Das Beste 2025 (TV-Serien)

Es gibt nichts zu verheimlichen, 2025 habe ich einige Serien verpasst (oder für später aufgehoben), die nun manche Jahresend-Abrechnung dominieren. «Adolescence» etwa, aber auch «The Studio», die dritte Staffel von «Somebody Somewhere» oder «The Pitt». Um letztgenannte (Spital-)Serie mache ich mir keine Sorgen, die wird mit dem Start des neuen Streamingdienstes HBO Max in der Schweiz in Bälde offiziell zu sehen sein. Sie wird einen Spitzenplatz auf meiner To-do-Liste 2026 haben.
Was das vergangene Jahr anbelangt, gab es Anlass zu Ärger, aber noch viel mehr Freude. Ein, zwei ärgerliche Serien seien erwähnt. Staffel 2 von «Bad Sisters» (Apple TV) hat den Fokus beziehungsweise den bissigen britischen Humor fast komplett verloren. Lediglich die letzte Folge entschädigt etwas für das länglich Vorangegangene. «Reykjavik» (Arte) ist ein Drama voller Island-Klisches und erst noch mit miserablen schauspielerischen Leistungen. «The Last Frontier» (Apple TV) ist wohl die unterirdisch schlechteste Actionserie des Jahres. Null Logik in der Story, lieblos erzählt und ebenfalls miserabel gespielt.
Obwohl ich Apple TV jetzt bereits zweimal (negativ) genannt habe, war dieser Streamingdienst auch für etliche Höhepunkte des Serienjahres 2025 verantwortlich. Genannt seien lediglich «Krank Berlin», «Pluribus», «Severance» oder «Slow Horses». Hier nun in alphabetischer Reihenfolge das, was mir am besten gefallen hat in den vergangenen zwölf Monaten.

«Alien: Earth» (Miniserie; Disney plus)
Entweder wird diese Serie heisst geliebt oder abgrundtief gehasst. Etwas dazwischen scheint es nicht zu geben, wenn man sich durch die Kritiken liest. Ich mache in der Regel einen grossen Bogen um alles, was mit Science-fiction zu tun hat. Hier wollte ich einfach mal schauen, wie es ist, als Aussteiger nach dem ersten «Alien»-Kinofilm 1979 nochmals in die Welt dieser Kreaturen einzutauchen. Zumal es zum Zusammenprall mit der Erde kommt. Und siehe da: Der Gruselfaktor und das Erzähltempo stimmen. Die klaustrophobische Grundstimmung geht unter die Haut.

«Blue Lights» (Staffel 3; BBC One)
Erst publizierte der «Guardian» einen Verriss dieser in Belfast spielenden Polizeiserie. Um zum Jahresende zur Erkenntnis zu kommen, sie habe sich zu einer der besten Serien am TV überhaupt entwickelt. Irgendwie schaffen es die Macher von «Blue Lights», einem das Personal derart nahezubringen, dass man als Zuschauer meint, Teil der Geschehnisse zu sein. Die Gemengelage in der Hauptstadt von Nordirland ist nach wie vor gross, umso wichtiger ist Vertrauen zu den Kolleginnen und Kollegen in Uniform.

«Dept. Q» (Staffel 1; Netflix)
Ein traumatisierter Polizist (Matthew Goode) kehrt in den Dienst zurück, wird aber in eine neu gegründete Abteilung versetzt, wo er sich um ungelöste Fälle kümmern soll. Was nach einem Abstellgleis aussieht, entwickelt sich zu einer höchst spannenden Suche nach einer Staatsanwältin, die vor vier Jahren spurlos verschwunden ist. Die Geschichte nach einem Roman von Jussi Adler-Olsen wird konventionell, aber stringent erzählt, Schauplatz ist das schottische Edinburgh, wo die Sonne (zumindest in dieser Serie) selten bis nie scheint. Ein Leckerbissen für Krimifans.

«Die Affäre Cum-Ex» (Miniserie; ZDF)
Steuerrückerstattungen sind ja etwas Alltägliches. Was aber, wenn es zu Rückerstattungen kommt, selbst wenn gar keine Steuern bezahlt wurden? Der Fall beruht auf Tatsachen – er hat allein in Deutschland für einen Schaden in Höhe von rund 36 Milliarden Euro gesorgt. Dass er aufflog, war Investigativjournalisten zu verdanken, aber auch unerschrockenen Mitarbeiterinnen bei der Staatsanwaltschaft. Ein unterhaltsamer Einblick in die komplexe Finanzwelt in einer dänisch-deutschen Coproduktion mit fantastisch agierenden Schauspielerinnen und Schauspielern wie Justus von Dohnányi oder Lisa Wagner.

«Home For Christmas» (Staffel 3; Netflix)
Für romantische Komödien bin ich immer mal wieder zu haben, sie müssen einfach die Kurve um die Grenze zum Kitsch schaffen. Nach fünf Jahren Pause ist Johanne (Ida Elise Broch) mal wieder solo. Und lädt die Familie zu sich nach Hause ein, um Weihnachten zu feiern. Dumm nur, dass ihre Küche wegen eines Wasserschadens erneuert werden muss. Dass der Handwerker noch eine wichtige Rolle in Johannes Leben spielen wird – man ahnt es früh. Gleichwohl sind die Irrungen und Wirrungen im Leben der Pflegefachfrau einfach nur herzerwärmend. Eine Perle aus dem norwegischen Serienschaffen.

«How To Sell Drugs Online (Fast)» (Schlussstaffel 4; Netflix)
So sperrig der Name, so furios der Start dieser deutschen Serie 2019. Inspiriert von der wahren Geschichte von Teenagern, die quasi aus dem Kinderzimmer heraus Drogen online vertickten, entwickelte sie sich zu einem Quotenrenner. Jetzt ist Schluss. Moritz, gerade aus dem Knast entlassen, wird von seinen Kollegen (vor allem seinem besten Freund Lenny) als Stehengeblieben taxiert. Da kommt ihm zugute, dass er sich im Gefängnis Respekt erarbeitet hat. Eine tragfähige Lebensbasis ist das aber nicht.

«Krank Berlin» (Staffel 1; Apple TV/ZDF Neo)
Dr. Parker zieht nach einer persönlichen Krise von München nach Berlin, um den chaotischen Betrieb in einer Notaufnahme in den Griff zu bekommen. Das scheitert allein schon daran, weil die Krankenpfleger und Notärzte zwar die Helden des Alltags sind, aber teilweise die grösseren Junkies als ihre Kundschaft. Täglich gehts um Leben und Tod, nebenbei auch um die menschliche Würde, welche einzelnen Ärzten wichtiger ist als anderen. Eine Serie wie ein Fiebertraum, so kaputte Figuren hat man noch selten gesehen. Manchmal tuts richtig weh, zuzuschauen.

«Pluribus» (Staffel 1; Apple TV)
Wo der Name Vince Gilligan draufsteht, kann man bedenkenlos zugreifen. Der Macher von «Breaking Bad» und «Better Call Saul» hat hier allerdings das Genre gewechselt. In «Pluribus» verfällt die Menschheit in ein kollektives Glücklichsein. Und: Alle haben dieselben Fähigkeiten, was heisst, dass Kinder Flugzeuge fliegen oder Operationen vornehmen können. Hauptdarstellerin Rhea Seehorn (Kim Wexler aus «Better Call Saul») ist eine von wenigen Personen, die von diesem «Virus» nicht angesteckt ist und in ihrer Miesepetrigkeit gegen die neue Weltordnung aufbegehrt. Das ist hochphilosophisch. Denn: Wollen wir nicht alle in einem Paradies des Gleichseins leben, wo alle happy sind?

«Severance» (Staffel 2; Apple TV)
Work/Life-Balance: Die gibt es in «Severance». Wenngleich nicht so, wie wir sie uns vorstellen. Denn wer in dieser Welt am Morgen zur Arbeit geht, erinnert sich nicht mehr an sein Zuhause. Dasselbe am Abend, nur umgekehrt. Im Büro haben alle nur sinnlose Aufgaben zu bewältigen. Der einen oder dem anderen dämmert dies, aber aus dem Hamsterrad bei diesem Konzern scheint es kein Entkommen zu geben, zumal angesichts einer totalen Überwachung. Staffel 2 bringt nur wenig Licht in die Fragen, welche die Angestellten umtreibt. Stellt dafür neue.

«Slow Horses» (Staffel 5; Apple TV)
Kann es sein, dass jede Staffel nochmals ein bisschen besser, witziger wird? Oder ist es einfach die Vorfreude auf jedes neue Lebenszeichen aus dem Slough House, wo in Ungnade gefallene Geheimdienstmitarbeitende ihre Zeit abhocken? Jedenfalls piesackt Jackson Lamb (Gary Oldman) seine Untergebenen auch in diesem Fall, in dem es um eine (explosive) Bürgermeisterwahl in London geht. Die Romanreihe von Mick Herron gibt noch einiges her, Staffel 6 ist bereits abgedreht, Staffel 7 in der Produktionsphase. Solch hohe Kadenzen würde man auch manch anderer TV-Serie wünschen.

«Stranger Things» (Schlussstaffel 5; Netflix)
Science-fiction beziehungsweise Fantasy ist nicht mein Ding – siehe weiter oben. Mit Ausnahmen. «Stranger Things» ist eine davon. Die 80er-Jahre-Ästhetik (ein Lied von Kate Bush spielt eine zentrale Rolle), die Bewohner des Städtchens Hawkins, die Bösewichte in «Upside Down» – die Frage aller Fragen ist, wie das Ganze endet (die allerletzte Folge ist erst in diesen Stunden abrufbar). Eigentlich (fast) egal. Hier geht einfach eine Serie zu Ende, in der man die Kinder von Hawkins wachsen gesehen hat. Jetzt sind sie – im wahrsten Sinne des Wortes – entwachsen. Mindestens eine Träne werde ich verdrücken.

«Task» (Staffel 1; HBO/Sky Show)
Ein frisch zusammengewürfeltes FBI-Team ermittelt in einem Gangkrieg in der ländlichen Umgebung von Philadelphia. Mark Ruffalo leitet das Team widerwillig, weil er eigentlich gar nicht mehr ins Feld zurückwollte. Die Story entwickelt sich unspektakulär. Die Figuren werden aber in einer Tiefe beleuchtet, die schier wehtut. Vor allem ist «Task» ein Abbild der völlig kaputten USA, wo die (Waffen-)Gewalt allgegenwärtig ist. Brad Ingelsby, der Macher dieser Serie, hat schon das grossartige «Mare Of Easttown» verantwortet.

«White Lotus» (Staffel 3; Sky Show)
Diesmal spielt «White Lotus» in Thailand. Erneut ist die Welt der Schönen und Reichen alles andere denn perfekt. Im Gegenteil: Die einen halten es ohne Medikamente/Drogen kaum ein paar Stunden aus, andere schaffen es kaum, das Handy mal wegzulegen. Und die dritten sind innerlich derart verkrüppelt, dass sie entweder komplett beziehungsunfähig oder aber tumbe Sexisten sind. Erneut kulminieren die Geschehnisse in der letzten Folge, begleitet von einer schon schier gespenstischen Tonspur.

