Wo die leisesten Töne die grössten Emotionen wecken

Tony Bennett & Lady Gaga at the 49th Montreux Jazz Festival, (c) 2015 FFJM-Marc Ducrest

Tony Bennett & Lady Gaga at the 49th Montreux Jazz Festival, (c) 2015 FFJM-Marc Ducrest

Das 49. Montreux Jazz Festival ist fulminant gestartet. Mit einem Jazzabend alter Schule als bisherigem Höhepunkt. Und etlichen weiteren «leisen» Konzerten, die manch ein lautes zu übertönen und in Sachen Emotionen hinter sich zu lassen vermochte.

Von Hans Bärtsch

Die Szene ist symptomatisch. Als der irische Songwriter Damien Rice die Konzertbesucher bittet, doch auf Handyfotos zu verzichten, werden die, die es trotzdem wagen, von den Umstehenden mit höflichen, aber bestimmten Blicken in die Schranken gewiesen. Ein, zwei «Pssst!» lassen die letzten Privatgespräche verstummen. Und dann ist das Publikum voll bei ihm, diesem Sänger von wenig erbaulichen Themen (vorwiegend nicht endenwollender Liebeskummer), der mit seiner offenbarten Selbstunsicherheit und seinem verwuselten Äusseren Mutterinstinkte weckt. Allein steht er da auf der grossen Bühne des Auditorium Stravinski, meist mit der Gitarre in der Hand, ab und an zum Flügel wechselnd, die Stimme hoch, manchmal mehr Qual als Freude bereitend. Das Licht ist auf intim gestellt, ein paar wenige Scheinwerfer genügend.

Miniaturen auf allem, was Tasten hat

Es ist das dritte «leise» Konzert an diesem Dienstagabend, nach der schwedischen Folkpop-Sängerin Mariam Wallentin alias Mariam The Believer, mit der Rice im Zugabenblock noch eine improvisierte Nummer gemeinsam singt. Dazwischen gibt der Deutsche Nils Frahm den Neoklassiker, der den Elektroniker in sich nicht verstecken will. Seine Melodie-Miniaturen, gespielt auf allem, was Tasten hat, bekommen dadurch eine enorme Sogkraft, werden regelrecht tanzbar. Aber wie gesagt: Auch hier wird in erster Linie konzentriert zugehört.

Tastenmagier: Nils Frahm fasziniert bei seinem Auftritt am Montreux Jazz Festival. (Foto: Lionel Flusin)

Tastenmagier: Nils Frahm fasziniert bei seinem Auftritt am Montreux Jazz Festival. (Foto: Lionel Flusin)

Diese Konzentration auf die Künstler und Bands erlaubt dem Montreux Jazz Festival eine andere Programmation als auf Festivals, an denen es vor allem um Rambazamba geht. Darum, das ist klar, geht es in Montreux auch. Die Antwoord aus Südafrika etwa verwandeln das Lab, wie der Saal für «jüngere» Musik heisst, mit ihrem Rap’n’Rave in einen Hexenkessel. Dasselbe schaffen die Chemical Brothers mit harten elektronischen Beats. Oder Sam Smith, der nach einer Stimmbandoperation wiedergenese britische Wunderknabe des Soulpop, der live allerdings zu stark auf biedere Mitmacheffekte setzt und Vieles, was die Magie seines grossartigen (und bisher einzigen) Albums «In The Lonely Hour» ausmacht, in den Sand setzt.

Die Schöne und das Biest

Gar nichts in den Sand gesetzt wird am Montag beim Exklusivauftritt der letzten lebenden Crooner-Legende, Tony Bennett, begleitet von einem Superstar des Pop, Lady Gaga. Eine Kombination, die undenkbar schien bis zum Erscheinen eines gemeinsamen Albums namens «Cheek To Cheek» im letzten Jahr, gefolgt von einer Tour der beiden äusserst unterschiedlichen Persönlichkeiten. Der Schreibende räumt an dieser Stelle frank und frei ein, von der Italoamerikanerin Stefani Germanotta, wie Lady Gaga bürgerlich heisst, bis dato noch gar nie auch nur das Geringste gehalten zu haben. Eine Kunstfigur des Pop, mit Einsatz ihres ganzen Körpers lediglich auf Provokation aus: Das war der Madonna-Klon in seinen Augen. Eine Stilikone? Wohlan. Aber was, bitteschön, hat ihr gesichtsloses, von Legionen Produzenten aufgemotztes Disco-Gestampfe mit Musik zu tun?

Erinnerungsstück eines weiblichen Fans: Die Setlist von Lady Gaga und Tony Bennett. (Foto: Hans Bärtsch)

Erinnerungsstück eines weiblichen Fans: Die Setlist von Lady Gaga und Tony Bennett. (Foto: Hans Bärtsch)

Nun hebt also der 88-jährige Bennett zum ersten Song «Anything Goes» von Cole Porter an, heisst Lady Gaga auf der Bühne willkommen – und die Dame singt, dass es einem Schauer den Rücken rauf und runter jagt. Mit einer Stimme, die wie gemacht ist für das Great American Songbook und damit die grössten der grossen Klassiker des Jazz. Hier er, ein bescheidener älterer Herr mit Swing in Stimme und Knochen. Dort sie, die Diva, der ein Wimpernschlag genügt, um das männliche Geschlecht um den Verstand zu bringen. Gemeinsam ist ihnen der Respekt zueinander. Meist nah beieinander stehend, oft Hand in Hand singen sie Duette, die für die Ewigkeit gemacht sind. Nicht immer astrein, gerade zu Beginn des zwei Stunden dauernden und rund 30 Songs umfassenden Programms. Das – bewusst? – Unperfekte macht den noch besondereren Reiz dieser erstaunlichen Kooperation aus.

