Folk mit einem wohltuenden Knacks

Die stilbildende Folkpop-Band Fleet Foxes hat dem Montreux Jazz Festival einen Konzertabend der Sonderklasse beschert. Auch, weil die Amerikaner mit ihrem jüngst erschienenen dritten Album noch komplexer geworden sind.

Von Hans Bärtsch

Die Gründe, weshalb die Formation um Sänger/Gitarrist Robin Pecknold auf ihrem dritten Album «Crack-Up» nicht komplett anders, aber doch erneuert klingt, wurden kürzlich an dieser Stelle ausgeführt (Ausgabe vom 17. Juni). Der Frontmann hatte nach den beiden ersten Alben, die die Fleet Foxes zur Speerspitze der Americana-Bewegung und Barttragen plus Holzfällerhemden für junge Menschen zu einem modischen Muss machten, dringend eine Auszeit benötigt. Pecknold nutzte diese für ein Literatur-, Kunst- und Musikstudium in New York.

Wie aus einem Guss

Wie würden sich die suitenartigeren, komplexeren, manchmal bewusst gebrochenen, sperrigeren Songs von «Crack-Up» ins Live-Repertoire der Fleet Foxes einfügen? Um es vorwegzunehmen: Problemlos, hervorragend gar! Mutig stellt das Sextett, das diese Woche am Montreux Jazz Festival gastierte, just die neuen Werke ins Zentrum und platziert dazwischen ältere Lieder. Früh im Lauf ihres gut zweistündigen Konzerts bereits Ohrwürmer wie «Ragged Wood» oder «Your Protector». Und das alles kommt daher wie aus einem Guss. Es ist ein hochkonzentrierter, aber doch auch lustvoller Auftritt. Der Harmoniegesang bleibt weiterhin das Markenzeichen der Band, wird aber nicht überstrapaziert. Phasenweise sind es vier Gitarren, die einen Song modellieren. Es ist diese Mischung aus perfekten Harmonien und Melodien – ja, da stehen Bands wie die Beach Boys, The Byrds oder Crosby, Stills, Nash & Young eindeutig Pate – und rhythmischen Raffinessen, welche die Band so einzigartig macht.

Die etwas naive Lagerfeuerromantik der Frühphase ist definitiv vorbei. Oder, wie es der «Tages-Anzeiger» formuliert hat: «Der Bart ist ab». Die «neuen» Fleet Foxes haben sich gewissermassen von sich selbst emanzipiert, und ihren unzähligen Nachfolgern/Nachahmern gleichzeitig ein Schnippchen geschlagen – gerade auch unsäglichen Zeitgenossen wie den Lumineers. Inhaltlich ist eine neue Ernsthaftigkeit dazugekommen, bei der noch nicht klar ist, wohin sie noch führen wird. Jedenfalls sind die Fleet Foxes eine der spannendsten Bands dieser Tage. Hoffentlich bleiben sie uns noch länger erhalten.

Gut geschnürtes Paket

Dass der Dienstagabend im Lab-Saal zu einem rundum beglückenden Erlebnis wurde, hatte auch mit den beiden Acts davor zu tun. Der New Yorker Singer/Songwriter Hamilton Leithauser – Frontmann der Indie-Rock-Gruppe The Walkmen – nimmt mit einer Stimme gefangen, die zwischen inbrünstigem Falsett und rockendem Knurren alles draufhat. Was natürlich alles nichts nützt, wenn gute Songs fehlen. Diesbezüglich ist bei Leithauser das Gegenteil der Fall. «A 1000 Times» etwa ist eine Hymne vor dem Herrn.

In Montreux liegen das Gute und das noch Bessere so nah.

Kevin Morby wiederum war einst Mitglied bei der noch immer unterschätzten Indie-Folk-Truppe Woods. Auf Solopfaden wandelt er seit rund vier Jahren. Und wirft dabei eine wandlungsfähige Stimme in die Waagschale und ein Händchen für knackige Kompositionen, die süssliche Folkmelodien umfassen wie härter rockende Stücke. Allen ist gemeinsam, dass sie ins Ohr gehen wie ein Messer durch Butter. Wie bei den andern Akteuren dieses famosen Abends pendelt auch er mit seinen Liedtexten zwischen persönlichen Geschichten und politischen Statements. Es mag abgegriffen klingen: Aber unsere heutigen Zeiten haben solche Künstler dringend nötig.

Pures Vergnügen

Um nichts als das pure Vergnügen geht es tags darauf im grossen Saal, dem Auditorium Stravinski. Trombone Shorty & Orleans Avenue sind eine Groove-Maschine, die kaum einmal Raum zum Durchatmen lassen. Die explosive Mischung aus Funk, Soul und Hip-Hop mag auf dem aktuellen Album «Parking Lot Symphony» etwas gar stark auf Massengeschmack getrimmt sein, live gibt es gar nichts auszusetzen. Die noch immer mehrheitlich aus Jugendfreunden zusammengesetzte sechsköpfige Band, darunter drei Bläser, hält das New-Orleans-Erbe hoch, bringt es dank neuen Elementen (Hip-Hop) aber auch einen gehörigen Schritt voran.

Die grossen Stars des Abends sind dann The Roots, die am Dienstag bereits die krankheitshalber ausgefallene Emeli Sandé mit einer kraftvollen Show ersetzten. Diesmal begleiten sie R&B-Star Usher und bleiben gleichzeitig die eigenständige, auf allerhöchstem Niveau agierende Black-Music-Truppe. Weil das zwischendurch doch etwas gar zu geschliffen daherkommt, wechselt der Schreibende in den Park vor dem Stravinski, wo Gratiskonzerte auf dem Programm stehen. Und bleibt bei The Urban Voodoo Machine hängen. Einer sehr theatralischen, bewusst auf unperfekt gemachten britischen Gypsy-Rock’n’Roll-Fuhre. Auch das ist Montreux – das Gute und das noch Bessere liegen hier so nah. Das Festival am Genfersee dauert noch bis zum 15. Juli.

http://www.montreuxjazzfestival.com

2017-07-07_Suedostschweiz_Graubuenden_Seite_19

Blockchain – der neue Hoffnungsschimmer für die Musikbranche

20 Jahre M4Music: Das Branchen-Musikfestival ist erwachsen und etwas langweilig geworden – aber es hat sich auch unverzichtbar gemacht mit wichtigen Diskussionen. Im Jubiläumsjahr etwa zum Thema Blockchain.

von Hans Bärtsch

Tagsüber wird über Popmusik gelabert, nachts wird sie gespielt und ihr zugehört. Das ist das Prinzip des vom Migros-Kulturprozent M4Music getragenen Festivals. Bei jenen, die spielen, handelt es sich um Nachwuchskünstler mit Hauptfokus auf dem heimischen Schaffen. Bei jenen, die zuhören, zum wichtigen Teil um Profis aus der Musik- und anverwandten Kreativbranchen. Kurz: Das M4Music ist der Treffpunkt der Schweizer Szene, auch im 20. Jahr seines Bestehens. Da der erste Festivaltag jeweils in Lausanne stattfindet (und die folgenden beiden in Zürich), funktioniert auch der sprachregional übergreifende Austausch bestens.

Blockchain: Mehr als ein Hype?

Was weniger gut funktioniert, ist die Rettung des Business – das Dauerthema des Festivals, seit das Internet und damit verbunden die Gratiskultur fast irreversiblen Schaden angerichtet hat (die Verlagshäuser können ja ebenfalls ein Liedchen davon singen). Natürlich war Streaming auch dieses Jahr wieder ein Thema. Dass für Musiker damit kaum ein Butterbrot zu verdienen ist, ist inzwischen ja hinlänglich bekannt. Dass es anders gehen könnte – mit Betonung auf könnte –, zeigte eine Gesprächsrunde zum Thema Blockchain auf.