Ebenfalls gern gesehen (nicht alle mit Erscheinungsjahr 2025):
«Au Fond du trou» (Eingelocht) – Miniserie (Arte)
«Black Doves» – Staffel 1 (Netflix)
«Club der Dinosaurier» – Miniserie (ZDF Neo)
«Das Reservat» – Miniserie (Netflix)
«Der Schatten» – Miniserie (ZDF Neo/Netflix)
«Down Cemetery Road» – Staffel 1 (Apple TV)
«East Side» – Miniserie (Arte)
«Gangs Of London» – Staffel 2 (Sky Show)
«Hostage» – Miniserie (Netflix)
«Legenden» – Miniserie (Netflix)
«L’ultim Rumantsch» – Staffel 2 (RTR/Playsuisse)
«Mr Bates vs The Post Office» – Miniserie (Arte)
«No Man’s Land» (Kampf um den Halbmond) – Staffel 2 (Arte)
«The Diplomat» – Staffel 3 (Netflix)
«The Night Agent» – Staffel 2 (Netflix)
«Totenfrau» – Staffel 2 (Netflix)
«Tschappel» – Staffel 1 (ZDF Neo)
«Untamed» – Miniserie (Netflix)
«Yellowstone» – Schlussstaffel 5, 2. Teil (Sky Show)

Das Beste 2025 (Musik)

Seit Spotify mein musikalisches Alter bei 16 sieht, laufe ich mit stolzgeschwellter Brust umher – sooo jung, sooo up-to-date. Ist natürlich Quatsch. Spotify kann mich – wie seit Jahren – einfach nicht einschätzen, weil mein Musikgeschmack schlicht zu breit ist. Und darauf bilde ich mir tatsächlich etwas ein. Mich interessiert so viel Neues und Aktuelles, dass ich kaum dazu komme, Altbewährtes zu hören. Nachfolgend in alphabetischer Reihenfolge die persönlichen Perlen des Musikjahres 2025, von denen es wieder einige gab.

Birds On A Wire, «Nuées ardentes»
Das dritte Album von Rosemary Standley und Dom La Nena ist ein federleichter Gang durch die Popgeschichte. Der Bandname ist an Leonard Cohen angelehnt. Folk ist auch bei diesem Duo die Basis. Ansonsten gibt es keine Epochen- und Genregrenzen. Allein, wie der Klassiker «Smalltown Boy» von Bronski Beat mit Cello und Kinderchor völlig neu angerichtet wird, ist betörend.

Divine Comedy, «Rainy Sunday Afternoon»
Grosse Songs, gesungen von einer der ganz grossen Stimmen des Pop: Neil Hannon. Am Kammerpop von Divine Comedy kann ich mich nicht satthören. Das 13. Album wurde in den Abbey Road Studios in London eingespielt und enthält wiederum hinreissend-elegante Melodien, die dank eines Klassikorchesters noch besser zur Geltung kommen.

Dub Spencer & Trance Hill, «Synchronos»
Hat es eigentlich je ein Album der Schweizer Dubformation gegeben, das es nicht in eine meiner Jahresbestenlisten geschafft hat? Kann mich grad nicht erinnern. Bereits die ersten Sekunden des ersten Songs hauen rein, wie nur was. Und dann ist man auch schon mittendrin in der hochpräzisen, aber nie sterilen Soundtüftelei von Dub Spencer & Trance Hill.

Ethel Cain, «Willoughby Tucker, I’ll Always Love You»
Eines der geheimnisvollsten Wesen im aktuellen Musikzirkus. War das ebenfalls 2025 veröffentlichte «Perverts» ein eineinhalbstündiger Drone-Krach, kehrt die Singer/Songwriterin Hayden Anhedönia hier zu klassischeren Songstrukturen zurück. Aber es bleibt magisch-zerdehnt, (alp-)traumhaft, unberechenbar. Das Album zeichnet ein Bild, wie man sich heutzutage in den Südstaaten der USA als Aussenseiterin fühlen muss – ziemlich einsam.

Geese, «Getting Killed»
Obschon sie schon knapp zehn Jahre zusammen spielen, sind sie immer noch Jungspunde. Entsprechend hemmungslos lassen es die New Yorker mit unglaublichem Groove rocken und krachen. Die Stimme von Cameron Winter vergisst man, einmal gehört, eh nie mehr. Sie kann aber, je nach Stimmungslage, auch nerven. Solange es solche Bands gibt, lebt der Indierock.

King Size Dub, «Hamburg»
30 Jahre hat die Dub-Compilation-Serie «King Size Dub» auf dem Buckel. 30 äusserst spannende Jahre, die mit dem Label Echo Beach einhergehen, das in Hamburg ansässig ist. Drei Dutzend Songs zeugen von der Vitalität der Stadt an der Elbe. Alles, was Rang und Namen hat, ist mit von der Partie: Deichkind, Fettes Brot, Udo Lindenberg, Jan Delay, Die Goldenen Zitronen, Knarf Rellöm, DJ Koze. Eine prächtige Sammlung Nischen-Musik.

Les Yeux d’la Tête, «La vie est belle»
Keine Jahresbestenliste ohne Worldmusic-Album. Dieses Pariser Sextett ist bekannt für mitreissende Konzerte, aber auch ab Konserve hat dieser Mix aus Balkan-Beats, Chanson, Folk und Swing die Wirkung einer Frischzellenkur. Leider steht die Schweiz nur höchst selten auf dem Tourplan von Les Yeux d’la Tête. Am jährlichen Zelt-Musik-Festival in Freiburg i.Br. sind sie dafür praktisch Stammgäste. Das ist ja nicht weit.

Nick Cave & The Bad Seeds, «Live God»
Konzerte von Nick Cave, auch wenn sie in sterilen Hallen stattfinden, sind mittlerweile so etwas wie Gospel-Messen mit Hohepriester Cave mittendrin. Dieses Album ist eine Sammlung des aktuellen Liveprogramms minus einige der schon (zu) oft veröffentlichten Hits («The Weeping Song», «Mercy Seat»). Die Live-Energie dringt auch via Tonträger aus jeder Rille. Es ist Musik von grosser Erhabenheit. Und Anlass dazu, Ausschau zu halten auf den nächsten Tourhalt in der Nähe.

Pink Floyd, «Pink Floyd At Pompeii (2025 Mix)»
Noch nie war der Auftritt von Pink Floyd in diesem antiken italienischen Amphitheater in derartiger klanglicher Brillanz zu hören (Mix: Steve Wilson, wer sonst). Er zeigt die Band an einem Wendepunkt ihrer Karriere – zwischen psychedelischen Experimenten und kommerzielleren Alben wie «The Dark Side Of The Moon» oder «Wish You Were Here», die Pink Floyd zu Weltstars machten.

Pulp, «More»
Zusammen mit dem fantastischen Auftritt am Montreux Jazz Festival ist das Comeback-Album der Briten einer der bleibendsten musikalischen Eindrücke der vergangenen zwölf Monate. Wie es Jarvis Cocker schafft, dem Älterwerden ein Schnippchen zu schlagen und weiterhin zeitlose Songs zu kreieren, ist sein Geheimnis. Wir lassen das gern geschehen. Möchten nur lieber nicht mehr so lange warten müssen bis zum nächsten Pulp-Lebenszeichen.

Radiohead, «Hail To The Thief (Live Recordings 2003–2009)»
Ein Album, das praktisch aus dem Nichts kam. Beim Anhören alter Liveaufnahmen sei man ob der damaligen Spielwucht regelrecht erschrocken, so Radiohead-Sänger Thom Yorke. Und habe sich daran gemacht, das bei der Veröffentlichung 2003 umstrittene Album «Hail To The Thief» für die Fans quasi neu aufzubereiten. Das ist sperriger, aufrüttelnder Rock, wie ihn nur diese Band zustande bringt.

Robert Finley, «Hallelujah! Don’t Let The Devil Food Ya»
Erst mit 62 hat er sein erstes Album veröffentlicht. Knapp zehn Jahre später ist Robert Finley einer jener Sänger, denen man attestiert, das Erbe der grossen Soul-Blues-Kämpen weitertragen zu können. Der vorliegende fünfte Longplayer wurde erneut von Dan Auerbach (Black Keys) produziert. Zum Einspielen der acht Songs genügte ein einziger Studiotag. Es sind rohe, funky, Gospel-getränkte Werke.

Rosalía, «Lux»
Wohl das meisterlichste Gesamtkunstwerk des Musikjahres 2025. Rosalía schöpft aus allem, was die Popwelt zu bieten hat, lässt Streicher jubilieren, Elektrogewitter sich entladen. Und über allem thront die Stimme der Spanierin. Pompös, verschwenderisch, berührend. In «Berghain» zeigt sich in weniger als drei Minuten die Einzigartigkeit von Rosalía – hier kommt es sogar zu einem Zusammentreffen mit Björk, dieser einst ebenso innovativen isländischen Musikerin.

The Last Dinner Party, «From The Pyre»
Theatraler, barocker Pop: Dafür stehen die Britinnen um Sängerin Abigail Morris. Sie kreieren wunderbare Klangbilder im Stile von Kate Bush. Am Schluss lodert ein Fegefeuer. «From The Pyre» meint «Vom Scheiterhaufen». Allerdings nicht im Sinne von «Wir liegen auf dem Scheiterhaufen», sondern «In uns lodert ein Feuer». Willkommen in der Welt des 70er-Glamrocks. Keine Band lässt jene Epoche so sinnlich wiederauferstehen wie The Last Dinner Party.

Young Gods, «Appear Disappear»
Wow, die nicht mehr ganz so jungen Götter finden den Weg nochmals zurück zu ihrem Markenzeichen: Brachialem Industrial-Rock, der x andere Bands beeinflusst hat (Nine Inch Nails, Nirvana, Faith No More). Die Genfer musizieren wuchtig, ufern auf dem aktuellen Album aber nie aus, lediglich ein Song überschreitet die 6-Minuten-Grenze. Und sie reihen sich nahtlos ein in Klassiker wie «Skinflowers». 40 Jahre Young Gods und, so macht es den Anschein, kein bisschen müde. Gut so.