Es wird kokettiert, was das Zeug hält

Gaga und Bennett lassen einander auch Platz für Soli. Sie etwa gibt eine umwerfende Fassung von «La Vie En Rose» zum Besten. Er ein berührendes «Smile», zu dem ihm dereinst der Komponist des Liedes, der «Schweizer» Charlie Chaplin gratuliert habe. Während sie acht Mal die Garderobe wechselt (und auch die Frisur), bleibt er seinem einen, eine Spur zu grossen Anzug treu. Das mögen Äusserlichkeiten sein, in diesem Kontext gehören sie zu einer durchchoreografierten Bühnenshow. Ihm tut die Blutauffrischung durch die 29-Jährige gut, ihr die Erdung durch den mit allen Entertainment-Wassern gewaschenen US-amerikanischen Sänger. Es wird kokettiert, was das Zeug hält, nur um musikalisch wieder am selben Strick zu ziehen – hier mit Stimmwucht, dort mit Souplesse. Kurzum: Das Montreux Jazz Festival ist um einen legendären Konzertabend reicher. Und das mit altmodischem Swing-Jazz im Stile Frank Sinatras – wer hätte das gedacht.

KASTEN 1

Das Great American Songbook

Der Begriff Great American Songbook umfasst herausragende Songs der US-Unterhaltungsmusik aus dem Zeitraum 1930 bis 1960. Zu den bekanntesten Komponisten/Interpreten dieser einmaligen Ära gehören etwa Cole Porter («I’ve Got You Under My Skin»), Irving Berlin («White Christmas»), Duke Ellington («In A Sentimental Mood»), Frank Sinatra («My Way»). Crooner nennt man die Interpreten dieser schmachtend gesungenen, schmalzig-schlagerhaften Songs.

KASTEN 2

Diva-Gehabe

Beim Konzert von Tony Bennett und Lady Gaga am Montreux Jazz Festival waren keine unabhängigen Fotografen zugelassen, sondern nur ein Festival-eigener Fotograf. Von dessen Aufnahmen wiederum gab das Management von Lady Gaga nur gerade eine einzige Aufnahme frei. Unnötiges Superstar-Gehabe, darf man dieser Restriktion für die Fotografenzunft anfügen.

pdf Südostschweiz (09.07.2015)

TV-Serien – die Serie dazu

Buchcover-Rückseite (Ausschnitt) von Jürgen Müllers «TV-Serien»

Buchcover-Rückseite (Ausschnitt) von Jürgen Müllers «TV-Serien»

TV-Serien, die komplexe Geschichten erzählen, sind derzeit in aller Munde. Wie ist es zum Serienboom gekommen, und was macht den Reiz von «Breaking Bad» und Co. aus? Die «Südostschweiz» beleuchtet das Thema während mehreren Wochen in einer Artikelserie. Hier eine erste Auslegeordnung.

pdf Südostschweiz (30.06.2015)

The Mavericks – der musikalische Höhepunkt

Mavericks

Raul Malo, Sänger von The Mavericks (links), beim Meet & Greet mit Veranstalter-Legende Ernst «Aschi» Maurer.

Sie sind nicht Country, sie sind nicht Rock – sie sind beides zusammen und noch viel mehr: Die US-Band The Mavericks war der musikalische Höhepunkt des 22. Trucker & Country Festivals in Interlaken im Berner Oberland.

pdf Südostschweiz (29.06.2015)

Sommerzeit – Festivalzeit

Yeah! Die berühmte Statue des verstorbenen Queen-Sängers Freddie Mercury in Montreux, wo jeden Sommer eines der berühmtesten Musikfestivals weltweit stattfindet.

Yeah! Die Statue des verstorbenen Queen-Sängers Freddie Mercury in Montreux, wo jeden Sommer eines der berühmtesten Musikfestivals weltweit stattfindet.

 

Kaum ein Land zählt mehr Sommerfestivals im Bereich Poprock als die Schweiz. Vom Val Lumnezia bis zum Paléo in Nyon – in allen Landesteilen kann man sich von Juni bis September praktisch jedes Wochenende an einem kleineren oder grösseren Open-Air vergnügen. Die «Südostschweiz» hat das Festivalgeschehen in den letzten Jahren intensiv begleitet – vom künstlerischen Anspruch her wie von der wirtschaftlichen Bedeutung. Hier einige Beispiele.