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Interessante Diskussion am M4Music zum Thema Blockchain, erläutert von Hannes Grassegger (zweiter von rechts). (Bild Hans Bärtsch)

Hannes Grassegger, ehemaliger «Südostschweiz»-Redaktor und jetziger Reporter für «Das Magazin» und «Reportagen», zeigte vom ökonomischen Standpunkt her auf, was die Chancen und Risiken dieser neuen Technologie sind. Die Ausgangslage: Durch das Internet ist die Selbstkontrolle der Rechteinhaber über ihr geistiges Eigentum verloren gegangen. Mit Blockchain, quasi der Mutter der Digitalwährung Bitcoin, bietet sich die Chance, die Kontrolle wieder zurückzuerlangen. Grassegger erklärte Blockchain mit einer «grossen Excel-Tabelle» beziehungsweise einem «offenen Kassa-/Kontobuch», wo alles notiert ist und worüber alle Transaktionen laufen – ohne Umwege zwischen dem Hersteller eines künstlerischen Werks und dem Konsumenten.

Direkter Transfer zwischen Künstler und Konsument

Simon Emanuel Schmid, Co-Gründer der Booking-Organisationsplattform Optune.me, sagte es mit einer Zahl: Beim Download eines Musiktitels beispielsweise bei iTunes zum Preis von 1.50 Franken gehen 60 Rappen an die Kreditkartenfirma. Es sind letztlich Brosamen, die direkt beim Künstler landen. Und genau hier setzt Blockchain an. Die Technologie ermöglicht den direkten Transfer zwischen Künstler und Konsument; Zwischenhändler sind ausgeschaltet. Der Zürcher Musiker Ephrem Lüchinger ist begeistert davon, «weil es die ganze Verwertungskette umkehrt». Höre ein Fan in Japan seine Musik, erhalte er das Geld dafür innert Minuten. Der Weg über die Rechteverwertungsgesellschaft Suisa dauere zweieinhalb Jahre und sei viel weniger lukrativ.

Blockchain ermöglicht den direkten Transfer zwischen Künstler und Konsument

Blockchain, in dessen Entwicklung die grössten Banken weltweit seit einigen Jahren Milliarden stecken, könnte also gerade im Musikbereich die Lösung für eine faire Entschädigungspraxis sein. Ein Knackpunkt ist die Nutzerakzeptanz. Bereits heute könn(t)en Zahlungen blitzschnell, fälschungssicher und ohne gebührenfressende Umwege (Kreditkarten) vorgenommen werden – bloss macht es noch fast niemand. Blockchain: Mehr als ein Hype? Wie vieles, was am M4Music diskutiert wird, muss man diese Fragen und die erst wenigen Antworten darauf in eine paar Jahren erneut auf den Prüfstand stellen.

Einer, der «gegen unten tritt»

Hochaktuell war ein Panel zum Thema Pop und Politik in der Gegenwart. Bewegt die «Trumpisierung», die seit geraumer Zeit stattfindet, auch die Schweizer Musikschaffenden? Zum Hauptthema wurde einer, der gar nicht auf dem Podium sass, nämlich Büezer-Rocker Gölä. Einer, der «gegen unten tritt», wie es der in Chur geborene Journalist, Buchautor und Musiker Daniel Ryser ausdrückte. Aber auch jene Künstler, die «gegen oben» austeilen, wurden kritisch hinterfragt, eine Madonna, eine Beyoncé, ein Kendrick Lamar. Soll Kunst überhaupt direkt reagieren auf gesellschaftliche, politische Vorgänge, wurde als Frage in den Raum gestellt.

Der junge Schweizer Rapper Nemo meinte: «Richtig machen kann man es nicht – man muss es nur machen.» Übersetzt: Ob man seine Fanbasis mit politischen Statements vergrault, ist durchaus möglich, aber nichts sagen ist keine Option. Ob der Legitimität von Heile-Welt-Musikern wie Trauffer oder Bligg wurde die Diskussion richtiggehend giftig. Auch ein Zeichen der Orientierungslosigkeit in unserer heutigen Welt.

Mario Batkovic als einsamer Höhepunkt

Nach der Theorie die Praxis. Ob Zufall oder nicht, standen am vergangenen Wochenende im Rahmen des M4Music gleich mehrere Schweizer Bands mit neuen Alben auf den diversen Bühnen im und um den Schiffbau in Zürich: Panda Lux, Baba Shrimps, Damian Lynn, Jeans for Jesus, die Bündner Band Ursina. Und weitere hoffnungsvolle Newcomer wie der Rheintaler Achtzigerjahre-Verehrer Crimer und der bereits erwähnte 17-jährige Bieler Nemo. Am handwerklichen Können fehlt es nirgends, dafür am einen oder andern Ort an Originalität. Der einsame Höhepunkt war der Auftritt des Berner Akkordeonisten Mario Batkovic im «Moods». Was das ehemalige Kummerbuben-Mitglied mit seinem Instrument anstellt, ist schlicht atemberaubend – und hat Potenzial für eine internationale Karriere, wie sie in seinem Fall gerade startet. Ebenfalls betörend der Auftritt von Baze – sehr sec, aber trotzdem mit viel Flow. Und mit einem Wutausfall vertrieb der Berner Rapper die ganze erste Reihe aus dem «Moods»; die Schnorris hatten es auch verdient.

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Junger Rapper: Nemo (17) zeigt am M4Music, was der Schweizer Nachwuchs draufhat. (Pressebild)

Die Schweizer Künstler fegten jedenfalls etliche internationale Grössen geradezu weg mit ihren energiegeladenen Shows. Der Auftritt der Filigran-Folkrocker The Shins aus den USA jedenfalls war soundtechnisch eine Katastrophe. Und Frank Turner mit seiner gepressten Stimme und dem fantasiearmen Gitarrengeschrummel schlicht zum Davonlaufen. Richtung den britischen Hip-Hop-Künstler Loyle Carner beispielsweise – wer eine Show mit einem Sample aus dem Musical «Hair» eröffnet, hat schon mal gewonnen. Das Gute liegt beim M4Music oft so nah.

BOX

6500 Besucher

Die Jubiläumsausgabe des M4Music-Festivals verzeichnete 6500 Besucher. Den mit 5000 Franken dotierten «Demo of the Year»-Preis gewannen Meimuna aus Choëx. Die Band erhielt ausserdem die an den Fondation-Suisa-Award gekoppelten 3000 Franken in der Kategorie Pop. In den anderen Kategorien wurden Verveine aus Vevey (Electronic), Dirty Sound Magnet aus Freiburg (Rock) und Zola aus Basel (Urban) geehrt. Aus der Südostschweiz war die Teilnahme an der diesjährigen Demotape Clinic recht bescheiden, dies im Gegensatz zu früheren Jahren. (hb)

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Das Beste 2016 – TV-SERIEN

Unter uns gesagt: Ich habe 50 TV-Serien geschafft 2016. Lange nicht jede hat eine Höchstnote verdient, aber doch erstaunlich viele. Die Qualität bezüglich Serien ist nach wie vor unglaublich hoch, obwohl kritische Stimme schon länger vor einem Overkill warnen. Bei dem, was 2017 auf uns zukommt (u.a. «Twin Peaks»), wage ich zu behaupten, der Höhenflug in Sachen TV-Serien wird weiter anhalten. Hier meine Top Ten.

Quarry (Staffel 1)
Vietnam-Veteran muss auch zuhause killen, um zu überleben; Qualitätsniveau «True Detective», fantastischer 70ies-Style, tolle Schauspieler; über ein leichtes Spannungsgefälle von Folge zu Folge lässt sich locker hinwegsehen.

Gomorrah (Staffel 2)
Perfektes Erzähltempo; nicht das Reisserische steht im Zentrum, sondern die subtile Figurenzeichnung. Gleichwohl: Ein happiges Stück italienischer – und internationaler – Mafia-Realität, von dem wir Normalsterbliche keinen blassen Schimmer haben.

American Crime (Staffel 2)
Mitten aus dem Leben gegriffen – und am Ende sind in diesem Missbrauchsfall an einer US-Highschool alle nur Verlierer. Das Interessante an dieser Serie: Die teils gleichen, fantastischen Schauspieler wie in Staffel 1 haben hier komplett andere Rollen inne.

The Bridge (Staffel 3)
Einfach nur stark, mit einer sagenhaften Saga Norén im Zentrum der düsteren Geschehnisse, die an der Grenze zwischen Dänemark und Schweden spielen. Bezeichnenderweise den beiden Hauptländern, was Nordic-Noir-Krimis anbelangt.