Ebenfalls gern gehört:
Adrian Sherwood, «The Collapse Of Everything»
Baxter Dury, «Allbarone»
Beirut, «A Study Of Losses»
Ben Kweller, «Cover The Mirrors»
Brown Spirits, «Cosmic Seeds»
Caroline, «Caroline 2»
Cass McCombs, «Interiors Live Oak»
CMAT, «Euro-Country»
Colosseum, «XI»
Derya Yildirim & Grup Şimşek, «Yarin Yoksa»
DJ Koze, «Music Can Hear Us»
Doves, «Constellations For The Lonely»
Durand Jones & The Indications, «Flowers»
Edwyn Collins, «Nation Shall Speak Unto Nation»
Folk Bitch Trio, «Now Would Be A Good Time»
Heartworms, «Glutton For Punishment»
Jeff Tweedy, «Twilight Override»
John Fogerty, «Legacy: The Creedence Clearwater Revival Years (John’s Version)»
Kinky Friedman, «Poet Of Motel 6»
Panda Bear, «Sinister Grift»
Poppa Chubby & Friends, «I Love Freddie Kind»
Puts Marie, Pigeons, Politicians & Pinups During The End Time Of Mankind»
Queens Of The Stone Age, «Alive In The Catacombs» (EP)
Ryan Davis & The Roadhouse Band, «New Threats From The Soul»
Sharon Van Etten & The Attachment Theory,
Soul Rebel (Ras Theo meets Lone Ark)
Stahlberger, «Immer dur Nächt»
Studio, «West Coast»
Suede, «Antidepressants»
The Beauty Of Gemina Trio+, «Little Big Beat Studio Live Session»
Wednesday, «Bleeds»
Wet Leg, «Moisturizer»
Yzoula & Louis Fontaine, «Des Animaux Pires Que Moi»

Das Beste 2024 (TV-Serien)

Dieses Jahr hat mir der Killerinstinkt gefehlt, mittelmässige Serien einfach zu beenden. Irgendwie war immer die Hoffnung da, dass es doch nur besser kommen kann. Die zweite Staffel von «The Old Man» mit Jeff Bridges und John Lithgow ist so ein Beispiel: Dünne, in die Länge gezogene Story, mit faden Dialogen unnötig verkompliziert erzählt. Ein klarer Rückschritt im Vergleich zu Staffel 1. Soeben wurde bekannt, dass es von FX keine Fortsetzung geben wird, der Cliffhanger zum Schluss war also vergebens.

Damit zum Guten aus dem TV-Serienjahr 2024, davon gab es einiges. Ob dem Zufall geschuldet oder nicht – es waren vor allem Fortsetzungen, die es mir angetan haben («Fargo», «True Detective» usw.). Unter den neuen Produktionen stach etwa «Ripley» heraus oder «The Penguin». Die USA und Grossbritannien dominierten als Herkunftsländer. Plus die Schweiz. Keine andere Serie hat mich derart amüsiert wie «Tschugger».

2024 war indes auch ein Jahr, in dem vieles liegengeblieben und auf die To-do-Liste gewandert ist, etwa «Baby Reindeer», «Shōgun», «Industry» (Staffel 2), «Silo» (Staffel 2), «Cidade de Deus», «Hundert Jahre Einsamkeit», «Landman», «Black Doves», «Disclaimer». Hier nun meine Top-15, in keiner speziellen Reihenfolge.

Slow Horses – Staffel 4 (Apple TV+)
Eines dieser Serien-Wunderwerke. Staffel für Staffel halten die Macher ihr hohes Niveau. Diesmal steht der stets übelgelaunte, komplett unberechenbare Jackson Lamp (Gary Oldman) nicht derart im Fokus wie zuvor. Dafür andere Exponenten seiner Looser-Agententruppe. Ein kurzweiliges Spionagedrama in David-und-Goliath-Manier, wobei der britische Geheimdienst MI5 in der übermächtigen Goliath-Rolle ist. Staffel 5 ist bereits im Kasten.

Fargo – Staffel 5 (FX)
Dorothy «Dot» Lyon (Juno Temple) führt im Mittleren Westen der USA ein beschauliches Hausfrauen-Leben. Aber nur vermeintlich. Plötzlich sind ihr der Ex, ein skrupelloser Sheriff (Motto: «A hard man for hard times»), auf der Spur, dessen um Anerkennung ringender Sohn und ein dubioser Landstreicher. Jeder Dialogfetzen, jedes Augenzwinkern ist hier von existenzieller Bedeutung. Eine der besten Staffeln der einst von den Coen-Brüdern lancierten, noch immer ziemlich blutigen Serie voller skurriler Gestalten.

True Detective – Staffel 4 (HBO/Sky)
Wie «Fargo» eine Anthologie-Serie. Diesmal ermitteln Jodie Foster und Kali Reis in der arktischen Polarfinsternis, wo Wissenschaftler einer Forschungsstation auf schreckliche Art ums Leben gekommen sind. Dass die beiden Polizistinnen ebenfalls dunkle Geheimnisse hüten und es miteinander überhaupt nicht können, macht die Sache nicht einfacher. Dazu scheint es zu spuken. Jedenfalls knüpft dieser Teil an die geniale erste Staffel von «True Detective» an.

Inside No. 9 – Schlussstaffel 9 (BBC Two)
Und noch eine Anthologie-Serie. Hier geht es stets um die Zahl 9, durch welche die einzelnen, rund 30-minütigen Folgen miteinander verknüpft sind. Schwarzhumoriger geht es kaum, aber dafür sind die Briten ja bekannt. Reece Shearsmith und Steve Pemberton sind wieder die absonderlichsten Geschichten eingefallen und sie schlüpfen selber erneut in etliche Rollen. Wenn dies tatsächlich der Abschluss ist, dann ist es einer der allerbesten, den Serienmacher je hinbekommen haben.

Blue Lights – Staffel 2 (BBC One)
Ein Jahr nach dem Sturz der berüchtigten McIntyre-Familie regiert in Belfast das Chaos. Junge Polizeirekruten müssen sich nicht nur den «normalen» Herausforderungen ihres Berufs stellen, sondern auch dem wachsenden Bandenkrieg, der die Strassen unsicher macht. Die einen wachsen an ihrer Aufgabe, die anderen zerbrechen daran. Es mag nicht die originellste Serienidee sein, aber die Figuren packen einen als Zuschauenden unweigerlich.

The Responder – Staffel 2 (BBC)
Das eben Gesagte gilt auch für diese Serie, in der es um einen Ersthelfer in Liverpool geht (brillant: Martin Freeman). Selber komplett überfordert mit seinem Leben, verstrickt er sich in immer üblere Händel mit zwielichtigen Figuren – und mit einer Kollegin bei der Polizei. Der Job wird quasi zur Nebensache. Ohne zu viel zu verraten: Beim Ziel, ein besserer Mensch (vor allem ein besserer Vater für seine in die Drogen geratene Tochter) zu werden, bleibt es letztlich beim Versuch.

We Are Lady Parts – Staffel 2 (Channel 4)
Nochmals Grossbritannien, diesmal London. Die Story dieser rein weiblich besetzten muslimischen Punkband war ein derartiger Erfolg, dass es eher ungeplant zu einer Staffel 2 kam. Auch diese ist wiederum unglaublich witzig. Worum gehts? Das erste Album ist im Kasten, frau hat das Gefühl, das «next big thing» zu sein. Aber da gibts auch Zweifel am kommerziellen Ausverkauf. Weist eine Influenzerin den Weg oder bringt sie die Band nur weiter auseinander? Was für ein Drama!

Showtrial – Staffel 2 (BBC)
Ein Klimaaktivist wird angefahren und vom Verursacher schwer verletzt zurückgelassen. Gegenüber einer Rettungskraft identifiziert der Mann seinen Killer im letzten Moment – einen Polizisten. Aber wer ist der namenlose «Officer X»? Wie schon in der famosen Staffel 1 kommt es erst vor Gericht zur Klärung der Schuldfrage. Der Weg dorthin ist extrem spannend, obwohl man den Täter schon früh kennt.

The Penguin – Miniserie (HBO/Sky)
Fantasy-Serien sind nicht mein Ding. Aber dieses Spin-off von «The Batman» hat mehr als genug Realitätssinn, um auch mich in die Fänge zu nehmen. Zuallererst natürlich wegen Colin Farrell, der den wegen seines watschelnden Gangs Pinguin genannten Gangster schlicht grossartig spielt. Wer dessen Aufstieg zum heimlichen Boss von Gotham City in die Quere kommt, wird aus dem Weg geräumt. In der Wahl seiner Unterstützer ist Oz nicht wählerisch, geschickt weiss er die verschiedenen kriminellen Familien gegeneinander auszuspielen. Die Schlussfolge dieses Achtteilers ist für die Serien-Ewigkeit.

Ripley – Miniserie (Netflix)
Ein Thema, das via frühere Adaptionen etwa mit Alain Delon oder Matt Damon sattsam bekannt ist, als Serie in schwarz-weiss zu lancieren, birgt einige Risiken. Hier wurden alle Klippen umschifft. Ein reicher Mann beauftragt Tom Ripley (Andrew Scott), nach Italien zu reisen, um seinen vagabundierenden Sohn zur Rückkehr zu bewegen. Als Tom den Auftrag annimmt, ist das der erste Schritt in ein Leben voller Täuschung, Betrug und Mord. Besser als ein Twitter-Bekannter könnte ich es nicht formulieren: «Nahe der Perfektion. Schauspieler, Story, Soundtrack, Fotografie… einfach unglaublich gut!»

Tschugger – Schlussstaffel 4 (SRF)
Was für ein Serienfinale: Bax und Co. schaffen es bis in die USA zu einer Anhörung. Dabei ist die meiste Zeit natürlich das Wallis das Betätigungsfeld des Supercops. Als eine Wandergruppe ein ausgebranntes Auto entdeckt, in dessen Kofferraum eine verkohlte Leiche liegt, ist das der Beginn von viel Ungemach für Bax und seinen Polizeikollegen Pirmin. Mit Smetterling, Valmira und Juni sind alle liebgewordenen Figuren noch einmal mit von der Partie. Dass dem Schweizer Fernsehen jemals eine so leichtfüssige Unterhaltungsserie gelingen würde, wer hätte das gedacht. Genau mein Humor!

Criminal Record – Staffel 1 (Apple TV+)
Eine Polizeithriller-Serie, die von etlichen Volten und den Hauptdarstellern lebt, zum einen der jungen Ermittlerin June Lenker (Cush Jumbo), zum anderen dem alternden Hauptkommissar Daniel Hegarty (Peter Capaldi). Es geht letztlich nicht nur um einen Mordfall, sondern um Rassismus und institutionelles Versagen in einem Polizeiapparat, der nicht über alle Zweifel erhaben ist, um es zurückhaltend auszudrücken. Eine Staffel 2 ist angekündigt.

Die Zweiflers – Staffel 1 (ARD)
Die Geschichte einer jüdischen Familie, die gefordert wird, nachdem der Patriarch beschlossen hat, das Feinkost-Imperium zu verkaufen. Dabei kommen dunkle Erinnerungen aus der Vergangenheit zum Vorschein. «Eine Serie, die sich mit viel Witz und einer wohltuenden Wahrhaftigkeit mit den Alltagssorgen, Generationskonflikten und Identitäts-Auseinandersetzungen einer jüdischen Familie im heutigen Deutschland auseinandersetzt, gibt es wahrlich nicht alle Tage», hat die «Jüdische Allgemeine» dazu geschrieben. Wie treffend.