Sommerfestivals_2015_Südostschweiz

Festivalsommer 2013 (SO)

Festivaldossier 2012 (SO_1)

Festivaldossier 2012 (SO_2)

Festivaldossier 2011 (SO_1)

Festivaldossier 2011 (SO_2)

Jean Zuber von Swiss Music Export: «Für uns muss jemand ‚Export-ready‘ sein»

Lo&Leduc am M4Music2015

Ins Scheinwerferlicht: Viele Schweizer Bands zieht es dorthin – Lo & Leduc haben es am M4Music genossen und ein mitreissendes Konzert gegeben. (Bild Alessandro Della Bella)

 

Sophie Hunger, Bonaparte, Boy: Diese Schweizer Künstler und Bands sind mit ihrer Musik im Ausland erfolgreich. Nicht nur, aber auch dank der Arbeit der Organisation Swiss Music Export. Ein Gespräch mit SME-Geschäftsführer Jean Zuber über Erfolgsstorys, aber auch mangelnde Ressourcen.

Mit Jean Zuber sprach Hans Bärtsch

Das Musikfestival M4Music hat am Wochenende in Lausanne und Zürich Tausende von Besuchern, darunter Hunderte von Branchenvertretern, angezogen – Konzert-Highlight war der Auftritt der Band Bilderbuch aus Wien mit ihrem furiosen Austropop. Für die Poprock-Szene Schweiz, insbesondere Nachwuchskünstler aus diesem Bereich, ist das M4Music der bedeutendste Anlass hierzulande. Eine wichtige Plattform ist das Festival auch für die Organisation Swiss Music Export. Diese geriet dieses Jahr am M4Music unerwartet in die Defensive. Einerseits durch eine Gesprächsrunde, an der es um die Vermit- telbarkeit von Schweizer Künstlern im Ausland ging und deren Relevanz. Der Musikjournalist Jens Balzer («Berliner Zeitung», «Rolling Stone») liess zum Beispiel kein gutes Haar an der Aargauer Band Yokko und kann auch dem Westschweizer Sänger Bastian Baker nicht viel abgewinnen. Auf einem andern Panel meinte andererseits eine Vertreterin des deutschen Wacken- Open-Airs, dass in der Schweiz mehr für die Metal-Szene getan werden könnte. Jean Zuber, Geschäftsführer von Swiss Music Export, stellt sich der Kritik und erklärt, wie die von Pro Helvetia, Suisa-Stiftung, Migros-Kulturprozent und weiteren getragene Organisation funktioniert.

Jean Zuber, Geschäftsführer Swiss Music Export. (Pressebild)

Jean Zuber, Geschäftsführer Swiss Music Export. (Pressebild)

 

Herr Zuber, am M4Music hiess es, Swiss Music Export unterstütze künstlerisch nur bedingt interessante Bands wie Yokko und vernachlässige bestimmte Stile wie Metal ganz. Was sagen Sie dazu?

JEAN ZUBER: Da muss ich etwas ausholen und grundsätzlich werden. Permanent sind rund 100 Schweizer Bands aus dem Poprock-Bereich im Ausland aktiv. Swiss Music Export, das sind drei Teilzeitstellen. Sie können sich also vorstellen, dass nicht hinter all diesen 100 Künstlerinnen und Künstlern unsere Organisation steht. Wir können nicht alles vollständig abdecken. Wenn eine Band bei uns ein Gesuch um Unterstützung stellt, und wir müssen absagen, hat das in der Regel vor allem einen Grund: fehlende Ressourcen.

Wie läuft die Unterstützung von Schweizer Künstlern und Bands durch Swiss Music Export denn konkret ab?

Wir haben verschiedene Tools. An erster Stelle zu nennen sind sogenannte Showcase-Festivals im Ausland, die Plattformen für Nachwuchskünstler bieten und mit denen wir intensiv zusammenarbeiten. Konkret zu nennen sind das Reeperbahn-Festival in Hamburg, das Great Escape in Brighton, das Eurosonic Noorderslag im niederländischen Groningen, das Waves Vienna in Wien, das Mama Event in Paris – das sind die für uns wichtigsten. Dort versuchen wir, Bands zu platzieren. Wobei wir keinen direkten Einfluss auf die Programmierung der Festivals haben. Wenn es dann aber zu einem Auftritt kommt, versuchen wir, in Sachen Promotion das Beste daraus zu machen. Dazu organisieren wir an solchen Festivals in der Regel noch einen eigenen Anlass, in Hamburg etwa unter dem Namen Swiss Business Mixer. Dort bringen wir Leute aus der Szene zusammen, wie es jeweils auch am M4Music geschieht.

 

«Die Stadt Zürich kann im Bereich Poprock jährlich ungefähr eine Million vergeben. Und wir sollen mit 100’000 Franken die ganze Schweiz abdecken?»

 

Das grosse Stichwort heisst also Vernetzung.