Trapped (Staffel 1)
Sehr stimmiger und unheimlicher Island-Thriller. Logisch, dass zur Aufklärung des grauenhaften Verbrechens ein schwerer Sturm tobt. Diesem kommt immer mehr die Hauptrolle zu in dieser erstklassig besetzten Serie. Staffel 2 startet 2018!

Billions (Staffel 1)
Die Finanzwelt wird nicht das erste Mal filmisch thematisiert – das System dahinter wird auch mit dieser Serie nicht wirklich greifbar, aber den Kontrahenten, Gut vs. Böse, schaut man extrem gerne zu. Zumal die Rollenverteilung so eindeutig auch hier nicht ist.

Black Mirror (Staffel 3)
Beängstigende, teils bitterböse Zukunftsszenarien, die gar nicht so weit in der Zukunft liegen. Etwas gewöhnungsbedürftig: Die einzelnen Episoden habe nichts miteinander zu tun. Und: Mit der Übernahme der Serie durch Netflix wurde «Black Mirror» leicht amerikanifiziert – zum Glück ohne Folgen für die Qualität der Serie.

Horace And Pete (Staffel 1)
Eigentlich keine richtige TV-Serie, da (aus finanziellen Gründen) nur online erschienen. Aber was für ein Vergnügen, Louie C.K. Steve Buscemi und anderen Spitzenschauspielern beim Reden in einer Bar zuzusehen. Ja, richtig – mehr ist da nicht. Aber mehr brauchts auch nicht für ein hochintelligentes, bitterböses Vergnügen.

Preacher (Staffel 1)
Quasi der leichteste Stoff in meiner Top Ten. Die Story: Ein Priester, der ein Vampir ist; grossartiger Blödsinn, aber fantasievoll-fantastisch erzählt. Füllt für mich irgendwie die Lücke, welche die Prügel-Serie «Banshee» hinterlassen hat.

The Night Of (Staffel 1)
Grandiose einzelne Folgen, aber als Ganzes fast zu hastig erzählt, v.a. der Wandel des vermeintlichen Mörders vom naiven Unschuldslamm zum harten Boy in U-Haft geschieht zu abrupt. Trotzdem: Allein Folge 1 (und John Turturro als Anwalt) sind die Serie wert.

Diese Serien haben mir ebenfalls sehr gut gefallen: Narcos (Staffel 2), The Young Pope (Staffel 1), Love (Staffel 1), Bedrag/Follow The Money (Staffel 1), Better Call Saul (Staffel 2), The Fall (Staffel 3), Marcella (Staffel 1), Happy Valley (Staffeln 1 und 2), Station Horizon (Staffel 1), Banshee (Staffel 4), Bloodline (Staffel 2), Marseille (Staffel 1), Les Revenants/The Returned (Staffel 2), Peaky Blinders (Staffel 3), River (Staffel 1), Master Of None (Staffel 1).
Und, last but not least: Die ORF-Landkrimis werden immer skurriler; bestes Beispiel dafür ist die eben erst ausgestrahlt Folge «Höhenstrasse». Vor allem der Vierteiler «Pregau – Kein Weg zurück» mit seinen «Fargo»-Elementen hat es mir angetan.

Das Beste 2016 – TONTRÄGER

2016: Ein Jahrgang, der es in sich hatte. Reden wir nicht von Politik, sondern von Kunst und Kultur. Musikalisch äusserst ergiebig, wenn man seine Ohren in alle Richtungen offen hat(te) – was ja in Zeiten des Internets nicht so schwierig ist. Hier meine Top Ten mit einer klaren Nummer 1.

MARLON WILLIAMS – «Marlon Williams»
Ein Album, das für mich seit seinem Erscheinen vor knapp einem Jahr den Tag beschliesst. Jeden Tag. Keine andere Musik habe ich also öfters gehört 2016. Warum, kann ich allerdings bis heute nicht richtig in Worte fassen. Sicher ist es die unglaubliche Stimme des 26-jährigen Neuseeländers, die melodieseligen Lieder, die in starkem Kontrast stehen zu den dunklen Inhalten. Es ist, wie wenn sich Chris Isaak mal wieder am Riemen gerissen hätte für einen durchgehend guten Longplayer, oder Rufus Wainwright sich stilistisch nicht in alle Himmelsrichtungen verzetteln würde. Williams‘ Musik bewegt sich im weiten Americana-Feld, bedient sich des Sixties-Folk, spielt mit Bluegrass, Country, Rock’n’Roll. Ist aber vor allem eines: einfach unglaublich schön.

DAVID BOWIE – «Blackstar»
Die Konsensplatte des Jahres, die in keiner Bestenliste fehlt. Auch der traurige Umstand, dass deren Erschaffer nur zwei Tage nach dem Erscheinungstermin verstarb, schmälert die Qualität in keiner Weise. Verwandlungskünstler David Bowie hat sich mit «Blackstar» nochmals neu erfunden. Sich mit einer Jazzband zusammengetan, um einen düsteren, sperrigen Klangkosmos zu kreieren. Ein letzter Höhepunkt in der Karriere dieses Jahrhundertmusikers.

QUANTIC PRESENTA FLOWERING INFERNO – «1000 Watts»
Viele könnens ja nicht so mit Dub – zu eintönig, langweilig. Sage das einer von diesem Album! Der Engländer Will Holland, der hinter dem Namen Quantic steckt, hat mit Hilfe von Reggae-Koryphäen wie dem Bob-Marley-Schlagzeuger Carlton «Santa» Davis oder Sängerin Hollie Cook eine unglaublich groovende, abwechslungsreiche Scheibe aufgenommen. Das rührt vor allem daher, dass Holland ein stilistischer Grenzgänger ist, der sich unter anderem auch in allen möglichen Latino-Spielarten auskennt. «1000 Watts» ist der dritte Teil des Projekts «Flowering Inferno», das dem Dub eine kräftige Blutauffrischung beschert.

ORKESTA MENDOZA – «¡Vamos A Guarachar!»
Um beim Thema Grenzgänger zu bleiben – auch Sergio Mendoza ist ein solcher. Er hat mexikanische Spielarten wie Cumbia mit der Muttermilch aufgesogen. Und sich dann irgendwann in den USA mit dem Rock’n’Roll angefreundet. Das Resultat ist etwas vom Heissesten, was derzeit aus jener musikalischen Weltecke ertönt. Mitglieder von Calexico haben Hand angelegt bei diesem Album. «¡Vamos A Guarachar!» enthält schmalztriefende Balladen und pulsierende Hymnen. Musik, die Freude bereit, nicht mehr, und nicht weniger. Sehr grosse Freude.

MOP MOP – «Lunar Love»
Jede Musik hat ihre Wirkung. Was auf diesem Album ertönt, hat etwas zutiefst Meditatives, auch wenn es mal funky-jazzig abgeht. Der Italiener Andrea Benini, der hinter dem Projekt Mop Mop steckt, hat ein fantastisches Händchen für entspannte, aber immer spannende Downtempo-Stimmungen. Für Musik mit Wirkung eben.

CHILDISH GAMBINO – «Awaken, My Love!»
Es gibt wegweisende Alben, die kurz vor Jahresende veröffentlicht werden, und deshalb durch alle Jahresbestenlisten rasseln. Dies hier ist so eines. Donald Glover, der Kopf hinter Childish Gambino, ist ein künstlerischer Tausendsassa: Schauspieler, Comedian, Drehbuchautor, Regisseur, Rap-Musiker (Quelle: Wikipedia). Wie D’Angelo geht Glover mit dem Projekt Childish Gambino als Neuerer in Sachen Black Music durch. Bereits die Eröffnungsnummer «Me And Your Mama» ist ein Song von übergrosser Strahlkraft.

