates. Daraus etablierte sich der Begriff des «Big Brother», der in die letzten Geheimnisse jedes Menschen Einblick hat. Obwohl Orwells Intention eine ganz andere war, darf man sich tatsächlich fragen, ob die heutigen Social-Media-Datenströme nicht unser «1984» ist – fatalerweise ein freiwillig gewähltes.

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Hannes Grassegger: «Das Kapital bin ich – Schluss mit der digitalen Leibeigenschaft». Verlag Kein & Aber. 80 Seiten. 9.90 Franken.

pdf Südostschweiz (01.07.2014)

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«Hier ist die Seele des Montreux Jazz Festival zuhause»

Im und um das Music & Convention Centre finden die Konzerte des Montreux Jazz Festival statt. Die «Seele» des Anlasses ist aber das Chalet des verstorbenen Festival-Gründers Claude Nobs. Die «Südostschweiz» war zu Besuch.

Von Hans Bärtsch (Text und Bilder)

Montreux. – Von Traurigkeit keine Spur im Chalet Le Picotin in Caux hoch über Montreux, obwohl der Hausherr fehlt, für immer. Die Besucher – an diesem Tag im Juli 2014 vor allem Medienschaffende aus dem In- und Ausland – geben sich die Klinke in die Hand. Und sind gleich mittendrin in der Welt des vor eineinhalb Jahren verstorbenen Claude Nobs, Gründer und bis zuletzt Spiritus rector des Montreux Jazz Festival.

Nebst allen Konzertaufnahmen hat Claude Nobs auch Instrumente gesammelt.

Claude Nobs hat auch Instrumente gesammelt – etliche dieser Gitarren waren Geschenke.

 

Auf riesigen Bildschirmen läuft in 1a-Ton- und Bildqualität das fantastische Konzert, das Robert Plant am Vorabend gegeben hat. Der ehemalige Sänger von Led Zeppelin, der sich vor wenigen Jahren einer dreistelligen Millionensumme verweigerte, um nicht die «wandelnde Jukebox einer Hardrock-Legende» sein zu müssen, ist mit den Sensational Space Shifters zugange. Die neue Band an Plants Seite ist in der Tat sensationell. Rockiger Blues ist die Basis, aber auch Rock’n’Roll, Folk, Country, Bluegrass, Westcoast-Rock und Orientalisches hat seinen Platz. Dem Zeppelin-Erbe verweigert sich der 65-jährige Lockenkopf nicht, tut das aber dosiert und mit Witz. Den Klassiker «Whole Lotta Love» gibts mit einem afrikanisch-irischen Intermezzo. Selten hat man einen Altstar so jung und mit Vorwärtsdrang statt zurückblickend am Werk gesehen. Auf das im September erscheinende Debutalbum von Plant und seinen Sensational Space Shifters darf man sich freuen.

The Nobs als Alternativname

Dieser Meinung ist auch Thierry Amsallem, für ein Vierteljahrhundert Nobs Lebenspartner und jetzt Verwalter der Schätze, die im Chalet Le Picotin angehäuft sind. Er hat gleich auch eine Anekdote zur Hand zu Led Zeppelin, die in den Siebzigerjahren mehr als einmal in Montreux aufgetreten sind. In einem kritischen Karrieremoment steckend, hätte die Band erwogen, sich neu The Nobs (!) zu nennen. So weit kams dann ja nicht, obwohl ein ernsthafter Rechtsstreit drohte – weil ein Nachfahre des Luftschiffbauers Graf Zeppelin den Namen für sich reklamierte. Schmunzeln in der Runde. Ob Plant auch diesmal ins Chalet hochgekommen sei, will einer wissen. Amsallem bejaht. Einträge im Gästebuch bezeugen, dass der Ort immer noch ein starker Anziehungspunkt ist für Künstler, die am Festival auftreten. Vor allem das Kino unter dem Dach mit ausrangierten Erstklass-Sesseln der Swissair und einer unglaublichen Sound-/Videoanlage.

Blick vom Garten mit dem Saxofon spielenden Elefanten über Montreux und den Genfersee.

Blick vom Garten mit dem Saxofon spielenden Elefanten über Montreux und den Genfersee.

 

Das Herzstück des Chalets ist ein Betonbunker, wo die Bänder mit sämtlichen Aufnahmen lagern, die am Festival gemacht wurden. Und das ist in Ton und Bild praktisch lückenlos alles, was seit 1967 auf den Hauptbühnen stattgefunden hat. Im nächsten Jahr soll die Digitalisierung der Bänder durch die EPFL (das welsche Pendant zur ETH) abgeschlossen sein. Es sind derart unglaubliche Datenmengen, dass man sich am besten mit diesem Bild behilft: Es bräuchte mehr als 20’000 iPods, um die Musik darauf unterzubringen.

Inzwischen sind auch Festivalchef Mathieu Jaton und Shohachi Sakurai zu unserer Gruppe gestossen. Letzterer ist ein ehemaliger hochrangiger Sony-Manager, der dem Montreux Jazz Festival die ersten Aufnahmen in HD-Qualität ermöglichte. Vorreiter in Sachen Technik war das Festival zusammen mit Partnern wie dem japanischen Elektronikkonzern Sony schon immer – diesbezüglich durfte es immer nur das Beste sein. Die Verbundenheit des Festivals mit Japan äussert sich dieses Jahr im Übrigen auch in einem Japan Day.

Aufnahmen als Teil des Vertrags

Geben eigentlich alle Künstler, Agenturen und Plattenfirmen freimütig ihr Einverständnis zu den Aufnahmen? Laut Festivalchef Jaton ist das Bestandteil der Verträge. Aber grundsätzlich wüssten alle Beteiligte nur zu gut, wie wertvoll diese hochklassigen Aufnahmen seien. Und sie seien ja in erster Linie fürs Archiv vorgesehen. Allfällige Veröffentlichungen auf CD/DVD oder eine Freigabe für einen TV-Sender würden zu einem späteren Zeitpunkt neu verhandelt. Sukzessive soll das Archiv, das zum kulturellen Unesco-Welterbe gehört, der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Eventuell auch im Chalet Le Picotin selber, darüber will die Stiftung, die das Erbe des Montreux Jazz Festival mitverwaltet, noch dieses Jahr entscheiden. Vorerst können sich Besucher der immer mehr werdenden Montreux Jazz Café an kleinen Archiv-Häppchen erfreuen. Als jüngstes Glied in dieser Café-Kette wurde just zum Beginn des diesjährigen, 48. Festivals im «Fairmont Le Montreux Palace» ein Montreux Jazz Café in Betrieb genommen.

Überall Sammelstücke und Bildschirme, über die Konzerte flimmern.

Überall im Chalet Sammelstücke und Grossbildschirme, über die Konzerte flimmern.

 

Bleibt zum Abschied ein Blick vom Wohnzimmer des Chalets über den Garten, wo die Skulptur eines Saxofon spielenden Elefanten steht, hinunter nach Montreux und über den wolkenverhangenen Genfersee. «Spürt Ihr das, hier ist die Seele des Montreux Jazz Festival zuhause», sagt jemand. Niemand, der widersprechen wollte. Nur zu gut ist der Geist dieses einmaligen Festivals hier zu spüren.

pdf Südostschweiz (12.07.2014)

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