Genau: Solche Festivals zu nutzen, kostet nicht allzu viel Geld im Verhältnis zu dem, was es bringt. Am letzten Swiss Business Mixer im Rahmen des Reeperbahn-Festivals nahmen rund 300 Personen teil, davon etwa 70 aus der Schweiz – und die haben gearbeitet wie blöd. Jetzt gibt es Bands, die besser an bestimmte Festivals passen als andere. Yokko zum Beispiel hat am Eurosonic gespielt. Wenn die jungen Aargauer nun einem Starkritiker aus Berlin überhaupt nicht gefallen, heisst das noch lange nicht alles. Es geht ja auch um Business-Zusammenhänge – und die Band findet ganz offensichtlich auch ein Publikum. Die eingangs angesprochene Kritik hingegen, dass wir im Bereich Metal nicht ganz so präsent sind, nehmen wir als Anregung entgegen, dass man da tatsächlich mehr machen kann. Allerdings unterstützen wir auch andere Genres zu wenig, zum Beispiel elektronische Musik und Hip-Hop. Wir versuchen an sich, für alle da zu sein, können aber schlicht nicht alles machen.

Festivals als Netzwerk-Anlässe sind ja nur das eine…

Genau: Im Inland nutzen wir Plattformen wie das M4Music oder das Paleo-Festival in Nyon, das jungen Nachwuchs-Acts immer wieder eine Chance gibt. Dazu kommt die Vermittlung und Beratung, ob im persönlichen Gespräch oder mit Infos über unsere Website. Schliesslich haben wir auch etwas Geld, 80’000 bis 100’000 Franken pro Jahr. Mittel, mit denen wir Bands direkt unterstützen können. Mich ärgert es allerdings etwas, wenn wir, was ab und zu passiert, auf letztgenannten Punkt reduziert werden. Die Stadt Zürich kann im Bereich Poprock jährlich ungefähr eine Million vergeben. Und wir sollen mit 100’000 Franken die ganze Schweiz abdecken? Da kann sich eine Band nicht beklagen, wenn sie von uns eine Absage erhält. Aber wir haben Verständnis dafür, wenn sie sich trotzdem beklagt, weil für sie das eigene künstlerische Schaffen ja das Wichtigste, das Grösste ist.

 

«Einem James Gruntz gebe ich grosse internationale Chancen.»

 

Wie weit muss eine Band eigentlich sein, um durch Swiss Music Export unterstützt zu werden? Muss sie zum Beispiel ein Management haben?

Ich drücke es jeweils so aus: Swiss Music Export ist nicht dazu da, neue Sachen zu entdecken, wobei wir natürlich immer die Ohren offen haben. Für uns muss jemand «Export-ready» sein. Das ist zwar ein etwas schwammiger Begriff, aber es geht um folgende Komponenten. Erstens: Es muss musikalisch «verheben», das ist die Grundvoraussetzung. Zweitens muss ein gewisses Interesse aus dem Ausland manifest sein. Konkret: Wenn wir von einer deutschen Agentur hören, dass die eine Schweizer Band toll findet, läuten bei uns alle Alarmglocken im Sinne von: da passiert etwas. Solche Zeichen können auch Fan- und Medienreaktionen oder Youtube-Klicks sein wie etwa im Fall der welschen Band Kadebostany. Und drittens: Wir verlangen ein professionelles Umfeld. Jemand, der behauptet, er finde keine Booking-Agentur, hat vielleicht noch nicht richtig gesucht, dann helfen wir ihm dabei. Allerdings haben Agenten, die Konzerte vermitteln, ja auch gute Nasen. Wie will eine Band ein Publikum von sich überzeugen, wenn sie es nicht mal schafft, eine Booking-Agentur davon zu überzeugen, dass sie für sie arbeiten soll? Professionelles Umfeld kann ein Management sein, eben eine Booking-Agentur, ein Label oder ein Verlag.

Und wann ist der Zeitpunkt erreicht, dass ein Künstler wieder aus dem Unterstützungsraster fällt?

Swiss Music Export hat den Auftrag, jemanden in einen Markt reinzubringen. Wir geben uns dafür zwei bis drei Jahre Zeit pro Territorium, wobei wir uns auf den deutsch- und französischsprachigen Raum in Europa konzentrieren. Sophie Hunger haben wir sowohl in Deutschland als auch in Frankreich stark unterstützt. Und dies zu einem Zeitpunkt, als sie in der Schweiz noch kaum bekannt war. Aus Frankreich kam dann das Interesse von gleich drei Plattenfirmen – und diese Chance wurde gepackt. Sie ist eine grossartige Künstlerin, vor allem live, die es geschafft hat. Da haben wir viel reingesteckt – und schreiben es uns jetzt auch auf die Fahne. Die bekanntesten Erfolge, bei denen wir unseren Teil beigetragen haben, sind Sophie Hunger, Bonaparte, Boy, Bastian Baker und Eluveitie. Sobald diese selbstständig waren, brauchten sie unsere direkte Hilfe nicht mehr.

 

«Es kommt sogar recht häufig vor, dass wir von Swiss Music Export auf einen fahrenden Zug aufspringen.»

 

Und welches sind die nächsten kommenden Stars?

Das kann ich auch nicht mit Sicherheit sagen. Puts Marie aus Biel kennt noch kaum jemand, haben aber enormes Potenzial. Und einem James Gruntz gebe ich grosse internationale Chancen. Ebenso Pablo Nouvelle, Klaus Johann Grobe, Kadebostany und Oy. Und hoffentlich vielen anderen!

Springt Swiss Music Export ab und zu eigentlich auch auf einen Zug auf, der schon recht gut unterwegs ist? Beispielsweise bei der Bündner Band From Kid, die zurzeit vor allem von SRF3 kräftig gepusht wird?