CHRIS ROBINSON BROTHERHOOD – «Anyway You Love, We Know How You Feel»
Während mich Ryley Walker mit seinem Zweitling nicht mehr zu überzeugen vermochte, sprang Chris Robinson Brotherhood in die sich auftuende Lücke des psychedelisch angehauchten Sixties-Rock. Wobei: Retro ist da gar nichts. Vielmehr ist «Anyway You Love…» ein unglaublich entspanntes, zeitloses Stück Musik mit richtigen Rockgitarren und Harmoniegesängen à la Crosby, Stills, Nash & Young. Ach ja: Chris Robinson Brotherhood ist eigentlich nichts anderes als ein neuer Name für Black Crowes. Erinnert sich jemand? Ach ja zum Zweiten: Wems gefällt, der lasse sich auch die nachgeschobene EP «If You Lived Here, You Would Be Home By Now» nicht entgehen.

RADIOHEAD – «A Moon Shaped Pool»
Zerrissen, ekstatisch, wie ein Feuerwerk, das im- statt explodiert. Irgendwie hatte die neue Radiohead-Scheibe nach Erscheinen nur eine kurze Halbwertszeit auf meiner Playlist. Beim Wiederhören zum Jahresende zeigt sich jedoch – das ist eines der besten Alben überhaupt dieser britischen Überrocker.

JAMES – «Girl At The End Of The World»
Um auf der Insel zu bleiben: Die Band James ist eines der letzten Überbleibsel der Madchester-Szene. Eine Institution. Und nach wie vor in alter Frische unterwegs, gerade auch, was ihre Liveauftritte anbelangt. «Girl At The End…» ist bei weitem nicht das beste Werk von James, aber immer noch eine erfreulich treibende, an leider vergangene Zeiten (auch des Britpops) erinnernde Songsammlung.

IGGY POP – «Post Pop Depression»
Punkig-wütender trifft Stoner-Rock. Unter Mithilfe von Mitgliedern der Queens Of The Stone Age ist Iggy Pop ein äusserst poppiges Album gelungen, und das im positivsten Sinn. Jeder Song kommt wie aus Stein gemeisselt daher, Hookline reiht sich an Hookline. Da ist nichts zu viel oder zu wenig, sondern genau so, wie es sein muss. Mit jedem Hören wird «Post Pop Depression» etwas mehr zu meiner liebsten Iggy-Pop-Scheibe überhaupt.

Weiters sehr gut gefallen haben mir 2016 folgende Alben (leider ohne Schweizer Beteiligung): «Love & Hate» von Michael Kiwanuka, «Hopelessness» von Anohni, «The Hope Six Demolition Project» von PJ Harvey, «Holy Cow» von Dub Dynasty, «You Want It Darker» von Leonard Cohen, «The Musical Mojo Of Dr. John» von Dr. John mit Gästen, «Night Thoughts» von Suede, «Blue And Lonesome» von Rolling Stones, «We Got It From Here… Thank You 4 Your Service» von A Tribe Called Quest, «City Sun Eater In The River Of Light» von Woods, «Floating Harmonies» von Júníus Meyvant, «Alles nix Konkretes» von AnnenMayKantereit, «Island Songs» von Ólafur Arnalds, «Ina Forsman» von Ina Forsman, «Amore meine Stadt (live) von Wanda.

Sounds, die ans Lebendige gehen

Anohni hat mit einem grossartig verstörenden Auftritt das 50. Montreux Jazz Festival eröffnet. Mehr davon ist durchaus erwünscht.

Von Hans Bärtsch

Am Anfang ist weisses Rauschen, Endlos-Loops aus dem Computer. Schier endlos dauert dann auch der «Tanz» des britischen Models Naomi Campbell auf Grossleinwand. Mehr als Soundfetzen sind immer noch nicht zu hören. Erste Pfiffe aus dem Publikum. Wo befinden wir uns überhaupt? In einem Kerker? In einem Luftschutzbunker? An einem Ort jedenfalls, wo mehr Leid als Freude ist. Wo grelle Scheinwerfer für Unbehagen sorgen (noch mehr irritiert allerdings die Sonne, die an diesem wunderschönen Freitagabend in Montreux bis in den Stravinski-Saal dringt).

Anohni

Hoffnungsvoll, nicht hoffnungslos: Anohni am 1. Juli 2016 am Montreux Jazz Festival. (Bild Lionel Flusin)

Nach knapp einer halben Stunde ist sie, die man früher als Antony Hegarty von Antony And The Johnsons kannte, dann endlich da: Anohni. Und beginnt mit der Präsentation von «Hoplessness», dieses im Bereich Soul-durchflutete elektronische Musik wohl faszinierendsten Albums, das dieses Jahr bis dato veröffentlicht wurde. Es ist ein Werk von grosser Düsternis, geht es inhaltlich doch um Themen wie Überwachung, Drohnen-Kriege, Umweltzerstörung. Ein später Ausfluss von 9/11 quasi – jener Terroranschläge, die die Welt komplett veränderten.

Gesichter in allen Farben

Die süssliche Stimme Anohnis legt sich über die von zwei Musikern auf allerlei elektronischem Equipment erzeugten, kristallklaren Sounds. Sie selber ist, den ganzen Körper verhüllt, nur als Schatten wahrnehmbar. Stattdessen ziehen Gesichter in Grossaufnahme die Aufmerksamkeit auf sich. Geschundene Gesichter, und wunderschöne. Alte und junge. Schwarze, weisse und andersfarbige. Manche mit Blut verschmiert – sie erinnern an Zombies. Sie alle bewegen ihre Lippen synchron zu den Liedtexten, brechen dabei an manchen Stellen in Tränen aus.

Der Sog, den diese Gesichter ausüben, ist unglaublich. Nicht hoffnungslos, wie der Albumtitel besagt, sondern hoffnungsvoll. Sie sagen: Wir alle sind Menschen. Und etwas mehr Menschlichkeit – welche Binsenweisheit – stünde der Welt in jeder Beziehung gut an. Ob Anohni das auch so meint, ist eine andere Frage. Denn ausgerechnet die Schöpferin dieses aussergewöhnlichen Werkes entzieht sich mit ihrer Verhüllung der Sympathienahme. Stattdessen ein mehrfach wiederholtes «I’m sorry» zum Schluss. Wofür? Für ein aufrüttelndes Statement zugunsten von mehr Empathie? Geschenkt. Danke für diesen ergreifenden Auftritt, danke für Sounds, die mehr sind als bloss ein Unterhaltungsfaktor.

Air mit luftig-leichtem Pop

Bewundernswert, dass das Montreux Jazz Festival mit einem solch (positiv) verstörenden Act ins 50-Jahr-Jubiläum startet. Der Mainstream wird dann gleich im Anschluss bedient: Das französische Duo Air (hier auf vier Mann erweitert) bringt in weissen Anzügen luftig-leichten Pop zu Gehör – ein Best-of-Programm von «La femme d’argent» bis «Sexy Boy». Zuckerwatte-Musik aus einer anderen Ära, als Easy-Listening kurzzeitig das ganz grosse Ding waren. An diesem speziellen Eröffnungsabend lässt man sie sich indes gerne gefallen. Auch, um wieder Runterzukommen von den grossen Gefühlswallungen, für die Anohni davor gesorgt hat.

Air

Luftig-leichter Pop: Air am 1. Juli 2016 am Montreux Jazz Festival. (Bild Lionel Flusin)

Ein paar Stockwerke tiefer ist derweil DJ Shadow zugange. Sein wegweisendes Album «Endtroducing» ist mit Jahrgang 1996 noch zwei Jahre älter als Airs ebenso bahnbrechendes «Moon Safari». Und es hat etwas Trauriges, wenn der amerikanische Hip-Hop-Zerstückler bloss für – neu remixte – Auszüge aus diesem Erstling Applaus erhält. Wie wenn er seither nichts mehr geleistet hätte. Na ja, seien wir ehrlich: Viel Substanzielles war da tatsächlich nicht mehr.

Helden von früher und morgen

Helden von früher, die Avantgarde von heute (und damit vielleicht die Stars von morgen): So präsentiert sich das Programm des 50. Montreux Jazz Festival, das nun in vollem Gang ist. Die eigentliche Eröffnung findet schon am Donnerstag vergangener Woche im Casino, dem ehemaligen Festivalort, statt – mit einem Auftritt des Saxofonisten Charles Lloyd, des Headliners des allerersten Festivals. Auch Bundesrat Alain Berset lässt sich dem Vernehmen nach vom unverändert quirligen Jazz des Altmeisters und dessen exquisiten jungen Begleitern mitreissen.