Little Bird – Miniserie (Arte)
Bereits 2023 veröffentlicht, aber auf Arte erstmals 2024 in Europa zu sehen. Eine nach wahren Begebenheiten erzählte Geschichte von der systematischen Wegnahme von Kindern von indigenen Familien im Kanada der Sechzigerjahre. Sie sollten in Internaten oder bei weissen Adoptivfamilien aufwachsen – gewissermassen in guten Händen. Bei Esther Rosenblum kommen die Erinnerungen an ihre Kindheit just vor der Hochzeit in besten jüdischen Kreisen wieder hoch. Sie sucht nach ihrer leiblichen Familie. Erschütternd und zu Tränen rührend.

This Town – Miniserie (BBC One)
Junge Leute unterschiedlicher Herkunft und Hautfarbe werden in Coventry und Birmingham mit Ska und Two Tone sozialisiert. Die Musik ist identitätsstiftend, verhindert aber nicht gesellschaftliche Spannungen im Vereinigten Königreich. «Peaky-Blinders»-Macher Steven Knight versteht den Sechsteiler als Liebesbrief an die Region, in der er aufgewachsen ist.

Ebenfalls gern gesehen (nicht alles mit Entstehungsjahr 2024):
«Alter Ego» – Miniserie (RSI)
«Haus aus Glas» – Miniserie (Arte/ARD)
«Informant (Angst über der Stadt)» – Miniserie (Arte)
«Limbo (Gestern waren wir noch Freunde)» – Miniserie (Arte)
«L’ultim Rumantsch» – Miniserie (RTR)
«Mum» – Staffeln 1 bis 3 (BBC Two)
«Maestro (in Blue)» – Staffel 2 (Netflix)
«Oderbruch» – Miniserie (ARD)
«One Day» – Miniserie (Netflix)
«Testo» – Miniserie (ARD)
«The Durrells (Die Durrells auf Korfu)» – Staffeln 1 bis 4 (ITV/Arte)
«The Walking Dead: The Ones Who Live» – Staffel 1 (AMC/Sky)

Fertig geschaut (aus eingangs erwähnten Gründen), aber ohne Potenzial für eine Weiterempfehlung:
«Annika» – Staffel 2 (BBC)
«Blood River» – Miniserie (Arte)
«Bodkin» – Miniserie (Netflix)
«Borders» – Miniserie (ZDF Neo)
«Machine (Die Kämpferin)» – Miniserie (Arte France)
«Schleudergang» – Miniserie (BR/ARD)
«So Long, Marianne» – Miniserie (NDR)
«The Tourist» – Staffel 2 (BBC One)
«Where’s Wanda?» – Staffel 1 (Apple TV+)

Das Beste 2022 (TV-Serien)

Nein, ich neige nicht zur Bequemlichkeit. Aber da die eigene Halbjahresbilanz – für mich zumindest – auch zum Ende von 2022 Bestand hat, lasse ich sie unverändert so stehen (siehe weiter unten). Und ergänze hier folglich nur noch, was in den zweiten sechs Monaten hinzugekommen ist. Etwa die Schlussfolgen von «Better Call Saul», die aus einem Pre- ein Sequel werden lassen. Die Macher dieser Serie haben offenbar von Anfang bis zum Ende haargenau gewusst, was sie machen. Vor allem, wie die Geschichte stimmig zum Abschluss gebracht wird – etwas, das die Kreativköpfe hinter «Dexter» auch mit einer zusätzlichen neunten Staffel mit dem Namen «Dexter – New Blood» auf keine Art und Weise imstande waren. Beim Überraschungserfolg «Slow Horses» ist bereits eine zweite Staffel hinzugekommen. Auch diese bietet beste Unterhaltung; mir hätte allerdings eine erste (und einzige) Miniserie gereicht, die Ausgangslage – eine Zwangsgemeinschaft gescheiterter MI5-Spione – dürfte sich recht rasch ausreizen.

Trailer zu «The White Lotus», Staffel 2.

So, und nun wirklich zu den ganz neuen Sachen 2/2022:
«Bad Sisters» (Apple TV+): Ja, diese Schwestern sind böse und schlecht, wollen sie Grace (eine von ihnen) doch von ihrem fiesen Ehemann befreien. Und scheitern immer wieder. Wer schwarzen britischen Humor liebt, ist hier am richtigen Ort.
«Lauchhammer – Tod in der Lausitz» (Arte): Um es mit den Worten der FAZ zu sagen: Im sechsteiligen Krimi geht es um ein Verbrechen von heute und um Unrecht zu DDR-Zeiten. Die vom Tagebau geschundene Landschaft ist grossartig gefilmt, die Schauspieler sind bestechend.
«The White Lotus» (HBO/Sky Show): Statt Hawaii, wie in Staffel 1, ist der Schauplatz nun Sizilien. Als tragische Figur mit dabei ist nur noch Jennifer Coolidge. Diese Gesellschaftssatire hat den richtigen Biss, verbunden mit der Erkenntnis, dass Reichsein mit ziemlich vielen Nachteilen verbunden sein kann.
«We Own This City» (HBO/Sky Show): In der amerikanischen Grossstadt Baltimore reagieren Korruption, Polizeigewalt und Misswirtschaft. Diese Serie, hinter der erneut Drehbuchautor David Simon steht, ist quasi die Fortsetzung von «The Wire». Und genau so deprimierend, steht zum Schluss doch die Wahl eines gewissen Donald Trump zum US-Präsidenten an, der gewisse Fortschritte beim Ausmisten dieses Augiasstalls wieder rückgängig machen könnte.
«Dahmer» (Netflix): In mancher Hinsicht sind die USA eine Bananenrepublik (siehe auch «We Own This City»). Bei der Geschichte dieses Serienmörders (und Kannibalen) hat die Polizei lange Zeit Hinweise auf das grausige Tun des Jeffrey Dahmer in der Schwulenszene von Milwaukee ignoriert. Unfassbar.
«Höllgrund» (SWR): Warum bloss werden gewisse Mehrteiler wie dieser grossartige Krimi in den jeweiligen Mediatheken (hier: ARD) «versteckt»? Verstehe das, wer will. Jedenfalls führt «Höllgrund» mit viel schwarzem Humor in die Abgründe eines Schwarzwalddorfes. Eine hartnäckige Polizistin geht der Reihe von mysteriösen Todesfällen nach, die sich dort ereignen.
«Tschugger» (SRF/Sky Show): Die zweite Staffel von «Tschugger» war schon abgedreht, als die erste 2021 zu einem Grosserfolg fürs Schweizer Fernsehen wurde. Jetzt geht es bei Bax, Smetterling und Co. noch Verrückter zu und her auf der Jagd nach richtigen und falschen Gangstern. Überaus witzige Krimikomödie aus dem Wallis.

Ab hier die unveränderte Halbjahres-Bestenliste 2022:

  1. «Better Call Saul» (Netflix). Fünf Folgen sind zwar noch ausstehend, aber die Schlussstaffel dieses Prequels von «Breaking Bad» schlägt alles in Sachen schier schmerzhaft langsamer, aber dennoch absolut konziser, kunstvoller Erzählweise. Und über allem steht die Frage: Was wird aus Kim Wexler, der besseren Hälfte des halbseidenen Anwalts Jimmy McGill alias Saul Goodman?
  2. «Stranger Things» (Netflix). In der zweitletzten Staffel dieser Science-Fiction-Mysteryserie geht es düsterer zu und her als bislang. Gleichzeitig ist die in den Achtzigerjahren in einer amerikanischen Kleinstadt angesiedelte Geschichte um Jugendliche, die mit dem Bösen zu kämpfen haben, unglaublich spannend und unterhaltsam. Ach ja: Dass Kate Bush neuerlich zu Hitparaden-Ehren gekommen ist durch «Stranger Things», dürfte inzwischen Allgemeinwissen sein.
  3. «Severance» (Apple TV+). Die Ironie an dieser Serie ist, dass sie die Arbeitswelt eines Unternehmens zeigt, das auch Apple sein könnte. Die Angestellten werden einem Eingriff unterzogen, die ihre Erinnerungen in die Arbeits- und die Privatwelt unterteilt. Bloss geht das nicht immer ganz reibungslos – mit entsprechenden Konsequenzen. Fortsetzung folgt.
  4. «Slow Horses» (Apple TV+). Britische MI5-Agenten, die versagt haben, landen im Slough House und werden dort von einem konstant schlechtgelaunten Jackson Lamb (grossartig: Gary Oldman) mit sinnlosen Aufgaben gepiesakt. Dass die «alten Gäule» doch noch etwas können, zeigt sich indes schon recht bald.
  5. «Euphoria» (Sky Show). Natürlich kann man darüber diskutieren, wie krass man das Leben von (drogenabhängigen) Jugendlichen zeigen muss – Staffel 1 gab diesbezüglich gehörig zu reden. Rue (gespielt von Zendaya) erneut durch ihre (wenigen) Hochs und (deutlich mehr) Tiefs zu folgen, tut richtiggehend weh. Aber so ist es nun mal, wenn der Gefühlshaushalt verrückt spielt.
  6. «Der Pass» (Sky Show). Als eine junge Touristin in der Nähe von Salzburg tot aufgefunden wird, müssen deutsche und österreichische Kriminalpolizei erneut zusammenarbeiten. Ellie Stocker (Julia Jentsch) wie Gedeon Winter (Nicholas Ofzcarek) sind von der Jagd auf den Krampus-Killer in Staffel 1 derart angeknackst, dass man um beide ernsthaft fürchten muss. Eine der besten deutschen Thrillerserien.
  7. «After Life» (Netflix). Schwarzhumorig, wie es nur die Briten können. Ricky Gervais gibt den grantigen Witwer Tony. Allerdings ist nicht mehr alles Zynismus pur, sondern auch (vorsichtiger) Optimismus. Dass die Schlussstaffel 3 dieser Serie für Tony wie dessen Umfeld versöhnlich endet, ist das Allerschönste an ihr.
  8. «Ozark» (Netflix). Irgendjemand in dieser Serie um Geldwäscherei und Drogenkartelle, der nicht hochgradig borderline unterwegs ist? Nein. Überraschend ist bloss, wer gegen Schluss dieser finalen Staffel 4 auch noch (fast) durchdreht. Ohne zu viel zu verraten: Es endet nicht gut, was besonders im Fall von Ruth Langmore (Julia Garner) mehr als nur tragisch ist.
  9. «Yellowstone» (Sky Show). Das Drama um eine Familienranch, die John Dutton (Kevin Costner) mit aller Macht verteidigen will, erreicht immer neue Eskalationsstufen. Dass da auch Waffengewalt im Spiel ist, macht die Serie angesichts der aktuellen Diskussionen in den USA zum Thema eigentlich zu einem No-go. Gleichwohl kann ich diesen Neo-Western nur empfehlen.
  10. «Vigil» (BBC/Arte). Internationale Spionage, Friedensaktivisten und ein Mord an Bord eines Atom-U-Bootes: «Vigil – Tod auf hoher See» ist eine hochspannende Thriller-Serie und, völlig verdient, die erfolgreichste BBC-Serie des vergangenen Jahres.
  11. «Euer Ehren» (ARD). «Your Honor» ist zwar noch nicht allzu lange her, gleichwohl hat mir auch diese Adaption der Geschichte um einen Richter, der seinen straffällig gewordenen Sohn zu decken versucht, den Ärmel reingenommen. Beider Leben geraten komplett aus der Bahn und werden zu einem wahren Alptraum.
  12. «Love & Anarchy» (Netflix). Nicht mehr ganz so unbeschwert wie in Staffel 1, aber immer noch eine der warmherzigsten Serien überhaupt: Eine erfolgreiche Beraterin und ein junger IT-Experte haben bei der Arbeit in einem alteingesessenen Buchverlag ein Techtelmechtel. Und fordern damit sich selber heraus, genauso wie ihr Umfeld. Aus harmlosen Spielchen wird bitterer Ernst. Das ist in erster Linie unglaublich komisch.