Es kommt sogar recht häufig vor, dass wir auf einen fahrenden Zug aufspringen. Wir können dann vertiefen, was lokale Förderungen begonnen haben – ein Beispiel sind Künstler, welche der RFV Basel lokal und schweizweit unterstützt hat, und wo im internationalen Kontext dann wir von Swiss Music Export zum Zug kommen. Das von Ihnen erwähnte Beispiel From Kid: Die Band hat am Mama Event in Paris gespielt – ein Auftritt, den sie sich selber organisiert hatte. Wir haben die Band dann zusätzlich an unserem Showcase spielen lassen.

pdf Südostschweiz (31.03.2015)

pdf Südostschweiz (25.03.2015)

Berichte vom M4Music aus den Vorjahren:

pdf Südostschweiz (31.03.2014)

pdf Südostschweiz (25.03.2013)

pdf Südostschweiz (27.03.2012)

pdf Südostschweiz (07.03.2012)

pdf Südostschweiz (29.03.2011)

pdf Südostschweiz (29.03.2010)

Streaming kannibalisiert Downloads

Im Hoch: Schallplatten sind wieder vermehrt gefragt, der Musikmarkt insgesamt ist weiter rückläufig. (Bild Carsten Jünger/Pixelio)

Im Hoch: Schallplatten sind wieder vermehrt gefragt, der Musikmarkt insgesamt ist weiter rückläufig. (Bild Carsten Jünger/Pixelio)

 

Plattenfirmen verlieren weiter an Umsatz – auch, weil das Download- Geschäft erstmals wieder zurückgeht.

Von Hans Bärtsch

Von 312 Millionen Franken im Jahr 2000 auf noch 84,8 Millionen im vergangenen Jahr – der Tonträgermarkt in der Schweiz (und weltweit) schrumpft kontinuierlich. Zum Vorjahr (2013) wars ein weiteres Minus von acht Prozent. Immerhin: Der Rückgang hat sich leicht verlangsamt, wie den neusten Zahlen des Branchenverbandes Ifpi zu entnehmen ist, der 30 Plattenfirmen vertritt.

Minus auch bei Downloads

Interessant ist, dass die rückläufige Tendenz nicht nur auf die Kappe der physischen Tonträger geht, sondern auch vor den Downloads nicht halt gemacht hat. Das legale Herunterladen von Musik aus dem Internet war in den letzten Jahren zu einem der Hoffnungsträger der Branche geworden – und damit soll es jetzt bereits wieder vorbei sein? Es sieht so aus. Anstelle der Downloads tritt nämlich immer mehr das Streaming; es gibt auch immer mehr Anbieter in diesem Bereich, die bekanntesten sind Spotify und Deezer, Google und Apple stehen in den Startlöchern.

Streaming, beflügelt durch die flächendeckende Verbreitung von Smartphones, kommt in der Schweiz inzwischen auf einen Anteil von 14 Prozent am gesamten Musikmarkt. Unterm Strich hat das Plus beim Streaming (+87 Prozent) das Minus bei den Downloads (–21 Prozent) umsatzmässig nicht zu egalisieren vermögen. Anders ausgedrückt: Diese beide Formate kannibalisieren sich – wer Musik streamt, braucht den Download nicht mehr. Die Ifpi spricht in ihrer Mitteilung von einem «Strukturwandel» im «äusserst dynamischen Digitalgeschäft».

Viel Schweizer Musik

Rund 27 Prozent ihrer Umsätze erzielten die Schweizer Musiklabels im Übrigen mit nationalen Künstlern. Gölä, Bligg und Beatrice Egli schafften es in die Top Ten der Schweizer Album-Hitparade, in den Top 100 waren insgesamt 23 Alben von Schweizer Interpreten vertreten. In den Aufbau nationaler Künstlerinnen und Künstler investierten die Plattenfirmen 2014 rund sechs Millionen Franken. Für Ifpi-Präsident Ivo Sacchi – er ist auch Geschäftsführer von Universal Music – sind die Musiklabels eine «unentbehrliche Stütze der Schweizer Musikszene».

pdf Südostschweiz (25.02.2015)

Das Beste im 2014 (Musik, Theater und TV-Serien)

Musik

Kiasmos, «Kiasmos»

 

Wanda, «Amore»

 

Musée Mécanique, «From Shores Of Sleep»

 

Temples, «Sun Structures»

 

Toni Green, «Milk & Green»

 

Adrian Raso & Fanfare Ciocarlia, «Devil’s Tale»

 

Und dann noch (unter vielem weiterem): Colorama («Temari»), D’Angelo & The Vanguard («Black Messiah»), Damon Albarn («Everyday Robots»), Elbow («The Take Off And Landing Of Everything»), Fink («Hard Believer»), Geraint Watkins («Moustique»), Joe Henry («Invisible Hour»), John Southworth («Niagara»), Kasabian («48:13»), Lee Fields («Emma Jean»), Lee «Scratch» Perry («Back On The Controls»), Liam Finn («The Nihilist»), Lucinda Williams («Where The Spirit Meets The Bone»), Naomi Shelton & The Gospel Queens («Cold World»), Neneh Cherry («Blank Project»), Opeth («Pale Communion»), Perfume Genius («Too Bright»), Red Martina («Come On Home»), Roddy Frame («Seven Dials»), Sam Smith («In The Lonely Hour»), Scott Walker + Sunn O))) («Soused»), Sohn («Tremors»), The New Basement Tapes («Lost On The River»), Thom Yorke («Tomorrow’s Modern Boxes»)