Da wagen sich Künstler auch mal aus ihrer Komfortzone raus. Die Gefahr des Scheiterns auf hohem Niveau inklusive. Bitte mehr davon.

Muse au Montreux Jazz Festival

Exklusive Setlist: Muse am 1. Juli 2016 am Montreux Jazz Festival. (Bild Lionel Flusin)

Am Samstag will das britische Rocktrio Muse dem Festival dann wohl eine besondere Ehre antun, als es gleich mehrere Songs spielt, die eigentlich nicht zum Repertoire der laufenden Drones World Tour gehören. Die Folge ist ein eher unausgegorenes Programm ohne Spannungsbogen. Etwas, das man von Muse nicht gewohnt ist. Aber so ist das in Montreux: Da wagen sich Künstler auch mal aus ihrer Komfortzone raus. Die Gefahr des Scheiterns auf hohem Niveau inklusive. Bitte mehr davon.

 

Muse-Setlist sorgt für heftige Diskussionen auf Social Media

Der Auftritt von Muse am Montreux Jazz Festival sorgte noch Tage danach für eifrige Diskussionen in den sozialen Medien. Ein Thema war die relativ kurze Spieldauer von knapp 90 Minuten (es gab kein Vorprogramm). Zur Hauptsache gab aber die Setlist zu reden. Diese enthielt etliche, live selten gespielte «Raritäten». Fans beklagten sich, weshalb Muse ausgerechnet an diesem Auftritt mit begrenzter Platzzahl ein so exklusives Programm zum Besten gaben. Muse-Sänger Matt Bellamy begründete auf Twitter, die Band wollte etwas Spezielles bieten, da sie gleich dreimal in der Schweiz auftreten würden diesen Sommer (nach Montreux noch auf dem Berner Gurten sowie am Paléo-Festival in Nyon. (hb)

 

Video-App Cuts wird rege genutzt – wenn man sie nutzen kann

In Sachen Technik ist Montreux seit Anbeginn ein Vorreiter-Festival. Neu in diesem Jahr ist eine App namens Cuts, welche es erlaubt, mit dem Smartphone 30 Sekunden aus den offiziellen Aufnahmen des Festivals aufzunehmen und in sozialen Netzwerken zu teilen beziehungsweise als SMS oder per Mail zu verschicken. Diese in Zusammenarbeit mit der Firma Kudelski entwickelte App soll die eigene Smartphone-Filmerei überflüssig machen. Das dürfte Künstler wie Adele freuen, die sich erst kürzlich wieder kritisch gegenüber Smartphone-Aufnahmen an Konzerten zeigte. Am ersten Montreux-Wochenende wurde die App jedenfalls schon rege genutzt – wenn es denn ging. Aus urheberrechtlichen Gründen liess sich nämlich längst nicht jeder Auftritt «mitschneiden». (hb)

pdf Südostschweiz (4.7.16)

Das Beste 2015 – KONZERTE

 

Faada Freddy
am 23. Juli am Paléo-Festival, Nyon

Richard Thompson
am 6. Oktober im Papiersaal, Zürich

Patti Smith
am 25. Juli am Paléo-Festival, Nyon

Mavericks
am 26. Juni am Trucker & Country Festival, Interlaken

D’Angelo And The Vanguard
am 8. Juli am Montreux Jazz Festival

Nils Frahm
am 7. Juli am Montreux Jazz Festival

Lady Gaga & Tony Bennett
am 6. Juli am Montreux Jazz Festival

Federspiel
«Spiegelungen»-Tour (im November; u.a. Altes Kino, Mels, und Diogenes-Theater, Altstätten)

Los Dos
am 5. Juni in der Klibühni, Chur, und am 27. August am Jazzfestival Willisau

Arstidir, Red Barnett, Manu Delago Handmade, John Grant & The Iceland Symphony Orchestra, Morning Bear, Ojba Rasta, Mafama, Soley
alle im November am Iceland Airwaves in Reykjavik

 

Das Beste 2015 – TV-SERIEN

 

Fargo (Season 2)
Wer hätte gedacht, dass der Kult-Spielfilm von 1996 mit andern Protagonisten/Stories als Serie funktioniert. Kauzige Figuren, irre Komik, viel (manchmal etwas zu viel) Gewalt in einer abgedrehten Geschichte in der amerikanischen Provinz um das irrtümlich getötete Mitglied eines kriminellen Familienclans. Das können so nur die Coen-Brothers. Staffel 3 soll dann wieder näher an der Jetztzeit spielen.
Bewertung: 5/5

Occupied – Die Besatzung (Season 1; abgeschlossen)
Russland besetzt mit dem Einverständnis der EU Norwegen, weil das Öl wieder fliessen soll. Norwegens Premier wird deshalb zum Abbruch seines ökologischen Programms gezwungen, das einen radikalen Wechsel auf erneuerbare Energien vorsieht. Mit verheerenden gesellschaftlichen Folgen. Keine Serie – es handelt sich um eine schwedisch-französische Koproduktion – war 2015 politisch derart nahe an einer möglichen (und erschreckenden) Realität.
Bewertung: 5/5

Narcos (Season 1)
Eine Prestigeserie von Netflix. Erzählt – mit fiktiven Elementen – die Geschichte des skrupellosen kolumbianischen Drogenbarons Pablo Escobar, grossartig gespielt von Wagner Moura. Überhaupt macht einen die Serie mit hierzugegend noch wenig bekannten SchauspielerInnen bekannt.
Bewertung: 5/5

Broadchurch (Season 2)
Die himmeltraurigste Seriengeschichte 2015, geht es doch um den Mord an einem elfjährigen Jungen. Das Ereignis bringt ein ganzes Dorf gegeneinander auf. Statt nur auf den Fall, fokussiert diese britische Vorzeigeserie vor allem auch auf die gesellschaftlichen Veränderungen. Grossartiger Soundtrack von Olafur Arnalds!
Bewertung: 5/5

American Crime (Season 1)
Noch eine himmeltraurige Geschichte: Familie verliert Sohn bei einem Einbruch in dessen Haus. Die (geschiedenen) Eltern wollen den Fall um alles in der Welt aufgeklärt haben – aber mit andern Mitteln und Motiven. Das Spezielle an «American Crime»: Die Geschichte wird aus jeder Täter-/Opfer-Perspektive erzählt. Und wird dadurch zum Spiegelbild des heutigen Amerika mit seinen ungelösten (Rassen-)Fragen. «Desperate Housewives»-Darstellerin Felicity Huffman erfindet sich hier total neu.
Bewertung: 5/5

1992 (Season 1)
1992 markiert das Jahr, als in Italien massive kriminielle Machenschaften bis in höchste politische Kreise aufgedeckt wurden (Stichwort: Mani pulite – saubere Hände und Tangentopoli). Das Verrückte daran – oder eben typisch italienisch: Eine korrupte Schicht wurde damals durch eine nur noch korruptere abgelöst.
Bewertung: 5/5

Show Me A Hero (Season 1; abgeschlossen)
Miniserie von «The Wire»- und «Treme»-Erfinder David Simon. Basiert auf einer wahren Geschichte aus den Achtzigerjahren, als ein soziales Wohnprojekt in einer amerikanischen Kleinstadt für Proteste sorgte. Der damals jüngste Bürgermeister des Landes wird in eine rassistische Kontroverse verwickelt, aus der es eigentlich keinen Ausweg gibt.
Bewertung: 5/5

Justified (Season 6; letzte Staffel)
Der Gute (Raylan Givens) und der Böse (Boyd Crowder) treffen sich zum Showdown in einer Serie, die zwischendurch immer mal wieder etwas durchhing. Dass es auch moderne Cowboys mit dem Gesetz nicht immer so genau nehmen, war die Würze von «Justified». Jetzt ist Schluss, leider. Wie es ausgeht, sei natürlich nicht verraten.
Bewertung: 5/5