Ebenfalls sehr gut gefallen haben mir (ergänzte Liste):
«All In» (Comedy-Miniserie; One)
«Borgen» (Politdrama; Netflix). Weil ich sie nie ganz fertiggeschaut hatte, habe ich zuerst die Staffeln 1 bis 3 nachgeholt, bevors an die ganz neue Staffel 4 ging.
«Clark» (Drama-Miniserie; Netflix)
«Gangs of London» (Staffel 2; Krimi/Drama; Sky Show)
«Red Light» (Drama-Miniserie; Arte)
«Sacha» (Drama-Miniserie; RTS/Arte)
«Schneller als die Angst» (Thriller-Miniserie; ARD)
«Shining Girls» (Mystery-Thriller; Apple TV+)
«The Responder» (Drama-Miniserie; BBC)
«The Stranger – Ich schweige für dich» (Drama-Miniserie; Netflix)
«Vorstadtweiber» (Schlussstaffel 6; Comedy/Drama; ORF)
«Why Women Kill» (Staffel 1; Comedy/Drama; ORF)
«Wilder» (Schlussstaffel 4; Krimi/Drama; SRF)
«Zerv – Zeit der Abrechnung» (Drama-Miniserie; ARD)

Ebenfalls geschaut, aber nur teilweise überzeugt haben mich:
«Beforeigners» – Staffel 2 (Science-Fiction; ARD)
«Blocco 181» – Miniserie (Crime/Drama; Sky Show)
«Bortført – The Girl From Oslo» – Miniserie (Drama; Netflix)
«Dexter – New Blood» – Schlussstaffel 9 (Drama; Sky Show)
«Die Beschatter» – Staffel 1 (Dramedy; SRF)
«Die Wespe» – Staffel 2 (Comedy; Sky Show)
«Eine ganz gewöhnliche Frau» – Miniserie (Drama; Arte)
«Einfach Maria» – Web-Miniserie (Comedy; MDR)
«Harry Wild – Mörderjagd in Dublin» – Staffel 1 (Krimikomödie; ZDF)
«Heartbreak High» – Staffel 1 (Teen-Drama; Netflix)
«Helsinki Syndrom» – Miniserie (Drama; NDR/Arte)
«Hors Saison (Nebensaison)» – Miniserie (Crime/Drama; RTS/Playsuisse)
«Killing Eve» – Schlussstaffel 4 (Drama; Starzplay)
«King Of Stonks» – Miniserie (Comedy; Netflix)
«Never Have I Ever» – Staffel 3 (Teenie-Komödie; Netflix)
«Sløborn» – Staffel 2 (Horror/Drama; ZDF Neo)
«Teheran» – Staffel 2 (Drama; Apple TV+)
«Totenfrau» – Miniserie (Crime/Drama; ORF/Netflix)
«The Old Man» – Staffel 1 (Drama; Disney+)
«Trom – Tödliche Klippen» – Miniserie (Drama; Arte)
«Woodstock 99» (Musik-Doku; Netflix)

Das Beste 2021 – TV-SERIEN

Die Serienwelt wird, was die Streaming-Anbieter anbelangt, immer komplexer, zumal auch die traditionellen Fernsehanstalten mitmischen und Kooperationen entstehen, die bis anhin undenkbar waren. Ein einheimisches Beispiel dafür ist die Produktion «Tschugger», welche das SRF zusammen mit Sky Switzerland realisiert hat. Was das deutschsprachige Serienschaffen anbelangt, belebt die Konkurrenz durch Netflix und Co. offenbar das Geschäft beziehungsweise hebt das Niveau, was die künstlerische Qualität anbelangt. Schön für uns Konsumentinnen und Konsumenten! Mit dem einzigen Makel, dass es immer schwieriger wird, den Überblick zu behalten und in diesem riesigen Heuhaufen die lohnenden Nadeln zu finden. Mir persönlich haben 2021 Produktionen des amerikanischen Serienproduzenten HBO – einmal mehr – mit am meisten Freude bereitet. Quantitativ waren es im Coronajahr 2 total 64 Serien mit 75 Staffeln (vergleichbar mit dem Vorjahr), dazu rund ein Dutzend Serien, bei denen ich ausgestiegen bin. Länger denn je präsentiert sich meine To-do-Liste – eine Folge von Tipps anderer Serienfreaks, welche jederzeit willkommen sind. Nachfolgende Liste ist nicht unbedingt als Rangliste zu verstehen, die Reihenfolge habe ich gleichwohl nicht ganz zufällig gewählt.

«The White Lotus» – Staffel 1 (HBO, Sky Show)
Eine Gruppe reicher und verwöhnter Menschen kommt in einem Luxus-Resort auf Hawaii an – und erlebt dort die Hölle. Bei diesen BesucherInnen wie den Bediensteten kommen in paradiesischer Umgebung hässliche Fratzen zum Vorschein, sozusagen das Hässlichste im Menschen. Und das zumeist wegen Banalitäten. Diese bissige Gesellschaftssatire lässt einen wieder einmal trefflich über Moral und Charaktereigenschaften sinnieren. Ursprünglich war «The White Lotus» als Miniserie konzipiert; weil sie über Erwarten erfolgreich lief, ist nun eine zweite Staffel in Vorbereitung.


«Succession» – Staffel 3 (HBO, Sky Show)
Das Intrigieren in der fiktiven amerikanischen Mediendynastie Roy geht weiter. Der Alte (Logan Roy) will einfach nicht loslassen, scheint den Laden mit seinen Instinkten aber weiterhin als Einziger im Griff zu haben. Ihm gegenüber seine vier Kinder, die eigene Agenden verfolgen, mal allein, mal im Geschwisterverbund. Die Dialoge und Wortspiele sind extrem scharfzüngig, der Ausgang dieses Machtspiels völlig ungewiss, zumal es immer wieder zu neuen Wendungen kommt. Es mag ein Detail sein, aber «Succession» kommt auch mit der zurzeit wohl besten Titelmelodie (Nicholas Britell) daher.


«Mare Of Easttown» – Miniserie (HBO, Sky Show)
Achtung: Wer Kate Winslet aus «Titanic» kennt und liebt, sollte sich diese Serie eventuell nicht antun. Denn in «Mare Of Easttown» spielt sie eine Polizistin, die einen Mord aufzuklären hat und dadurch auf weitere Abgründe in dieser amerikanischen Kleinstadt stösst. Dazu ist ihr eigenes Leben ein einziges Desaster. Gut möglich, dass dieser Plot mit einer anderen Hauptdarstellerin zu einer 08/15-Produktion geworden wäre. Winslet ist in ihrer Rolle aber eine derartige Wucht, dass sich dieser Siebenteiler allein wegen ihr lohnt.


«We Are Who We Are» – Miniserie (HBO, Sky Show)
Als seine beiden Mütter von den USA auf einen italienischen Militärstützpunkt versetzt werden, muss der 14-jährige Frazer mit. Dort fühlt er sich von der gleichaltrigen Caitlin angezogen, die ebenfalls auf der Suche nach ihrer Geschlechtsidentität ist. Diese Begegnung täuscht aber nicht darüber hinweg, dass da viel Einsamkeit, Schmerz und Orientierungslosigkeit ist – bei den beiden Pubertierenden wie den Eltern und dem gesamten hierarchisch geprägten Umfeld. Trotz dieser Tristesse kommt es auch zu sehr schönen zwischenmenschlichen Momenten – bloss dauern die meist nur ganz kurz.


«Tschugger» – Staffel 1 (SRF, Sky Show)
Wer hätte gedacht, dass wir uns je eine Serie, die im Wallis spielt, mit Untertiteln anschauen? Ich habs gemacht, mehr als einmal – und bin dabei vor Lachen jedesmal fast vom Sofa gefallen. Ich muss zurückdenken bis «The Big Lebowski», dass mir das letztmals passiert ist. Hier stimmt humortechnisch einfach alles: Schräge Figuren, absurd-übertriebene Szenen, freche Sprüche, politische Unkorrektheiten und eben auch Untertitel für uns «Grüezini». Eine zweite «Tschugger»-Staffel mit Bax, Smetterling und Co. ist bereits abgedreht und wird uns hoffentlich erneut so viel Spass bereiten.


«We Are Lady Parts» – Staffel 2 (Channel 4)
Eine muslimische Frauen-Punkband sucht eine neue Gitarristin. Das ist die Ausgangslage dieser überaus witzigen britischen Serie. Ausgerechnet eine Doktorandin der Mikrobiologie, die in ihrer gläubigen Gemeinde demnächst verheiratet werden soll, die Countrymusik mag und vor Lampenfieber erbricht, soll diese Gitarristin sein. Dieser Culture-Clash – ein beliebtes filmisches Motiv – hat es in sich. Und wie man es von den Briten kennt, ist der Humor zwischendurch schwärzer als schwarz. Eine zweite Staffel ist inzwischen bestätigt.


«Shtisel» – Staffel 3 (Netflix)
Das Warten auf Staffel 3 dieser israelischen Serie, die das Leben einer strenggläubigen Familie in einem Viertel in Jerusalem zeigt, dauerte geschlagene sechs Jahre. Es hat sich gelohnt. Unverändert wird das Alltagsleben ultraorthodoxer Juden gezeigt. Einer Kultur, die den meisten von uns total fremd sein dürfte. Und genau das macht den Reiz dieser Serie aus – erzählt in einem sehr bedächtigen Rhythmus anhand von Figuren, die einem allesamt ans Herz wachsen. Die einen mehr, die anderen weniger, ganz wie im richtigen Leben. Das ist, um es mit der «NZZ am Sonntag» auszudrücken, «Unterhaltung mit Tiefgang». Stand heute ist leider keine Fortsetzung zu erwarten, dafür ein US-amerikanischer Ableger.