 

Konzerte

Kiasmos (am Iceland Airwaves in Reykjavik)

Eels (am Montreux Jazz Festival)

Radio Oasaka (im Walcheturm in Zürich und im Cinema sil Plaz in Ilanz)

Mich Gerber feat. Al Comet (im Alten Kino in Mels)

The Daptone Super Soul Revue (am Montreux Jazz Festival)

Fink (am Poolbar-Festival in Feldkirch)

 

Theater

«Anne» (im Theater Amsterdam)

«Laina Viva» (zum Nationalpark-Jubiläum in Zernez)

Ingo Appelt (am Humorfestival in Arosa)

 

TV-Serien

True Detective

 

Gomorrah

 

Homeland (Season 4)

 

Fargo

 

Lilyhammer (Season 3)

 

Und dann noch (unter weiterem): Justified (Season 5), Sons Of Anarchy (Season 1-3), The Walking Dead (Season 5), Shameless (UK; Season 8-9), Game Of Thrones (Season 1-2), Sherlock

 

Arosa: Wo der Winter eingelacht wird

Hier wird gelacht: Das Zelt mitten im Skigebiet ist das Zentrum des Arosa Humorfestivals.

Hier wird gelacht: Das Zelt mitten im Skigebiet ist das Zentrum des Arosa Humorfestivals.

 

Kabarett- und Comedy-Vorstellungen in einem Zelt mitten im Skigebiet – auf eine solche Idee muss man erst mal kommen. Findige Köpfe aus Aroser Tourismuskreisen hatten sie. Das Humorfestival, mit dem im Bündner Skiort quasi der Winter eingelacht wird, geht diesen Dezember bereits ins 23. Jahr. Altgediente Künstler stehen auf dem Programm (wie Marco Rima), Zukunftshoffnungen (Starbugs), die Speerspitze der Bündner Komik (Claudio Zuccolini, Rolf Schmid), viele gute Comedians aus Deutschland (Ingo Appelt, Jochen Malmsheimer, Eckart von Hirschhausen). Und der wohl beste Seminarkabarettist deutscher Zunge: Bernhard Ludwig aus Wien. Infos unter http://www.humorfestival.ch

Hier einige Beispiele mit Humorfestival-Berichten aus meiner Feder in der «Südostschweiz».

pdf Südostschweiz (08.12.2014)

pdf Südostschweiz (12.12.2010)

pdf Südostschweiz (07.12.2010)

pdf Südostschweiz (09.12.2009)

pdf Südostschweiz (17.12.2007)

pdf Südostschweiz (16.12.2007)

Island: Kleines Land, grossartige Musikszene

Island hat, gemessen an der Bevölkerungszahl, eine äusserst reichhaltige Musikszene. Das zeigte sich einmal mehr am diesjährigen Talentfestival Iceland Airwaves in Reykjavík.

Von Hans Bärtsch (Text und Bilder)

Reykjavík. – Ein Name überstrahlt sie nach wie vor alle, gilt gleichzeitig als Initialzündung für den erfolggekrönten Musikexport der letzten Jahre, vor allem aber auch für innovatives, im besten Sinne eigensinniges Popmusikschaffen: Björk. Die heute 49-Jährige hat Ende der Neunzigerjahre mit der Band Sugarcubes und danach solo weltweit Aufmerksamkeit erregt – Aufmerksamkeit auch auf den Inselstaat im hohen Norden, woher sie stammt.

Konzertort für Rebekka Sif: das Schaufenster des Kleiderladens Cintamani

Konzertort für Rebekka Sif: das Schaufenster des Kleiderladens Cintamani

 

Island, flächenmässig rund zwei­einhalbmal grösser als die Schweiz, aber lediglich von knapp 330 000 Menschen bewohnt, ist ein kreatives Pflaster, wie sich bei der 15. Auflage des Talentfestivals Iceland Airwaves Anfang November eindrücklich bestätigte. Hunderte von Einzelkünstlern und Gruppen präsentierten sich im offiziellen Programm. Noch reichhaltiger waren die gratis zugänglichen Off-Venue-Konzerte an allen mög­lichen und unmöglichen Orten in Reykjavík – in Kaffees, Bars und Hotels, in Bibliotheken und Galerien, in Schaufenstern und Jugendherbergen, in Plattenläden und Kinos, in einem Heilsarmee-Lokal und dem EU-Informationscenter. Kurz: Das Iceland Airwaves bescherte der isländischen Hauptstadt einmal mehr den musikalischen Ausnahmezustand.