Homeland (Season 5; noch nicht abgeschlossen)
Nach zwei grandiosen Staffeln drohte bei «Homeland» der Faden verloren zu gehen. Jetzt ist die Serie um CIA-Analystin Carrie Mathison – hier ist sie allerdings, zumindest anfänglich, bei einer privaten Organisation für Sicherheitsfragen angestellt – wieder zurück auf dem richtigen Weg. Der Kampf gegen Terroristen wird diesmal von Berlin aus geführt. Das Ende ist noch offen.
Bewertung: 4/5

Better Call Saul (Season 1)
Spin-off zu «Breaking Bad», erzählt den Werdegang von Jimmy McGill zu Saul Goodman, einem erfolglosen Anwalt, der sich zu unsauberen Methoden hinreissen lässt, um an Arbeit zu kommen. Oft zum Brüllen komisch, manchmal aber auch recht anstrengend, denn Jimmy kann nur laut reden – wirklich laut. Und viel.
Bewertung: 4/5

Sense8 (Season 1)
Die Serie, die mich 2015 am rastlosesten zurückgelassen hat. Ästhetisch ein Wunderwerk, inhaltlich ziemlicher Gugus. Aber irgendwie lassen einen die schicksalshaft mental und emotional über Kontinente hinweg verbundenen Menschen eben doch nicht los. Aber eine Wertung dafür? Da muss ich passen.
Bewertung: ?/5

Bloodline  (Season 1)
Eine Geschichte, die in den Florida Keys spielt, habe ich mir schon lange mal wieder gewünscht. Als das schwarze Schaf Danny in den Schoss der Familie Rayburn und deren beschaulichen Familienhotelbetrieb zurückkehrt, nimmt das Unheil seinen Lauf. Und, so viel sei verraten: Es endet wüst. Denn auch auf den Keys scheint nicht immer nur die Sonne…
Bewertung: 4/5

Banshee (Season 3)
Die Serie zum Hirn abschalten: Krimineller wird Sheriff in einem kleinen Kaff in der amerikanischen Provinz, wo Amish-People leben und ein harter Unternehmer-Hund den Ton angibt. Eigentlich. Denn mit viel Gewalt und Blut ändern die Stärkeverhältnisse immer mal wieder. Und Lucas Hood, dem Neo-Sheriff, wird schon ziemlich übel mitgespielt. Obwohl: Mitleid ist fehl am Platz.
Bewertung: 4/5

Altes Geld (nur ca. erste 4 Folgen)
Bei der schwarzhumorigen Komödie handelt es sich um den zweiten Teil einer Trilogie des österreichischen Drehbuchautors/Regisseurs David Schalko zum Thema Gier und Korruption. Stinkreiches Familienoberhaupt sucht Leber, um zu überleben, und setzt dafür sein ganzes Vermögen ein. Leider geht der Serie der Schnauf erzählerisch schon recht früh aus – schade. «Braunschlag» (Teil 1 der Trilogie) war deutlich besser.
Bewertung 2-5/5

 

Und 2015 weiter (fertig-)geschaut: Fortitude – Season 1 (Bewertung: 4/5), Peaky Blinders – Season 1 (5/5), The Walking Dead – erster Teil Season 6 (4/5), Fear The Walking Dead – Season 1 (3/5), Braunschlag (5/5), Olive Kitteridge (5/5), Sons Of Anarchy – Seasons 5-8 (5/5), Utopia – Season 1-2 (5/5), The Fall – Season 1-2 (5/5), Orange Is The New Black – Season 1-2 (4/5), True Detective – Season 2 (2/5), Vorstadtweiber – Season 1 (3/5), Wayward Pines – Season 1 (2/5), Unbreakable Kimmy Schmidt – Season 1 (abgebrochen; 2/5), The Wrong Mans – Season 1 (abgebrochen; 2/5), Mammon (abgebrochen; 3/5), Blochin (abgebrochen; 3/5)

In der Pipeline sind: River – Season 1, Bron/Broen – Season 3, Luther – Season 4, Peaky Blinders – Season 2, Hand Of God – Season 1, Hell On Wheels – Season 1-5, Arvingerne (The Legacy) – Season 2-3, Big Love – Season 1-5, The Fear – Season 1, Inside Men – Season 1, The Americans – Season 1-3, The Knick – Season 1-2, Mr. Robot – Season 1, The Affair – Season 1-2, Happy Valley – Season 1, Hemlock Grove – Season 1-3, Eyewitness – Season 1. Und natürlich das, was aktuell ansteht, u.a. eine zweite Staffel von «Better Call Saul»

Das Beste 2015 – TONTRÄGER

 

PUTS MARIE – «Masoch I-II»
Nur teilweise neues Songmaterial der Bieler Band, aber endlich mal ein ordentliches Album. Für mich die Indie-Variante der Sensational Alex Harvey Band, sofern die noch jemand kennt. Puts Marie ist vor allem auch ein toller, theatraler Live-Act.

Faber – «Alles Gute»
«Züri brennt (nicht mehr)» singt der Zürcher Musiker, der seine erste EP mit sechs Liedern via die Crowdfunding-Plattform Wemakeit finanziert hat. Faber – ein noch komplett verkannter Singer/Songwriter mit dem Zeug zu Grösserem.

Howlong Wolf  – «Where Do We Go From Here»
Und noch ein Schweizer Act. Nein – nicht aus Heimatschutzgründen. Sondern weil Admiral James T. aus Winterthur mit allem, was er musikalisch anlangt, wunderbare Hörerlebnisse vorzugsweise im Americana-Stil fabriziert.

D’Angelo And The Vanguard – «Black Messiah»
Eigentlich ein 2014er-Album. Aber weil so knapp vor dem letzten Jahresende veröffentlicht, fand es in keiner Bestenliste mehr Aufnahme. Dort gehört dieser hochkomplexe und -energetische Stilmix aus R’n’B, Soul, Jazz und Funk aber hin.

Kamasi Washington – «The Epic»
Jazz ist ja eigentlich nicht mein Ding. Aber dieses in jeder Hinsicht epische Werk ist in meinen Augen nicht weniger als DER Nachfolger von Miles Davis bahnbrechendem, Jazz und Rock vereinenden Album «Bitches Brew».

FFS – «FFS»
Franz Ferdinand und Sparks – was für eine Kombination! Glamrock at its best! Knackige Popsongs von Vertretern zweier komplett verschiedener Musikergenerationen. Die Platte, die 2015 am meisten Spass bereitet hat.

Ryley Walker – «Primrose Green»
Eine Platte wie zu besten Westcoast- und Hippie-Zeiten. Folk, Jazz, Rock in schlüssige Psychedelic-Songs gegossen. Tim Buckley klingt an, Grateful Dead, Nick Drake, Pentangle, John Martyn. Ein wunderbarer Backlash in die Sixties. Ach ja: Ryley Walker hat Jahrgang 1989.

John Grant – «Grey Tickles, Black Pressure»
Kein Sänger berührt mich derzeit mehr als John Grant. Gleichwohl gefällt mir auf seinem neuen Album längst nicht alles. Die drögen Elektro-Pop-Ausflüge können mir gestohlen bleiben. Aber die balladesken Nummern sind schlicht göttlich.

The Arcs – «Yours, Dreamily»
Auch Dan Auerbach (Black Keys) kann anpacken, was er will – es gelingt. Mit seinem Projekt The Arcs beschert er uns ein gutes Dutzend groovig-coole Rocksongs, die einem nicht mehr aus den Gehörgängen wollen.

Fat Freddy’s Drop – «Bays»
Neuseeland und soulig-funkig groovender Dub-Reggae? Nicht gerade die logischste Kombination. Aber FFD reissen einen von der ersten Sekunde vom Hocker – die Energie der Musik (inklusive tolle Bläser!) ist schier mit Händen greifbar.

Boz Scaggs – «A Fool To Care»
Gut gereift wie ein Wein im Eichenfass. 71 ist der US-Sänger/Gitarrist mittlerweile. Und noch immer einer der besten seiner Zunft. R’n’B, Blues und ein Schuss Rock, dazu Duett-Partnerinnen wie Lucinda Williams – und fertig ist ein erdiges Album.