«Bir Başkadır» – Miniserie (Netflix)
Um in fremden Kulturkreisen zu bleiben – diese Serie zeigt Ausschnitte von acht Leben von Menschen in Istanbul, die Grenzen überschreiten. Dabei Ängste überwinden, um sich Wünsche zu erfüllen, und dafür auch Beziehungen auf die Probe zu stellen. Im Zentrum steht Meryem, eine Teilzeitputzfrau, die Ohnmachtsanfälle erleidet und deshalb zur Therapie geht. Diese Therapeutin wiederum ist Teil eines zufälligen Beziehungsgeflechts mit Meryem als Anknüpfungspunkt. Dass und wie sich schlussendlich Kreise schliessen, ist das zu Tränen rührende an «Bir Başkadır» – einer Serie, welche die Vielfalt der türkischen Gesellschaft abbildet. Das aber nicht wirklich zum Wohlgefallen der offiziellen Türkei.


«Godfather Of Harlem» – Staffel 2 (Epix)
Das Interessante an dieser auf wahren Begebenheiten beruhenden Drogen- und Gangsterboss-Serie aus dem New York der Sechzigerjahre ist, dass sie weit darüber hinausgeht. Im Zentrum steht zwar Bumpy Johnson (Forest Whitaker), der das Heroingeschäft in Harlem wieder ganz unter seine Kontrolle bringen will, sich aber auch gegen die Benachteiligung von Menschen mit dunkler Hautfarbe stark macht. Dazu bekommt die Serie durch seinen Freund Malcom X eine stark religiös-politische Komponente, ist dieser doch ein Sprecher der radikalen Vereinigung Nation of Islam.


«Ted Lasso» – Staffel 2 (Apple TV+)
Man kann es nur wiederholen: Es braucht wirklich null Kenntnisse weder von Foot- noch von Fussball, um diesem amerikanischen Coach bei seinem Wirken bei der mittelmässigen britischen Premier-League-Mannschaft AFC Richmond zuzusehen. Denn er selber hat keine Ahnung von «richtigem» Fussball. Dafür das Herz auf dem rechten Fleck. Mit seiner liebevoll-naiven Art erobert er zwar nicht die Tabellenspitze, dafür die Spieler, die Fans und die Club-Oberen noch dazu. Ted Lasso hat allerdings auch Schwächen, die in dieser Staffel 2 erst offenbar werden. Alles in allem ist dies eine der sympathischsten, wohltuendsten Serien der jüngeren Zeit – eine, die einem ein Dauerlächeln ins Gesicht zaubert.


«Station Eleven» – Miniserie (HBO Max)
Es gibt inzwischen ja bereits mehrere Serien, die sich des Szenarios Pandemie annehmen – und das auf verschiedenen Eskalationsstufen. In der italienischen Produktion «Anna» (Arte) etwa ist automatisch zu Tode geweiht, wer die Pubertät erreicht. Mit seltener Brutalität wird auf der Insel Sizilien inmitten von Bandenkriegen die Suche des Mädchens Anne nach ihrem Bruder geschildert, verbunden mit dem Hoffnungsschimmer, dass auf dem Festland inzwischen ein Heilmittel gegen das Virus gefunden wurde. Im ebenfalls recht reisserischen «Sløborn» (ZDF Neo) wiederum geht es um eine zu 90 Prozent tödliche Taubengrippe, die auch die Bewohner einer Insel in der Nordsee ereilt. In Staffel 2, welche in wenigen Tagen anläuft, soll es um den Zerfall der Zivilisation gehen. Und damit zu «Station Eleven» (HBO Max), wo ebenfalls ein Virus grassiert und die ganze Welt in wenigen Tagen mit nur wenigen Überlebenden zurücklässt. Die momentan laufende Miniserie erzählt die Geschichte einzelner Betroffener, ausgehend von einem Theatersaal in Chicago, wo während einer Shakespeare-Aufführung ein Schauspieler verstirbt, auf verschiedenen Zeitebenen und so überraschend wie verstörend. Stellen Sie sich vor, dass in 20 Jahren Pferde Pick-ups nach sich ziehen und eine Wanderschauspieltruppe ennet des Michigansees ebendiesen Shakespeare zum Besten gibt und darüber sinniert, ob es noch zeitgemäss sei, die Tragödie «Hamlet» in einer historischen Fassung zu geben. Letztlich gehts um existenzielle Fragen, was man verloren hat und wie man die Zukunft gestalten soll, wenn definitiv nichts mehr ist, wie es einmal war. Wer bereits mit Corona Mühe hat, lässt hiervon vielleicht besser die Finger.


«Sex Education» – Staffel 3 (Netflix)
Das Ausgangsszenario ist einfach grossartig: Otis, Sohn einer bekannten Sexualtherapeutin, bietet zusammen mit der rebellischen Mitschülerin Maeve Sexualtherapiestunden an, um das Taschengeld aufzubessern. Und das ohne jede eigene Sexerfahrung. Das ist in Staffel 3 anders, dafür ist die Freundschaft mit Maeve in die Brüche gegangen. Und an der Schule weht durch eine neue Leitung ein anderer Wind. Nebenfiguren bekommen dazu mehr Gewicht. «Sex Education» ist weit mehr als ein simples Teenie-Drama, die Serie taucht tief ein in die Sorgen, Nöte, aber auch Freuden heutiger Jugendlicher. Und lässt die Erwachsenen oft recht alt aussehen. Sehr unterhaltend!


«Sky Rojo» – Staffel 2 (Netflix)
Etwas Trash muss sein zwischendurch. In bester Tarantino-Manier versuchen drei Prostituierte, ihrem Zuhälter zu entkommen. Einfacher gesagt, als getan, wenn das Bordell sich auf einer Insel befindet und ihnen inzwischen – nebst dem Zuhälter und dessen Schergen – auch die Polizei auf der Spur ist. Die Moral dieser Geschichte: Miteinander gehts (meistens) besser. «Brutal gut», taxiert die F.A.Z. die zweite Staffel dieser spanischen Serie der «Haus des Geldes»-Erfinder doppeldeutig. Und der «Spiegel» meint: Ein tolles, aber keinesfalls ein tiefsinniges Vergnügen. Genau.


«Goliath» – Schlussstaffel 4 (Amazon)
Zum Schluss von Staffel 3 war der einst erfolgreiche Anwalt Billy McBride (Billy Bob Thornton) für einige Minuten tot. Das lässt ihn immer wieder in (Alp-)Träume abdriften. Aber letztlich auch zu Hochform auflaufen im Kampf gegen den Pillenhersteller Zax, einem wichtigen Akteur in der Opiodkrise in den USA, und der Vertriebsfirma. Ort der Geschehnisse ist diesmal San Francisco. Diverse Filmzitate geben dieser Staffel eine besondere Note. Dass sie versöhnlich endet, ist wohl die grösste Überraschung dieser grossartigen Serie.


«Unbroken» – Miniserie (ZDF Neo)
In dieser deutschen Thrillerserie verschwindet die hochschwangere Kommissarin Alex (Aylin Tezel) urplötzlich. Nach Tagen taucht sie wieder auf – ohne Erinnerung und ohne Kind. Was steckt dahinter, zumal alles nach einer normalen Entbindung aussieht? Polizeikollegen und sie selber kommen immer mehr ins Zweifeln, ob sie auf den richtigen Spuren sind. Im Gegensatz zu ihren «Tatort»-Einsätzen kann Tezel hier zeigen, was in ihr steckt. Sie trägt den Sechsteiler mit ihrer fiebrigen Präsenz praktisch allein. Was aber nicht heisst, dass der Fall selber nicht auch hochspannend und fantastisch erzählt ist.


Ebenfalls sehr gut gefallen haben mir:
«Atlantic Crossing» – Miniserie (PBS und ARD-Mediathek)
«Atypical» – Schlussstaffel 4 (Netflix)
«Baghdad Central (Bagdad nach dem Sturm)» – Miniserie (Channel 4, Arte)
«Beforeigners» – Staffel 1 (HBO Europe, ARD)
«Billions» – Staffel 5, Folgen 6-12 (Sky Show)
«Bonusfamiljen (The Patchwork Family)» – Staffeln 1 bis 4 (FLX, Netflix)
«Caïd (Gangsta)» – Miniserie (Netflix)
«Catastrophe» – Staffeln 2 bis 4 (Channel 4, BBC)
«Cellules de crise» – Miniserie (RTS/SRF)
«Dexter – Cold Blood» – Miniserie (Sky Show)
«Die Wespe» – Miniserie (Sky Show)
«Gomorra» – Schlussstaffel 5 (Sky Show)
«Hit & Run» – Miniserie (Netflix)
«How To Sell Drugs Online (Fast)» – Staffel 3 (Netflix)
«Kalifat» – Miniserie (Netflix)
«Katla» – Miniserie (RVK, Netflix)
«Kingdom» – Staffeln 1 und 2 (Netflix)
«Mein eigenes Begräbnis» – Miniserie (Arte)
«Never Have I Ever…» – Staffel 2 (Netflix)
«Pantoufles» – Miniserie (Couleur 3/RTS, Playsuisse)
«Ragnarok» – Staffel 2 (Netflix)
«Schitt’s Creek» – Staffeln 4 bis 6 (CBC)
«The Flight Attendant» – Staffel 1 (HBO, Sky Show)
«The North Water» – Miniserie (BBC Two, AMC USA)
«The Serpent» – Miniserie (BBC One, Netflix)
«Westwall» – Miniserie (ZDF)
«Wilder» – Staffel 3 (SRF)
«Yellowstone» – Staffel 4 (Paramount Network)
«Your Honor» – Miniserie (Showtime, Sky Show)

Das Beste 2021 – MUSIK

Es war ein Musikjahr des entweder/oder – entweder haben mich komplexe Werke wie das Album «House Music» des Bell Orchestre eingenommen oder aber Songs mit Melodien zum Niederknien wie auf dem Album «Eiskeller» von Rover. Dazwischen gabs einige «Ausreisser», die anderswo zugeordnet werden müssen. Summa summarum bin ich froh, stilistisch mit sehr offenem Visier unterwegs zu sein – denn nur so kam wirklich eine Bestenliste zusammen. Anders gesagt: 2021 war alles andere denn ein Jahrhundert-Jahrgang, was Neuveröffentlichungen anbelangt. Dafür durfte man sich an Wiederveröffentlichungen erfreuen, die tontechnisch auf Vordermann gebracht oder aber mit Zusatzmaterial angereichert wurden. Nachfolgend meine Lieblingsmusiken in keiner speziellen, aber doch nicht ganz zufällig gewählten Reihenfolge.

Mario Batkovic, «Introspectio»
Er ist einer der Propheten, die im eigenen Land noch immer viel zu wenig gelten. Kein Wunder, ist die erste Besprechung des neuen Albums von Mario Batkovic in einem britischen Musikmagazin erschienen. Auf «Introspectio» ist der Berner nicht mehr allein mit seinem Akkordeon zu hören, sondern zusätzlich mit Elektronik, Schlagzeug und Chorälen. Batkovic kommt hier vor allem als Komponist zur Geltung. Die sechs Stücke entziehen sich jeder Kategorisierung, können allenfalls mit moderner Klassik, Minimal Music und Ambient verortet werden. Ein Trip in eine ureigene Musikwelt – atemberaubend in ihrer Dringlichkeit.