Originell in allen Belangen

Der Schreibende schaffte während des fünftägigen Festivals 35 in der Regel halbstündige Konzerte, rund zwei Drittel davon einheimische Acts, der Rest aufstrebende Bands aus diversen europäischen Ländern und den USA. Björk war beim einen oder andern Talent das unüberhörbare Vorbild, auch im Bereich Elektro und Hardrock tönte einiges sattsam bekannt. Das Rad wird also auch in Island nicht alle Tage neu erfunden. Umso grösser die Freude, die andere, frisch von der Leber weg musizierende Künstlerinnen und Künstler be­reiteten. Originell bezüglich eigenständigem Songwriting und Präsen­tation.

Auftritt in intimem Rahmen:  In der Bar «Bravó» gibt Snorri Helgason eigene Lieder und Covers zum Besten.

Auftritt in intimem Rahmen: In der Bar «Bravó» gibt Snorri Helgason eigene Lieder und Covers zum Besten.

 

In einem neuen Dokumentarfilm über die isländische Musikszene, der am Airwaves uraufgeführt wurde, werden die Erfolgsgeheimnisse praktisch unisono benannt. Eines davon sei – wortwörtlich – in der Natur des Landes zu suchen: Wer auf dem dünn besiedelten Land aufwachse, habe in jungen Jahren oft nicht viel anderes zu tun, als allein oder mit Gleichgesinnten zu musizieren. Positiv wirke sich diesbezüglich die schulische Bildung im Bereich Musik aus. Vor allem aber, so geht aus der vom Online-Kulturmagazin «405» realisierten Doku «Tónlist» hervor, würden die Vertreter der Szene sich untereinander nicht konkurrenzieren, sondern miteinander kooperieren. Und das führe des Öftern zu überraschenden, sich gegenseitig bereichernden Konstellationen.

Das Beste aus zwei Welten

Eine dieser Genre-übergreifenden Zusammenarbeiten ist jene von Ólafur Arnalds und Janus Rasmussen. Ersterer kommt vom Punk her und verbindet heute global erfolgreich Klassik mit Elektroklängen, basierend auf einem präparierten Piano. Letzterer ist Mitglied der Bloodgroup, die sich verschrobenen Discobeats verschrieben hat. Gemeinsam haben sie unter dem Namen Kiasmos eine CD aufgenommen, die das Beste dieser zwei musikalischen Welten vereinigt und die Weite des Landes zu atmen scheint. Es pocht und blubbert in bester Elektropop-Manier, mit Streichern werden melancholische Songteppiche gelegt, das Klavier zeichnet behutsam Melodielinien. Die atmosphärische Musik von Kiasmos eignet sich zum Hören in der guten Stube, aber auch zum Abtanzen, wie ein mitreissendes DJ-Set von Ólafur/Rasmussen mit speziellen Mixes des acht Songs starken Debütalbums zeigte.

Spontan Plattenvertrag offeriert

Ein anderer, selbst in Island noch weitgehend unbekannter Name ist Mafama. Das Quartett bezeichnet die Einflüsse als «mit allem, was zwischen Disco und Metal liegt». Rasiermesserscharfe Gitarrenklänge, elektronische Beats und ein charismatischer Sänger ergeben ein laut-wild-intensives Gemisch, das an die besten Rave-Zeiten «Madchesters» erinnert, an Bands wie Primal Scream, Stone Roses, Inspiral Carpets, Charlatans. Bei ihrem Auftritt in einem Plattenladen wurde den Mafama-Mitgliedern von einem begeisterten Talentspäher jedenfalls spontan ein Plattenvertrag offeriert. Ob inszeniert oder echt – auf das nächsten Sommer angekündigte erste Album darf man schon jetzt gespannt sein.

Rock, der groovt: Mafama bei ihrem Auftritt im Plattenladen Lucky Records.

Rock, der groovt: Mafama bei ihrem Auftritt im Plattenladen Lucky Records.

 

«Welcome to the quiet hour», wurden die Besucher im kleinsten Saal des Konzerthauses Harpa beim Auftritt von My Bubba begrüsst. Und in der Tat – es war das Gegenteil der vorgängig beschriebenen Mafama. So leise und reduziert, dass man sich ob der berühmten Stecknadel, so sie denn zu Boden gefallen wäre, gehörig erschrocken hätte. Gleichwohl ist die (Folk-) Musik der Schwedin My und der Isländerin Bubba von unglaublicher Intensität, durch die sich umschmeichelnden Stimmen der beiden, dann aber auch durch die originelle Begleitung durch Stehbass, einen Schlagwerker und einen Gitarristen, die ihre Instrumente mehr streicheln als spielen.

Leise, aber umso intensiver: My Bubba spielen in einem der Harpa-Säle.

Leise, aber umso intensiver: My Bubba spielen in einem der Harpa-Säle.

 

Nochmals von ganz anderem Charakter ist das international etablierte Sextett Árstídír. Stimmen, die in ihrer Klarheit für Gänsehaut sorgen, kammermusikalisch so raffiniert wie fein umrahmt, sorgen sie für die grossen Emotionen, wenngleich manchmal in gefährlicher Nähe zum Kitsch. Ebenfalls einer der Grossen ist Jóhann Jóhannsson. Dem Komponisten kam die Ehre zu, mit dem Iceland Symphony Orchestra die grosse Harpa-Konzerthalle zu bespielen – einer der weltbesten Konzertsäle überhaupt. Das Werk, das zum Besten gegeben wurde, war «The Miners’ Hymns» – die Musik zu historischen Filmaufnahmen, die über eine Zeitspanne von 100 Jahren den Niedergang einer englischen Kohleminen-Region dokumentieren.