And The Golden Choir – «Another Half Life»
Hinter diesem wie aus der Zeit gefallenen Album steckt der Berliner Tobias Siebert. Und reiht sich mit seinem Gospel-trifft-auf-Indie-Rock unter die ganz grossen Tüftler der Populärmusik wie Thom Yorke, an den Siebert Stimme manchmal auch erinnert.

Willis Earl Beal – «Noctunes»
Blackmusic, Spoken Word, Gil Scott-Heron. Das kommt einem bei den minimalistisch gehaltenen Songs des Amerikaners in den Sinn. Unter Ambient-Soul-Jazz lässt es sich einigermassen verorten. Eine der betörendsten Stimmen derzeit.

Godspeed You! Black Emperor – «Asunder, Sweet And Other Distress»
Die Post-Rocker, die es mir (nebst Mogwai) am besten können. Die neuste mag nicht die allerbeste Scheibe des kanadischen Musikerkollektivs sein. Aber hey, viermal plus/minus zehnminütiger Lärm, der sich souverän zwischen ambient-ruhigen Phasen und orgiastischen Ausbrüchen bewegt, lässt man sich doch gerne gefallen.

Jah Wobble – «Redux: Anthology 1978-15»
Mein absoluter Lieblings-Bassist. Mit Punk (PIL) begonnen, beim Dub gelandet. Mit Zwischenstationen bei Krautrock-Vertretern wie den Can-Musikern Czukay/Liebezeit – und Literaturvertonungen. Meine Box des Jahres jedenfalls (nebst Bob Dylans «Bootleg Series Vol. 12: The Cutting Edge 1965–1966»).

 

Paléo: Das Festival mit Vorbildcharakter

Grosse Bühne, viel Publikum: Joan Baez bei ihrem Auftritt am Paléo-Festival 2015.

Grosse Bühne, viel Publikum: Joan Baez bei ihrem Auftritt am Paléo-Festival 2015.

Seit Jahren ist das Paléo-Festival in Nyon am Genfersee ausverkauft. Das ist auch bei der 40. Ausgabe, die morgen Sonntag zu Ende geht, nicht anders. Auf Spurensuche, was den Erfolg des Anlasses ausmacht, und weshalb manche Konkurrenten sich bei diesem Open Air viel abschauen könnten.

Von Hans Bärtsch (Text und Bilder)

Erst auf den zweiten Blick fallen die grossen roten Blumen auf dem kleinen Wiesenstück auf. Es sind künstliche Blumen, die einen schönen Kontrast zur grünen Wiese bilden. Bei Nacht, wenn die Bäume in der unmittelbaren Umgebung mit bunten LED-Lichtern beleuchtet sind, präsentiert sich die Szenerie nochmals anders, fast schon märchenhaft-kitschig. Besucher lümmeln sich in bequemen Sitzkissen, fühlen sich offenbar angetan von der anmächeligen Umgebung.

Es ist dies nur ein Beispiel, mit wie viel Liebe und Sorgfalt das Festivalgelände L’Asse etwas oberhalb von Nyon für das alljährliche Paléo mit täglich an die 40’000 Besuchern hergerichtet wird. Es sind unzählige Details, die zur entspannten Atmosphäre an diesem seit nunmehr 40 Jahren bestehenden Anlass beitragen. Seit elf Jahren gehört auch die Zusammenarbeit mit der HES-SO Fachhochschule Westschweiz dazu. Studenten können das Paléo als Kreativitätslabor nutzen, dem Publikum auf spielerische Art ein wissenschaftliches Thema zu vermitteln. Diesmal heisst das Projekt Air Factory. Es geht unter anderem um den eigenen Atem, aber auch um die Erde, die in gewissen Bereichen aus dem letzten Loch pfeift. Lehrreich und unterhaltsam ist das zugleich, bloss schulmeisterlich ist die Air Factory nie.

Auch die Kleinen sind willkommen

Zum festen Bestandteil des Paléo gehört auch ein Bereich, der sich La Ruche nennt. Es ist das Reich der Zirkus- und Strassenkünste, in dem alle Sinne bedient werden. Heuer etwa mit einer Pizzeria, wo in Form einer turbulent-witzigen Theaterinszenierung Pizzen gebacken werden. Oder – Sachen gibts – wo aus einer Wand von alten Apparaten Radiowellen gemixt werden. Schliesslich gibt es jenen Bereich, wo alle über 1.40 Meter Körpergrösse keinen Zutritt haben. Die Eltern können sich ja an der Bar verlustieren – oder sich eine Fotoausstellung zu Gemüte führen mit tollen Porträts von Menschen, die hinter den Kulissen des Paléo anzutreffen sind.

Bunte Vielfalt: A Moving Sound präsentieren traditionelle Tänze und Gesänge aus Taiwan.

Bunte Vielfalt: A Moving Sound präsentieren traditionelle Tänze und Gesänge aus Taiwan.

Nochmaliger Ortswechsel: Das Village du Monde ist inzwischen ebenfalls nicht mehr wegzudenken. Jedes Jahr wird in diesem «Dorf» eine andere Weltgegend vorgestellt, diesmal ist es der Ferne Osten, Wiege einer jahrtausendealten Zivilisation. Aber auch zahlloser Kontraste, unterschiedlicher Traditionen und Kulturen, schliesslich umfasst das Gebiet Länder wie die Mongolei, Teile Russlands, China, Japan, Taiwan, Südkorea und ganz Südostasien mit Vietnam, den Philippinen, Thailand. Die markanten Eingangstore suggerieren den Eintritt in eine Tempelanlage. An einen Ort jedenfalls, der zum Entdecken einlädt. Wer kulinarisch auf Abenteuer aus ist, kommt hier garantiert auf seine Kosten. Und auch in Sachen Kunsthandwerk und Animationen wird einiges geboten.

Nur ein kleiner Ausschnitt

Musikalisch wird der Ferne Osten im Dôme, wie die Zeltbühne im Village du Monde heisst, abgebildet. Dort zeigen sich die unterschiedlichen Entwicklungsstufen der verschiedenen Länder auf geradezu extreme Weise. Die Gruppe Second Hand Rose etwa gibt das aufstrebende China wieder. Dies allerdings mit einer Mixtur aus traditionellen chinesischen Melodien und dem grässlichsten, was der Westen in Sachen Rock hervorgebracht hat. Aber es ist Nachsicht angebracht gegenüber Künstlern, die es in ihrer Heimat trotz Riesenschritten in die Moderne noch immer alles andere als einfach haben. Was in Peking Provokation sein mag, tönt in Nyon provinziell-peinlich. Wie anders demgegenüber A Moving Sound aus Taiwan. Diese Gruppe geht mit dem reichen Erbe ihres und umliegender Länder weit behutsamer um. Der zeitgenössische Ansatz ist minimalistisch gehalten – und umso gewinnbringender für den westlichen Hörer. Desgleichen bei der Paradise Bangkok Molam International Band aus Thailand oder Noreum Machi aus Südkorea.

Womit wir bei den «normalen» Musikdarbietungen des 40. Paléo wären. Auf der grössten Bühne zeigte sich Robbie Williams am Montag als grandioser Entertainer – es war die perfekte Eröffnung des jubiläumshalber um einen Tag verlängerten Festivals. Am Dienstag gabs grottenschlecht abgemischte Kings Of Leon, am Mittwoch einen bieder-langweiligen Sting, am Donnerstag mit Johnny Hallyday den französischen Rock’n’Roll-Star schlechthin. Die Unantastbarkeit dieser Legende ist musikalisch – nüchtern betrachtet – nur schwer zu begründen.