The Coral, «Coral Island»
Von all den Britpop-Bands der Neunzigerjahre und Anfang der Nullerjahre wie Blur, Oasis, Suede, Pulp, Supergrass ist ja nicht sonderlich viel übriggeblieben. Eine meiner liebsten dieser melodieseligen Bands waren immer The Coral. Dass sie nun gleich mit einem Doppelalbum aufwarten, auf dem sich eine Songperle an die andere reiht, ist die Überraschung des Jahres. Immer leicht psychedelisch angehaucht und von ausgemachter Jahrmarkt-Fröhlichkeit, sind die Lieder auf «Coral Island» ein einziges Hörvergnügen. Herausragend: «Vacancy» und «Faceless Angel».


The Weather Station, «Ignorance»
Es ist dies eine der Konsensplatten in den diesjährigen Bestenlisten der Musikkritik. Und das zu Recht. «Ignorance» ist grosse Songwriter-Kunst, Indie-Folk ohne Grenzen. Hinter The Weather Station steckt die Kanadierin Tamara Lindeman, die für die Aufnahmen zu diesem Album hochtalentierte Jazzmusiker um sich scharte. Um es mit dem deutschen «Rolling Stone» zu sagen: «Schönere, kunstvollere Lieder hat im Jahr 2021 niemand geschrieben.»


Moses Sumney, «Live From Blackalachia»
Es gibt ja schon Spinner unter den musikalisch Kreativen. Ohne eine gewisse Spinnerei würden bestimmte Werke wohl Mittelmass bleiben. Mittelmass kennt der ghanaisch-amerikanische Sänger Moses Sumney nicht. Quasi zur Veredelung einzelner Songs aus seinen ersten beiden Alben ist er samt sieben Begleitern ist die Blue Ridge Mountains gefahren und hat im Grünen eine Livescheibe eingespielt. Wobei man die sprichwörtlichen Grillen nur selten zirpen oder die Bächlein rauschen hört. Stattdessen spielt die Crew einen hochenergetischen Neo-R’n’B. Das Ganze gibt es nicht nur als Album, sondern auch als (gratis) Musikfilm auf Youtube.


Low, «Hey What»
Ja, genau, das ist diese Art Musik, bei der man sich erstmal vergewissern muss, ob die Boxen noch richtig angeschlossen sind. Denn der Low-Sound ist Noise und Rauschen, Repetition und Verzerrung bis zur Schmerzgrenze. Aus kalter Elektronik steigen engelsgleich Hymnen empor. Das US-amerikanische Duo schafft es, mit «Hey What» gleichzeitig abzuschrecken und die Hörerschaft dann doch den Repeat-Knopf drücken zu lassen. So gut zu altern und sich nebenbei immer wieder neu zu erfinden, möchte man manch anderer Band auch wünschen.


Bell Orchestre, «House Music»
Mit House als Musikstil hat dieses Werk nicht viel zu tun. Dafür mit einem Haus im wahrsten Sinne des Wortes: In jedem Zimmer, auf jedem Stockwerk wird musiziert. Es ist ein einziger grosser Strom von Improvisationen über nur minim sich ändernde Rhythmus- und Harmoniemuster. Das kanadische Kollektiv – mit Mitgliedern von Arcade Fire – bringt klassische und elektronische Elemente zusammen. Das Ganze war in weniger als eine Woche im Kasten. Und erinnert an die besten Zeiten von Jams, die (gefühlt) stundenlang dauerten. Aber im besten Fall mit keiner Sekunde langweilig wurden.


Black Country, New Road, «For The First Time»
Es ist die Band, die ich am dringlichsten live sehen möchte – ob und wie die Jungspunde im besten Studentenalter ihre jazzigen Postrock-Kreationen auf der Bühne allenfalls nochmal auf den Kopf stellen. Von Youtube-Videos weiss man, dass sie recht stoisch ans Werk gehen, und auch wenns kracht und fetzt und hochkomplex zu und her geht kaum ein Bandmitglied mit der Wimper zuckt. Black Country, New Road haben ihre Sounds perfektioniert, bevor es ans Debütalbum ging. Ein selten reifer Erstling, ein zweites Album ist bereits angekündigt.


Jah Wobble, «Metal Box – Rebuilt In Dub»
Die «Metal Box» war 1979 das zweite Album der legendären britischen Formation Public Image Ltd. Es erschien in limitierter Auflage tatsächlich als graue Filmdose. Musikalisch war es eher schwer verdaulicher, experimenteller (Kraut-)Rock mit Sänger John Lydon, der seine Vergangenheit als Frontmann der Punk-Vorreiter Sex Pistols hinter sich lassen wollte. Der Bassist von damals, Jah Wobble, hat das Ganze gut 40 Jahre später durch den Dub-Wolf gedreht, grossmehrheitlich ohne Gesang, aber mit der ganzen Wucht und Wut, die jenem Werk schon damals innewohnte.


Rover, «Eiskeller»
Was hat ein Album auf dieser Liste zu suchen, das zuerst einmal getadelt werden muss für seine billige Machart (das Schlagzeug aus dem Computer ist schrecklich; und falls es doch ein richtiges Drum sein sollte, noch schrecklicher)? Auch die anderweitige Instrumentierung und die Arrangements sind… na ja. Aber: Die süsslichen Melodien bestätigen, was in diesem französischen Musiker steckt – ein Melancholiker vor dem Herrn, der in der Regel den richtigen Ton trifft. In diesem Sinne seien die coronabedingten Umstände entschuldigt. Und es sei das genossen, was die Essenz dieser Homerecording-Aufnahme ist – wunderbare, stimmige Lieder.


Rodney Crowell, «Triage»
Seit die Coronazahlen in die Höhe schnellen, weiss jedes Kind, worum es beim Thema Triage geht. Dass das neue Album von Rodney Crowell «Triage» heisst, hat damit zwar nur sehr bedingt zu tun, kommt aber gleichwohl nicht von ungefähr. Beim amerikanischen Countrymusiker sind es die Auswahlkriterien des Lebens – mit Leid und Trauer am einen und himmelhochjauchzender Freude am anderen Ende der Skala. Wobei Crowell zu Ersterem tendiert. Und das mit wohlgefälligen, die oft düsteren Texte geradezu konterkarierenden Weisen in allerbester Americana-Manier. Ein ganz grosses Alterswerk.


Ebenfalls gern und häufig gehört habe ich (in alphabetischer Reihenfolge):
Aaron Frazer («Introducing…»)
Aaron Lee Tasjan («Tasjan! Tasjan! Tasjan!»)
Angelo Repetto («Sundown Explosion»; EP)
Arlo Parks («Collapsed In Sunbeams»)
Black Keys («Delta Kream»)
Cassandra Jenkins («An Overview On Phenomenal Nature»)
Cathal Coughlan («Song Of Co-Aklan»)
Dean Wareham («I Have Nothing To Say To The Mayor Of LA»)
Dennis Bovell meets Dubblestandart («Repulse ‘Reggae Classics’»)
Elbow («Flying Dream 1»)
Endless Boogie («Admonitions»)
Gabriels («Bloodline» und «Love And Hate In A Different Time»; zwei EPs)
Godspeed You! Black Emperor («G_d’s Pee At State’s End!»)
International Music («Ententraum»)
LaBrassBanda («Yoga Symphony No.1»)
Les Yeux D’La Tête («Bonne Nouvelle»)
Limiñanas/Garnier («De Película»)
Lorde («Solar Power»)
Lost Horizons («In Quiet Moments»)
Manu Delago («Environ Me»)
Margo Cilker («Pohorylle»)
Muse («Origin Of Symmetry – XX Anniversary RemiXX»)
Neil Young & Crazy Horse («Way Down In The Rust Bucket – Live»)
Robert Finley («Sharecropper’s Son»)
Rogér Fakhr («Fine Anyway»)
Sault («Nine»)
Sons Of Kemet («Black To The Future»)
Tony Joe White («Smoke From The Chimney»)
Trees Up North («Trees Up North»)
The Legendary Lightness («Bis doch froh»)
Tindersticks («Distractions»)
U-Roy («Solid Gold»)
Vanishing Twin («Ookii Gekkou»)
Xixa («Genesis»)

Ein Ort für die lustvolle Suche nach speziellen Klängen

Unter erschwerten Bedingungen (Corona) hat vom 12. bis 15. August im urnerischen Altdorf das zwölfte Alpentöne-Festival stattgefunden. Trouvaillen bot es dennoch (oder vielleicht gerade deshalb) zuhauf.

von Hans Bärtsch

Corona ist ein Biest, auch im Jahr 2. Und für Veranstalter weiterhin mit vielen Unwägbarkeiten verbunden. Die Alpentöne-Macher (neu unter der künstlerischen Leitung von Graziella Contratto und Barbara Betschart) haben den Stier, den der Kanton Uri im Wappen trägt, gewissermassen bei den Hörnern gepackt und das Biest damit zwar nicht bezwungen, aber für ein Wochenende gebändigt. Dies mit einem Festivalprogramm, das sich sehen und vor allem natürlich hören lassen konnte. Und einem enormen logistischen Aufwand.

Einzelbillette statt Festivalpass

Ob ein grösseres Publikum ausblieb, weil es von den vergangenen elf Durchführungen an den Festivalpass gewöhnt war, mit dem man immer und überall Zutritt hatte? Regelmässige Besucherinnen und Besucher erinnern sich an manch ein unangenehmes Ellbögeln, weil das Platzangebot in jedem Saal halt nun mal endlich ist. Dieses Jahr mussten Einzelbillette erworben werden – inklusive Garantie eines Sitzplatzes. Das war, wie auch Festivalpass-Anhänger eingestehen werden, ganz schön bequem. Dass der Entdeckerlust letztlich fast uneingeschränkt gefrönt werden konnte, ist zum einen einer Aktion in letzter Minute zu verdanken – für jedes gekaufte Ticket gabs ein Freibillett obendrauf. Zum anderen sorgte der Bändel, den es gegen Vorweisung des Covid-Zertifikats gab, für jegliche Bewegungsfreiheit.

Die Verantwortlichen zogen gestern eine äusserst positive Bilanz, was die künstlerischen und organisatorischen Aspekte anbelangte. Wirtschaftlich blieb man mit 3500 verkauften Billetten im Rahmen des (Corona-)Budgets, das mit weniger Einnahmen und höheren Ausgaben gerechnet hatte. Das erwartete Minus könne vollumfänglich mit Defizitgarantien aufgefangen werden, führte der neue Alpentöne-Geschäftsführer Pius Knüsel aus.