Alles, was Rang und Namen hat

Ansonsten war am diesjährigen Iceland Airwaves alles mit von der Partie, was in der heimischen Szene Rang und Namen hat: FM Belfast, Agent Fresco, Sin Fang, Samaris, Mammút, Retro Stefson, Ólöf Arnalds, Ásgeir, Leaves, Sóley, Low Roar, Pétur Ben, Lay LowSnorri Hel­gason. Ausgerechnet Kaleo, eine der hoffnungsvollsten Indie-Poprock-Gruppen, was eine internationale Karriere anbelangt, mussten krankheitshalber absagen. Das Quartett dürfte seinen Weg trotzdem machen.

Ach ja, eingangs erwähnte Björk war, wie praktisch jedes Jahr, ebenfalls am Festival. Allerdings nicht auf der Bühne, sondern in den Zuschauerrängen. Und augenscheinlich schien ihr vieles zu gefallen, was sie hörte.

 

KASTEN

Diesmal ohne Schweizer

Am Iceland Airwaves war in den letzten Jahren immer auch die eine oder andere Schweizer Band im Programm: OY beispielsweise, Boy oder Sophie Hunger. Heuer fand das Festival ohne Schweizer Beteiligung statt. Aus dem internationalen Programm stach der allerletzte Auftritt des schwedischen Elektropop-Duos The Knife heraus – das Konzert wurde zum vor allem auch visuell rauschenden Fest. Grossartig auch der Auftritt der Frauen-Rock’n’Roll-Band La Luz aus Seattle (USA).

Den krönenden Abschluss des Festivals machte die US-Band Flaming Lips mit einem fantastischen Bühnenbild, psychedelischen Lichtspielereien, Konfettiregen, Luftballons und einem Programm quer durchs ganze Schaffen – zum Glück mit nur einem Abstecher in Richtung des eben erschienenen, verunglückten Beatles-Coveralbums «With A Little Help From My Fwends». (hb)

Girlie-Rock'n'Roll: La Luz treten an einem der beliebtesten Off-Venue-Lokalitäten auf, dem KEX Hostel.

Girlie-Rock’n’Roll: La Luz treten an einem der beliebtesten Off-Venue-Lokalitäten auf, dem KEX Hostel.

 

pdf Südostschweiz (18.11.2014)

Sieben Geier und eine wilde Wally

Konzertkritik von Hans Bärtsch

Erika Stucky und Da Blechhauf'n (Foto: Nici Jost)

Erika Stucky und Da Blechhauf’n
(Bild Nici Jost)

 

Ausgerechnet, als er zu einem Solo eingeladen ist, ist er mucksmäuschenstill, der Zürichsee. Auch prasselt gerade kein Regen nieder. Nur der kühle Wind schlägt Blachen gegen Bühnengestänge. Trotz verpatztem Einsatz – es ist einer der magischen Momente auf der Seebühne des Theater Spektakels, wo die Amerika-Schweizerin Erika Stucky ihr neues Programm zur Uraufführung bringt. Zur Magie tragen ausgerechnet die widrigen äusseren Bedingungen bei – sie lassen Stucky und ihre Begleiter zusammenrücken und umso intensiver abheben in höchste musikalische Gefilde.

«Wally und die sieben Geier» heisst das Programm. Und mit den sieben Geiern ist das Septett Da Blechhauf’n gemeint. Eine Blechblasformation aus dem Burgenland in Österreich, die musikalisch vor gar nichts haltmacht. Die klassisch kann, volkstümlich, jazzig, funky, rockig. Wally (Stucky) ist dabei die Chef-Geierin, die bekannt begnadete Performerin aus dem Wallis mit ausgiebigem Hang zum Schrägen. Insofern haben sich da zwei getroffen, die allerbestens zusammenpassen. Zwei, die Genres durch­einanderwirbeln, dass einem als Zuhörer schier schwindlig wird.

Die Basis des Ganzen sind alpenländische Geschichten und Melodien. Aber nicht nur, und nicht lange. Psychedelisches (Pink Floyd) erklingt plötzlich, West­coast-Klänge (America), eine flotte Rock’n’Roll-Nummer von The Knack. Schliesslich, gleichsam der Höhepunkt des Abends, eine Version von «I Put A Spell On You», die fast an die Wildheit ihres Schöpfers, des US-Bluessängers Screamin’ Jay Hawkins, herankommt. Sicher aber x andere Interpretationen dieser Nummer in den Schatten stellt. Nach der zweiten Zugabe sind die Blechhauf’n-Mitglieder am Boden, wortwörtlich. Nur noch Sängerin Stucky und ihr Mini-Akkordeon geben die letzten Töne von sich. Es ist der Abschluss eines musi­kalisch – im positivsten Sinn – durchgeknallten Abends.

http://www.erikastucky.ch
http://www.blechhaufn.at

pdf Südostschweiz (20.08.2014)