Eine der Entdeckungen am diesjährigen Paléo: der Senegalese Faada Freddy. (Pressebild)

Eine der Entdeckungen am diesjährigen Paléo: der Senegalese Faada Freddy. (Pressebild)

Auf den kleineren Bühnen gabs derweil viel Interessantes zu entdecken. Ein absoluter Höhepunkt aus Sicht des Schreibenden war der Auftritt des Senegalesen Faada Freddy. So frisch, frech und mitreissend hat schon lange kein Gospel, Soul und Rap umfassendes A-cappella-Konzert mehr geklungen wie das von Freddy und seinen fünf exzellenten Begleitsängern. Auch deshalb ist das Paléo übrigens ein Festival mit Vorbildcharakter: Es wird nicht nur sattsam Bekanntes programmiert. Was wiederum die Entdeckungslust der altermässig schön durchmischten Besucherschaft beflügelt, wie das sich immer mehr füllende Zelt bei Faada Freddys Auftritt zeigte. Wer dort war, ging bis zum Finale nicht wieder.

KASTEN

Nur drei Prozent Deutschschweizer

Zum 40. Paléo werden 270’000 Besucher erwartet. Es ist damit das grösste Open-Air-Festival der Schweiz. Eine Umfrage der Haute Ecole de Gestion de Genève von 2013 zeigt, dass es auch zu den beliebtesten gehört. 84 Prozent des Publikums denkt nächstes Jahr wieder zu kommen, 15 Prozent vielleicht, was die Schlussfolgerung einer 99-prozentigen Publikumstreue zulässt. 88 Prozent der Besucher stammen aus der Westschweiz, neun Prozent aus dem Ausland und nur gerade drei Prozent aus der Deutschschweiz und dem Tessin. (hb)

pdf Südostschweiz (25.07.2015)

Von der Erstbegegnung bis zum vertrauten Wiederhören

Portishead au Montreux Jazz Festival

Portishead am Montreux Jazz Festival. (Foto: Lionel Flusin)

Ein Festivalprogramm ist idealerweise eine stimmige Kombination von alt und neu. In Montreux wird die Kunst einer solchen Programmierung besonders gut beherrscht. Drei Beispiele.

Von Hans Bärtsch

Portishead? Natürlich, die Trip-Hop-Pioniere, kennt man. Aber wer, bitteschön, versteckt sich hinter dem Namen Thought Forms? Die Singer/Songwriterin Sophie Hunger muss man niemandem mehr vorstellen. Wie verhält es sich demgegenüber mit Jack Garratt? Oder Dub Inc: In Reggae-Kreisen und recht weit darüber hinaus sind die Franzosen längst ein Begriff. Wer kennt dagegen Protoje & The Indiggnation?

Satter Reggae von Protoje & The Indiggnation. (Foto: Marc Ducrest)

Satter Reggae von Protoje & The Indiggnation. (Foto: Marc Ducrest)

Die drei Beispiele sind nicht zufällig gewählt. Weil symptomatisch für das Montreux Jazz Festival, wo gerne bekannt zu un- beziehungsweise noch nicht bekannt gestellt wird, alt zu neu. Was für das Publikum wiederum zu Neuentdeckungen führt. Am Samstag etwa, das Lab war für die frühe Uhrzeit schon ordentlich gefüllt, glaubte man dem Soundcheck der ersten Gruppe beizuwohnen. Techniker wuselten noch auf der Bühne umher, obwohl der satte Groove bereits perfekt aus den Boxen rollte. Und das ging dann immer weiter, bis ein Sänger die Bühne stürmte. Unvermittelt war man mitten drin im Konzert des jamaikanischen Reggae- und Dancehall-Sängers Protoje und dessen Begleitformation The Indiggnation. Und wurde eine Stunde lang von Vertretern eines Musikstils unterhalten, der seit Längerem nicht mehr allzuviel Neues hergibt. Umso erstaunter musste man konstatieren, wie wenig es braucht für ein mitreissendes Konzert, das zum Grossteil aus altmodischem Roots-Reggae besteht – gute, griffige Songs, mal eine Ska-mässige Uptempo-Nummer dazwischen, eine perfekt harmonierende Band und eine Sänger, der das Publikum ohne den Clown zu machen um den kleinen Finger zu wickeln versteht. Sowas lässt man sich gern gefallen.

Ein experimentierfreudiger Jack Garratt. (Foto: Daniel Balmat)

Ein experimentierfreudiger Jack Garratt. (Foto: Daniel Balmat)

Ein «Next Hype» der BBC

Etwas anders verhält es sich mit Jack Garratt. Der bärtige Brite wird von BBC Radio als «Next Hype» gehandelt. Ob zu Recht oder zu Unrecht, wird, wie immer in solchen Fällen, erst die Zukunft weisen. Jedenfalls wird der Wunderknabe diesen Sommer von einem zum nächsten Renommierfestival gereicht, vom Glastonbury ans Reading und eben nach Montreux (nur um einen Tag später am kleinen, aber feinen Poolbar in Feldkirch aufzuspielen). Was Garratt auf der Bühne anstellt, hinterlässt tatsächlich Eindruck. Er, der von sich selber sagt, im Blues von Stevie Ray Vaughan, in den Riffs von Jack White und im souligen R’n’B von Frank Ocean Inspiration zu finden, ist live eine Einmann-Show. Auf diversem elektronischem Instrumentarium gibt er verquere, stilistisch nicht einfach zu verortende Songs zum Besten. Es sind Lieder, die einen als Zuhörer an den Haken nehmen und nicht mehr loslassen. Das Repertoire ist erst klein, aber die Intensität mit der dieses von Garratt wiedergegeben wird, umso grösser. Ein Minikonzert, was die Dauer anbelangt – aber eines von maximaler Wirkung.

Melodiöse Soundflächen von Thought Forms. (Foto: Lionel Flusin)

Melodiöse Soundflächen von Thought Forms. (Foto: Lionel Flusin)

Womit wir bei Thought Forms wären, der dritten «Unbekannten» in unserer Betrachtung. Hier ist mindestens die Zuordnung einfacher. Das britische Trio hat sich dem sogenannten Postrock verschrieben, die Vorbilder heissen Sonic Youth, My Bloody Valentine, Mogwai. Auch Thought Forms schafften es, bleibende Eindrücke zu hinterlassen, weil ihre Soundflächen mit schönen Melodielinien versetzt sind.

Ach ja, dass sie – im Gegensatz zu den andern beiden genannten Beispielen – die Hauptband des Abends nicht in den Schatten zu stellen vermochten, lag schlicht und ergreifend an der Übergrösse von Portishead. Für die Trip-Hop-Pioniere war es der allererste Auftritt am Montreux Jazz Festival überhaupt. Die Eindringlichkeit der düsteren Sounds fesselt noch immer, gerade auch in Kombination mit absolut berauschenden Visuals, die das Konzert von A bis Z begleiteten. Kaum zu glauben, dass Portishead in ihren Anfangsjahren nicht als «Next Hype» nach Montreux eingeladen waren.

KASTEN

Blues und Soul in alter Grösse

Blues und Soul steht in Montreux immer auf dem Programm, mal etwas mehr, mal etwas weniger schwergewichtig. Einen starken Eindruck im Bereich Soul hinterliessen dieses Jahr Mary J. Blige und D’Angelo & The Vanguard, die gemeinsam einen Abend bestritten. Noch selten hat der Schreibende im Auditorium Stravinski einen derart frenetischen, lauten Applaus gehört wie bei Blige, die ohne Punkt und Komma durch eine hochenergetische Show jagte. So, als wollte sie sagen: Ja, es ist lange her seit dem letzten Mal hier, aber ich habe meine grössten Probleme hinter mir und zeige es jetzt allen. Was sie tat. Desgleichen D’Angelo, auch er jahrelang in der Versenkung verschwunden. Nur um mit neuen Songs und einer unglaublich toughen Band aufzuspielen, dass einem der Atem wegzubleiben drohte. Es war mitunter fast zu viel des Guten, was D’Angelo in seinen musikalisch hochkomplexen Auftritt fasste. Einfacher, rustikaler ging es beim Konzert von Alabama Shakes zu und her. Hier erklang mit Brittany Howard eine der besten aktuellen Stimmen des Blues und amerikanischen Südstaaten-Rocks. Und dies zur Veredelung knackiger, meist eher kürzerer Songs im besten CCR-Stil. (hb)

Knackiger Blues von Alabama Shakes. (Foto: Lionel Flusin)

Knackiger Blues von Alabama Shakes. (Foto: Lionel Flusin)

pdf Südostschweiz (13.07.2015)