Grosses Facettenreichtum

Damit jetzt aber endlich zu dem, was dieses alle zwei Jahre stattfindende Festival, das sich künstlerischen Ausdrucksweisen aus dem Alpenraum widmet, an den vergangenen vier Tagen bot. Etwa ein mitreissendes Zusammentreffen von Studierenden der Hochschulen Luzern und des Mozarteums Salzburg aus dem Gastland Österreich. Die an diesen beiden Standorten angebotene Studienrichtung Volksmusik sorgt für erfreulichen Nachwuchs an Musikerinnen und Musikern, die Respekt vor der Tradition haben, aber ohne Scheuklappen auch Neues wagen.

Ein besonders berührendes Projekt und eine weitere Uraufführung war «Die 7. Jahreszeit» unter der Regie von Tom Ryer. Vera Kappeler (Klavier), Anna Trauffer (Kontrabass, Gesang) und Peter Conradin Zumthor (Schlagzeug) vertonten teils uralte Kinderlieder. Schülerinnen und Schüler der heilpädagogischen Schule Papilio trugen diese Lieder auf ihre ureigene Weise mit – singend, tanzend, paukenschlagend oder den Regen mit Kartonschachteln heraufbeschwörend.

Konzertsaal nicht leergespielt

Das aus Jugendlichen bestehende Bündner Vokalensemble Incantanti unter der Leitung von Christian Klucker wurde ergänzt durch den einmaligen Obertongesang von Christian Zehnder – in der Kirche kam diese Vokaltechnik in Form neuer Kompositionen besonders eindrücklich zur Geltung. Von den Premieren erwähnt sei auch noch das Improvisationsprojekt dreier Ausserrhödler. Noldi Alder (Geige, Hackbrett, Gesang), gilt als einer der grossen Neuerer der Volksmusik. Seinem Wunsch (oder seiner Befürchtung), einmal einen Konzertsaal leerspielen zu wollen, war kein Erfolg beschieden. Gebannt harrte das Publikum im Theater Uri bis zur allerletzten Sekunde dieses feinen, hochmusikalischen Konzertes mit Fabian M. Müller am Klavier und Reto Suhner an Blasinstrumenten. Fürwahr ein «Trialog auf höchstem Niveau», wie schon das Programmheft versprochen hatte.

Alpentöne 2021 machte die Handschriften von Contratto und Betschart (mehr Inklusion, mehr Vermittlung, mehr Klassik, stilistisch aber insgesamt die Konzentration auf weniger) erstmals deutlich. Fazit: Das Alpentöne bleibt für Menschen mit offenen Ohren das Entdeckerfestival schlechthin. Bei Radio SRF2 lassen sich in den beiden «Weltklasse»-Sendungen vom 20./21. August neun Alpentöne-Konzerte nachhören.

Alpentöne 2021 – der Auftakt

von Hans Bärtsch

Es war ein Bibbern bis zuletzt – würde man sie wirklich durchführen können? Und wie genau? Corona ist ein Biest, die Alpentöne-Macher wollten – und konnten – es bändigen an diesem Wochenende Mitte August 2021. Vor deutlich weniger Publikum, aber nicht minder experimentierfreudig und lebenslustig war es ein gelungener Start in die Ära der neuen künstlerischen Co-Leitung von Graziella Contratto und Barbara Betschart.

Schüler(innen) der Schule Papilio bringen Kinderlieder dar – auf ganz eigene Weise.

Zum zwölften Mal ist Altdorf somit das Epizentrum alpiner Klänge. Volksmusik mit Tradition trifft auf Neuerer(innen) in diesem Genre. Als sehr gelungene Idee erwies sich der Auftakt am Donnerstag mit «Die 7. Jahreszeit» – ein Kinderliederprogramm, dargebracht von Kindern der heilpädagogischen Schule Papilio, musikalisch begleitet von Vera Kappeler (Klavier), Anna Trauffer (Kontrabass, Gesang) und Peter Conradin Zumthor (Schlagzeug). Für die ausgezeichnete Regie zeichnet Tom Ryser. In die dunkle Seele Wiens zu Beginn des letzten Jahrhunderts tauchte danach der phänomenale Schauspieler und Erzähler Karl Markovics, begleitet von den oö. Concertschrammeln.

Vom Festivaltag 2 (Freitag) seien nur die «jungen Wilden» namens Alpinis erwähnt, Absolventen der Hochschule Luzern, Lehrgang Volksmusik. Und: Der «Trialog auf höchstem Niveau» (Zitat Programmheft) der Improvisationskoryphäen Fabian M. Müller (Klavier) und Reto Suhner (Blasinstrumente) zusammen mit Noldi Alder (Geige, Hackbrett, Gesang). Dem Wunsch (oder der Befürchtung) des Ausserrhödler Freigeists, einmal einen Konzertsaal leerspielen zu wollen, war jedenfalls kein Erfolg beschieden. Gebannt harrte das Publikum bis zur allerletzten Sekunde dieses feinen, hochmusikalischen Konzertes.

Ein umfassendes Fazit gibt es am 16. August auf der Kulturseite der Printausgaben von «Südostschweiz» und «Sarganserländer» zu lesen.

Karl Markovics (rechts) und die oö. Concertschrammeln aus Wien. (Bilder Hans Bärtsch)

Best-of Musik 1/2021

Black Country, New Road (Bild: Wikipedia)

Eine Halbjahresbilanz in Sachen neue Alben? Ja, das ist eine Premiere. Und nein, das ist nicht zwingend nötig. Trotzdem… andere machen es auch. Und ich staune ob der minimen Schnittmengen z.B. mit den 22 Favoriten des Berner Musikjournalisten Benedikt Sartorius, Verfasser des sehr empfehlenswerten Popletters «Listen Up!». Oder den 100 Lieblingen der Redaktion des nur im Internet greifbaren britischen Musik- und Popkulturmagazins «The Quietus». Nun denn, here we go…

Alben/EPs:
Aaron Frazer («Introducing…»)
Aaron Lee Tasjan («Tasjan! Tasjan! Tasjan!»)
Angelo Repetto («Sundown Explosion»; EP)
Arlo Parks («Collapsed In Sunbeams»)
Bell Orchestre («House Music»)
Black Country, New Road («For The First Time»)
Black Keys («Delta Kream»)
Bost & Bim («Warrior Brass»)
Coral («Coral Island»)
Ellis Mano Band («Ambedo»)
Godspeed You! Black Emperor («G_d’s Pee At State’s End!»)
Göldin & Bit-Tuner («Uff»)
International Music («Ententraum»)
LaBrassBanda («Yoga Symphony No.1»)
Lee Groves («Dance A Dub – Dubtraphobic Remixes»)
Lost Horizons («In Quiet Moments»)
Muse («Origin Of Symmetry – XX Anniversary RemiXX»)
Neil Young & Crazy Horse («Way Down In The Rust Bucket – Live»)
Nick Waterhouse («Promenade Blue»)
Robert Finley («Sharecropper’s Son»)
Rover («Eiskeller»)
Sault («Nine»)
Spellling («The Turning Wheel»)
Steven Wilson («The Future Bites»)
Trees Up North («Trees Up North»)
The Weather Station («Ignorance»)
Tindersticks («Distractions»)
Tony Joe White («Smoke From The Chimney»)
Xixa («Genesis»)

Einzelsongs:
Curtis Harding («I Won’t Let You Down»)
Hermann («Erschtwältproblem»)
Jimbo Mathus, Andrew Bird («Beat Still My Heart»)
Max Richter («Dream 3 – Remix»)
Mavericks («Por Ti – Yo Quiero Ser»)
Patrick Watson («A Mermaid In Lisbon»)
Rogér Fakhr («Fine Anyway»)
Yola («Starlight»)

Best-of TV-Serien 1/2021

Ein weiteres Pandemie-Halbjahr und damit unverändert viel Zeit, Serien zu gucken – mit Spannung erwartete Fortsetzungen, Neues, aber auch Liegengebliebenes. Meine To-do-Liste enthält rund 50 (!) Serien à Weiss-nicht-wie-viele Staffeln. Analog zu letztem Jahr hier das – meiner bescheidenen Meinung nach – Beste vom Besten.
Tipps für Übersehenes sind willkommen!

5/5 (Höchstwertung):
«Bir Başkadir – Acht Menschen in Istanbul» (Miniserie; Netflix)
«Caïd – Gangsta» (Staffel 1; Netflix)
«Godfather Of Harlem» (Staffel 2, 1. Teil; Epix)
«Mare Of Easttown» (Miniserie; HBO/Sky)
«Shtisel» (Staffel 3; Netflix)
«Bonusfamiljen – The Patchwork Family» (Staffeln 1 bis 3; FLX/Netflix)
«Your Honor» (Miniserie; Showtime/Sky)

4,5/5 (sehr gut):
«Atlantic Crossing» (Miniserie; PBS)
«Baghdad Central – Bagdad nach dem Sturm» (Miniserie; Channel 4/Arte)
«Catastrophe» (Staffeln 3 und 4; Channel 4/BBC)
«Kalifat» (Miniserie; Netflix)
«Katla» (Staffel 1; RVK/Netflix)
«Kingdom» (Staffeln 1 und 2; Netflix)
«Never Have I Ever…» (Staffel 2; Netflix)
«Schitt’s Creek» (Staffeln 4 bis 6; CBC)
«Sløborn» (Staffel 1; ZDF Neo)
«The Flight Attendant» (Staffel 1; HBO)
«The Serpent – Die Schlange» (Miniserie; BBC/Netflix)
«Unbroken» (Miniserie; ZDF Neo)
«We Are Lady Parts» (Staffel 1; Channel 4)
«We Are Who We Are» (Miniserie; HBO/Sky)
«Wilder» (Staffel 3; SRF)
«Yellowstone» (Staffeln 2 und 3; Paramount Network)

Ohne Wertung, aber ebenfalls (sehr) gerne geschaut:
«Beforeigners» (Staffel 1; HBO Europe/ARD)
«Countdown Copenhagen» (Staffel 1; ZDF Neo)
«Deadlines» (Staffel 1; ZDF Neo)
«Deadwind» (Staffeln 1 und 2; Netflix)
«Lambs Of God» (Miniserie; One)
«Mystery Road» (Staffeln 1 und 2; Arte)
«Pantoufles» (Miniserie; Couleur 3/RTS; Playsuisse)
«Ragnarok» (Staffel 2; Netflix)
«Salamander» (Staffel 1; Arte)
«Vorstadtweiber» (Staffel 5; ORF)

Kalt gelassen, enttäuscht oder gar verärgert haben mich (oftmals wegen fehlender Originalsprachen bzw. miserabler Synchronisation):
«Capitani» (Samsa/Netflix)
«Huss» (Arte)
«Industry» (HBO/Sky)
«La Jauría – die Meute» (Arte)
«Maroni – Im Reich der Schatten» (Arte France)
«Master Of None» (Staffel 3; Netflix)
«Pure» (ZDF Neo)
«The One» (Netflix)
«They Were Ten» (ZDF Neo)
«Une île – Die Frau aus dem Meer» (Arte)